Dienstag, 20. September 2011

53


53. 
Es gelingt mir nicht, die Zahl meiner Jahre in ein sinnliches Verhältnis zu meinem Lebensalltag zu setzen. 
In meinem Kopf (der gelegentlich denkt, er sei immer noch 20) tragen Dreiundfünfzigjährige geschneiderte Kostüme, haben Blauspülungen im Haar und führen ihre ekligen Pekinesen Gassi. Sie sind organisiert, bedacht und ausgeglichen, gehen zu Kaffee und Kuchen, lesen das Tageshoroskop und lieben Fahrstuhlmusik und Stefan Mross. Was habe ich falsch gemacht?
Ich verbringe meinen 53. Geburtstag in London (!), werde beraubt (!), Tasche samt Geldkarte, Pass etc. ist weg, aber der Polizist, der den Raub aufnimmt, ist reizend, die Geldkarte ohne Komplikationen gesperrt und es wird doch noch ein ganz schöner Tag alles in allem. Dann lese ich, dass Regisseure, als einzige "Bühnenkünstler" 19% Umsatzsteuer bezahlen müssen, weil "die Dienstleistungen der den Theatervorführungen und Konzerten vergleichbaren Darbietungen ausübender Künstler weder mit denen eines Regisseurs gleichwertig sind noch stehen sie im Wettbewerb zueinander." Tja! Nicht gleichwertig! Werden Minderwertigkeitsgefühle von Theaterregisseuren infolge von Gefühlen der Ungleichwertigkeit von der Krankenkasse anerkannt? Wie wäre es mit einer Spieltherapie?

Aber es geht mir trotzdem gut, meistens. Meine Arbeit macht mir Spaß, ist halt mäßig bezahlt. Ich habe das enorme Glück ein paar auch verrückte, außergewöhnliche, vergnügliche und liebevolle Freunde zu haben, auch wenn ich sie manchmal selten sehe, weil das ungleichwertige Reiseregisseurdasein einen oft im Lande umtreibt. Und der halbjahrhundertalte (+3) Körper macht noch ganz gut mit.

Wie ist das also mit dem Altwerden? Weise werde ich nicht, aber was werde ich? Einfach genauso wie immer, nur älter? 



Kommentare:

  1. werde dir den text klauen und an einem geburtstag in naher zukunft mit geringfügigen änderungen (dieb verfolgt. erschlagen. polizist trotzdem nett) veröffentlichen. du machst alles richtig, ... mädchen ;)

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  2. Gibt es überhaupt jemanden, der sagt, er fühle sich so alt wie er sei.

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  3. Die an Jahren sehr alte Frau auf dem Foto schmückt sich mit Farben, sie dreht sich Locken, hängt sich Kugeln an die faltigen Ohren, pafft und lacht uns ihre Zahlücken entgegen. Bestimmt ist sie seit fünfzig Jahren in ihren Kerl verknallt, oder lästert den jungen Ärschen hinterher.

    Mancher kennt sie vielleicht noch. Trude Bechmann, Schauspielerin am DT. Sie war alt, ich war jung. Wir redeten über Liebe. Ihr Gesicht wurde immer röter, ihre Augen glänzten. Und wie.

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  4. Trude. Oh, der schönste Husten Ost-Berlins, mit einer Biographie, die für drei Leben gereicht hätte. Eine Zarte, eine Stählerne, eine Liebe.

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  5. Wie schön Du sie beschreibst. Sie wäre glücklich, das zu lesen.

    Immer noch im Kopf der Tonfall ihres "Stör ich?", wenn sie an einen Tisch kam.

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