Dienstag, 6. November 2012

Tod in Venedig


Ich muß vorab bildungsbürger-beschämt erklären, dass ich kein begeisterter Thomas Mann Leser bin. Meine Versuche mir seine Romane zu erkämpfen, endeten ausnahmelos in erschöpften Niederlagen. Nur bei den Novellen erging es mir etwas besser. Tonio Kröger, Der kleine Herr Friedemann, Mario und der Zauberer waren ok. Aber mehr als das schwache ok. fällt mir auch da nicht ein. Wälsungenblut hat mir gefallen, weil die dekadenten Geschwister sich immer an den Händen hielten, die stets ein wenig feucht waren .  

Nach meinen erfolglosen Leseversuchen, hatte ich das Gefühl, dass ich, wenn ich schon aus einer Dichterfamilie stammen muß, es mit der meinen gar nicht so schlecht getroffen hatte.

Und dann habe ich vor ein paar Jahren in München eine Inszenierung von Benjamin Brittens Oper Tod in Venedig gesehen. Britten ist für einen Fast-Nichtkenner moderner Musik eigentlich harter Tobak, aber an diesem Abend machte alles Sinn - die Musik, die Geschichte, die Bühne, das Spiel. Es war hochkompliziert und doch ganz einfach, höchst artifiziell und doch so durchsichtig, dass man den komplizierten Phrasen der Musik und den angestrengten emotionalen Ausschlägen des Herrn von Aschenbach mit morbider Faszination und bedrücktem Mitgefühl folgen wollte. Nach 3 und einer halben Stunde war Schluß. Schade.
Der Regisseur hieß Immo Karaman. 
 
Der Tod in Venedig ist eine 1911 entstandene Novelle, Thomas Mann selbst nannte sie, die novellistische Tragödie einer Entwürdigung.

Sie beginnt mit zwei Sätzen.


Satz 1: Gustav Aschenbach oder von Aschenbach, wie seit seinem fünfzigsten
Geburtstag amtlich sein Name lautete, hatte an einem
Frühlingsnachmittag des Jahres 19.., das unserem Kontinent monatelang
eine so gefahrdrohende Miene zeigte, von seiner Wohnung in der
Prinz-Regentenstraße zu München aus, allein einen weiteren Spaziergang
unternommen. 
Satz 2: Überreizt von der schwierigen und gefährlichen, eben
jetzt eine höchste Behutsamkeit, Umsicht, Eindringlichkeit und
Genauigkeit des Willens erfordernden Arbeit der Vormittagsstunden,
hatte der Schriftsteller dem Fortschwingen des produzierenden
Triebwerks in seinem Innern, jenem »motus animi continuus«, worin
nach Cicero das Wesen der Beredsamkeit besteht, auch nach der
Mittagsmahlzeit nicht Einhalt zu tun vermocht und den entlastenden
Schlummer nicht gefunden, der ihm, bei zunehmender Abnutzbarkeit
seiner Kräfte, einmal untertags so nötig war. So hatte er bald nach
dem Tee das Freie gesucht, in der Hoffnung, daß Luft und Bewegung ihn
wieder herstellen und ihm zu einem ersprießlichen Abend verhelfen
würden.
...

Und endet mit drei kurzen Sätzen.


Satz 1: Minuten vergingen, bis man dem seitlich im Stuhle Hinabgesunkenen zur
Hilfe eilte. 
Satz 2: Man brachte ihn auf sein Zimmer. 
Satz 3: Und noch desselben Tages empfing eine respektvoll erschütterte Welt die Nachricht von seinem
Tode. 

Thomas Mann, Tod in Venedig, München, Hyperionverlag Hans von Weber 1912

Den vollständigen Text kann man hier finden:
http://www.gutenberg.org/files/12108/12108-8.txt


 Standbild aus der wunderbaren Verfilmung von 1971, Regie: Luchino Visconti mit Dirk Bogarde als Gustav von Aschenbach

Am 4. Juli 1920 schreibt Thomas Mann an Carl Maria Weber : „Leidenschaft als Verwirrung und Entwürdigung war eigentlich der Gegenstand meiner Fabel, – was ich ursprünglich erzählen wollte, war überhaupt nichts Homo-Erotisches, es war die – grotesk gesehene – Geschichte des Greises Goethe zu jenem kleinen Mädchen in Marienbad, das er mit Zustimmung der streberisch-kupplerischen Mama und gegen das Entsetzen seiner eigenen Familie partout heiraten wollte, diese Geschichte mit allen ihren schauerlich komischen, zu ehrfürchtigem Gelächter stimmenden Situationen...“  


Und so kann eine Alt-junge Liebe auch klingen:

 Michelangelo an Tommaso Cavalieri


Hätt ich geahnt, als ich zuerst Dich schaute
daß mich die warme Sonne Deiner Blicke
Verjüngen würde und mit dem Geschicke
Feuriger Glut im Alter noch betraute,
Ich wäre, wie der Hirsch, der Luchs, der Panther
Entflohen jeder schnöden Schicksalstücke
und wäre hingeeilt zu meinem Glücke,
Längst wären wir begegnet dann einander!
Doch warum gräm ich mich, wo ich nun finde
In Deinen Engelsaugen meinen Frieden,
All meine Ruhe und mein ganzes Heil?
Vielleicht wär damals mir dies Angebinde
noch nicht geworden, das mir nun beschieden,
Seit Deiner Tugend Fittich ward mein Teil

1532
Übersetzung von Rainer Maria Rilke


Tommaso Cavalieri

Interessanter Artikel zu "Tod in Venedig" aus der Zeitung Die Zeit:
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/100-jahre-tod-in-venedig-pervers-was-fuer-ein-pfuscherisches-wort-11829625.html 


AKTUELL!
Die Schaubühne meldet:

»Der Tod in Venedig«

nach Thomas Mann
Regie: Thomas Ostermeier
Premiere in Rennes am 10. November 2012
Premiere in Berlin am 12. Januar 2013
Regie: Thomas Ostermeier 

Kommentare:

  1. Liebeswerben für Thomas Mann:
    "Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?"
    Die magischste Einladung, sich in eine Geschichte fallen zu lassen.

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  2. "Dies nämlich dann sogar und vielleicht eben dann, wenn nur und allein das Menschenwesen es ist, dessen Vergangenheit in Rede und Frage steht: dies Rätselwesen, das unser eigenes natürlich-lusthaftes und übernatürlich-elendes Dasein in sich schließt und dessen Geheimnis sehr begreiflicherweise das A und das O all unseres Redens und Fragens bildet, allem Reden Bedrängtheit und Feuer, allem Fragen seine Inständigkeit verleiht." aus "Joseph und seine Brüder
    Kleists lange Sätze hab ich halt lieber. Bin ja nur ich, ganz und gar unobjektiv.
    "In einem bei Jena liegenden Dorf, erzählte mir, auf einer Reise nach Frankfurt, der Gastwirth, daß sich mehrere Stunden nach der Schlacht, um die Zeit, da das Dorf schon ganz von der Armee des Prinzen von Hohenlohe verlassen und von Franzosen, die es für besetzt gehalten, umringt gewesen wäre, ein einzelner preußischer Reiter darin gezeigt hätte; und versicherte mir, daß wenn alle Soldaten, die an diesem Tage mitgefochten, so tapfer gewesen wären, wie dieser, die Franzosen hätten geschlagen werden müssen, wären sie auch noch dreimal stärker gewesen, als sie in der That waren."

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  3. Syntax:
    In meinem ersten Leben, als Germanistikstudentin, habe ich Mann- und Kleistsätze graphisch darzustellen gelernt.Eine heikle Angelegenheit, die seltsame und wechselnde Aversionen und Zuneigungen auslöste. Heute kann ich beide genießen und ich liebe Herta Müller.

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