Dienstag, 17. Januar 2012

Rainer Maria Rilke - Weil ich gerade so froh bin



Solang du Selbstgeworfnes fängst, ist alles
Geschicklichkeit und läßlicher Gewinn -;
erst wenn du plötzlich Fänger wirst des Balles,
den eine ewige Mit-Spielerin
dir zuwarf, deiner Mitte, in genau
gekonntem Schwung, in einem jener Bögen
aus Gottes großem Brücken-Bau:
erst dann ist Fangen-Können ein Vermögen, -
nicht deines, einer Welt. Und wenn du gar
zurückzuwerfen Kraft und Mut besäßest,
nein, wunderbarer: Mut und Kraft vergäßest
und schon geworfen hättest..... (wie das Jahr
die Vögel wirft, die Wandervogelschwärme,
die eine ältre einer jungen Wärme
hinüberschleudert über Meere -) erst
in diesem Wagnis spielst du gültig mit.
Erleichterst dir den Wurf nicht mehr; erschwerst
dir ihn nicht mehr. Aus deinen Händen tritt
das Meteor und rast in seine Räume...

Aus: Die Gedichte 1922 bis 1926 (Muzot, 31. Januar 1922) 

 Baladine Klossowska Rilke ruhend (mit roten Schuhen)

Kommentare:

  1. Der seltene Moment, in dem man etwas gekonnt hat, das man sich nie zugetraut hätte, wovor man Angst hatte, und dann ist da plötzlich eine Situation, die von dir erfordert, was gar nicht geht, und du tutst es, ohne nachzudenken, ohne Angst, einfach so, weil es sein muss, und danach staunst du, dass du es warst, dass es wie von selbst ging, und dein Herz ist so voll von Glück.

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  2. Ich kannte bislang nur den ersten Teil dieses Gedichtes aus einem YT-Video mit und über Hans-Georg Gadamer. Mehr oder weniger spontan kam mir in den Sinn, dass mit den ewigen Mitspielerinnen nur die Musen aus der griechischen Mythologie gemeint sein können. Wesen, die wenn sie einen küssen, einen Menschen dazu befähigen, vorher nie gekanntes zu erschaffen. Die Musen lenken gleichsam Gottes Brückenbögen auf uns Menschen.

    Der "zweite" Teil dieses Gedichtes war mir bislang unbekannt. Das muss ich erst mal sacken lassen.

    Last but not least: Dieses Gedicht belegt einmal mehr - zumindest für mich - dass Rilke zu den größten Dichtern deutscher Sprache gehört. In diesem Gedicht wird mir einmal mehr klar, was er mit dem Satz "Weiter sehen, als das Auge reicht" gemeint hat.

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  3. Korrektur: Es heißt nicht "Weiter sehen als das Auge reicht", sondern nach meinem Empfinden viel tiefgründiger: "Weiter sehen als das Wissen reicht".

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