Dienstag, 17. April 2012

Anstand


Anstand. Ein nunmehr selten verwendetes Wort. (Ebenso wie nunmehr, ja, ebenso wie ebenso.)
Ein anständiges Bier trinken, ein Termin der anstand oder ein Mann, dem wir es anständig gezeigt haben, eine Anstandsdame auch und das Anstandsbuch und dann noch der Anstand des Jägers - da klingt das Wort ganz lässig und unscheinbar. 

Aber ein anständiger Mensch, "wie stolz das klingt", um Herrn Gorki falsch zu zitieren. Oder richtig? Ein anständiger Mensch, wie kann man den beschreiben?
Ist es einer, der sich an die Anstands-Regeln hält, nichts tut, was unzulässig, störend oder ungewöhnlich wäre? Oder ist es der, der sich anständig verhält, wenn es unanständig wäre, nichts zu tun, oder zu schweigen?  Der, der dir aus Anstand nicht auf die Hand tritt, wenn du gefallen bist, oder der, der dir anständig in den Hintern tritt, wenn du dich schlecht benimmst? Der, der sich anpasst, oder der, der, um des Anstands willen, weiter geht, als erlaubt?
"Gestatten sie mir ihnen zu widersprechen", würde so ein anständiger vielleicht Mensch sagen. oder, "ich möchte sie darauf hinweisen, dass hier Unrecht geschieht." 
Mit Anstand geht die Welt zu Grunde wird gesagt. Besser mit Anstand als ohne? 


Hochinteressanter Artikel zum Thema:
http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2001/12/29/a0170

Hoechheim Israelit 20071881a.jpg (48534 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Juni 1881: "Bitte! Bezugnehmend auf das Ausschreiben der israelitischen Lehrerstelle in Höchheim fordere ich hiermit jeden edeldenkenden Lehrer auf, bei der Bewerbung um diese Stelle, von der Bewerbung um die Schechitah Anstand zu nehmen, da mit dieser Verbindung einer sehr unbemittelten Manne, der bisher dieses Geschäft innegehabt, ein großer Teil seiner Ernährquelle entzogen wird.
Ein guter Freund desselben."  

Der anständige Mensch als Idealtypus des Weltbildes der Aufklärung respektiert in Einstellung und Verhalten die Persönlichkeit des Anderen und achtet darauf, dass dieser nicht bloßgestellt, gedemütigt oder benachteiligt wird. Persönlicher Anstand kann erlernt, jedoch nicht reglementiert werden; wohl aber können auf Prinzipien des Anstands beruhende Regeln oder Gesetze festgelegt und zur Geltung gebracht werden. Dies geschieht grundlegend in der Erklärung der Menschenrechte. - sagt Wiki.

Mit Anstand verlieren - SPD © ???

Fortgehn

Plötzliches Fortgehn; Draußensein im Grauen

mit Augen, eingeschmolzen, heiß und weich,
und nun in das was ist hinauszuschauen - :

O nein, das alles ist ja ein Vergleich.


Der Strom ist so, damit er dich bedeute,

und diese Stadt stand auf weil du erschienst;
die Brücken gehn mit Anstand der dich freute
gelassen her und hin in deinem Dienst.


Und weil das alles ausgedacht ist nur:

dich zu bedeuten - : ist es wie die Erde;
die Gärten stehn in dunkelnder Gebärde,
die Fernen sind voll deutsamer Figur -.

Und doch trotzdem, nun kommt es trotzdem wieder:

der Schmerz, der Schmerz des ersten Augenblicks.
Noch war es da - : auf einmal ging es nieder
oder flog auf oder war aus wie Lieder - :
das war so voll unsäglichen Geschicks -.

Wie wenn...

                  (bin ichs zu sagen denn imstande?)
Sieh: diese Augen lagen da: Gewande,
ein Angesicht, ein Glanz ging in sie ein
als wären sie --- ja was ? --:
                                          der Canal Grande
in seiner großen Zeit und vor dem Brande -
------------------
und plötzlich hört Venedig auf zu sein.

Rainer Maria Rilke

Aus: Die Gedichte 1906-1910 (zuerst veröffentlicht: Paris, Juni 1906) 

Giovanni Antonio Canal (Canaletto) Rialto Brücke, Venedig 

"Es gibt drei Dinge, die sich nicht vereinen lassen: Intelligenz, Anständigkeit und Nationalsozialismus. Man kann intelligent und Nazi sein. Dann ist man nicht anständig. Man kann anständig und Nazi sein. Dann ist man nicht intelligent. Und man kann anständig und intelligent sein. Dann ist man kein Nazi." 
Gerhard Bronner bei der Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Befreiung des KZ Gunskirchen, 7. Mai 2005

Kommentare:

  1. Wie da die persönlichen Wertesysteme aneinanderknallen!
    Wie unterschiedlich, ja gegensätzlich sind die persönlichen (und historischen, regionalen, kulturellen) Auffassungen von Anstand,Respekt, Rücksicht, Selbstverwirklichung.
    (Wir hatten das hier schon mal mit dem Gegriff Freiheit.)
    Wie schnell gilt den einen als uncool oder spießig oder kleinlich, was andere als Mindestmaß an Anstand ansehen. Wie schwer fällt es manchmal, Flegelhaftigkeiten mit Anstand zu begegnen, wenn einen auf der anderen Seite nur Frechheit anglotzt.

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  2. Eigentlich ist Gegriff scöner und genauer als der übliche "Begriff", win Wort das etwas greift, gegriffen hat.
    Ob man es begreift, bleibt offen.

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  3. Stimmt. Eigentlich schade, dass es bloß ein Tippfehler war.

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  4. Die Charakterisierung "ein Mensch von Anstand" hat auch immer ein wenig den Geschmack von Tragik und von Neben-der-Zeit-Sein. Redlichkeit ist auch eines von diesen Wörtern, die eher ironisch bis abwertend benutzt werden. Ein guter Mensch wird schnell verdächtigt, ein "Gutmensch" zu sein. Und das ist ein Schimpfwort.

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