Sonntag, 6. März 2011

Die Theaterwohnung 1


Mit Ausnahme von 5 Jahren in Rostock, lebe ich seit 1995 meist in Theaterwohnungen. Das heisst, elf Jahre die Farbe braun, umgangssprachlich kackbraun genannt. Ich vermute, dass die deutsche Theaterlandschaft, unterbewusst, mehr als vorstellbar, von dieser Farbe bestimmt wird. 
Ich bin gern allein, nicht gern einsam, aber wirklich gern allein. Aber diese Unterkünfte sind hart, die kosten Kraft, Augen zu, Nase zu, und für "Nester" wie mich ist das anstrengend. Also fokussiert man. 6, 7 oder 8 Wochen: Probe - hoffentlich gibt es ein gutes Cafe - Wohnung - Probe - Kantine/Kneipe - Wohnung. Das Kneipegehen nimmt mit den Jahren ab, also mehr Wohnung. Die Wochenenden sind ein ganz eigenes Thema! 
Was mögen das für Leute sein, die diese kastenförmigen Holzersatzmöbel erdenken? Haben die auch mal Mies Van Der Rohe und Corbusier studiert, ich meine, selbst Ikea ist besser! Werden sie aus Erfolglosigkeit dann zu bitteren Sadisten: Sollen sie doch alle leiden, ausgesetzt dieser Augen-und Körperpest!
Ist schon ein Widerspruch, man denkt, brütet, grübelt über Inhalte und Ästhetik während man im Augenwinkel von den monströsen Ausgeburten des Billig-Konsumerismus attackiert wird. 
Also organisiert man sich Ablenkung. 
Hier in Ingolstadt kann ich viel seltener probieren als ich möchte, da hier alle Spieler 6 bis 7 Mal die Woche Vorstellung haben und ich ein Ensemble-Stück probiere. Ergo viel Freizeit! Was soll ich damit? Glaubt mir, es gibt einen Punkt, an dem man nicht mehr lesen, schreiben oder Musik hören kann! Die hiesigen Theaterproduktionen habe ich nahezu alle gesehen, mit Ausnahme von "Rocky Horror Show" und einer Bühnenfassung von "Harry und Sally" -  es gibt Grenzen, nicht wahr?
Einen Großteil meiner mosaikartigen Bildung verdanke ich also deutschen kleinstädtischen Theaterwohnungen und meiner Unfähigkeit regelmäßig fernzusehen.  (Man soll doch immer das Gute im Schlechten sehen.)
Genug gejammert, draußen ist Frühling, es gibt ein wirklich gutes Cafe mit Internetzugang, das Ensemble ist erschöpft, aber neugierig und probenlustig, das Stück ist ein dicker, fetter Bissen und bis auf den Intendanten, sind die Leute im Theater prima. Lieber eine miese Wohnung, als ein mieses Theater!
Und doch, manchmal kommt mir der Gedanke, dass es vielleicht Spätschäden geben könnte. Im Alter, das Gedächtnis vergeht langsam und die letzten Bilder: braunes Laminat, orangene Kunststoffgardinen und das unvermeidliche Blumen-Aquarell................



Mal' innen deine Zimmer...
Mal' innen deine Zimmer aus,
Dass sich daran dein Aug' erquicke;
Lass außen ungeschmückt dein Haus,
Dass es nicht reize Feindesblicke.

Friedrich Rückert (1788-1866)

Kommentare:

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    Luisa Peachum hahaha.. danke!
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    Pierre Sanoussi-Bliss jajaja. dresden auch und salzburg gar! vielleicht sollten wir uns jetzt schon ein bisschen in den heimen für alte künstler engagieren. nachbarn haben 5 designerstühle abzugeben.
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    Katka Kurze eigentlich hat das theater ja alle notwendigen austattungsabteilungen,um die theaterwhg. zu einem inspirierenden quell werden zu lassen..- schaden?vielleicht?es "zehrt" ein bißchen.aber die alterserinnerungen werden verklärend sein...
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    Pascal von Wroblewsky bloß nicht. ich kannte einen, der hatte sich seine eigene wohnung in plüsch und schnörkel aus dem fundus einrichten lassen. das sah fööörchterlich aus.
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    Pierre Sanoussi-Bliss ich war mal mit einem tänzer zusammen. der wollte sich immer einen sterbenden schwan in die ecke legen. dabei hatte er einen schwarzen im bett.
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    Martin Baucks
    eine meine Theaterwohnungen in Rumänien hatte einen Balkon...kurzerhand habe ich alle Möbel, bis auf einen Tisch und einen Stuhl und ein Bett dorthin verbannt...in der uralten Klosettspülung wuchs ein kleines Bäumchen und als ich darauf auf...merksam machte, sagte man mir nur: Ach, gibt es den immer noch. Das Fenster im Bad war so beschaffen, dass es beim ersten Sturm komplett in die Wohnung gedrückt wurde und wie ein Schwert neben der Wanne aufschlug in der ich gerade lag...ich glaube ich habe diese Wohnung geliebt...morgens um fünf beobachtete ich die Straßenfeger, so etwas hatte ich seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen...doch, doch eine schöne Wohnung, kommunistischer Plattenbau völlig heruntergekommen...man konnte von außen an der Fassade sehen, wo die Erde sich ein Stück nach unten, so ca. einen knappen halben Meter abgesetzt hatte...meine Nachbarn habe ich nie kennengelerntSee More

    Johanna Schall Klingt nahezu romantisch. In Augsburg gab es 8 (in Worten "acht") große Schränke, in Greifswald geht die automatische Toilettenlüftung 15 Minuten mit dem Geräusch eines Düsenjets, in Karlsruhe gab es 1500 Nippes-Gegenstände und 1000 Bücher aus 'nem Buchclub... Mein Leben ist bunt!

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  2. „Drei Dinge sind uns aus dem Paradies geblieben: die Sterne der Nacht, die Blumen des Tages und die Augen der Kinder.“

    Als Pollenstauballergiker und weil man sich Kinder nicht einfach ausleihen kann um mit ihnen 'rumzualbern bis ihre Augen schmunzeln empfehle ich als Flucht vor miserablem Plastikholzfurnier und geistzerrütenden Designsünden vornehmlich die Sterne. Ihre universelle Verfügbarkeit als Instrument zur Ausdehnung des in orangefarbene Gardinen gewickelten Geistes darf als höchst angenehm bewertet werden. In Ingolstadt wurde einer dieser Sterne, nämlich unserer, als metallenes Abbild auf ein handliches 1:1 Milliarde-Verhältnis 'runterdimensioniert und nah bei der Konrad Adenauerbrücke beheimatet, etwa eine Zigarettenlänge Spaziergang vom Theater entfernt.
    Im dort zu findenden Astronomiepark kann man sich nicht nur aus Ingolstadt herausdenken, sondern gleich auch noch die Planeten unseres Sonnensystems im korrekten Größenverhältnis begucken. Und irgendwo auf dem Rasen zwischen dem murmelgroßen Mars und dem immerhin fast handballgroßen Jupiter findet vielleicht auch die Laminatgeschundene Hoffnung neue Nahrung dass Ästhetik existiert, dass sie funktioniert und dass man sie mit etwas Glück sogar auf einer Bühne unterbringen kann.
    Sollte diese Outdoor-Fluchtpunktempfehlung sich als wirksam erweisen und zu erholsam verbrachter Zeit führen, könnte man beginnen darüber nachzudenken das Blumenaquarell durch ein Hubble Space Telescope Bild zu ersetzen. Das wäre zwar ein fast schon subversiver Akt der Auflehnung gegenüber einem sorgfältig durchstrukturierten landesweit gültigen Designkonzept für Theaterwohnungen und ungefähr so, als ob man den Amerikanern den Mond durch die Russen klauen lässt... aber auch das soll ja bühnentechnisch schon vorgekommen sein.

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  3. Vielen Dank Frau Rhode, da gehe ich hin, habe diese Wochen einige Nachmittage frei, wegen nichtstattfindender Abendproben. Wirklich Danke.

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