Samstag, 4. April 2020

Das C-Wort XII - Ein Landei in der Stadt

Mein kleiner Wochenmarkt ist auf drei Stände zusammengeschrumpft und da dachte ich mir: "Geh doch mal zum Kollwitzplatz gucken."


Aus meinem dörflichen Berliner Mitte, wo man jetzt oft minutenlang kein Auto sieht, laufe ich also in den Prenzlauer Berg und erleide einen Schock, Gedränge!
Menschen über Menschen, lauter ökologisch bedachte, auf Nachhaltigkeit achtende, irgendwo links von der Mitte wählende Leute, bei denen das Ding mit der sozialen (physischen) Distanz scheinbar noch nicht angekommen ist. Habt ihr sie noch alle?
Ich habe rasch einen Strauß rote Ranunkeln erworben und bin bin weg, schnell wie der leicht geriatrische Blitz, der ich bin, ab ins Kaufhaus am Alex, wo die Lebensmittlabteilung geöffnet ist, was aber scheinbar keiner weiter weiß und darum können ich und noch zwei Kunden entspannt durch den Riesenladen schlendern. (Geheimtipp!)

Was sonst noch passierte:
Die Türkei behält Beatmunggeräte ein, für die Spanien schon bezahlt hat. Die USA verbietet einer großen Firma den Export von Respiratoren und medizinischem Bedarf nach Kanada und Lateinamerika.

Und dann auch noch:
Alan Posener findet in der Welt, dass "Unorthodox" antisemitische Vorurteile bedient.
https://www.welt.de/kultur/article206965399/Netflix-Serie-Warum-Unorthodox-antisemitische-Klischees-bedient.html?fbclid=IwAR39fVg_LzRKR4nhcc9f1MEcQCDINDqIjuwNlR2IPbrIzb_tqxf2bemVHw4

Finde ich nicht. Die Gemeinschaft der Orthodoxie, von der man einen kleinen Ausschnitt sieht, wirkt sicher exotisch und auch nicht unbedingt einladend, aber so geht es uns doch mit den meisten wirklich anderen Lebenswelten, oder? Und dann sieht man eine Geschichte sehr unterschiedlicher Leute, jüdischer und nichtjüdischer, der ich gern folge. Und es ist eben eine Geschichte und kein ideologisiertes Fallbeispiel.

Mittwoch, 1. April 2020

Das C-Wort XI - Wie es so ist.

Wir alle sind am Lernen. Wir üben, nicht durchzudrehen, und doch vorsichtig genug zu sein. Maske in Läden, Maske im Nahverkehr, Handschuhe immer. Ich rede mit Freunden, es sind gute Gespräche, sehr verschiedene Sichten, ähnliche Sorgen. Wie lange wird diese Krise dauern? Was wird danach geschehen? Wird die Welt, die wir kennen, DANACH eine andere sein? Oder vergessen wir dies alles so schnell wie möglich?

Eduard Fuchs hat einst eine llustrierte Sittengeschichte in sechs Bänden veröffentlicht. Damals bevor die Pest kam, waren die Regeln streng, dann starb ein Drittel der Bevölkerung, die Regeln wurden gelockert, die Einwohnerzahl wuchs auf die Vorpestzahl und flugs wurde die Moral angepasst, die katholischen Umgangsformen griffen wieder.  



FACTFULLNESS 

Hans Rosling, Anna Rosling Rönnlund, Ola Rosling

Hat sich der Anteil der Weltbevölkerung, der in extremer Armut lebt, in den zurückliegenden 20 Jahren verdoppelt, deutlich mehr als halbiert, oder ist er gleich geblieben? Insgesamt ein Dutzend solcher Fragen hat der 2017 verstorbene Hans Rosling mehreren tausend Menschen in verschiedenen Ländern gestellt. Der Professor für Internationale Gesundheit am schwedischen Karolinska-Institut arbeitete als Berater für die Weltgesundheitsorganisa­tion und das Kinderhilfswerk UNICEF und gründete gemeinsam mit seinem Sohn Ola Rosling sowie seiner Schwiegertochter Anna Rosling Rönnlund die Gapminder-Stiftung zur verständlichen Aufbereitung von Statistiken.


Anhand statistischer Daten zeigt der Forscher in diesem Buch, dass es den Menschen insgesamt besser geht. Der Anteil der in extremer Armut Lebenden hat sich weltweit mehr als halbiert, und 80 Prozent der einjährigen Kinder sind geimpft. In Ländern mit niedrigem Einkommen besuchen inzwischen 60 Prozent der Mädchen die Grundschule. Auch zu diesen Themen hatte der Autor zahlreiche Probanden von verschiedenen Kontinenten um ihre Einschätzung gebeten.
Rosling überraschte, dass die Menschen die Lage oft viel düsterer sehen, als mithilfe der Daten belegbar ist. Zum Beispiel beantworteten in Schweden und Norwegen nur 25 Prozent der Teilnehmer die Frage nach dem in Armut lebenden Anteil der Weltbevölkerung richtig, in Großbritannien nur neun und in Deutschland sogar nur sechs Prozent. Selbst Fachleute wie Universitätsprofessoren, Investmentbanker oder Journalisten lagen daneben.
Rosling fragte sich, worauf diese Fehleinschätzungen zurückzuführen seien. Dazu identifizierte er zehn verschiedene menschliche "Instinkte": etwa den der "Kluft", der "Negativität", der "Angst", des "Schicksals" und der "Schuldzuweisung". Sie alle seien in einem Millionen Jahre währenden Evolutionsprozess entstanden und hätten dazu beigetragen, dass sich der Mensch in einer feindlichen Umwelt zurechtfinden, Gefahren rechtzeitig erkennen und sich gegen sie behaupten könne. Zwar seien diese Instinkte heute noch wichtig, sie führten aber immer wieder zu einer verzerrten Weltsicht.
Jeden neuen Buchabschnitt widmet der schwedische Mediziner einer andereninstinktiven Denkweise, deren wichtigsten Eigenschaften er am Kapitelende zusammenfasst. Zugleich gibt er Tipps, wie man mögliche Denkfallen umgehen kann. So verleite der "Instinkt der Kluft" dazu, die Welt in Extreme zu unterteilen, etwa in Arm und Reich, Entwicklungs- und entwickelte Länder. Die Situation aus einer Vogelperspektive zu betrachten, helfe dagegen, die vielen dazwischenliegenden Schattierungen zu erkennen und die eigene Sichtweise zu relativieren.

https://www.spektrum.de/rezension/buchkritik-zu-factfulness/1570136 

Dienstag, 31. März 2020

Das C-Wort X - Unorthodox und Sufjan Stevens

Guckt ihr Online-Theater? Ich halte es nicht aus. 10 Minuten und ich bin raus. Die, den Gerüchten nach, grandiosesten Inszenierungen, sehen auf dem Bildschirm aus wie "Unser Kleines Fernsehspiel". Die Schauspieler schlittern irgendwie erschüttert zwischen zu viel spielen, denn es ist ja für den Zuschauerraum gedacht und der hilflosen Bemühung um Understatement. Keiner hustet neben mir, keiner kichert, keiner riecht nach etwas zu viel süßem Parfum. Also bleibt das Fernsehen, die Streamingdienste und die guten, alten Bücher.
Also habe ich mir "Unorthodox" angesehen, ich mochte das Buch von Deborah Feldmann und war also neugierig. Maria Schrader mag ich als Schauspielerin nicht sehr, zu angestrengt, zu eitel, aber diese vierteilige Serie, für die sie Regie geführt hat, ist wirklich ok. Shari Haas, die Hauptdarstellerin - eine androgyne angsterfüllte Elfe - gelingt es, die drohende Sentimentalität dieser Selbstbefreiungsgeschichte, weitestgehend zu umschiffen. Ihre äußerliche Zartheit kontert sie mit einem Überlebenswillen aus Stahl.
Aber was ich vermisst habe, war mein tiefer Schockmoment im Buch. Die Strenge ihrer Lebensregulation begründen diese speziellen orthodoxen Juden damit, dass der Holocaust Gottes Strafe für ihren Mangel an Glaubensdemut war. Das hat mir die Tränen in die Augen getrieben. Da werden sie industriell gemeuchelt und laden sich die Schuld dafür auf. Wie traurig ist das.

 
Ein Gegenentwurf: "Untergetaucht", die Geschichte einer Jüdin, die in Berlin den Faschismus überlebt hat. Sie mußte dafür sich in unfassbarer Art demütigen und hat es geschafft. Im Mai 1945, nach der Befreiung, bekoomt sie eine Wohnung zugewiesen, transportiert sie ihre verbliebene Habe in einer Schubkarre durch das zerbombte Berlin und schläft auf dem Boden ihrer "eigenen" Küche ein, in unvorstellbarer Erleichterung, endlich nicht in Angst, sicher.

Sufjan Stevens, ein Sänger mit verführerisch zärtlicher Stimme und ohrfreundlichen Melodien, in denen er seine bösen, traurigen, wahren Texte versteckt.

Montag, 30. März 2020

Das C-Wort VIII

Was für eine erhellende Zeit. Ich hatte gerade zwei dunklere Tage und habe sie zugelassen. Meistens reite ich über solche Wellen hinweg, aber dieses Mal ...
Jeden Morgen rufe ich zuerst die Zahlen der Neuinfizierten, der Gestorbenen auf. Welch Irrwitz.
Rausgehen. Händewaschen. Gummihandschuhe. Heute schwarz oder eher weiß? Maske anlegen - ein fast zu offensichtliches Doppelwort. Mein Schlüssel ist voller Viren? Klinken? Was ist mit meinen Schuhen, dem Mantel? Geldstücke sind ganz gefährlich, höre ich. In meinen jüngeren Jahren hatte ich eine Tendenz zu zwanghaftem Kontrollieren abgeschlossener Türen und ausgeschalteter Gasherde, die verging glücklicherweise und ich möchte sie wirklich nicht wieder wecken.
Und all diese meine "Sorgen" unter den luxuriösten, denkbaren Bedingungen.
Ich darf spazieren gehen und einkaufen.
Die Kinder einer Freundin beschimpfen sie wild, für die Nutzung ihrer noch immer gesetzlich erlaubten Freiheiten. Sie tuen es aus liebender Sorge um sie. Aber ...
Einige Freunde rufen laut nach dem hart durchgreifenden Staat, andere bezweifeln jede seiner Maßnahmen. Uns fehlt es an Realitätssicherheit. An allem ist zu zweifeln. Zweifel ist gut, wichtig, kostbar, aber automatisierter Unglauben, der Zwang immer das Schlimmste vom Staat, den Wissenschaftlern, den Mitmenschen anzunehmen, ist eine Last, die viele nicht allein tragen möchten und sie deshalb sofort an uns andere weitergeben.
Paranoia ist Trend.
Ich bin 61 und Raucher, also innerhalb irgendeiner der vielen Risikogruppe. Und deshalb rufe ich hier mal in die Runde: Bleibt hoffnungsvoll und vorsichtig, aber sterblich bleibt ihr auf jeden Fall. Ja, wir werden sterben, heute, morgen oder in zehn / Zwanzig Jahren.
Werden wir dann noch wir sein? Unsere Freiheit, unsere Rechte sind ein wertvolles Gut, unser Leben ist es auch. Wo ist die Grenze? Wann übergeben wir unsere ererbte, erkämpfte Freiheit unseren unerfüllbaren Hoffnungen auf Unsterblichkeit? 

https://www.timeslive.co.za/sunday-times/lifestyle/food/2020-03-25-watch--this-child-crying-cause-all-the-takeaways-are-closed-is-all-of-us-right-now/ 

Ich gehe einkaufen und habe Angst. Ich spaziere mit meiner Freundin durch den Tiergarten und habe Angst. Ich mag die Angst nicht. Sie macht mich zu klein. 

Heute, Wäsche gewaschen, eingekauft und am Abend eine Gesprächsparty mit meinen Bremer Kollegen - zweieinhalb Stunden digitaler Nähe. Wie sehr schön.
Hey, wir werden von uns sagen können, wir haben es erlebt - sollten wir es überleben. Sorry. Der Nebensatz ist meinem dunkelschwarzem, jüdischen Humor geschuldet.

Everybody wants to go to heaven, but nobody wants to die.

https://experience.arcgis.com/experience/685d0ace521648f8a5beeeee1b9125cd

Freitag, 27. März 2020

Das C-Wort IX - Körpernähe

Ich habe seit 12 Tagen keinen Menschen angefasst. Außer mich selbst. Wie sehr eigenartig. 
Ich bin nicht so der typische Küsschenverteiler und jederman Umarmer, aber als heute eine besonders liebe Freundin mir impulsiv den Arm um die Schulter legen wollte, wie sie es oft tut, eine Berührung, die ich normalerweise sehr gern spüre, bin ich zurückgeschreckt. Irrwitz.
Wir waren beide bestürzt. 
Gummihandschuhe lassen meine Hände massiv schwitzen, die Gesichtsmaske von nomimikri läßt meine Brille beschlagen und kühler wird es durch sie auch nicht. Hitzewallungen. Oh Gott, ich habe Fieber, ich werde krank. Handschuhe weg, Maske ab und ich kühle runter. Entwarnung.
Nach Hause kommen, Hände waschen, die Einkäufe auspacken, Hände waschen, ein wirklich steriles Leben ist nicht möglich. Und war, bis jetzt, auch nicht erwünscht.
Ich mag Lippenstift. Knallrot. Oder dunkles Pink. Aber mit so einer Maske ist er nicht zu sehen. Mein kleiner Protest gegen die üble Zeit, versteckt hinter buntem Stoff.
Bitte, bitte, keine Ausgangssperre.
Ja, ja ich weiß, dass ich einer Risikogruppe angehöre. Über 60 und Raucher seitdem ich 17 war. Ich will niemanden infizieren und auch selbst nicht infiziert werden. Aber ich will auch nicht aufhören, zu leben. Was kann, soll ich tun?
Meschugge. So nennen das meine Leute, die auch irgendwie nicht meine Leute sind.
Aber. Immer dieses aber. Morgen lerne ich Brotbacken via Skype.

https://www.smarticular.net/hefe-vermehren-backhefe-haltbar-machen/ 

Mittwoch, 25. März 2020

Das C-Wort VII - Einfache, leckere Pilzpfanne

Geht gerade die Welt unter?
Ich vermute, das tut sie nicht.
(Auch wenn ich schon mal kurze paranoide Attacken spüre.)

Deshalb heute was zum Essen.

Pilze, simple braune Champignons tun es auch.
Knoblauch & Zwiebeln
Salz & Pfeffer
Thymian
1 Klecks Butter
Sahne, Creme Fraiche oder Creme Fin nach Gefallen.
Parmesan

Zwiebeln in Öl anschmelzen, etwas später Pilze & Knofi dazu, salzen, pfeffern, Thymian ran, kurz vor fertig den Klecks Butter, wenn man es cremig mag Sahne o.ä. dazu, auf den Teller, Parmesan drüber, voila!

Bin ganz verblüfft, wie gut das schmeckt. Habe soeben den Teller abgeleckt. Sieht ja keiner, jetzt, wo wir uns eh physikalisch distanzieren sollen. Da riecht auch keiner die zwei großen Zehen Knoblauch.

Am Wochenende lerne ich Brotbacken via Skype! DieHefe wirft mir die zauberhafte Frau von ihrem Balkon runter. Hefe und Toilettenpapier? Heute back ich, morgen kack ich und übermorgen ...?

Noch etwas Unwichtiges. Wir alle mit Kurzhaarschnitten und gefärbten Haaren werden, wenn das hier hinter uns liegt, erstmal gräßlich aussehen und beim Friseur unseres Vertrauens Schlange stehen. Vielleicht sogar wieder ohne die 1,50 Meter Abstand?

Und jetzt was Trauriges & doch Schönes zum Abschluß, unser Bühnenbild von hinten und der leere Zuschauerraum der bremer shakespeare company. Hat mir ein Kollege geschickt.






Sonntag, 22. März 2020

Das C-Wort VI

Kein Lagerkoller. Keine Depression. Keine Panik. Nicht mal Langeweile.
Aber ich bin es nicht gewohnt, keinen Zeitplan zu haben und da wartet ein Lernprozess auf mich und der kann noch ein bisschen warten. Ich will mich nicht zu schnell mit der neuen Situation anfreunden. Ich mache eh nicht so schnell Freunde. So eine Fremdheit, Ungewohntheit ist doch auch spannend. Oder?

Was für aufgeräumte, gut sortierte Wohnungen wir alle haben werden!

Was für Pläne habe ich? 
Das Nibelungen-Projekt so weit fertig zu stellen, das wir, wann auch immer, eine tolle restliche Probenphase haben können.
Brot backen zu lernen.
Mit Ötti spazieren zu gehen und vielleicht auch mal mit wem anders. Das ist noch erlaubt. Juchuh!
Mich nicht gehen zu lassen. Lippenstift hilft.
Ein neues Schreib-Unternehmen mit Grit zu starten.
Bücher zu lesen.
Filme zu gucken.
Rum zu trödeln.
Mich zu entscheiden, ob ich einen Hund oder eine Katze einladen werde, mit mir zu leben.
Gesund zu bleiben.
Viel mit Freunden zu quatschen.
Euch mit Texten & Gedichten zu zu ballern.
Zu hoffen, das so wenig Leute wie irgend möglich sterben werden.
Weniger zu rauchen und zu trinken. Na ja.

Ich mag es nicht, wenn Menschen jetzt das irgendwie doch Positive der Situation preisen. Das ist mir zu katholisch. Per aspera ad astram? Käse. Aber ich will auch nicht rechthaberisch und hämisch die Apokalypse begrüßen. Dies ist eine Krise, eine unerhört große und neuartige. Wird sie uns verändern auf lange Sicht? Da bin ich mißtrauisch. Nach den großen Pestausbrüchen des Mittelalters, als die Bevölkerungszahl extrem geschrumpft war, gab es eine Zeit, in der die bis dahin geltenden Moralregeln außer Kraft gesetzt waren. Es wurde wild herum gevögelt. Aber kaum war die Einwohnerzahl wieder auf dem notwendigen Maß, bäng (!), wurden die Sitten wieder so streng wie zuvor. Die Menschheit als Ganzes will halt unbedingt überleben. Und wir waren, denke ich, immer gleich schlimm oder gleich großartig. "Früher war alles besser" ist einer der blödesten Sätze, die ich kenne. Wir sind, wie wir sind.

Entschleunigung. 
Wiki definiert das so: Die Entschleunigung zeigt Wesensmerkmale der Faulheit und Muße, ohne wie diese negativ besetzt zu sein. Während Entschleunigung als Verzicht weiterer Beschleunigung nicht unbedingt eine Drosselung der gewohnten Geschwindigkeit beinhaltet, enthält das ältere Wort „Verlangsamung“ die Tendenz, das Fortschritts­denken in Frage zu stellen. 
Wir müssen drosseln. Weniger tun, weniger reden, weniger was? Ist weniger besser? Es ist erstmal weniger.

Samstag, 21. März 2020

Das C-Wort V

Hühnersuppe. Das Allheilmittel meiner Mutter für jede Lebenslage - Liebeskummer, gebrochenes Bein, Grippe. Das Iboprofen jüdischer Mütter. Heute habe ich selber mal wieder welche gekocht. Mit einigen Tipps von meiner Tochter und meiner Cousine und ein paar eigenen Ideen. Huhn, Wasser, Ingwer, Kurkuma, Zitrone Knoblauch, Lorbeer, schwarzer Pfeffer, Suppengemüse, 1El Ahornsirup und 1 El Maggi, weil ich Berliner bin. Morgen noch ein bisschen das Fett abschöpfen und dann schlürfe ich mich in die totale Immunität.

Im Tiergarten beim Spaziergang mit meiner Freundin auf zwei Meter Abstand. Es war kalt und wunderbar sonnig. Viele Menschen, alle Abstand haltend, außer, Gott sei Dank, wenn Kinder dabei waren. Ich hoffe so sehr, dass es nicht zur AUSGANGSSPERRE kommt. Sowohl weil ich nicht möchte, dass der Staat, die Bundesregierung solche Machtmittel einsetzt, einsetzen darf, muß, aber als auch, weil ich ohne meine täglichen Gänge wohl ziemlich unfroh wäre. Aber, aber was? Aber wenn es hilft? Aber wenn es uns als Bürgern eines demokratischen Staates schadet? Ich weiß es nicht.

Frage: Nehmen wir an, die Isolation erfüllt ihren Zweck, lässt die Kurve flach oder zumindest flacher verlaufen. Dann wird sie irgendwann aufgehoben. Aber das Virus ist ja weiter da. Werden wir dann weiterhin infiziert, nur weniger gleichzeitig, bis die Herdenimmunität greift?
Ich wünschte, ich hätte einen wissenschaftlicheren Kopf. Habe ich aber nicht, und so wabert in meinem Kopf ein Gemansche von "Contagion", Camus' "Die Pest", The Walking Dead herum. Mit ein bisschen "1984" Paranoia zur Würze.

Ich habe Zeit zum Denken, aber alleine zu denken ist nicht so produktiv, wie in einer Gruppe von schlauen Leuten. Ich neige dazu, in Kreisen, in Loops stecken zu bleiben.

Morgen esse ich Hühnersuppe, dann geht es mir besser.

DER TIERGARTEN








Freitag, 20. März 2020

Das C-Wort IV

Ich habe den Eindruck, dass dieses Übermaß an freier Zeit mein Gehirn langsam aufweicht. Gibt es eigentlich Studien über Isolationszeiten und IQ-Verlust? 
Der aktive Höhepunkt meines heutigen Tages war der Erwerb einer Flasche Desinfektionsmittel in der Apotheke meines Vertrauens. 
Wenn ich DRAUSSEN bin, weichen Menschen bei meinem Anblick ungelenk aus, ich tue desselben. Man will den Anderen nicht kränken, tut es aber doch. Er könnte der potentielle Infektor sein. Der Amazon-Bote eröffnet das Gespräch mit dem Hinweis auf seine Diabetes, die ihn angreifbar macht.
Habe ich Halsschmerzen? Nein. Huste ich? Ja. Aber nicht trocken. Nur mein üblicher Raucherhusten. Kein Fieber. Kein Verlust von Geschmacks- oder Riechfähigkeit. Ich bin, im pandemischen Sinn, gesund.
Schöne Telefonate mit Familie & Freunden, Pina Bauschs "Kontakthof" auf youtube, meine Bücher gesichtet und viele aussortiert. So ordentlich werden unsere Schränke, Gärten, Wohnungen wohl noch nie gewesen sein.
Die Nachrichten hämmern auf mich ein. Ich weiß, ich sollte ausschalten, kann mich aber nicht entschließen.
Das die Jungen weiterfeiern, kann ich noch irgendwie verstehen, auch ich dachte mit 18, dass ich unsterblich und immer im Recht bin. Aber Verkäuferinnen anspucken, weil sie die dritte Packung Toilettenpapier verwehren? Alte Leute anhusten unter "Corona, Corona" Rufen?
Ausgangsbegrenzungen, gar Ausgangssperren werden nun erwogen. Was heißt das für unsere Zukunft? Die Grenzen wurden bereits geschlossen, nun wird höchstwahrscheinlich auch noch unsere Bewegungsfreiheit extrem eingeschränkt. Ein Teil meines Hirns stimmt zu, weil ich möchte, dass so wenig Menschen wie möglich sterben. Der andere Teil erschrickt. Wenn das Gift der Allmacht erst geleckt wurde? Paranoia oder Realismus?
Und trotzalldem geht es mir so sehr gut, so unvergleichlich gut, im Vergleich zu anderen. Und das sind viele. Alle Bewohner der sogenannten "Dritten Welt", die der unzähligen Flüchtlinglager. 
Huren dürfen nicht mehr arbeiten, Schauspieler auch nicht. Kleine Filmtheater, Galerien, Kabretts, Clubs, Bars, Boutiquen, Theater, Museen, Opernhäuser, geschlossen, die Liste ist lang. Meine Vergnügungen, geschlossen.
Am Ende von diesem Irrsinn werde ich entweder nur noch Hildegard von Bingen Zitate kopieren oder ganz neu über die Welt denken. Who knows.
Was mir mächtig auf die angestrengten Nerven geht, sind die vielen kleinen Propheten der Apokalypse, die jetzt in den Medien den Moment ihrer Wichtigkeit gekommen sehen. Keiner von uns weiß genau, wie schlimm es wird. Oder wie gut es ausgehen wird. Selbstgerechtigkeit ist für mich eine der unangenehmsten menschlichen Eigenschaften. Die Freiheit von Zweifel, ist die Freiheit von Empathie und Widerspruch. Es ist diktatorisch. Und so lange es meine intellektuellen Fähigkeiten zulassen, verteidige ich mein Recht unsicher zu sein.
Und zum Abschluss einen ernstgemeinten Dank an alle, die weiterarbeiten, weil es notwendig ist, die mir, sollte es dazu kommen, helfen, damit ich überlebe.



Donnerstag, 19. März 2020

Das C-Wort III

WIKI SAGT: Viren (Singular: das Virus, außerhalb der Fachsprache auch der Virus, von lateinisch virus, natürliche zähe Feuchtigkeit, Schleim, Saft, [speziell:] Gift‘) sind infektiöse organische Strukturen, die sich als Virionen außerhalb von Zellen (extrazellulär) durch Übertragung verbreiten, aber als Viren nur innerhalb einer geeigneten Wirtszelle (intrazellulär) vermehren können. Sie selbst bestehen nicht aus einer oder mehreren Zellen. Alle Viren enthalten das Programm zu ihrer Vermehrung und Ausbreitung, besitzen aber weder eine eigenständige Replikation noch einen eigenen Stoffwechsel und sind deshalb auf den Stoffwechsel einer Wirtszelle angewiesen. Daher sind sich Virologen weitgehend darüber einig, Viren nicht zu den Lebewesen zu rechnen. Man kann sie aber zumindest als „dem Leben nahestehend“ betrachten, denn sie besitzen allgemein die Fähigkeit zur Replikation und Evolution.

Proben abgebrochen, von Bremen nach Hause gefahren, das Leben ist anders. Die diesem "Leben nahestehenden" Dinger lungern überall herum, infizieren Tausende und manche, nicht wenige, vorzugsweise Ältere und Kranke, töten sie.
The Worst case scenario -  Das Szenarium für die schlimmste Variante - Drei Monate oder mehr "social distance". Blödes Wort, soziale Nähe geht auch ohne körperliche, oder? Drei Monate oder mehr und sicher bald das Ausgehsverbot, weil Leute halt gern Regeln ignorieren. Ich kenne diese Trotzhaltung von mir selber. Geht jetzt aber nicht, wegen der Alten und Kranken. Wir sollten uns vorstellen, wir seien infiziert, dann machen die Regeln Sinn. Ein kleiner Schnupfen, ein schwacher Husten, nix wirklich störendes, können für einen anderen Menschen Atemnot, Lungenentzündung, Erstickung bedeuten.
Also nehmen wir mal an: Drei Monate oder mehr. Vorrausgeschickt, ich lebe im Paradies im Vergleich zur überwiegenden Mehrheit der Menschheit. Ich lebe allein, bin nicht in finanzieller Not, welch Privileg in dieser Zeit, eigentlich in jeder Zeit, das Internet und das Telephon funktionieren, es gibt Lieferdienste, meine Wohnung ist warm.
Drei Monate oder mehr. März bis Juni, Juli. Der Frühling, der Sommeranfang. 24 Stunden täglich ohne meine gewohnte, geliebte Arbeit. Ohne Kneipen, Theaterbesuche, gemeinsame Essen, Kino, Museen, Nichtenbesuche, einen Handdruck hier und eine Umarmung da. Wie wird das, so auf mich zurückgeworfen zu werden?
Nebenthema. Warum Toilettenpapier? Was macht diese Papierstreifen so wertvoll? Wir leben in Mitteleuropa, wir haben eine Dusche, fließendes Wasser. Aber Toilettenpapier ist eine kulturelle Errungenschaft, wir wollen uns der Realität unserer Exkremente nicht mehr aussetzen. Meine Mutter erzählte gern, wie sie Freunden ihr blondes, dickes Baby vorführen wollte und eben jenes Baby sich wolllüstig mit der eigenen Kacke eingeschmiert hatte.
Drei Monate oder mehr.


Sonntag, 15. März 2020

Das C-Wort II

Wir probieren in einem Theater, dass nicht mehr für sein Publikum spielen darf.
Wir treffen uns immer noch zu unserer täglichen Arbeit.
Früh und Abends.
Aber wir alle haben Kinder.
Eltern.
Großeltern.
Um uns herum verändert sich gerade alles.
Grenzen werden geschlossen, Regale sind leer, Versammlungen sind verboten.
Oberflächliche Erinnerungen an die DDR werden wach.
Europa. Die EU. Werden diese Risse post-Corona wieder verheilen?
Wann ist das?
Ich fasse möglichst nichts mehr mit meinen Händen an, das ich nicht persönlich kenne.
Huste ich den gewohnten Raucherhusten oder klingt der heute etwas anders?
Mein Mißtrauen gegen irgendwas, das ich nicht einmal benennen könnte, bleibt bestehen.
Aber.
Aber. Wir werden nicht weiterprobieren. Mein Theater-Herz wird etwas zerbrechen. Wie schon öfter zuvor.
Aber diesmal ist es auch anders.
Größer. Unverständlicher. Unhandbarer.
Wie lange wird das dauern?
Bis nach Ostern?
Bis in den August?
Kinder ohne Freunde, ohne Schule, ohne Großeltern.
Jugendliche ohne Tanz und Gedankenlosigkeit, ohne Körpernähe.
Erwachsene ohne ihre üblichen Ablenkungen, mit Dauersorgen.Sozialdistanz? Gräßliches Wort.
Aber notwendig.
Aber was benötigen wir jetzt mehr als soziale Nähe?
Nähe ohne Körperkontakt.
Unvorstellbar, wenn die digitale Welt zusammenbräche.

das besondere ist nicht, dass etwas nicht mehr funktioniert, sondern dass es überhaupt jemals funktioniert hat 
pollesch

Donnerstag, 12. März 2020

Das C-Wort

CORONA 

Hilflosigkeit & Handlungsunfähigkeit sind körperlich intensiv spürbare Gefühle.

Ich weiß, das mein Rauchen zu Lungenkrebs oder Ähnlichem führen kann. Ich könnte aufhören und meine Chance auf ein längeres Leben würden sich erhöhen.
Ich altere dem Tod entgegen, wie alle anderen Menschen auch, das ist nicht immer angenehm, aber unvermeidlich und letztendlich die gerechteste Sache überhaupt, denn wir alle sterben. Über die Fairness des wie und wann können wir streiten und die Wahllosikeit der Auswahl verunmöglicht mir den Glauben an irgendeinen Gott.

Aber jetzt dieses C-Ding. Aus unzähligen Filmen habe ich einen Vorrat von Tsunami-Wellen-Bildern im Kopf, und immer stehen Leute herum und starren, bevor sie, viel zu spät, anfangen wegzurennen. Und jetzt, ohne jede Möglickeit mich zu verhalten, stehe ich, mir brav die Hände waschend, zwischen Tsunamiwellen, die aus unterschiedlichen Richtungen auf uns heranrollen, und bin hilflos und handlungsunfähig.

Sollen wir morgen eine öffentliche Probe abhalten? Ist das wichtig? Wird überhaupt jemand kommen? Ist das wichtig? Unser Publikum ist eher dem älteren Bevölkerungsquadranten zugehörig, der besonders gefährdet ist, könnten wir sie gefährden? Wird es überhaupt eine Premiere im April geben, wenn, laut Aussage des Chef-Virologen der Berliner Charité, die Infektionswelle erst im August ihren Höhepunkt erreichen wird? Ist das wichtig?

Was tue ich dann zwischen jetzt und August?

Eine wahrhaft neue und äußerst unangenehme Erfahrung. Niemand den ich hassen kann, niemand den ich bekämpfen kann. Kismet.

Ein Virus.

Übertreiben all die Fachleute? Die WHO und die Ärzte? Ist die rechte Zeit für paranoide Verschwörungstheoretiker gekommen? Oder müssen wir uns beugen und die Welle in Demut und unter größtem möglichen Widerstand und mit größt möglicher Hoffnung über uns rollen lasssen?

Ich weiß es nicht.


Freitag, 14. Februar 2020

Im Rausch

Der Nibelungen Wut - Furor Teutonicus

Etwas Neues. Bisher eine Menge Strichfassungen, einige Adaptionen, ein Stück nach Bibeltexten und nun unser erstes ganz und gar eigenes. 
Was für ein Abenteuer.
Ohne Grit wäre das alles gar nicht möglich.
Und - die Edda, das Nibelungenlied, ein Meter Sekundärliteratur, alle Filme, die ich je gesehen, Bücher, die ich gelesen, Musik, die ich gehört habe, der gesamte Wildwuchs im Hirn, Gespräche, Nachrichten, Zufälligkeiten - alles fließt ein, fliegt raus, wird integriert.
Ich danke meinem Vater, der mir während gemeinsamer Frühstücke und Abendessen mit Duden und Meyers Lexikon, die Liebe zur deutschen Sprache eingefüttert hat. Meiner Mutter weil sie mich alles durcheinander lesen ließ, und meine faule Neigung zum Kitsch gebändigt hat. Meinen Freunden, weil sie mich herausgeforden, weiter zu denken, als ich es allein könnte oder vielleicht wollte. 

Was für ein wahnwitziges Abenteuer.
Langsam beginnen die Figuren ihre persönliche Sprache zu sprechen, widersprüchliche Meinungen zu haben, ihre eigenen Witze zu machen.

Die Nibelungen - Kriemhild, Brunhild und Hagen sitzen, verbannt in die untere Hölle, bei Hel, der Jenseitsgöttin und giften sich seit hunderten von Jahren an. Treue, Verrat, Rache, Mord, Hort, Blut, Gut, Gold - ein endloser mißtönender Gesang - eine deutsche Horrorstory - ein Mord hinterrücks wird zur Dolchstoßlegende und ein blutiges Massenschlachten zum Symbol der Nibelungentreue. Im Zentrum, wenn auch nicht anwesend, der Held - SIEGFRIED. 
Das soll ein Held sein?
Aber auch das Jenseits braucht Digitalisierung der Archivbestände, eine junge Frau wird angeheuert. Sie sieht Möglichkeiten der Vermarktung und mit dem Hort als Anschubfinanzierung wäre Einiges möglich. Wird Hagen ihr die Lage des Verstecks verraten?


Politische Bewegungen verschiedenster Art haben sich diese Geschichte unter den Nagel gerissen, für ihre Zwecke gebraucht, mißbraucht. Die Blut & Boden Rethorik der Neuen Rechten und die unserer "gemäßigten" Faschisten mit ihrer Beschwörung der tausendjährigen europäischen Kulturgeschichte bedienen sich hier, wie bei der heißen Schlacht am kalten Buffet.
Mein momentaner Browserverlauf ist ein Mix aus deutscher Geschichte, Mittelalter, Mythologie und jeder Menge rechter Propagandaseiten. 

Sonntag, 2. Februar 2020

Die Wütenden – Les Misérables

Die Wütenden – Les Misérables

Ins Kino gehen, Karte kaufen, zuschauen. 

Ladj Ly ist ein junger französischer Filmregisseur, der in Montfermeil, einem Vorort von Paris, aufgewachsen ist. Sein erster Spielfilm ist für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert und das, denke ich, zu Recht.

Montfermeil ist einer der Vororte, die unter der Bezeichnung Banlieues in unsern Wortschatz geraten sind. 

Wiki sagt: Der französische Ausdruck Banlieue, von lateinisch bannum leucae, wörtlich: „Bannmeile“ bezeichnet die verstädterten Bereiche außerhalb eines Stadtzentrums bzw. die Randzone einer Großstadt, die sich im 19. Jahrhundert im Zuge von Industrialisierung wie Urbanisierung herausbildeten.

https://www.bpb.de/internationales/europa/frankreich/152511/problemgebiet-banlieue 

Ly erzählt über Dinge, die er kennt, er erzählt sie mit Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Wut und unter Mitwirkung von Schauspielern und vieler Einwohner von Montfermeil.

2018, ganz Frankreih bejubelt den Sieg der französischen Mannschaft in der Fußball-Weltmeisterschaft. Ganz Frankreich, ganz Paris, die jugendlichen Bewohner der Vorstädte sind ins Zentrum gefahren, um mitzujubeln. Sie sind Franzosen, hier geboren und aufgewachsen. 

Dann fgehen sie zurück nach Montfermeil, ins Abseits.

Ein Löwenbaby wird aus einem Zigeuner-Zirkus gestohlen. Eine Harmlosigkeit hat schreckliche Folgen, scheint gelöst und eskaliert ins Entsetzliche.Auch gute Absichten erweisen sich als hilflos, verständliche Verhärtungen verhindern Verständigung. Der Umgangston ist roh. Niemand ist wirklich böse, Unschuld ist ein Risikofaktor.

Der Film findet das perfekte Ende. Er entläßt mich in verzweifelte Hoffnung oder ins resignierende Aufgeben, je nach Gemütslage. Ich habe geweint und hoffe.

Ich lebe ein sehr privilegiertes Leben. Die meisten von uns tun es. Das sollten wir bedenken. Nicht wegen des trendigen "white privilege" Labels, sondern, weil wir oft wirklich keine Ahnung haben, wie andere Menschen leben und um wieviel härter ihre Ausgangsposition, um wieviel geringer ihre Chancen und um wieviel größer die Hürden sind, die sie zu überwinden haben.

Merkt Euch, Freunde! Es gibt weder Unkraut noch schlechte Menschen. Es gibt bloß schlechte Gärtner. Victor Hugo in Les Misérables

Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. 


Ladj Ly

Samstag, 25. Januar 2020

4.48 Psychose

At 4:48, my happy hour
When clarity visits
Warm darkness
Which soaks my eyes


Ulrich Rasche, 4.48 Psychose, Deutsches Theater.
Drei Stunden ohne Pause. 
Ich bin weg.
Mein rechtes Ohr tut mir weh von der Musik. 
Mein Herz tut mir auch weh.

Was für ein wunderbarer Text.
Ich mag nicht über den Abend sprechen.


Ich hatte Glück, sie 1997 ganz kurz, anläßlich einer Lesung ihres Stückes "Phädra" in der Baracke des Deutschen Theaters, kennenzulernen. Eine zarte Version von Lady Diana, die unbedingt mit dem Rauchen aufhören wollte und mit leiser Stimme das feinste britische Englisch sprach. 
Beim Lesen von "Blasted", an der Stelle als als der Soldat das Zimmer betritt,  hatte ich damals vor Schreck das Buch fallen gelassen. Krieg bei mir, bei uns, hier, jetzt.
Und ich erinnere mich, wie ein Freund "Cleansed" ("Gesäubert"), das gerade herausgekommen war, mitbrachte, wie wir es gemeinsam lasen und bis fünf Uhr früh heiß und beseelt darüber stritten.
Wie sehr bedauerlich für mich, dass ich sicher bin, ihren Texten nicht gerecht werden zu können. Mir fehlen die Bilder, derer sie bedürfen.
 
Was für ein wunderbarer Text.
Ich mag nicht über den Abend sprechen.

Wiki sagt: Der Ausdruck Demut kommt von althochdeutsch diomuoti 'dienstwillig', also eigentlich 'Gesinnung eines Dienenden'. 

Ein ganz und gar konservativer Gedanke: wäre gelegentlich in unserem Beruf, dem des Theater'machers', nicht etwas wie Demut angebracht gegenüber den Ideen, Gedanken, Absichten des Autoren? Ich meine nicht Unterwürfigkeit, aber Anerkennung von großem Talent und Interesse an dessen Absichten? Manche Regisseure, wie z.B. Castorf oder Milo Rau, schreiben ihre eigenen Stücke, da erübrigt sich diese Frage, aber für uns andere ist sie doch möglicherweise interessant. Wie verfahren wir mit Texten anderer? Eigenwillig und liebevoll oder...?
Und noch ein erschreckend altmodischer Gedanke: Ist der Zuschauer unser Freund? Mögen wir ihn? Verachten wir ihn? Wollen wir ihn verführen oder terrorisieren? Ihn interessieren oder belehren?
Als Jan Fabre 24 Stunden "Mount Olympus" präsentierte, erlaubte er mir großzügig ein- und auszusteigen. 
(Immer noch mein größtes Theatererlebnis der letzten Jahre.)
Heute abend: Drei Stunden ohne Pause. 
Ich bin vorher weg.
Mein rechtes Ohr tut mir weh von der Musik. 
Mein Herz tut mir auch weh.

Was für ein wunderbarer Text.
Ich mag nicht über den Abend sprechen.   
Tindersticks 4.48 Psychosis
https://www.youtube.com/watch?v=EenINe14Cp4

But you have friends
What do you offer your friends
To make them so supportive?
What do you offer?

100, 91, 84, 81, 72, 69, 58
44, 37, 38, 42, 21, 28, 12, 7

And hatch opens, stark light
The television talks full of eyes
The spirits of sight
And now I am so afraid

I'm seeing things, I'm hearing things
I don't know who I am
Tongue out, thought stalled
The piecemeal crumple of my mind

Where do I start? Where do I stop?
How do I start? How do I stop?
How do I stop? How do I stop?

At 4:48 when sanity visits
For one hour and twelve minutes
I am in my right mind
When it has passed I shall be gone again

Remember the light
And believe the light
Nothing matters more

Hatch opens, stark light
A table, two chairs and no window
Here am I and there is my body
Dancing on glass

In accident time
Where there are no accidents
You have no choice
The choice comes after

Cut out my tongue
Tear out my hair
Cut off my limbs
But leave my love

I would rather have lost my legs
Pulled out my teeth
Gouged down my eyes
Than lost my love

At 4:48 I shall sleep
What do you offer?

Hatch opens, stark light
And nothing, nothing
See nothing

Still black water as deep as forever
As cold as the sky, as still as my heart
When your voice is gone
I shall freeze in hell

At 4:48, my happy hour
When clarity visits
Warm darkness
Which soaks my eyes

Samstag, 11. Januar 2020

KNIVES OUT im Kino

KNIVES OUT – Mord ist Familiensache
Messer raus? Nein, da nehmen wir doch lieber den Vorschlag des Erklärbären, damit unser deutsches, leicht zu verunsicherndes Publikum gut vorbereitet ist.

KNIVES OUT ist ein nicht wirklich guter Fernsehfilm, der zum Kinofilm aufgeblasen wurde, und dem überraschenderweise auch die beeindruckende Besetzungsliste nicht hilft, das große Format zu rechtfertigen.

KNIVES OUT - Benoit Blanc, der Privatdetektiv. Ihn spielt Daniel Craig, den habe ich, lassen wir James Bond mal außen vor, als großartigen Schauspieler in merkwürdigen, eigentümlichen Filmen gesehen. "Layer Cake" und "Love Is The Devil" über Francis Bacon sind nur zwei Beispiele. Hier zelebriert er einen breiten Südstaaten-Akzent und gefällt sich selbst etwas zu sehr.

Jamie Lee Curtis ist immer gut, Christopher Plummer verläßlich, Chris Evans als !!!!SPOILER!!!! Mörder sollte unbedingt funktionieren. Aber nichts klappt, wie es sollte. 

Miss Marple und Poirot habe ich schon in guten Kinoversionen gesehen und, vor allem die älteren Versionen, sehr gemocht. "Tod auf dem Nil" mit Peter Ustinov und "Mord im Orient Express" mit Albert Finney als Poirot.

Joan Hickson, Angela Lansbury und Margaret Rutherfordhaben Miss Marple gespielt. "Sleuth" oder "Mord mit kleinen Fehlern" ist ein wunderbares Kammer-Krimispiel auf der großen Leinwand, mit Michael Caine & Laurence Olivier als einander austricksendes Traumpaar.

Menschen in einem Haus, die ein Problem haben, "August: Osage County", "Der Große Frust" ("The Big Chill"), "The Breakfast Club", "Misery", "Das Fest", "Fenster Zum Hof", etc., etc.. Kammerspiele können Vorlagen für gute Filme sein.

KNIVES OUT bietet weder faszinierendes Psychodrama, noch einfallsreiche Bebilderung eines beschränkten Motivs und es gab nicht einmal Wendungen in der Aufklärung des Mordes, die mich wirklich überrascht haben.

LANGWEILIG!

Ich habe keine Ahnung warum der Film so großartige Kritiken bekommen hat.

https://giphy.com/gifs/bbcamerica-bbc-america-killing-eve-polastri-U7Uxq9Lyz02oStvUIE


Sonntag, 5. Januar 2020

Spaghetti - Avocado - Lachs

Im Netz bei goodfood-bbc gefunden, ausprobiert und für sehr gut befunden! Einfach, schnell, schmackhaft und gesund!

SPAGHETTI MIT AVOCADOCREME UND RÄUCHERLACHS
Für 2 Personen

Was man eh in der Küche hat:                                  Was man kaufen muß:
Spaghetti                                                                200 g Räucherlachs 
Olivenöl                                                                  2 Avocados
Knoblauch                                                               1 Zitrone
Salz, Pfeffer &                                                          Petersilie
nach Belieben Kapern und Parmesan

Bild von der BBC-Seite geliehen
- Spaghetti al dente kochen.
- 2 El Öl mit dem Fleisch der beiden Avocados, 1 bis 5 Knoblauchzehen nach Wunsch, Zitronensaft  und einem halben Bund Petersilie mit dem Rührstab zu einer dicklichen Creme verarbeiten.
Guacamole könnte man es auch nennen.
- auf den Tellern Sauce und Lachsstücke anrichten, heiße Spaghetti drauf, vermischen, die restliche Petersilie & Parmesan drüber, Guten Appetit!

Freitag, 3. Januar 2020

GLAUBE, LIEBE, HOFFNUNG - Co-Regie Jürgen Kruse

Zwei Stunden und eine halbe war viel Dunkel und trotzdem unentwegt was zu gucken. Ich habe nicht geschlafen, wurde nicht müde und bin doch irgendwie enttäuscht.

Widersprüchliches wirbelt in meinem Kopf.

Einerseits die hohe Sprachkunst einiger Schauspieler, andererseits ihr Abkippen in Maniriertheit.
Meine Lust an ihrer Handwerklichkeit und Distanz durch ihr stets sichtbare, hörbare Handwerk.
Gegen den Sinn-Betonen bringt Klarheit und kann mich extrem nerven.
Horvath klingt, vibriert und Horvath wird zerhäckselt und zersägt.
Horvaths herrliche Kunstsprache wird nochmals verkunstet. 
Kruse traut ihm nicht, obwohl er ihn liebt. 
Ein wenig Demut wäre angebracht gewesen.

Herzzerreißende Bilder zerfasern plötzlich, manchmal kommt das Spiel fast gänzlich zum Stillstand, was von wachmachender Wirkung sein kann, weil ich dann begreife, wie dünn der Theaterboden ist, aber nach einer Weile ist es einfach langweilig.

Das Bühnenbild ist ein Imaginarium, gefüllt mit Engeln, Litfaßsäulen, Tineff und Möbeln, ein Augenlabyrinth. Aber es wird mir kein Moment gegönnt, sie wirklich anzuschauen. Ist das gut? Weil das Mysterium bewahrt wird? Oder ist es nur Geheimniskrämerei und ungenaue Beleuchtung?

Die Kostüme sind wunderschön. Zu schön, bedenkend, dass hier Armut verhandelt wird? 

Linda Pöppel, die Hauptfigur reißt sich das Herz aus dem schmalen Leib und bringt mich doch nicht dazu, um sie zu weinen, weil sie so viel besser kann.

Manuel Harder, wie immer bühnenfüllend, aber ohne echtes Risiko, flüchtet ins Abseits und in eine Lautstärke knapp über der Hörbarkeit. Leerlaufende grandiose Nervosität.

Das Stück, wer Lukas Kristl ist, der Mitautor, den das Programmheft benennt, weiß ich nicht, das Stück von Ödön von Horvath, von dem Mann, der in Paris während eines Sturms von einem Baum erschlagen wurde, ist ganz und gar wahrhaftig und traurig und wunderbar.

Ich liebe diesen Dichter.
"Zur Schönen Aussicht", "Casimir und Caroline", "Don Juan kommt aus dem Krieg", "Geschichten aus dem Wienerwald", " Ein Kind unserer Zeit".

"Zur Schönen Aussicht" - vor Jahren in Bremen ohne Vorwissen gesehen und ich war tief bestürzt.
"Casimir und Caroline" von Marthaler inszeniert in Hamburg, mein Herz hat gebebt.
"Don Juan kommt aus dem Krieg" mit Michael Gruber am DT gearbeitet, eine absurde Probenzeit, aber ein feiner Abend.
"Geschichten aus dem Wienerwald" von Maximilian Schell im Kino gesehen, ich hatte üble Zahnschmerzen und habe sie vergessen.
"Ein Kind unserer Zeit" am Theater 89, die letzte Rolle meines Vaters und das erste Mal, dass ich in einer seiner Vorstellungen geweint habe. 
Ein alter Mann, ohne die Fähigkeit zur Gestik, um sein Leben betrogen, stirbt im Schnee auf einer Parkbank. 


Am Ende von "Glaube, Liebe, Hoffnung" stirbt eine junge Frau an Hunger und keiner nimmt davon Notiz.

Das Plakat zur Inszenierung des Theaters 89 von Volker Pfüller