Samstag, 10. November 2012

Klabund hatte Tuberkulose


»Schulden wie Heu, Stroh im Kopf, und nur ein brennendes Herz«

Da sind so Dichternamen, die man irgendwie kennt, ohne genaue Vorstellung von dem, was sie denn nun eigentlich geschrieben haben. Klabund. Beginnendes 20. Jahrhundert, Berlin. Dann hört es schon auf. 

Es hat ein Gott mich ausgekotzt,
Nun lieg ich da, ein Haufen Dreck,
Und komm und komme nicht vom Fleck.

Doch hat er es noch gut gemeint,
Er warf mich auf ein Wiesenland,
Mit Blumen selig bunt bespannt.

Ich bin ja noch so tatenjung.
Ihr Blumen sagt, ach, liebt ihr mich?
Gedeiht ihr nicht so reich durch mich?
Ich bin der Dung! Ich bin der Dung!

Alfred Henschke wurde nicht einmal 38 Jahre alt. Er starb am 28.8.1928.
Aber zuvor, der Apothekersohn Herr Henschke wird zu Klabund, Klabautermann und Vagabund.
Mit 16 erkrankt er an Tuberkulose, wird erst fälschlich auf Lungenentzündung behandelt und wird Zeit seines kurzen Lebens immer wieder zu längeren Klinikaufhalten gezwungen sein. Eine Zauberbergexistenz. Wie lebt man, wenn man weiß, dass man wenig Zeit hat? Klabund hat zweimal geheiratet, ein Kind gezeugt, es starb, kurz nach dem Tod der ebenfalls lungenkranken Mutter, er hat geschrieben und starb in den Armen seiner zweiten Frau, Carola Neher, die während seiner letzten Tage immer wieder von Bertolt Brecht gedrängt wurde, nach Berlin zurückzukehren, um dort die Polly in der Uraufführung der Dreigroschenoper zu spielen.

 
Wiki schreibt: Carola Nehers Mann, der Dichter Klabund, litt an Tuberkulose und musste nach einem Anfall in ein Sanatorium nach Davos. Als sich seine Lage verschlimmerte, brach Neher die Proben ab und fuhr zu ihm. Nach Klabunds Tod kam Neher am 18. August wieder nach Berlin zurück und wurde bei den Proben zweimal ohnmächtig, bis ihr ein Arzt das Auftreten untersagte. Später bekannte sie, dass sie Brechts Songs, die er teilweise von dem Französischen Dichter François Villon abgeschrieben hatte, nicht ertragen konnte, da Villon Klabunds Lieblingsdichter gewesen war. Eine Woche vor der Premiere übernahm Roma Bahn von ihr die Rolle der Polly.


Wiki: Carola Neher (* 2. November 1900 in München; † 26. Juni 1942 in Sol-Ilezk, Sowjetunion) war eine deutsche Schauspielerin, die um 1930 in Berlin reüssierte. Aus dem nationalsozialistischen Deutschland geflüchtet, kam sie in sowjetischer Gefangenschaft um.
 

„Man müsste einmal eine Literaturgeschichte der Schwindsüchtigen schreiben, diese konstitutionelle Krankheit hat die Eigenschaft, die von ihr Befallenen seelisch zu ändern. Sie tragen das Kainsmal der nach innen gewandten Leidenschaft.“ Klabund

Aus der Erzählung: Die Krankheit

Die Pension stand am Wald, dicht vor dem Ausgang der Schatzalpbobbahn. Sie wurde preiswert und hygienisch geführt von dem Ehepaar Paustian, zwei alten Davosern, die vor Jahren schwerkrank ins Tal kamen und sich nach Besserung ihres Leidens dauernd in Davos niederließen. An dem Ehepaar Paustian hatte Dr. Ronken seinerzeit zuerst den Pneumothorax erprobt, als sie noch seine Patienten im Sanatorium Beaurivage waren, den Pneumothorax, jene nunmehr allgmein bekannte und bewährte Vorrichtung, durch die, bei Gesundheit der einen Lunge, die zweite kranke Lunge zum Einschrumpfen gebracht wird. In der Pension "Schönblick" wurde das Ehepaar Paustian deswege mit einem gewissen Spott Pneumo und Thrax benannt. Sie waren beide von jener Art Lungenkranker, die die Krankheit durchsichtiger, gläserner und gleichsam innerlicher gewandelt hat.


Liebeslied

Dein Mund, der schön geschweifte,
Dein Lächeln, das mich streifte,
Dein Blick, der mich umarmte,
Dein Schoß, der mich erwarmte,
Dein Arm, der mich umschlungen,
Dein Wort, das mich umsungen,
Dein Haar, darein ich tauchte,
Dein Atem, der mich hauchte,
Dein Herz, das wilde Fohlen,
Die Seele unverhohlen,
Die Füße, welche liefen,
Als meine Lippen riefen -:
Gehört wohl mir, ist alles meins,
Wüsst' nicht, was mir das liebste wär',
Und gäb' nicht Höll' noch Himmel her:
Eines und alles, all und eins.

Bürgerliches Weihnachtsidyll

Was bringt der Weihnachtsmann Emilien?
Ein Strauß von Rosmarin und Lilien.
Sie geht so fleißig auf den Strich.
O Tochter Zions, freue dich!

Doch sieh, was wird sie bleich wie Flieder?
Vom Himmel hoch, da komm ich nieder.
Die Mutter wandelt wie im Traum.
O Tannebaum! O Tannebaum!

O Kind, was hast du da gemacht?
Stille Nacht, heilige Nacht.
Leis hat sie ihr ins Ohr gesungen:
Mama, es ist ein Reis entsprugen!
Papa haut ihr die Fresse breit.
O du selige Weihnachtszeit!


Ossietzky in der Weltbühne über Klabund: Während grade in einigen Zeitungen über die Zukunft oder die Zukunftlosigkeit der Lyrik disputiert wird, stirbt der letzte freie Rhapsode, der Letzte aus dem alten Geschlecht dichtender Vaganten, dem das Versemachen so sehr Element war, daß es diesen gebrechlichen Leib für lange Jahre allein an die Erde zu binden schien. Seine Begabung war unruhig und zuckend; in Beweglichkeit und Maskenkunst ohne Grenze. Es floß immer in einem schmalen Bändchen alles durcheinander: Heine, Rimbaud, Exoten, Rudolf Baumbach, Wedekind, Eichendorffs Mondscheinlyrik und Dialektwitz; Pathos, Melancholie und Biertischzote. Aus dem Einfall wurde blitzschnell Rhythmus, Wort, Refrain. Und über allem schwebte die einschmeichelnde Libertinage des Namens Klabund. Er hatte keine Zeit und wußte es. Vieles von dem eilig Hingedichteten wird verwehen, trotzdem mehr übrigbleiben als von den meisten bändereichen Lyrikern seit Heinrich Heine.
  

Aus "Bracke"
Bracke betrat eine Kirche. Er sah ein Mädchen sich vom Beichtstuhl erheben und von dannen schleichen. Er setzte sich in den Beichtstuhl, da fühlte er alsbald eine Hand über seine Wange streichen, und die Stimme des Priesters flüsterte: "Liebes Mädchen -- wann kommst du wieder beichten? Morgen?" Als aber der Priester plötzlich den Anflug von Bart in den Fingerspitzen spürte, schrie er leise auf: "Mädchen -- was ist mit dir?" "Ich bin der Teufel," sagte Bracke, " gekommen, dich in die Hölle zu holen für deine böse Tat und die Verderbnis deiner Sitten." Der Priester wimmerte: "Wie kann ich mich retten vor deiner Rache?" "Wisse," sagte Bracke, "daß jegliches Mädchen, welches dir zu beichten in deinen Beichtstuhl tritt, ich bin, immer ich, der Teufel. Welcher Gestalt sie auch sei: jung oder alt, hübsch oder häßlich, schlank oder feist. Wage niemals mehr, dich einem Mädchen (das heißt: mir) unzüchtig zu nahen, sonst bist du mir ganz und gar verfallen, mir, dem Teufel, du teuflischer." Zitternd schwur der Priester Besserung.
 
Das erfrorene Herz
(Nachdichtung aus dem Chinesischen)

Der Sperling pickt die letzten Vogelmieren.
Schon läßt ein kalter Wind die Bäche frieren.

Ach, käme doch der Frühling bald! die Quellen,
Wie würden hurtig sie zu Tale schnellen!

Die du mich doch nicht frieren sehen willst:
Komm, meine Sonne, daß mein Schneeherz schmilzt... 


Lebenslauf

Geboren ward Klabund,
Da war er achtzehn Jahre
Und hatte blonde Haare
Und war gesund.

Doch als er starb, ein Trott,
War er zwei Jahre älter,
Ein morscher Lustbehälter,
So stieg er aufs Schafott.

Er brachte ein′ Zwilling um...
(Das Mädchen war vom Lande
Und kam dadurch in Schande
Und ins Delirium.)
 

Unglücksfall


Es stehen vor dem Hebekran
Ein kleines Kind, ein Hund, ein Mann
Die Eisenkette rollt und rinnt,
Es staunen Mann und Hund und Kind.
Da saust sie nieder auf den Grund,
Zerschmettert Mann und Kind und Hund.
Gemäßigt naht die Polizei,
Ein Chemiker ist auch dabei,
Bis er den Totbestand befund:
Ein kleines Kind, ein Mann, ein Hund.

Klabund (1890-1928)

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