Freitag, 9. November 2012

Novembertage - Durs Grünbein


  Der 9. November in Deutschland

  eine kleine Auswahl

     1918 Ausrufung einer deutschen Republik und Beginn 

  der Novemberrevolution
  1923 Hitler-Ludendorff-Putsch
  1938 Beginn der Novemberpogrome
  1989 "Mauerfall"


© Wolfgang Bachmann

  Novembertage


  I. 1989


  An diesem Abend brach ein Stottern die Gesetze,

  ein Lesefehler hob die heiligen Verbote auf.

  So nüchtern wie die Meldung in die Welt ging
  
vor Mikrofon und Kamera, war jener Spuk vorbei,

  den sie verordnet hatten. Erstmals sah man

  die kommunistischen Auguren zögernd lächeln

  wie Spieler, die verlieren, und jetzt wissen sie
  
was sie, gewiegt in Sicherheit, vergessen hatten.

  Mit einer letzten Drohung, einer Atempause,

  Erklärten Greise meine Geiselnahme für beendet.
  In dieser Nacht, als man die Schleusen aufzog,

  ergoß ein Menschenstrom sich in den hellen Teil

  der Stadt, die eine Festung war seit dreißig Jahren,

  geschleift von einem falschen Wort im Protokoll.

  Bevor die Eisentore widerriefen, hob die Menge

  den Bann auf, der hier alle Muskeln lähmte.

  Mit offnem Mund am Straßenrand ein Offizier

  stand wie verrenkt, weil kein Befehl mehr lenkte,

  das Machtwort ausblieb wie seit Jahren nie.

  Als gegen Morgen auf den Boulevards im Westen,
  
nach Feuerwerk und Kreisverkehr und Tränen,
  
das Freibier ausging, war das Glück vollkommen.

  Bei einer Kreuzung stand verlassen, abgebrannt

  bis zu den Rädern, ein Trabant, und die Besitzer

  hatten den Autoschlüssel an den Baum gehängt.
  
Von ihren Kindern angetrieben, ganze Clans

  zogen durchs Zentrum, orientierungslos und still.

  Die ersten schliefen schon, sie lagen eingerollt

  vorm Kaufhaus selig unter den Vitrinen,

  auf teurem Pflaster träumend freien Grund.

  Durs Grünbein: Nach den Satiren. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 

  am Main 1999

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  Das folgende Gedicht habe ich gerade gefunden. Oh mein Gott!

  Peter Hacks
   
  Das Vaterland


  So wie das Einhorn vor den Geistern allen
  Hervorsticht durch Empfindsamkeit und Wissen,
  Wie der Demant vor minderen Kristallen,
  Der Kaviar vor sonstigen Leckerbissen,
  So wie der Panther vor den Waldnaturen
 

  Und Greta Garbo vor den andern Huren,

  So stach einmal mein liebes Vaterland

  Unter den Reichen dieser Welt hervor.
  Das Land, wo keiner darbte, keiner fror.
  Das Land, wo jeder Dach und Arbeit fand.
  Wie lob ich es? Wie enden, wie beginnen?
  Ich sage, es war ganz und gar bei Sinnen.

  Wer reifen wollte, war befugt zu hoffen.
  Die Seelen nahmen Form an und die Leiber.
  Dem Ärmsten stand die höchste Stelle offen.
  Was Männer durften, durften auch die Weiber.
  Und weder Aberglauben, weder Schulden
  Fand sich sein stolzes Herz bereit zu dulden.

  Und keine Krankheit, wenn sie heilbar war,
  Blieb von der Kunst der Ärzte ungeheilt.
  Und kein Verdruß, sofern er teilbar war,
  Ward redlich nicht von Fürst und Volk geteilt.
  Kein Eigentümer konnte uns befehlen,
  Zu seinem Vorteil selbst uns zu bestehlen.

  Wie aufgeklärt hier alles. Wie durchheitert.
  Wie voller Frische, voller Ahnungen.
  Ins Morgen ward die Gegenwart erweitert
  Des Vaterlands durch seine Planungen.
  Es ist ein Hochgenuß, von ihm zu sprechen.
  Es war ein Staat und scheute das Verbrechen.

  Wer kann die Pyramiden überstrahlen?
  Den Kreml, Sanssouci, Versailles, den Tower?
  Von allen Schlössern, Burgen, Kathedralen
  Der Erdenwunder schönstes war die Mauer.
  Mit ihren schmucken Türmen, festen Toren.
  Ich glaub, ich hab mein Herz an sie verloren.

  Das war das Land, in dem ich nicht geboren,
  Das Land, in dem ich nicht erzogen bin.
  Das ich mir frei zum Vaterland erkoren,
  Daß bis zum Grab ich atmete darin.
  Das mit dem Grab hat sich nun auch zerschlagen.
  Doch war das Glück mit meinen Mannestagen.

  In dieser Hundewelt geht vieles ohne
  Ideen, aber nichts ohne Spione.
  Schuld, daß ich alles deutlich offenbare,
  Schuld trug das KGB. Wohl zwanzig Jahre
  Hat insgeheim mit Langley oder Harvard
  Es über unsern Untergang palavert.

  Die Sowjetmacht, sie schenkte uns das Leben.
  Sie hat uns auch den Todesstoß gegeben.
  Nur täuscht euch nicht. Rußland und wir, wir beiden,
  Sind niemals, auch nicht durch Verrat, zu scheiden.
  So viel für jetzt. So viel zum künftig schwierigen
  Verhältnis zwischen Preußen und Sibirien.

  Fremd ist die Sonne, die mir heute leuchtet.
  Und bloß im sich versenkenden Gemüte
  Seh ich die Landschaft, die hier vormals blühte.
  Nicht immer bleibt mein Auge unbefeuchtet.
  Man weint um Hellas. Sonst geschieht es selten,
  Daß einer Staatseinrichtung Tränen gelten.

  Und derer laßt mich denken, die es schufen,
  Das Vaterland, ihm Hirn und Willen liehen,
  Es kräftigend zu menschlichsten Behufen.
  Kaum einer ist mehr. Laßt mich nicht verziehen,
  Als Greis dem Sterbenden mich mitzuteilen.
  Für Alfred Neumann schrieb ich diese Zeilen. 


  Nachdruck/Vervielfältigung nur mit ausdrücklicher Genehmigung des 
  Rechteinhabers. © Eulenspiegel Verlag, Berlin

  Alfred »Ali« Neumann (1909–2001) war Mitglied des Politbüros 
  des Zentralkomitees der SED und von 1965 bis 1968 Minister 
  für Materialwirtschaft der DDR. Neumann spielte bei 
  der Konzipierung des Neuen Ökonomischen Systems der Planung 
  und Leitung (NÖSPL) in den 60er Jahren eine wichtige Rolle. 
  Im Zuge des Sturzes von Walter Ulbricht durch Erich Honecker 
  1971 weigerte sich Neumann als einziges wichtiges 
  damaliges Politbüromitglied, eine geheime »Bitte« an 
  die sowjetische Führung um Ablösung Ulbrichts mit 
  zu unterschreiben. Neumann blieb ein Gegenspieler Honeckers, 
  trat jedoch niemals in der Öffentlichkeit gegen ihn auf. 
  1989 wurde er aus dem Politbüro, 1990 aus der 
  SED-PDS ausgeschlossen. Seit 1992 wurde gegen ihn aufgrund 
  seiner Mitgliedschaft im Nationalen Verteidigungsrat der DDR 
  wegen »Totschlags und Körperverletzung an der inner-
  deutschen Grenze« ermittelt, die 23. Strafkammer des 
  Berliner Landgerichtes stellte 1999 das Verfahren ein.

  Website der Kommunistischen Gewerkschaftsinitiative

  

Kommentare:

  1. Hacks, der so schöne Lieder für seine Stücke schreiben konnte, veröffentlichte nach der Biermann-Ausbürgerung in der "Weltbühne":
    "Er (Biermann) hat die Zustimmung von Heinrich Böll. Böll, man kennt ihn, ist drüben der Herbergsvater für dissidierende Wandergesellen. Biermann hat in seinem Bett übernachtet, und ich hoffe, er hat nicht noch Solschenizyns Läuse darin gefunden . . ."

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  2. wahrscheinlich ein tippfehler:
    die auschwitz-befreiung kan nicht erst am 9. november 1945 gewesen sein.
    mfg ko

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  3. Oh, natürlich nicht. Das wird verändert. Was für ein blöder Fehler.

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  4. Sehr geehrte Frau Schall,

    Peter Hacks Gedicht "Das Vaterland" ist urheberrechtlich geschützt.
    Die Rechte liegen beim Eulenspiegelverlag.
    Bitte bringen Sie daher umgehend in unmittelbarer Textnähe den folgenden Rechtshinweis
    an:
    Nachdruck/Vervielfältigung nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Rechteinhabers. © Eulenspiegel Verlag, Berlin

    Anderenfalls müssten wir Sie bitten, den Text bis zum 23.09.2013 zu entfernen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Denise von Rombach

    vonrombach@eulenspiegelverlag.de
    Tel.: 030/23 80 91 19
    Fax: 030/23 80 91 23
    www.eulenspiegel-verlagsgruppe.de

    Eulenspiegel Verlagsgruppe, Neue Grünstr. 18, 10179 Berlin
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    Zur Eulenspiegel Verlagsgruppe gehören:
    - (Das Neue Berlin Verlags GmbH; eingetragen im Handelsregister Amtsgericht Berlin-Charlottenburg HRB 49349)
    - (Eulenspiegel . Das Neue Berlin Verlags GmbH & Co. KG; eingetragen im Handelsregister Amtsgericht Berlin-Charlottenburg HRA 28342)
    - (Neues Leben Verlags GmbH & Co. KG; eingetragen im Handelsregister Amtsgericht Berlin-Charlottenburg HRA 35673)

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  5. Liebe Damen und Herren vom Eulenspiegelverlag!

    Hatte einfach vergessen, die Quelle zu nennen. Und habe es jetzt umgehend korrigiert. Tut mir leid. Kommt nicht wieder vor.

    Johanna Schall

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  6. So viel Dummheit auf einer einzigen Seite,
    selbstgefällig, kurzsichtig und klein - das
    Gedicht von Peter Hacks (mit ihm und
    Chotjewitz, so scheints, ist die deutsche
    Literatur verstorben) ist nicht gemeint, mit
    weitem Abstand steht es über den Texten
    der Zeit - einsam und großartig wie nur je!

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  7. Schall hatte nicht nur kein Augenmerk für die Befreiung von Auschwitz
    und "vergaß" mal eben die Rechte an dem Gedicht (just das im Hause Brecht!),
    nein auch die Seite, wo sie´s her hat, ist falsch angegeben. Leider typisch
    (Hacks: "Es passt immer alles"). Aber Grünbein vs Hacks - das ist steil, auwei.

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  8. Schon am 30. Januar 1991 sagte der „Kanzler der Einheit“, Helmut Kohl, in seiner Regierungserklärung zum Deutschen Bundestag:
    „Deutschland hat mit seiner Geschichte abgeschlossen (sic!). Es kann sich künftig offen zu seiner Weltmachtrolle (sic!) bekennen und sollte diese ausweiten.“
    - 1993 (!) forderte der damalige BRD-Außenminister und ehemalige BND-Chef Klaus Kinkel in einem Grundsatzartikel über "Deutsche Außenpolitik in einer sich neu ordnenden Welt" unter der vielsagenden Zwischenüberschrift „Deutschlands Hauptinteresse ist gleichgeblieben“ exakt dieses:
    „Nach außen gilt es etwas zu vollbringen, woran wir zweimal zuvor (sic!) gescheitert sind: im Einklang mit den Nachbarn zu einer Rolle zu finden, die unseren Wünschen und unserem Potential entspricht. ... Wir sind aufgrund unserer Mittellage, unserer Größe und unserer traditionellen Beziehungen zu Mittel- und Osteuropa dazu prädestiniert, den Hauptvorteil (sic!) aus der Rückkehr dieser Staaten nach Europa zu ziehen.“
    - Rede von Angela Merkel auf der 40. Münchner Konferenz für Sicherheitspolitik am 7. Februar 2004 (!): „Ich stimme Außenminister Fischer zu. Der Westen ist nicht am Ende“, sagt Angela Merkel, um die transatlantische Politik als Zusammengehen mit den USA zu verteidigen. Sie will die USA nicht wieder, wie im Irak-Krieg „geschehen“, allein agieren lassen („Wie verhindern wir, dass es sich wiederholt?“ fragt sie, wohlgemerkt nicht danach, wie ein Krieg sich nicht wiederhole, sondern das eigene Ausbleiben in einem solchen…!):
    „Dabei lohnt meines Erachtens ein Blick in die im letzten Jahr erschienene Autobiographie der früheren amerikanischen Außenministerin der Clinton-Administration, Madeleine Albright. Zu Beginn des Kapitels ‚Im Duell mit Diktatoren’ schreibt Frau Albright in ihrem Buch – ich zitiere: ‚Die zentrale außenpolitische Zielsetzung lautet, Politik und Handeln anderer Natio-nen so zu beeinflussen, dass damit den Interessen und Werten der eigenen Nation gedient ist. Die zur Verfügung stehenden Mittel reichen von freundlichen Worten bis zu Marsch-flugkörpern.’ – Ende des Zitats. Noch einmal, das ist kein Zitat z.B. von Minister Rumsfeld, sondern von Frau Albright, das aber nur am Rande bemerkt.
    Im Grunde ist es eine verblüffend einfache Definition – den Interessen und den Werten der eigenen Nation dienen und dabei alle Mittel in Betracht ziehen. Aber es ist auch eine Definiti-on, die aus meiner Sicht nicht nur für die amerikanische Außen- und Sicherheitspolitik Gültig-keit haben muss, sondern auch Maßstab einer europäischen Außen- und Sicherheitspolitik sein sollte, besser: sein muss.“ (Ende Zitat CDU-Vorsitzende Merkel, 2004)

    http://www.facebook.com/unentdecktes.land/photos/a.1558824794371967.1073741829.1552557468332033/1606674982920281/?type=3&theater

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  9. ... und Johanna voran,
    als willige Helferin in
    vorauseilendem Dienst...

    Der deutsche Imperialismus
    dankt ihr aus vollem Herzen!

    Ja, DER Schoß ist fruchtbar
    noch...

    Johanna die Wahnsinnige

    Doch Castorf hat sie porträtiert:
    Johanna lädt die Krokodile
    auf den EXANDERPLATZ...

    http://www.jungewelt.de/2015/10-08/003.php

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  10. Keinen Zweifel? Kein Schrecken über, das was geschehen ist? Keine Einsicht. Nur Paranoia und dreiste Angriffe? Wie arm. Wie blind.

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