Mittwoch, 25. September 2019

GRETA - DER STEIN DES ANSTOSSES

Ich bin faul. Schon mein Vorhaben ab jetzt keine Zigarettenstummel mehr auf die Strasse zu werfen, strengt mich ungeheuer an. Aber ich trenne meinen Müll, verwende wiederverwenbares Einwickelpapier und Papiertüten, recycle meine Flaschen über den Umweg der vielen Flaschensammler in meiner Gegend, spende für Ärzte ohne Grenzen und die UNESCO. Aber ich esse auch immer noch Fleisch, vermeide einige, aber nicht alle Flüge und könnte, o ja, ich könnte weit mehr tun.


Dann habe ich Folgendes auf Facebook gepostet: 

Sind wir uns einig darüber, dass es eine menschenverursachte Klimaverschlechterung gibt? Stimmen wir darin überein, dass wir jetzt und sofort Vieles in unserem Verhalten verändern müssen, um eine Katastrophe für unsere Kinder und Kindeskinder zu verhindern, und dass die notwendigen gesellschaftlichen Einschnitte unter den Regeln unserer kapitalistischen Gesellschaft nicht leicht durchzusetzen sein werden? Also was ist dann euer Problem mit Greta Thunberg?

Was an Kommentaren folgte ist geradezu surreal.

Die Vorgeschichte: Dieses Mädchen, diese junge Frau, genauso alt wie meine Lieblingsnichte, die auch sehr bestimmte Meinungen hat, beide 15 Jahre alt, beschließt eines Tages, zu streiken. Skolstrejk för klimatet nennt sie es. Schulstreik fürs Klima. Es ist der Herbst des Jahres 2018, Schulbeginn. Sie setzt sich allein mit einem selbstgemalten Poster vor das schwedische Parlament, das tut sie drei Wochen lang, dann schließen andere schwedische Kinder sich ihr an. Fridays for Future entsteht. Sie wird zur Leitfigur, gewollt oder nicht. Immer größere Mengen von Kindern und jungen Menschen demonstrieren am Freitag. Wußte sie, was sie auslöst? Ich bezweifle es. Hat sie das, was sie ausgelöst hat in der Hand, ich bezweifle es. 

Aber! Aber, wenn sich viele Menschen, und noch dazu viele junge Menschen, über die dauernd gejammert wird, dass sie so träge und unpolitisch seien, jetzt auf Strassen gehen und protestieren, kann das etwas Schlechtes sein?

Die wollen bloß nicht zur Schule und schwänzen ist gegen das Gesetz! 

Lenin soll gesagt haben: Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas, wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich erst noch eine Bahnsteigkarte!“

Greta fährt in einem Boot nach New York zum Klimagipfel. PR-Aktion oder naiver Versuch der Konsequenz? Sie hält dort eine Rede. "How dare you?" Wie kann sie es wagen?


Sie ist psychisch krank oder zumindest stark gefährdet, sie ist eine Marionette übler Mächte, sie ist eine unverschämte Göre, eine akute Gefahr. Sie ist zu jung, um so einflußreich zu sein. Zu haßerfüllt, um akzeptabel zu sein. Toxisch. Hitlerine! Ihr Gesicht ist bei ihrer Rede vor der UNO von Hass verzerrt.

Ich würde es verzweifelt wütend nennen. Ein Mädchen mit Aspergers, die vor einer großen, wichtigen Zuhörerschaft die Contenance verliert. Was Wunder? Bedenkend, dass mein Gesicht dazu neigt einer der Puppen von Spitting Image zu gleichen, wenn ich emotional aufgeregt bin, verwundert mich das gar nicht.

Und jetzt kommt der peinliche Teil. 
Trotzdem ich keine Anhängerin der neuesten moralinsauren Opfer-Gender-Politik bin, weil ich denke, das sie wie "Teile &Herrsche" ein Versuch ist, uns von den wirklich monströsen Problemen vor denen wir stehen, abzulenken: die meisten der sich ereifernden oder sich hinter ironischer Abwertung absichernden Kommentatoren sind ältere Männer. Das sie weiß sind sind, ist irrelevant, denn ich kenne nunmal hauptsächlich weiße Männer.

Und noch peinlicher: 
Einige dieser Männer würde ich als meine Freunde bezeichnen, aber plötzlich klingen sie wie böse Greise, die prostatageplagt, die Leiden ihrer Kindheit der heutigen hilflosen Jugend als Stolpersteine vor die Füße werfen.

Wie schwer ist es, heute Position zu beziehen? Pro und Contra sind immer anwesend. An allem ist zu zweifeln, heißt heute eher, "wenn du eine Meinung hast, werden sich im Internet genug Menschen finden, welche Dir diese austreiben werden." Lasst die jungen Leute in Ruhe, ihr hättet auch nicht gewollt, dass euch die Alten dauernd erklären, warum ihr naiv und überfordert seid.

Greta ist 15 und sie ist nicht Luzifer, nicht das Böse an sich. Sie hat an einem bestimmten Punkt unserer Geschichte, genau das gesagt, was viele hören mußten. Sie ist erfolgreich, trotz ihrer selbst. Wir sind weniger erfolgreich und tun, jedenfalls gilt das für mich, zu wenig.

Der Kreis schließt sich.
Sind wir uns einig darüber, dass es eine menschenverursachte Klimaverschlechterung gibt? Stimmen wir darin überein, dass wir jetzt und sofort Vieles in unserem Verhalten verändern müssen, um eine Katastrophe für unsere Kinder und Kindeskinder zu verhindern, und dass die notwendigen gesellschaftlichen Einschnitte unter den Regeln unserer kapitalistischen Gesellschaft nicht leicht durchzusetzen sein werden? 

Also, mit Greta oder ohne, was wollen wir tun?

Dienstag, 17. September 2019

Edward Burtynsky - Anthropzän

 EDWARD BURTYNSKY - ANTHROPOZÄN

"[wir]kommen aus der Natur....Es ist wichtig der Natur eine gewisse Ehrerbietung zu erweisen, weil wir mit ihr verbunden sind....Wenn wir die Natur zerstören, zerstören wir uns selbst."

“[we] come from nature.…There is an importance to [having] a certain reverence for what nature is because we are connected to it... If we destroy nature, we destroy ourselves.” 
E. B.

Edward Burtynsky OC (* 1955 in St. Catharines) ist ein kanadischer Künstler, der mit großformatigen Fotografien von Industrielandschaften bekannt wurde. So sagt Wiki

 Salzwerk - Salinas #3 Cádiz, Spain, 2013

Das Anthropozän ist der Versuch der Benennung einer geochronologischen Epoche: des Zeitalters, in dem der Mensch zum wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist. (Wiki)

Ölbunker - Oil Bunkering #1, Niger Delta, Nigeria, 2016

Um seine bevorzugte Gott-Perspektive zu erreichen, begann er mit hochgelegenen Orten und hohen Stativen, dann ging er zu teleskopischen Hydraulikstangen über ( stellen Sie sich einen 15 Meter  langen Selfie-Stick vor) dann Flugzeuge und Hubschrauber und jetzt Computer-kontrollierte Drohnen. Seine Leute suchen nach möglichen Motiven im Komfort von Google-Earth, dann legt Burtynsky mit Hilfe von GPS-Technologie eine Position nach Längen- und Breitengrafd und Höhe fest...
Oliver Wainwright im Guardian

Offene Kupfermine - #8, an open pit copper mine in Canada

“We’re at a critical moment in history where we’re starting to hit the thresholds of human expansion and the limits of what this planet can sustain. We’re reaching peak oil, peak fish, peak beef – and the evidence is all there to see in the landscape.”

"Wir sind an einem ktitischen Moment der Geschichte, an dem wir die Schwellen der menschlichen  Expansion erreicht haben und die Grenzen von dem, was dieser Planet aushalten kann. Wir erreichen Maximal-Öl, Maximal-Fisch, Maximal-Rindfleisch - und die Beweise sind alle zu sehen in der Landschaft."
 E. B.

Sägemühlen - Saw Mills #2, Lagos, Nigeria

Alle Photographien © Edward Burtynsky, All Rights Reserved

Samstag, 14. September 2019

Postdramatisches - Dramatisches

Ich gehe oft Theater gucken.

Wenn es mir gut tut, bin ich danach beglückt, verwirrt, aufgeregt, nachdenklich, irritiert, gelegentlich sogar neidisch. Manchmal war es nur ein kurzer schauspielerischer Moment, manchmal ein Gedanke, den ich sonst nicht gedacht hätte, manchmal ein Arrangement, eine Bewegungen, eine Geste. Ganz selten, geschieht es, dass ich einen ganzen Abend in wunderbarer Klarheit verbacht habe, scharfsichtig und heiß, weil jemand tiefer gedacht hat, als ich es konnte, Bilder erfunden hat, die ich nicht hätte erdenken können, weil jemand sich schweißtriefend bemüht hat, wahrhaftig zu sein und/oder weil dieser jemand zornig genug war, um waghalsig zu denken, für die Kunst, für die Wahrheit, für das Überleben des von mir geliebten, schon sehr alten, und mittlerweile recht gebrechlichen Theaters. 

Aber. Aber oft, zu oft, gehe ich in der Pause, erschöpft und mißmutig. 
Ein Einfall wurde gehabt. (Und ich meine nur "einer".) Eine Provokation wurde behauptet. (Wer glaubt noch, im Theater provozieren zu können? Womit denn?) Eine sichere Nummer wurde geplant. (Der Hype verlangt Opfer, produziere viel und wiedererkennbar, carpe diem, morgen kann es vorbei sein.)

Castorf, mal unerträglich repetitiv, man hirnerfrischend wild, quält sich und alle seine Mitarbeiter durch die Untiefen seines großen Hirns. Milo Rau will die Welt verstehen und vergißt darüber nicht, dass er mich, damit ich ihm folge, unterhalten, meine Aufmerksamkeit wachhalten muß. Thorsten Lensing breitet Teppiche aus für die Talente seiner Spieler. Christopher Rüpping verbeißt sich in Texte und begeistert seine Mitarbeiter zu Höchstleistungen. Etc., etc.

Aber. Aber, oft ist faules Mittelmaß, was mir geboten wird. Dabei ist ein großes, überfordertes Scheitern bei weitem erträglicher, als die häufig erlebten Repetitionen eines "Erfolgrezeptes" oder die ebenso häufige nachlässige, eitle Bebilderung eines nicht zu Ende gedachten Konzeptes. Dafür werden Spieler, hochbegabte, geliebtwerdenwollende, aufopferungswillige geopfert, die lange, zu lange Abende mit Kraftmeierei und Behauptung durchstemmen müssen. Nackt, nein, entblößt werden sie der trendbewußten, lauen Neu-Gier des Publikums zum Fraß vorgeworfen.

Ich wünschte, es gäbe eine Verbots-, Gebotsliste für Inszenierungen. Denke Deinen Plan bis zum Ende. Die Logik der Bühne ist nur auf derselben gültig, dort aber unbedingt. Liebe deine Spieler, sie müssen, das was du dir ausdenkst, vertreten, aushalten, während ihnen Hunderte Menschen zuschauen, bist du es, ist es dein Plan wert? Unterschätze die Intelligenz Deiner Zuschauer nicht, ja, sie sind überfüttert, denkfaul und leicht verführbar. Aber ganz tief drinnen wissen sie, wenn sie beschissen, nicht ernst genommen werden, wenn sie nicht gemeint sind.
Postdramatisch ist eine Dramaturgenbehauptung, selbst im Untergang, sollten wir uns denn darin befinden, empfinden wir unser Leben als reales Drama. Und das ist unser Recht. Weil wir es aushalten müssen und nicht nur seine Zuschauer sind.

Weniger sinnfreies Gebrülle, Nacktheit nur, wenn sie inhaltlich notwendig ist, jeder Geschlechterwechsel sollte Sinn machen, Heiner Müller-Zitate sollten nur im Notfall verwendet werden. Und grundsätzlich, Menschen, also auch Theaterfiguren leben in Umständen, die Vorgänge erzeugen, nicht nur in emotionale Zuständen. Stückfiguren leben in Umständen, die ihnen Reaktionen abverlangen. Den emotionalen Zustand "an sich" gibt es nicht. Niemand leidet an und für sich. Niemand. Die soziale Position ist entscheidend innerhalb jeder Auseinandersetzung.

"Das große Format entschuldigt alles." b.b.
Aber groß sollte es sein. Wenigstens nicht kleiner als eine Supermarktgurke. 

Donnerstag, 12. September 2019

Macht das alles einen Sinn - und wenn ja, warum dauert das so lange?

Hat das alles einen Sinn - und wenn ja, warum dauert das so lange?  Regie: Andreas Wilcke
Keinen Sinn für Humor. Keine eigene politische Haltung. Kein Sinn fürs Theater. Nur allgemeine Sentimentalität den "guten" alten Zeiten gegenüber. Kitsch.
Ungewöhnlich schlechter Schnitt.
Frank kommt schlecht weg, obwohl er doch ums Verrecken das Idol sein soll. Weil halt nur schicke Ausbrüche gezeigt werden und nicht die Momente, wo er in widerwillig herausgemurmelten Sätzen Strukturen aufdeckt oder wo er einen absurden Einfall in die Runde wirft, der sich im Ausprobieren als szenisch brilliant erweist.
Die Qual der Proben wird nicht gezeigt und nicht ihre kindliche Albernheit. Nur der Druck.
Uns hat er damals gefragt, ob wir was Merkwürdiges können, ein Kollege konnte jodeln, da haben wir als Chinesen dann gejodelt.
Hier soll ums Verrecken Genie bewiesen werden, doch dazu braucht es keinen Weihrauch, keine überlangen Einstellungen, kein Ich-weiß-wie-es-war Getue, dazu braucht es uneitles, Interesse mit Geduld und Neugier. Interessantes Wort: Neugier, gierig danach Neues zu erfahren, nicht nur einfach eigene Überzeugung zu bestätigen.
Öde. Mir fällt kein besseres Wort ein.
Die beste Szene, wenn Sophie Rois herzallerliebst gähnt, während Frau Angerer einen längeren Monolog hält. Alexander Scheer scheint so sympathisch, zu sein, wie ich vermutete.
Wenn man nur die Videos aus großen Szenen abfilmt, erweist sich, dass Theater spannender ist als seine filmische Abbildung.
Verehrung ohne das nötige Talent und ohne Witz und ohne Distanz schadet dem Verehrten.
Ich hatte das Gefühl vier Stunden im Kino zu sitzen, dabei waren es nur zwei. Kein gutes Zeichen.