Dienstag, 1. März 2011

Theater ist Heimat

Das Volkstheater Rostock ist häßlich. Ich meine das Haus. Nachdem das ehemalige, den Bildern nach, sehr schöne neoklassizistische Gebäude am Steintor, 1942, von Bomben zerstört worden war, zog das Theater in ein eigentlich nicht als Theater gedachtes Gebäude und dort befand es sich noch bis vor wenigen Tagen, und seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts spricht, palavert, streitet man über einen Neubau.

Wie gesagt, das Gebäude ist häßlich.

Was gibt es denn noch so? Eine Stadthalle, riesig und ebenfalls häßlich. Das Theater am Stadthafen, eigentlich wunderbar, nur hat man beim Bau einige theatereigene Forderungen einfach außer Acht gelassen. Wenn es regnet, schlagen die Tropfen hart auf das nichtisolierte Dach, aber warum muß man denn verstehen was der Mitspieler sagt? Ach ja, Bühnenbildteile dürfen nicht breiter als einen Meter sein, sonst kriegt man sie nicht auf die Bühne. Das alte "Kleine Haus" in der Innenstadt zu renovieren wäre nicht teurer gewesen, aber irgendwer hätte dann nicht genug verdient. Die Bühne 602, klein und sehr tapfer, aber durch den Druck sich zu erhalten, in der Programmauswahl stark eingeschränkt. Ein Literaturclub am Kuhtor. Ein oder zwei Studentenclubs im DDR-Neubaustil, die kleine Komödie in Warnemünde - darf unter Strafandrohung nicht durch Hinweisschilder findbar gemacht werden und ist winzig, und, warum auch immer, hellblau angestrichen, für einen Theaterraum die ideale Farbe (reflektiert schön!). Was habe ich vergessen? Das LiWu, ein Programmkino, gibt es das noch?  Ich hoffe, aber es stand praktisch jedes Jahr unter Geldentzugsandrohung, also weiß ich es nicht. Zwei Riesenkinos, einige gute Buchhandlungen und außer im Kaufhaus, keinen Plattenladen.

Rostock hat circa 200 000 Einwohner.

Kultur (zu lat. cultura, „Bearbeitung“, „Pflege“, „Ackerbau“, von colere, „wohnen“, „pflegen“, „den Acker bestellen“) ist im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt, im Unterschied zu der von ihm nicht geschaffenen und nicht veränderten Natur.

Rostock liegt an der Ostsee.

Kunst bezeichnet im weitesten Sinne jede entwickelte Tätigkeit, die auf Wissen, Übung Wahrnehmung, Vorstellung und Intuition gegründet ist. Im engeren Sinne werden damit Ergebnisse gezielter menschlicher Tätigkeit benannt, die nicht eindeutig durch Funktionen festgelegt sind.

Rostock steckt in enormen wirtschaftlichen Schwierigkeiten.

Was also nun? Theater zu. Neubau zu teuer.
Es geht hier gar nicht "nur" um die Bedürfnisbefriedigung einiger theaterbesessner Egomanen! Es geht um Heimat für Kultur. Möglichkeit für gesellige Kunst. Heimat im gesellschaftlichen Sinne. Gemeinsame Orte, um uns zu treffen und auszutauschen.

Theater (von altgr. τό θέατρον théatron „Schaustätte, Theater“; von θεάομαι theaomai „anschauen“) ist die Bezeichnung für eine szenische Darstellung eines inneren und äußeren Geschehens als künstlerische Kommunikation zwischen Akteuren (Darstellern) und dem Publikum.

Ehemaliges Rostocker Theater.


(Alle Definitionen aus "Wikipedia")

Kommentare:

  1. Es gibt noch die Kunsthalle, wo seit dem letzten Sommer sehr gute Ausstellungen zu sehen sind, da sind sehr engagierte und tolle Leute gerade.

    Es gibt eine mehrspurige Autoschneise zwischen Hafen und Stadt - das trennt schon mal eine Attraktion sauber ab, und eine zwischen Innenstadt und Kröpeliner Tor Vorstadt, dem Stadtteil, wo das abendliche Stadtleben weitestgehend stattfindet.
    Die Stadt hat zwanzig Jahre lang Geld investiert, mit dem Ergebnis, zerteilt, von Autos durchfahren, und ohne bezeichnende Kulturstätten zu sein. Und mit dem Auto ist man auch nicht wirklich gut unterwegs, weil noch dazu alles im 60-Jahre-Stil westdeutscher Kleinstädte zu einem unübersichtlichen Gewirr von Einbahnstrassen umstrukturiert wurde. Sauber. Stadtpolitik as we love it. Kurzsichtig und langfristig sehr teuer. Das Gefängnis wird dann mal viel Geld kosten.

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  2. Martin Baucks commented on your link.
    Martin wrote: "Im Theater beheimatet sein zu wollen, sagt etwas aus über den Grad der Entwurzelung, den Theatermacher durch ihren Beruf erleiden, ein Bedürfniss, dass ich so gut verstehen kann, wie es trügerisch ist. Denn Heimat ist ein unverrückbarer auratischer Raum, dessen Verlust man durch dieses Ansinnen kompensieren will. In Wahrheit aber liegt das Theater im Menschen und breitet seine Aura vom agierenden, spielenden Menschen aus, der natürlich geradezu nomadenhaft verrückbar ist und alles andere als heimatlich. Die bespielten Immobilien nehmen die Aura auf, sind auratisch aufgeladen von jenen spielenden Nomaden, eigentlich eben nicht Sesshafte, die einen Ort aufsuchen. Eine zeitlang strahlen diese Orte. In Epidaurus stehend kann man jedoch spüren, wie eine Aura des Ortes zum Stillstand kam, während die Spieler weiterzogen, weiterziehen mussten. - Eben verspüren wir auch heute allzu schmerzlich, dass jene Aura der postfeudalen Theater nun im 21 Jahrhundert allmählich zum Stillstand kommt und noch möchten wir die Immobilien nicht verlassen, aber sie verlassen uns schon seit geraumer Zeit. Eine Heimat die imaginär zerfällt, weil sie nie wirklich eine war, sondern nur Surrogat für etwas anderes, unverrückbares."

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