Samstag, 21. Mai 2011

Erich Kästner - Sachliche Romanze

Sachliche Romanze
 
Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wussten nicht weiter.
Da weinte sie schliesslich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagt, es wäre schon Viertel nach vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend sassen sie immer noch dort.
Sie sassen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

Erich Kästner

Edward Hopper 1932 Room in New York
 

Kommentare:

  1. Alexander Höchst21. Mai 2011 um 12:33

    Wo kommt der Schnee her, der Hagel, das Wasser in den Augen... ein Begräbnis gibt es nicht... suchen, was es nicht gibt und das Loch frist tief... das Nichts so weh tun kann...

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  2. Ein trauriges blödes bequemes Gedicht. Es gibt immer Ursachen für Veränderung der Gefühle, über die nachzudenken wäre.

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  3. Traurig - ja. Bequem - ja. Aber blöd? Ich glaube viele von uns, sind überfordert von den eigenen Gefühlen. Sie wedeln uns, anstatt, dass wie sie fühlen und bedenken. Schwach, gewiss, aber menschlich.

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  4. Ja, blöd ist mir wirklich nur blöd in die Tasten gerutscht. Ich kriege da schnell so eine unsachliche Wut.
    Da sitzen die beiden traurig herum, anstatt rauszukriegen, warum. Da müssen sie auch nicht traurig sein, dann war sowieso schon lange der Wurm drin. Und dass nicht nur die Situation, auch der Kästner vereiert ist, liegt an "man darf sagen, sie kannten sich gut". Sie kannten sich eben nicht gut. Sie haben gelogen und geschlampt.

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  5. Alexander Höchst26. Mai 2011 um 22:16

    Beneidenswert, wer alles richtig macht...

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  6. Oder kapiert, was er nicht richtig gemacht hat.

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  7. Alexander Höchst27. Mai 2011 um 09:55

    Bertolt Brecht - Das Salomon-Lied / Salomon-Song

    Ihr saht den weisen Salomon
    Ihr wißt, was aus ihm wurd.
    Dem Mann war alles sonnenklar
    Er verfluchte die Stunde seiner Geburt
    Und sah, daß alles eitel war.
    Wie groß und weis war Salomon!
    Und seht, da war es noch nicht Nacht
    Da sah die Welt die Folgen schon:
    Die Weisheit hatte ihn so weit gebracht!
    Beneidenswert, wer frei davon!

    Ihr saht die schöne Kleopatra
    Ihr wißt, was aus ihr wurd'!
    Zwei Kaiser fielen ihr zum Raub.
    Da hat sie sich zu Tode gehurt
    Und welkte hin und wurde Staub.
    Wie groß und schön war Babylon!
    Und seht, da war es noch nicht Nacht
    Da sah die Welt die Folgen schon:
    Die Schönheit hatte sie so weit gebracht -
    Beneidenswert, wer frei davon!

    Ihr saht den kühnen Cäsar dann
    Ihr wißt, was aus ihm wurd.
    Der saß wie'n Gott auf dem Altar
    Und wurde ermordet, wie ihr erfuhrt
    Und zwar, als er am größten war.
    Wie schrie der laut: Auch du, mein Sohn!
    Denn seht, da war es noch nicht Nacht
    Da sah die Welt die Folgen schon:
    Die Kühnheit hatte ihn so weit gebracht!
    Beneidenswert, wer frei davon!

    Ihr kennt den redlichen Sokrates
    Der stets die Wahrheit sprach:
    Ach nein, sie wußten ihm keinen Dank
    Vielmehr stellten die Obern böse ihm nach
    Und reichten ihm den Schierlingstrank.
    Wie redlich war des Volkes großer Sohn!
    Und seht, da war es noch nicht Nacht
    Da sah die Welt die Folgen schon:
    Die Redlichkeit hatt' ihn so weit gebracht!
    Beneidenswert, wer frei davon!

    Der heilige Martin, wie ihr wißt
    Ertrug nicht fremde Not.
    Er sah im Schnee einen armen Mann
    Und er bot seinen halben Mantel ihm an
    Da frorn sie alle beid zu Tod.
    Der Mann sah nicht auf irdischen Lohn!
    Da sah die Welt die Folgen schon:
    Selbstlosigkeit hatt' ihn so weit gebracht!
    Beneidenswert, wer frei davon!

    Hier seht ihr ordentliche Leut
    Haltend die zehn Gebot.
    Es hat uns bisher nichts genützt.
    Ihr, die am warmen Ofen sitzt
    Helft lindern unsre große Not!
    Wie kreuzbrav waren wir doch schon!
    Und seht, da war es noch nicht Nacht
    Da sah die Welt die Folgen schon:
    Die Gottesfurcht hat uns so weit gebracht!
    Beneidenswert, wer frei davon! 

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