Sonntag, 25. September 2011

Altweibersommer - Der Herbst wird trocken


Weil eine Freundin heute gesagt hat, dass ihr die sonnigen Herbsttage am besten gefallen, denn "im Sommer ist ja sowieso Sommer, auch wenn's regnet".

Der Name Altweibersommer leitet sich von Spinnfäden her, mit denen junge Baldachinspinnen im Herbst durch die Luft segeln. Mit „weiben“ wurde im Althochdeutschen das Knüpfen der Spinnweben bezeichnet.

An September-Tagen mit sonnigem Wetter kühlt es sich in den klaren Nächten stark ab, so dass in den Morgenstunden durch den Tau die Spinnweben deutlich zu erkennen sind. Die seltsam glänzenden Fäden (oder "Herbstfäden") glitzern im Sonnenlicht wie lange, silbergraue Haare. Früher glaubten die Leute, so erzählen es alte Sagen, daß alte Weiber (damals war das noch kein Schimpfwort für alte Damen) diese "Haare" beim Kämmen verloren hätten und daß dies das Wirken der "Nornen", der alten Schicksalsgöttinnen, die die Lebensfäden der Menschen spinnen, war. Alten Menschen, an denen solche Spinnfäden hängen bleiben, sollten sie Glück bringen.
Spätere - im Christentum entstandene- Legenden wiederum wissen zu berichten, daß die Silberfäden des Altweibersommers aus dem Mantel Marias stammen, den sie bei ihrer Himmelfahrt trug. Im Volksmund heißen deshalb diese Spinnfäden auch "Marienfäden", "Marienseide", "Marienhaar" oder "Unserer Lieben Frauen Gespinnst".
Aus dem Gartenkalender - Kalenderblütter durch die Jahreszeiten

Altweibersommer

Septembergold und neuer Wein.
Ich hab gewollt es war aus Stein,
mein Herz aus Gold.
Oktoberrot und Hasenjagd.
Die Liebe tot.
Die Leiche fragt nach Lippenrot.
Novembergrau, die Toten ruhn.
Mein Haar wird grau, ich färb es nun:
Altweiberblau.

Ingrid Noll

Die Männchen der Baldachinspinne sind zur Paarungszeit im September oft in der Nähe oder sogar im Netz der Weibchen zu finden. Sie weben meist keine eigenen Netze. Bei der mehrere Stunden andauernden Paarung sitzt das Männchen bauchoben auf dem Weibchen. Auch nach der Paarung lebt das Männchen noch einige Zeit im Netz des Weibchens.


Der September
 
Das ist ein Abschied mit Standarten
aus Pflaumenblau und Apfelgrün.
Goldlack und Astern flaggt der Garten,
und tausend Königskerzen glühn.
Das ist ein Abschied mit Posaunen,
mit Erntedank und Bauernball.
Kuhglockenläutend zieh'n die braunen
und bunten Herden in den Stall.
Das ist ein Abschied mit Gerüchen
aus einer fast vergessnen Welt.
Mus und Gelee kocht in den Küchen.
Kartoffelfeuer qualmt im Feld.
Das ist ein Abschied mit Getümmel,
mit Huhn am Spieß und Bier im Krug.
Luftschaukeln möchten in den Himmel.
Doch sind sie wohl nicht fromm genug.
Die Stare gehen auf die Reise.
Altweibersommer weht im Wind.
Das ist ein Abschied laut und leise.
Die Karussels dreh'n sich im Kreise.
Und was vorüber schien, beginnt.

Erich Kästner

www.anwaltseiten24.de
Dienstag, 19. Dezember 2006

Der „Altweibersommer“ ist nicht frauenfeindlich

Eine 78-jährige Frau hatte gegen die Bundesrepublik Deutschland geklagt. In den Wetterberichten des Deutschen Wetterdienstes solle zukünftig der Begriff „Altweibersommer“ nicht mehr verwendet werden. Sie fühlte sich durch diese Bezeichnung wegen des Wortes „Weib“ im Hinblick auf ihr Geschlecht diskriminiert, weil dieses Wort „seit altersher“ abfällig gebraucht werde. Noch schlimmer sei die Bezeichnung „altes Weib“, weil dadurch „zum Ausdruck gebracht werde, dass die Betreffende keine richtige Frau mehr sei.“ Der Begriff „Altweibersommer“ verletze sie daher in ihren Persönlichkeitsrechten.
Das Landgericht Darmstadt wies die Klage ab. Die Klägerin sei im Hinblick auf die Bezeichnung „Altweibersommer“ in Wetterberichten nicht „beleidigungsfähig“. Zum einen setze eine Beleidigung einen Angriff auf die Ehre dadurch voraus, dass jemand seine Missachtung über eine Person gegenüber dem Betroffenen oder einem Dritten äußere. Derartiges liege bezüglich der Klägerin bei den Meldungen des Deutschen Wetterdienstes unzweifelhaft nicht vor. Zum anderen liege auch keine Herabwürdigung einer bestimmten Gruppe, hier der „alten Frauen“, vor. Eine solche Beleidigung setze voraus, dass der betroffene Personenkreis zahlenmäßig überschaubar ist, damit sich das einzelne Gruppenmitglied angesprochen fühlen muss. Das sei angesichts der unbestimmten Zahl älterer Frauen ebenfalls nicht gegeben.
Das Landgericht hatte offenbar Humor: Es verkündete das Urteil am 02. Februar – „Altweiberfastnacht“. 

Und dies noch, weil es so schön ist.

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll.
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: "Junge, wiste 'ne Beer?"
Und kam ein Mädel, so rief er: "Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn".

So ging es viel Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende. 's war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit;
Da sagte von Ribbeck: "Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab."
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Bündner mit Feiergesicht
Sangen "Jesus meine Zuversicht".
Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
"He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?"

So klagten die Kinder. Das war nicht recht -
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtrauen gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was er damals tat,
Als um eine Birn' ins Grab er bat,
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

Und die Jahre gehen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet's wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung' übern Kirchhof her,
So flüstert's im Baume: "Wiste 'ne Beer?"
Und kommt ein Mädel, so flüstert's: "Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew' di 'ne Birn."

So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

Theodor Fontane

Kommentare:

  1. Theodor Fontanes Gedicht "Herr Ribbeck von Ribbeck aus dem Havelland" ging als Sieger aus einer Online-Abstimmung des LOS-Verbundes und seiner Fachzeitschrift WORTSPIEGEL über das schönste deutschsprachige Gedicht hervor. Abgestimmt hatten seit Mitte November Schulkinder, ihre Eltern, Lehrer und viele andere Internet-Nutzer aus Deutschland, Österreich, Luxemburg und der Schweiz, aber auch aus etlichen anderen Ländern. Zur Auswahl standen 267 Gedichte, wovon 232 durch die Internet-Nutzer selbst vorgeschlagen worden waren. Fontanes Werk liegt auch in den meisten Bundesländern Deutschlands an der Spitze. Es gab über 29 000 Stimmen.
    Auf den Plätzen zwei und drei landeten Goethes "Zauberlehrling" und Schillers Ode "An die Freude" vor Goethes "Erlkönig" und der Ringparabel aus Lessings "Nathan der Weise" sowie Hermann Hesses "Im Nebel". Auf vorderen Plätzen platzierten sich neben Lyrik-Klassikern von Goethe, Schiller, Heine, Hesse und Rilke häufig humorvolle Gedichte von Heinz Ehrhardt, Günter Nehm, Ernst Jandl, Eugen Roth, Christian Morgenstern und Joachim Ringelnatz.

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  2. Zur Lyrikstatistik.
    Ein Beigeschmack von Bedürfnis nach Belehrung überrascht mich. Melancholie hätte ich weiter vorn vermutet.

    Altweibersommer.
    Sprache ist ein schlaues Ding. Das Wort stimmt, auch wenn es nicht stimmt.
    Alte Frauen leiden im Sommer unter der Hitze. Altgefühl.Im Herbstsommer schlendern sie flott durch die Sonnenwelt.
    Diese Spinnenfäden sind hart und anhaftend wie die böse gewordenen altne Frauen.
    Und sie haben etwas Zauberisches, wenn sie in der Frühsonne glitzern, wie die guten alten Frauen.

    Weib ist ein schönes Wort. Klingt weiblich nicht reizvoller als fraulich? Mehr nach rundem Busen als nach breitem Hintern.

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  3. Mit gelben Birnen hänget
    Und voll mit wilden Rosen
    Das Land in den See,
    Ihr holden Schwäne,
    Und trunken von Küssen
    Tunkt ihr das Haupt
    Ins heilignüchterne Wasser.

    Weh mir, wo nehm ich, wenn
    Es Winter ist, die Blumen, und wo
    Den Sonnenschein,
    Und Schatten der Erde?
    Die Mauern stehn
    Sprachlos und kalt, im Winde
    Klirren die Fahnen.

    Hölderlin

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  4. Hmja... und deswegen:

    O trübe diese Tage nicht

    O trübe diese Tage nicht,
    Sie sind der letzte Sonnenschein,
    Wie lange, und es lischt das Licht
    Und unser Winter bricht herein.

    Dies ist die Zeit, wo jeder Tag
    Viel Tage gilt in seinem Wert,
    Weil man's nicht mehr erhoffen mag,
    Dass so die Stunde wiederkehrt.

    Die Flut des Lebens ist dahin,
    Es ebbt in seinem Stolz und Reiz,
    Und sieh, es schleicht in unsern Sinn
    Ein banger, nie gekannter Geiz;

    Ein süßer Geiz, der Stunden zählt
    Und jede prüft auf ihren Glanz,
    O sorge, dass uns keine fehlt
    Und gönn' uns jede Stunde ganz.

    Theodor Fontane
    (1845)

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