Donnerstag, 26. Mai 2011

Joachim Ringelnatz - Kinder-Verwirr-Buch


Kinder, ihr müßt euch mehr zutrauen!
Ihr laßt euch von Erwachsenen belügen
Und schlagen. – Denkt mal: Fünf Kinder genügen,
Um eine Großmama zu verhauen.

Meine siebenjährige wunderschöne Nichte hatte heute ein Sommerfest in ihrer Schule. Hunderte Kinder in fast allen Farben und fast alle mit unvorstellbarer Lautstärke berlinernd. 
Und es gab ein mit Wasser gefülltes Bassin, in dem die Kinder in riesengroßen aufblasbaren Plasteblasen herumrollen konnten, mit langem, geduldigem Anstehen zuvor. (Ganz nebenbei, ich habe zwei fiese zwölfjährige Monster, die vordrängen wollten, mit Hexenblick und düsteren Drohungen, abgewehrt.) Alles wunderbarer Spaß, Spiele, Kuchen, Bratwurst, Seilbalancieren, Malen, Seifenblasen blasen und was nicht noch, UND DANN war Schluss und das Bassin wurde in den Schulhof geleert und einhundert Kinder rannten gleichzeitig los und spritzen und quiekten und lachten und kein Lehrer oder Elter hat auch nur einen Mucks gemeckert. Alle hatten breitgegrinste Münder und kicherten, derweil die pitschnassen Horden durch die Riesenpfütze jagten. Großartig. Das kriegt kein Theater hin.

Unter Wasser Bläschen Machen

Kinder, ein Rätsel! Hört mich an!
Wer es herausbekommt, kriegt Geld! – Wie kann
Man unter Wasser Bläschen machen?
Das müsst ihr versuchen – unbedingt! –
In der Badewanne. Und wenn es gelingt,
Werdet ihr lachen.
Geplapper an Großpapa
»Großpapa, ach, bist du dumm!
Weil du nichts verstehst.
Großpapa, was bist du krumm,
Wenn du gehst!

Und du zitterst immerzu
Wie ein Pappelwald.
Großpapa, wann stirbst denn du?
Stirbst du bald?«

An Berliner Kinder

Was meint ihr wohl, was eure Eltern treiben,
Wenn ihr schlafen gehen müsst?
Und sie angeblich noch Briefe schreiben.
Ich kann's euch sagen: Da wird geküsst,
Geraucht, getanzt, gesoffen, gefressen,
Da schleichen verdächtige Gäste herbei.
Da wird jede Stufe der Unzucht durchmessen
Bis zur Papagei-Sodomiterei.
Da wird hasardiert um unsagbare Summen.
Da dampft es von Opium und Kokain.
Da wird gepaart, dass die Schädel brummen.
Ach schweigen wir lieber. – Pfui Spinne, Berlin!

Ernster Rat an Kinder

Wo man hobelt, fallen Späne.
Leichen schwimmen in der Seine.
An dem Unterleib der Kähne
Sammelt sich ein zäher Dreck.


An die Strähnen von den Mähnen
Von den Löwen und Hyänen
Klammert sich viel Ungeziefer.
Im Gefieder von den Hähnen
Nisten Läuse; auch bei Schwänen.
(Menschen gar nicht zu erwähnen,
Denn bei ihnen geht's viel tiefer.)
Nicht umsonst gibt's Quarantäne.
Allen graust es, wenn ich gähne.
Ewig rein bleibt nur die Träne
Und das Wasser der Fontäne.
Kinder, putzt euch eure Zähne!!

Silvester bei den Kannibalen

Am Silvesterabend setzen
Sich die nackten Menschenfresser
Um ein Feuer, und sie wetzen
Zähneklappernd lange Messer.
Trinken dabei – das schmeckt sehr gut –
Bambus-Soda mit Menschenblut.
Dann werden aus einem tiefen Schacht
Die eingefangenen Kinder gebracht
Und kaltgemacht.
Das Rückgrat geknickt,
Die Knochen zerknackt,
Die Schenkel gespickt,
Die Lebern zerhackt,
Die Bäuchlein gewalzt,
Die Bäckchen paniert,
Die Zehen gesalzt
Und die Äuglein garniert.
Man trinkt eine Runde und noch eine Runde.
Und allen läuft das Wasser im Munde
Zusammen, auseinnander und wieder zusammen.
Bis über den feierlichen Flammen
Die kleinen Kinder mit Zutaten
Kochen, rösten, schmoren und braten.
Nur dem Häuptling wird eine steinalte Frau
Zubereitet als Karpfen blau.
Riecht beinah wie Borchardt-Küche, Berlin,
Nur mehr nach Kokosfett und Palmin.
Dann Höhepunkt: Zeiger der Monduhr weist
Auf zwölf. Es entschwindet das alte Jahr.
Die Kinder und der Karpfen sind gar.
Es wird gespeist.
Und wenn die Kannibalen dann satt sind,
Besoffen und überfressen, ganz matt sind,
Dann denken sie der geschlachteten Kleinen
Mit Wehmut und fangen dann an zu weinen.
 
Joachim Ringelnatz 



Kommentare:

  1. Weise. Bltzböser gewitzter Schmerz.

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  2. Hm, hm, mache Tage schmecken so leicht, dass man sich fragt wieso an anderen Tagen die einfachsten Dinge so ballaststoffreich daher kommen.
    Das sind "Auftanktage". Man muss sich dafür ein spezielles Regal im Gehirn bauen und sie dort archivieren. Dann findet man sie im Bedarfsfall leicht wieder und kann sie lesen wie den "Calvin und Hobbes"-Lieblingscomic, der einen immer schon zum kichern gebracht hat.

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  3. hmm,also ist doch etwas mankaber die ganzen Gedichte,,,,

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