Dienstag, 31. März 2020

Das C-Wort X - Unorthodox und Sufjan Stevens

Guckt ihr Online-Theater? Ich halte es nicht aus. 10 Minuten und ich bin raus. Die, den Gerüchten nach, grandiosesten Inszenierungen, sehen auf dem Bildschirm aus wie "Unser Kleines Fernsehspiel". Die Schauspieler schlittern irgendwie erschüttert zwischen zu viel spielen, denn es ist ja für den Zuschauerraum gedacht und der hilflosen Bemühung um Understatement. Keiner hustet neben mir, keiner kichert, keiner riecht nach etwas zu viel süßem Parfum. Also bleibt das Fernsehen, die Streamingdienste und die guten, alten Bücher.
Also habe ich mir "Unorthodox" angesehen, ich mochte das Buch von Deborah Feldmann und war also neugierig. Maria Schrader mag ich als Schauspielerin nicht sehr, zu angestrengt, zu eitel, aber diese vierteilige Serie, für die sie Regie geführt hat, ist wirklich ok. Shari Haas, die Hauptdarstellerin - eine androgyne angsterfüllte Elfe - gelingt es, die drohende Sentimentalität dieser Selbstbefreiungsgeschichte, weitestgehend zu umschiffen. Ihre äußerliche Zartheit kontert sie mit einem Überlebenswillen aus Stahl.
Aber was ich vermisst habe, war mein tiefer Schockmoment im Buch. Die Strenge ihrer Lebensregulation begründen diese speziellen orthodoxen Juden damit, dass der Holocaust Gottes Strafe für ihren Mangel an Glaubensdemut war. Das hat mir die Tränen in die Augen getrieben. Da werden sie industriell gemeuchelt und laden sich die Schuld dafür auf. Wie traurig ist das.

 
Ein Gegenentwurf: "Untergetaucht", die Geschichte einer Jüdin, die in Berlin den Faschismus überlebt hat. Sie mußte dafür sich in unfassbarer Art demütigen und hat es geschafft. Im Mai 1945, nach der Befreiung, bekoomt sie eine Wohnung zugewiesen, transportiert sie ihre verbliebene Habe in einer Schubkarre durch das zerbombte Berlin und schläft auf dem Boden ihrer "eigenen" Küche ein, in unvorstellbarer Erleichterung, endlich nicht in Angst, sicher.

Sufjan Stevens, ein Sänger mit verführerisch zärtlicher Stimme und ohrfreundlichen Melodien, in denen er seine bösen, traurigen, wahren Texte versteckt.

Montag, 30. März 2020

Das C-Wort VIII

Was für eine erhellende Zeit. Ich hatte gerade zwei dunklere Tage und habe sie zugelassen. Meistens reite ich über solche Wellen hinweg, aber dieses Mal ...
Jeden Morgen rufe ich zuerst die Zahlen der Neuinfizierten, der Gestorbenen auf. Welch Irrwitz.
Rausgehen. Händewaschen. Gummihandschuhe. Heute schwarz oder eher weiß? Maske anlegen - ein fast zu offensichtliches Doppelwort. Mein Schlüssel ist voller Viren? Klinken? Was ist mit meinen Schuhen, dem Mantel? Geldstücke sind ganz gefährlich, höre ich. In meinen jüngeren Jahren hatte ich eine Tendenz zu zwanghaftem Kontrollieren abgeschlossener Türen und ausgeschalteter Gasherde, die verging glücklicherweise und ich möchte sie wirklich nicht wieder wecken.
Und all diese meine "Sorgen" unter den luxuriösten, denkbaren Bedingungen.
Ich darf spazieren gehen und einkaufen.
Die Kinder einer Freundin beschimpfen sie wild, für die Nutzung ihrer noch immer gesetzlich erlaubten Freiheiten. Sie tuen es aus liebender Sorge um sie. Aber ...
Einige Freunde rufen laut nach dem hart durchgreifenden Staat, andere bezweifeln jede seiner Maßnahmen. Uns fehlt es an Realitätssicherheit. An allem ist zu zweifeln. Zweifel ist gut, wichtig, kostbar, aber automatisierter Unglauben, der Zwang immer das Schlimmste vom Staat, den Wissenschaftlern, den Mitmenschen anzunehmen, ist eine Last, die viele nicht allein tragen möchten und sie deshalb sofort an uns andere weitergeben.
Paranoia ist Trend.
Ich bin 61 und Raucher, also innerhalb irgendeiner der vielen Risikogruppe. Und deshalb rufe ich hier mal in die Runde: Bleibt hoffnungsvoll und vorsichtig, aber sterblich bleibt ihr auf jeden Fall. Ja, wir werden sterben, heute, morgen oder in zehn / Zwanzig Jahren.
Werden wir dann noch wir sein? Unsere Freiheit, unsere Rechte sind ein wertvolles Gut, unser Leben ist es auch. Wo ist die Grenze? Wann übergeben wir unsere ererbte, erkämpfte Freiheit unseren unerfüllbaren Hoffnungen auf Unsterblichkeit? 

https://www.timeslive.co.za/sunday-times/lifestyle/food/2020-03-25-watch--this-child-crying-cause-all-the-takeaways-are-closed-is-all-of-us-right-now/ 

Ich gehe einkaufen und habe Angst. Ich spaziere mit meiner Freundin durch den Tiergarten und habe Angst. Ich mag die Angst nicht. Sie macht mich zu klein. 

Heute, Wäsche gewaschen, eingekauft und am Abend eine Gesprächsparty mit meinen Bremer Kollegen - zweieinhalb Stunden digitaler Nähe. Wie sehr schön.
Hey, wir werden von uns sagen können, wir haben es erlebt - sollten wir es überleben. Sorry. Der Nebensatz ist meinem dunkelschwarzem, jüdischen Humor geschuldet.

Everybody wants to go to heaven, but nobody wants to die.

https://experience.arcgis.com/experience/685d0ace521648f8a5beeeee1b9125cd

Freitag, 27. März 2020

Das C-Wort IX - Körpernähe

Ich habe seit 12 Tagen keinen Menschen angefasst. Außer mich selbst. Wie sehr eigenartig. 
Ich bin nicht so der typische Küsschenverteiler und jederman Umarmer, aber als heute eine besonders liebe Freundin mir impulsiv den Arm um die Schulter legen wollte, wie sie es oft tut, eine Berührung, die ich normalerweise sehr gern spüre, bin ich zurückgeschreckt. Irrwitz.
Wir waren beide bestürzt. 
Gummihandschuhe lassen meine Hände massiv schwitzen, die Gesichtsmaske von nomimikri läßt meine Brille beschlagen und kühler wird es durch sie auch nicht. Hitzewallungen. Oh Gott, ich habe Fieber, ich werde krank. Handschuhe weg, Maske ab und ich kühle runter. Entwarnung.
Nach Hause kommen, Hände waschen, die Einkäufe auspacken, Hände waschen, ein wirklich steriles Leben ist nicht möglich. Und war, bis jetzt, auch nicht erwünscht.
Ich mag Lippenstift. Knallrot. Oder dunkles Pink. Aber mit so einer Maske ist er nicht zu sehen. Mein kleiner Protest gegen die üble Zeit, versteckt hinter buntem Stoff.
Bitte, bitte, keine Ausgangssperre.
Ja, ja ich weiß, dass ich einer Risikogruppe angehöre. Über 60 und Raucher seitdem ich 17 war. Ich will niemanden infizieren und auch selbst nicht infiziert werden. Aber ich will auch nicht aufhören, zu leben. Was kann, soll ich tun?
Meschugge. So nennen das meine Leute, die auch irgendwie nicht meine Leute sind.
Aber. Immer dieses aber. Morgen lerne ich Brotbacken via Skype.

https://www.smarticular.net/hefe-vermehren-backhefe-haltbar-machen/ 

Mittwoch, 25. März 2020

Das C-Wort VII - Einfache, leckere Pilzpfanne

Geht gerade die Welt unter?
Ich vermute, das tut sie nicht.
(Auch wenn ich schon mal kurze paranoide Attacken spüre.)

Deshalb heute was zum Essen.

Pilze, simple braune Champignons tun es auch.
Knoblauch & Zwiebeln
Salz & Pfeffer
Thymian
1 Klecks Butter
Sahne, Creme Fraiche oder Creme Fin nach Gefallen.
Parmesan

Zwiebeln in Öl anschmelzen, etwas später Pilze & Knofi dazu, salzen, pfeffern, Thymian ran, kurz vor fertig den Klecks Butter, wenn man es cremig mag Sahne o.ä. dazu, auf den Teller, Parmesan drüber, voila!

Bin ganz verblüfft, wie gut das schmeckt. Habe soeben den Teller abgeleckt. Sieht ja keiner, jetzt, wo wir uns eh physikalisch distanzieren sollen. Da riecht auch keiner die zwei großen Zehen Knoblauch.

Am Wochenende lerne ich Brotbacken via Skype! DieHefe wirft mir die zauberhafte Frau von ihrem Balkon runter. Hefe und Toilettenpapier? Heute back ich, morgen kack ich und übermorgen ...?

Noch etwas Unwichtiges. Wir alle mit Kurzhaarschnitten und gefärbten Haaren werden, wenn das hier hinter uns liegt, erstmal gräßlich aussehen und beim Friseur unseres Vertrauens Schlange stehen. Vielleicht sogar wieder ohne die 1,50 Meter Abstand?

Und jetzt was Trauriges & doch Schönes zum Abschluß, unser Bühnenbild von hinten und der leere Zuschauerraum der bremer shakespeare company. Hat mir ein Kollege geschickt.






Sonntag, 22. März 2020

Das C-Wort VI

Kein Lagerkoller. Keine Depression. Keine Panik. Nicht mal Langeweile.
Aber ich bin es nicht gewohnt, keinen Zeitplan zu haben und da wartet ein Lernprozess auf mich und der kann noch ein bisschen warten. Ich will mich nicht zu schnell mit der neuen Situation anfreunden. Ich mache eh nicht so schnell Freunde. So eine Fremdheit, Ungewohntheit ist doch auch spannend. Oder?

Was für aufgeräumte, gut sortierte Wohnungen wir alle haben werden!

Was für Pläne habe ich? 
Das Nibelungen-Projekt so weit fertig zu stellen, das wir, wann auch immer, eine tolle restliche Probenphase haben können.
Brot backen zu lernen.
Mit Ötti spazieren zu gehen und vielleicht auch mal mit wem anders. Das ist noch erlaubt. Juchuh!
Mich nicht gehen zu lassen. Lippenstift hilft.
Ein neues Schreib-Unternehmen mit Grit zu starten.
Bücher zu lesen.
Filme zu gucken.
Rum zu trödeln.
Mich zu entscheiden, ob ich einen Hund oder eine Katze einladen werde, mit mir zu leben.
Gesund zu bleiben.
Viel mit Freunden zu quatschen.
Euch mit Texten & Gedichten zu zu ballern.
Zu hoffen, das so wenig Leute wie irgend möglich sterben werden.
Weniger zu rauchen und zu trinken. Na ja.

Ich mag es nicht, wenn Menschen jetzt das irgendwie doch Positive der Situation preisen. Das ist mir zu katholisch. Per aspera ad astram? Käse. Aber ich will auch nicht rechthaberisch und hämisch die Apokalypse begrüßen. Dies ist eine Krise, eine unerhört große und neuartige. Wird sie uns verändern auf lange Sicht? Da bin ich mißtrauisch. Nach den großen Pestausbrüchen des Mittelalters, als die Bevölkerungszahl extrem geschrumpft war, gab es eine Zeit, in der die bis dahin geltenden Moralregeln außer Kraft gesetzt waren. Es wurde wild herum gevögelt. Aber kaum war die Einwohnerzahl wieder auf dem notwendigen Maß, bäng (!), wurden die Sitten wieder so streng wie zuvor. Die Menschheit als Ganzes will halt unbedingt überleben. Und wir waren, denke ich, immer gleich schlimm oder gleich großartig. "Früher war alles besser" ist einer der blödesten Sätze, die ich kenne. Wir sind, wie wir sind.

Entschleunigung. 
Wiki definiert das so: Die Entschleunigung zeigt Wesensmerkmale der Faulheit und Muße, ohne wie diese negativ besetzt zu sein. Während Entschleunigung als Verzicht weiterer Beschleunigung nicht unbedingt eine Drosselung der gewohnten Geschwindigkeit beinhaltet, enthält das ältere Wort „Verlangsamung“ die Tendenz, das Fortschritts­denken in Frage zu stellen. 
Wir müssen drosseln. Weniger tun, weniger reden, weniger was? Ist weniger besser? Es ist erstmal weniger.

Samstag, 21. März 2020

Das C-Wort V

Hühnersuppe. Das Allheilmittel meiner Mutter für jede Lebenslage - Liebeskummer, gebrochenes Bein, Grippe. Das Iboprofen jüdischer Mütter. Heute habe ich selber mal wieder welche gekocht. Mit einigen Tipps von meiner Tochter und meiner Cousine und ein paar eigenen Ideen. Huhn, Wasser, Ingwer, Kurkuma, Zitrone Knoblauch, Lorbeer, schwarzer Pfeffer, Suppengemüse, 1El Ahornsirup und 1 El Maggi, weil ich Berliner bin. Morgen noch ein bisschen das Fett abschöpfen und dann schlürfe ich mich in die totale Immunität.

Im Tiergarten beim Spaziergang mit meiner Freundin auf zwei Meter Abstand. Es war kalt und wunderbar sonnig. Viele Menschen, alle Abstand haltend, außer, Gott sei Dank, wenn Kinder dabei waren. Ich hoffe so sehr, dass es nicht zur AUSGANGSSPERRE kommt. Sowohl weil ich nicht möchte, dass der Staat, die Bundesregierung solche Machtmittel einsetzt, einsetzen darf, muß, aber als auch, weil ich ohne meine täglichen Gänge wohl ziemlich unfroh wäre. Aber, aber was? Aber wenn es hilft? Aber wenn es uns als Bürgern eines demokratischen Staates schadet? Ich weiß es nicht.

Frage: Nehmen wir an, die Isolation erfüllt ihren Zweck, lässt die Kurve flach oder zumindest flacher verlaufen. Dann wird sie irgendwann aufgehoben. Aber das Virus ist ja weiter da. Werden wir dann weiterhin infiziert, nur weniger gleichzeitig, bis die Herdenimmunität greift?
Ich wünschte, ich hätte einen wissenschaftlicheren Kopf. Habe ich aber nicht, und so wabert in meinem Kopf ein Gemansche von "Contagion", Camus' "Die Pest", The Walking Dead herum. Mit ein bisschen "1984" Paranoia zur Würze.

Ich habe Zeit zum Denken, aber alleine zu denken ist nicht so produktiv, wie in einer Gruppe von schlauen Leuten. Ich neige dazu, in Kreisen, in Loops stecken zu bleiben.

Morgen esse ich Hühnersuppe, dann geht es mir besser.

DER TIERGARTEN








Freitag, 20. März 2020

Das C-Wort IV

Ich habe den Eindruck, dass dieses Übermaß an freier Zeit mein Gehirn langsam aufweicht. Gibt es eigentlich Studien über Isolationszeiten und IQ-Verlust? 
Der aktive Höhepunkt meines heutigen Tages war der Erwerb einer Flasche Desinfektionsmittel in der Apotheke meines Vertrauens. 
Wenn ich DRAUSSEN bin, weichen Menschen bei meinem Anblick ungelenk aus, ich tue desselben. Man will den Anderen nicht kränken, tut es aber doch. Er könnte der potentielle Infektor sein. Der Amazon-Bote eröffnet das Gespräch mit dem Hinweis auf seine Diabetes, die ihn angreifbar macht.
Habe ich Halsschmerzen? Nein. Huste ich? Ja. Aber nicht trocken. Nur mein üblicher Raucherhusten. Kein Fieber. Kein Verlust von Geschmacks- oder Riechfähigkeit. Ich bin, im pandemischen Sinn, gesund.
Schöne Telefonate mit Familie & Freunden, Pina Bauschs "Kontakthof" auf youtube, meine Bücher gesichtet und viele aussortiert. So ordentlich werden unsere Schränke, Gärten, Wohnungen wohl noch nie gewesen sein.
Die Nachrichten hämmern auf mich ein. Ich weiß, ich sollte ausschalten, kann mich aber nicht entschließen.
Das die Jungen weiterfeiern, kann ich noch irgendwie verstehen, auch ich dachte mit 18, dass ich unsterblich und immer im Recht bin. Aber Verkäuferinnen anspucken, weil sie die dritte Packung Toilettenpapier verwehren? Alte Leute anhusten unter "Corona, Corona" Rufen?
Ausgangsbegrenzungen, gar Ausgangssperren werden nun erwogen. Was heißt das für unsere Zukunft? Die Grenzen wurden bereits geschlossen, nun wird höchstwahrscheinlich auch noch unsere Bewegungsfreiheit extrem eingeschränkt. Ein Teil meines Hirns stimmt zu, weil ich möchte, dass so wenig Menschen wie möglich sterben. Der andere Teil erschrickt. Wenn das Gift der Allmacht erst geleckt wurde? Paranoia oder Realismus?
Und trotzalldem geht es mir so sehr gut, so unvergleichlich gut, im Vergleich zu anderen. Und das sind viele. Alle Bewohner der sogenannten "Dritten Welt", die der unzähligen Flüchtlinglager. 
Huren dürfen nicht mehr arbeiten, Schauspieler auch nicht. Kleine Filmtheater, Galerien, Kabretts, Clubs, Bars, Boutiquen, Theater, Museen, Opernhäuser, geschlossen, die Liste ist lang. Meine Vergnügungen, geschlossen.
Am Ende von diesem Irrsinn werde ich entweder nur noch Hildegard von Bingen Zitate kopieren oder ganz neu über die Welt denken. Who knows.
Was mir mächtig auf die angestrengten Nerven geht, sind die vielen kleinen Propheten der Apokalypse, die jetzt in den Medien den Moment ihrer Wichtigkeit gekommen sehen. Keiner von uns weiß genau, wie schlimm es wird. Oder wie gut es ausgehen wird. Selbstgerechtigkeit ist für mich eine der unangenehmsten menschlichen Eigenschaften. Die Freiheit von Zweifel, ist die Freiheit von Empathie und Widerspruch. Es ist diktatorisch. Und so lange es meine intellektuellen Fähigkeiten zulassen, verteidige ich mein Recht unsicher zu sein.
Und zum Abschluss einen ernstgemeinten Dank an alle, die weiterarbeiten, weil es notwendig ist, die mir, sollte es dazu kommen, helfen, damit ich überlebe.



Donnerstag, 19. März 2020

Das C-Wort III

WIKI SAGT: Viren (Singular: das Virus, außerhalb der Fachsprache auch der Virus, von lateinisch virus, natürliche zähe Feuchtigkeit, Schleim, Saft, [speziell:] Gift‘) sind infektiöse organische Strukturen, die sich als Virionen außerhalb von Zellen (extrazellulär) durch Übertragung verbreiten, aber als Viren nur innerhalb einer geeigneten Wirtszelle (intrazellulär) vermehren können. Sie selbst bestehen nicht aus einer oder mehreren Zellen. Alle Viren enthalten das Programm zu ihrer Vermehrung und Ausbreitung, besitzen aber weder eine eigenständige Replikation noch einen eigenen Stoffwechsel und sind deshalb auf den Stoffwechsel einer Wirtszelle angewiesen. Daher sind sich Virologen weitgehend darüber einig, Viren nicht zu den Lebewesen zu rechnen. Man kann sie aber zumindest als „dem Leben nahestehend“ betrachten, denn sie besitzen allgemein die Fähigkeit zur Replikation und Evolution.

Proben abgebrochen, von Bremen nach Hause gefahren, das Leben ist anders. Die diesem "Leben nahestehenden" Dinger lungern überall herum, infizieren Tausende und manche, nicht wenige, vorzugsweise Ältere und Kranke, töten sie.
The Worst case scenario -  Das Szenarium für die schlimmste Variante - Drei Monate oder mehr "social distance". Blödes Wort, soziale Nähe geht auch ohne körperliche, oder? Drei Monate oder mehr und sicher bald das Ausgehsverbot, weil Leute halt gern Regeln ignorieren. Ich kenne diese Trotzhaltung von mir selber. Geht jetzt aber nicht, wegen der Alten und Kranken. Wir sollten uns vorstellen, wir seien infiziert, dann machen die Regeln Sinn. Ein kleiner Schnupfen, ein schwacher Husten, nix wirklich störendes, können für einen anderen Menschen Atemnot, Lungenentzündung, Erstickung bedeuten.
Also nehmen wir mal an: Drei Monate oder mehr. Vorrausgeschickt, ich lebe im Paradies im Vergleich zur überwiegenden Mehrheit der Menschheit. Ich lebe allein, bin nicht in finanzieller Not, welch Privileg in dieser Zeit, eigentlich in jeder Zeit, das Internet und das Telephon funktionieren, es gibt Lieferdienste, meine Wohnung ist warm.
Drei Monate oder mehr. März bis Juni, Juli. Der Frühling, der Sommeranfang. 24 Stunden täglich ohne meine gewohnte, geliebte Arbeit. Ohne Kneipen, Theaterbesuche, gemeinsame Essen, Kino, Museen, Nichtenbesuche, einen Handdruck hier und eine Umarmung da. Wie wird das, so auf mich zurückgeworfen zu werden?
Nebenthema. Warum Toilettenpapier? Was macht diese Papierstreifen so wertvoll? Wir leben in Mitteleuropa, wir haben eine Dusche, fließendes Wasser. Aber Toilettenpapier ist eine kulturelle Errungenschaft, wir wollen uns der Realität unserer Exkremente nicht mehr aussetzen. Meine Mutter erzählte gern, wie sie Freunden ihr blondes, dickes Baby vorführen wollte und eben jenes Baby sich wolllüstig mit der eigenen Kacke eingeschmiert hatte.
Drei Monate oder mehr.


Sonntag, 15. März 2020

Das C-Wort II

Wir probieren in einem Theater, dass nicht mehr für sein Publikum spielen darf.
Wir treffen uns immer noch zu unserer täglichen Arbeit.
Früh und Abends.
Aber wir alle haben Kinder.
Eltern.
Großeltern.
Um uns herum verändert sich gerade alles.
Grenzen werden geschlossen, Regale sind leer, Versammlungen sind verboten.
Oberflächliche Erinnerungen an die DDR werden wach.
Europa. Die EU. Werden diese Risse post-Corona wieder verheilen?
Wann ist das?
Ich fasse möglichst nichts mehr mit meinen Händen an, das ich nicht persönlich kenne.
Huste ich den gewohnten Raucherhusten oder klingt der heute etwas anders?
Mein Mißtrauen gegen irgendwas, das ich nicht einmal benennen könnte, bleibt bestehen.
Aber.
Aber. Wir werden nicht weiterprobieren. Mein Theater-Herz wird etwas zerbrechen. Wie schon öfter zuvor.
Aber diesmal ist es auch anders.
Größer. Unverständlicher. Unhandbarer.
Wie lange wird das dauern?
Bis nach Ostern?
Bis in den August?
Kinder ohne Freunde, ohne Schule, ohne Großeltern.
Jugendliche ohne Tanz und Gedankenlosigkeit, ohne Körpernähe.
Erwachsene ohne ihre üblichen Ablenkungen, mit Dauersorgen.Sozialdistanz? Gräßliches Wort.
Aber notwendig.
Aber was benötigen wir jetzt mehr als soziale Nähe?
Nähe ohne Körperkontakt.
Unvorstellbar, wenn die digitale Welt zusammenbräche.

das besondere ist nicht, dass etwas nicht mehr funktioniert, sondern dass es überhaupt jemals funktioniert hat 
pollesch

Donnerstag, 12. März 2020

Das C-Wort

CORONA 

Hilflosigkeit & Handlungsunfähigkeit sind körperlich intensiv spürbare Gefühle.

Ich weiß, das mein Rauchen zu Lungenkrebs oder Ähnlichem führen kann. Ich könnte aufhören und meine Chance auf ein längeres Leben würden sich erhöhen.
Ich altere dem Tod entgegen, wie alle anderen Menschen auch, das ist nicht immer angenehm, aber unvermeidlich und letztendlich die gerechteste Sache überhaupt, denn wir alle sterben. Über die Fairness des wie und wann können wir streiten und die Wahllosikeit der Auswahl verunmöglicht mir den Glauben an irgendeinen Gott.

Aber jetzt dieses C-Ding. Aus unzähligen Filmen habe ich einen Vorrat von Tsunami-Wellen-Bildern im Kopf, und immer stehen Leute herum und starren, bevor sie, viel zu spät, anfangen wegzurennen. Und jetzt, ohne jede Möglickeit mich zu verhalten, stehe ich, mir brav die Hände waschend, zwischen Tsunamiwellen, die aus unterschiedlichen Richtungen auf uns heranrollen, und bin hilflos und handlungsunfähig.

Sollen wir morgen eine öffentliche Probe abhalten? Ist das wichtig? Wird überhaupt jemand kommen? Ist das wichtig? Unser Publikum ist eher dem älteren Bevölkerungsquadranten zugehörig, der besonders gefährdet ist, könnten wir sie gefährden? Wird es überhaupt eine Premiere im April geben, wenn, laut Aussage des Chef-Virologen der Berliner Charité, die Infektionswelle erst im August ihren Höhepunkt erreichen wird? Ist das wichtig?

Was tue ich dann zwischen jetzt und August?

Eine wahrhaft neue und äußerst unangenehme Erfahrung. Niemand den ich hassen kann, niemand den ich bekämpfen kann. Kismet.

Ein Virus.

Übertreiben all die Fachleute? Die WHO und die Ärzte? Ist die rechte Zeit für paranoide Verschwörungstheoretiker gekommen? Oder müssen wir uns beugen und die Welle in Demut und unter größtem möglichen Widerstand und mit größt möglicher Hoffnung über uns rollen lasssen?

Ich weiß es nicht.