Freitag, 13. Mai 2011

Repost - Sofi Oksanen Fegefeuer


Die Wände haben Ohren
und in den Ohren schöne Ohrringe
Paul-Eerik Rummo

Eine Freundin hat mir das Buch empfohlen, weil es "über Dinge spricht, die ich nicht weiss, aber wissen sollte." Sie hatte Recht.
Bedenkend, dass wir nun alle Mitglieder dieser Gemeinschaft europäischer Länder sind, ist es erschreckend, wie wenig ich über manches dieser Länder weiss.
Estland, Baltikum, Talinn, hmmm? Ein kleines Land mit nur eineinhalb Millionen Einwohnern, jahrhundertelang unter Herrschaft einer deutschen Oberschicht in einer Art Autonomie zwischen Schweden und Russland hin- und hergeworfen, zwischen 1920 und 1940 dann zwanzig Jahre Selbstherrschaft, erfochten in einem Freiheitskrieg (1918-1920), aber durch den Hitler-Stalin Pakt, 1940 der UdSSR anheimgefallen. Man spricht von 10.000 Verschleppten, viele von ihnen verreckten in den sowjetischen Lagern. 1941 Einmarsch der Deutschen Armee, viele estnische Männer wurden eingezogen, manche flohen nach Finnland, manche kollaborierten heftig mit den Deutschen.
Zitat:
Im unabhängigen Estland genossen Juden religiöse und politische Autonomie. Am Vorabend der deutschen Besetzung lebten 4.500 Juden in Estland, davon 2.500 in Tallinn. Während sowjetischen Okkupation in der Folge des Hitler-Stalin Paktes wurden etwa 10% der Juden deportiert (Ähnlich war es in Litauen und Lettland), jüdische Institutionen wurden großteils geschlossen.
Der Treppenwitz der Weltgeschichte ist, von den nach Sibirien deportierten Juden aus dem Baltikum überlebten mehr als die Daheimgebliebenen. Knapp nach der deutschen Invasion wurden etwa 1.000 Juden durch die Deutschen und ihren lokalen Helfern ermordet. Die anderen konnten großteils in die UDSSR fliehen. Es gab ein Konzentrationslager in Estland, Klooga, etwa 35 km von Tallinn entfernt.

www.arbeit-und-leben-hochtaunus.de/Estland.Kollaborateure.pdf


1944 kamen die Russen wieder, Estland wurde wieder Sowjetrepublik. Weitere Deportationen und gezielte massive Ansiedlung von Russen, erst 1990/91 Erlangung der Unabhängigkeit, da Russland hatte genug mit sich selbst zu tun.

Soweit die kalten Fakten: die Geschichte des Buches findet hauptsächlich in einem estnischen Dorf statt, im Haus einer Familie, es springt in der Chronologie durch das letzte irrwitzige Jahrhundert und erzählt von zwei Frauen, denen ihre Körper entrissen wurden, missbraucht, okkupiert, zertreten. Bei der einen, der Alten, als "Nebenprodukt" von paranoider Sicherheitspolitik und Allmachtsmissbrauch, bei der jungen aus merkantilem  restlosem Moralverlust. Beide sind auch Mörderinnen. Und da sind Landschaft, Pflanzen, Bäume, Früchte, der Schatten einer Erinnerung an etwas ganz Altes, Sinnliches im nützenden Umgang mit Natur. Und da ist Gewalt, ebenfalls beschrieben wie eine Naturgewalt. Fleisch, Schweiss, Fett, Gelächter, Brutalität und die Frauen verlassen den geschundenen Körper, sie wurden "zu einer Maus in der Zimmerecke, zu einer Fliege an der Glühbirne, sie flog fort, sie wurde zu einem Nagel in der Wandpappe, zu einer rostigen Reißzwecke..."
Ein Roman über Ausgeliefertsein und Schuld, über eine schreckliche Liebe und über die Fähigkeit mehr zu ertragen, als ich mir überhaupt vorstellen kann. Und es ist ein bescheidenes Buch, nicht hochtrabend, nicht anklagend, es staunt mit  vor Schrecken aufgerissenen Augen.


Hof in Estland

Kommentare:

  1. Gegenwart und Vergangenheit ineinander verstoffwechselt. Risse im Zellkern.

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  2. Es ist ein ganz wunderbares Buch und hat meinen Horizont in jeder Hinsicht erweitert.

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  3. Da bin ich froh. Ich weiss schon, wem ich es jetzt aufschwatzen werde.

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