Dienstag, 22. März 2011

Eine Aussicht oder ein Abgrund

Hier meine NEUE Situation: Zum ersten Mal in meinem Leben, nach einer ununterbrochenen Kette bestehend aus Babysein, Kindergarten, Schule, Hilfsarbeiten aller Art, Theater, Theater, Universität in Kanada, noch mehr Theater, habe ich mir 6 (in Zahlen sechs) Monate frei genommen. 
Uff. 
Ich wollte es so und weiss ja auch schon lang, dass es kommt, aber jetzt "freake" ich gerade aus, wie der Dengländer sagt. 
Es ist verrückt, ich habe davon geträumt davon ZEIT zu haben, selbst über ZEIT bestimmen zu können, mir ZEIT zu nehmen, aber ich habe keine Übung darin, bin an ZEITdruck gewöhnt, ehrlich gesagt, brauche ich ihn wohl auch. Und jetzt muss ich eine ZEITlang Neues lernen.
Wie teilt man sich den Tag ein? Extrem - Langaufbleiber von jeher, sind mir plötzlich keine ZEITlichen Grenzen mehr gesetzt. Gefahr! Langweilig ist mir fast nie, aber ZEIT verschwenden, kann ich sehr geschickt. Wieso eigentlich verschwenden? Da ist er wieder, der verfluchte preussische Nutzgedanke. Vermeiden! 
FreiZEIT ist so ein blödes Wort, was ist denn dann die andere ZEIT, unfrei? 
Gewöhnlicherweise werde ich produktiver je enger mein ZEITrahmen ist. Ich lese mehr, gucke mehr Filme, treffe mehr Leute, wenn ich eigentlich überhaupt keine Zeit habe. Werde ich jetzt also gar nix tun? 
Der Anlass für die Freiphase ist, dass ich schreiben lernen will und dass ich 15 Jahre ohne Unterbrechung durchinszeniert habe und eine Pause brauche. Nicht, dass ich nicht mehr gern probiere, überhaupt nicht, aber ich könnte mir vorstellen, ein solcher ZEIT - Bremsvorgang bringt neue Reibung, so ähnlich wie eine Fastenzeit gut tut, damit man danach lustvoller trinkt, frisst....

“The only reason for time is so that everything doesn't happen at once.”

"Zeit gibt es nur aus dem Grund, damit nicht alles gleichzeitig geschieht."

Albert Einstein


So ist meine Situation heute, hat jemand von euch Erfahrungen mit ungeplanter Zeit? Ratschläge erwünscht!

Kommentare:

  1. Sich Zeit nehmen ist gut und wichtig, denn manchmal weiß man gar nicht was noch in einem steckt, was man noch möchte, braucht, kann. Dafür braucht es Zeit, frei verfügbare Zeit, oft auch Langeweile und manchmal einen langen Atem.

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  2. Ötti schrieb: Ojeoje.
    Hamster, dem das Rad fehlt.
    Tigerndes Zootier vor der plötzlich aufgelassenen Käfigtür.
    Steck ich drin, seit einem Jahr. Raus aus der Durchdrehmaschine, wohin, ja, überallhin, alles offen, ersehnt, irritierend. Nach ein paar Wochen spürte ich vage, jetzt weiß ich, es ist tatsächlich eine Chance, zu erfahren, was wesentlich über den (auch geliebten) Aktionismus hinaus, zum Ich gehört und gelebt werden will. Vermutungen über sich selbst testen, verwerfen, bestätigen. Das schlechte Gewissen, Zeit in sich selbst zu investieren, ist glücklicherweise eine recht bekloppte Zurichtung in unserem Kulturkreis und vorübergehend.
    Aber:
    Nicht schlechtes Gewissen, eher eine Art Scham, ist manchmal dabei, wenn ich über diese Luxusprobleme nachdenke.
    Grüße in den offenen Tag an Dich und Kommentatorin Katharina

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  3. Das ist wie von einem fahrenden Zug springen. Der Zug fährt weiter, und man bleibt zurück. Es dauert ein Weilchen, das anzunehmen. Aber es gibt die Chance, sich selbst, sein Leben zu reflektieren. Wenn es gelingt, Abstand zu gewinnen und Menschen, Situationen... aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, führt das oft zu umwerfenden Erkenntnissen und kreativen Schüben. Das funktioniert, wenn man mal seinen Lebensrhythmus ändert So habe ich's erlebt.

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  4. Man braucht sehr viel Disziplin. Aber die hast Du, und ein strukturierter Mensch bist Du insofern Du Dein Chaos immer sehr gut reflektieren kannst. Ich finde es toll, daß Du schreibst und lese es gerne, von daher bin ich gespannt und freue mich auf Deine Worte.

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  5. Ötti schrieb: Nachtrag:
    In der Frühromantik spielten Müßiggang und Faulheit als Möglichkeit zur Kontemplation und zum göttergleichen Leben eine Rolle. ( Schlegels hübscher kleiner Roman "Lucinde").
    Und:
    Ist Bange vor der Nichtaktion vielleicht doch auch Bange vor der Konfrontation mit sich selbst. Vielleicht davor, dass da zu wenig übrigbleibt, wenn Erfolg und Status unwichtig sind. Gerade bei Menschen mit Berufen, die sich stark durch Außenwirkung definieren.

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  6. Erfolg und Status? Erfolg ist fein, wenn man ihn da hat, wo man ihn haben möchte. Status? Schwierige Sache. Sicher, aber ich glaube nicht, dass im Statusverlust meine augenblickliche Ängstlichkeit begründet ist. Es ist eher überhaupt die Selbstdefinition. Wer bin ich, wenn ich nicht arbeite, in der Art wie ich gewöhnlich tue. Ich?

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