Samstag, 10. März 2012

Theater hat komische Wörter


Ein beliebiges deutsches Stadttheater an einem beliebigen Vormittag in der vorletzten Probenwoche einer beliebigen Produktion im Großen Haus.

Der Spielplan für den nächsten Monat steht. Im KBB werden die Pläne der Endprobenwoche gebastelt, AmA, HP und GP, vor der GP am Vormittag, vielleicht noch eine italienische Durchspreche. Und am Ende der GP - das Üben der Vorhangordnung, die in der Großen Französischen gipfelt. Hoffentlich werden es viele Vorhänge. Dann noch Kritik. das kann dauern. Und bloß keine Umbesetzungen in letzter Minute, Übernahmen müssen extra bezahlt werden und kosten Probenzeit. Die Ruhezeiten müssen unbedingt eingehalten werden!

Zur gleichen Zeit auf der Bühne:
Durchlaufprobe. Der Inspizient murmelt dringende Einrufe ins Mikrophon. Die jugendliche Liebhaberin kitscht sich auf der Hinterbühne ein. Einfühlung oder episch, das ist schon lange nicht mehr die Frage.

  Alfred Eisenstaedt Hanny Schygulla mit Handspiegel

Der Lappen geht hoch. 
Im Dritten Aufzug, ihrem vorvorletzten Auftritt, hat die alternde Schauspielerin einen langen Gang vom Hori, aus der Bühnentiefe, langsam vor, stehenbleiben, stumme Jule und dann eiliger Abgang in die Vorhanggasse, schneller Umzug und Wiederauftritt aus der Versenkung in der Unterbühne. Hoffentlich wird sie heute die Souffleuse, die in ihrem engen Souffleurkasten hockt, der früher eine Muschel war, nicht in Anspruch nehmen müssen. Immer die verfluchten Striche in letzter Minute. Im Notfall kann sie ja extemporieren, das ist immer noch besser als ein Hänger. Mit den Jahren ist ihre Textangst größer geworden, und auch das Lampenfieber. Jetzt nach vorn, in Richtung Proszenium, und ran an die Rampe, aber da steht schon der Charakterspieler, die Rampensau, deckt sie ab, und knödelt und chargiert was das Zeug hält. Ja, er ist der Protagonist, aber sie, als Komische Alte kriegt halt mehr Lacher, da versucht er eben ihr die Szene zu stehlen. Der Chargenspieler lächelt mild und die Kleindarsteller, auch Statisten genannt, merken nix. 
Wenn die Zuschauer jetzt ihre Untertexte hören könnten! Sie könnte ihm eine der herumstehenden Requisitenflaschen über den Schädel schlagen, aber die sind eh nur aus Zuckerglas. da würde höchstens Theaterblut fließen. Oder ein Bühnenbohrer in den Hintern? Ihn mit einem eleganten Fußtritt durch die Vierte Wand in den Saal befördern? Nein, sie wird sich beim Oberspielleiter beschweren. Auch zwecklos, aber immerhin ist sie in der Figur geblieben, nicht ausgestiegen. Ein altes Theaterpferd haut nichts aus der Bahn. Im Gestus der Figur abducken.

Szenenschluß und Black, abgehen und sich ins Flugwerk hängen lassen, und das in ihrem Alter! Gleichzeitig wechseln die Möbler im Umbaulicht die Dekoration für den letzten Akt. Die Opera fährt nach oben, ein wild bemalter Prospekt nach unten, Vorhang auf, Abflug und ihr großer Botenbericht flutscht, der Text läuft wie Wasser, das Timing ist perfekt. Windmaschine und Donnerblech geben den gehörigen Background. Tja, Verständlichkeit ist kein Problem, wenn die Stimme sitzt und man gut stützt. 

Über dem Bühnenbild hinter und vor dem Portal hängen Scheinwerfer in den Zügen, hoffentlich bleibt bloß das Flugwerk nicht hängen! Auf der Brücke im Schnürboden steht der Requisiteur, um die Pyro auszulösen. 

Eigentlich ist das auch gar kein Botenbericht, eher eine Mauerschau - auch so ein modischer Regieeinfall, der große Schlußotto im Vorbeiflug. "Weißt du, das Stück verliert da den Boden unter den Füßen" hat der Regisseur gemurmelt, der von Teichoskopie noch nie etwas gehört hatte. Regieanweisung nennt sich sowas! Fertig und der Eiserne fährt mächtig und doch gemächlich herunter. Stückschluß. Abschminken. Runterkommen. Premierengeschenke kaufen gehen.


Kommentare:

  1. Jede Wendung klingt erst mal so vertraut und normal. Es riecht beim Lesen einfach nach Proben und Arbeit.
    Erstaunlich, wie schwierig es ist, diese Wörter und Wendungen fremd zu lesen.
    Und dann wird es toll. Es entstehen ganz surreale Bilder. Man brauchte sie nur noch zu malen.
    Vielleicht macht mal einer ein Wörterbuch mit Bildern eines Außenstehenden?

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  2. Ulli Schröder
    Ötti hat ein schönes Wort benutzt: fremd lesen - dann wird es wirklich komisch - da merkt man erst wie man selber verstrickt ist! Hat Dir einen Schmunzeler von mir eingebracht! Danke!

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