Donnerstag, 26. Januar 2012

Michelangelo liebt - Rilke verehrt

  

An Tommaso Cavalieri

Du weißt, Herr, dass ich weiß, wie sehr du weißt,
dass ich, um dich zu fühlen, dich erreiche,
und weißt, ich weiß, du weißt, ich bin der Gleiche:
was ists, das uns im Gruße zögern heißt?

Ist wahr die Hoffnung, die du mir gebracht,
und wahr der Wunsch und sicher, dass er gelte,
so bricht die Wand, die zwischen uns gestellte,
verhehltes Wehe hat nun doppelt Macht.

Wenn ich an dir nur liebe, was auch du
am meisten an dir liebst, Herz, zürne nicht.
Das sind die Geister, die sich so umwerben.

Was ich begehr in deinem Angesicht,
dem sehn die Menschen unverständig zu,
und wer es wissen will, der muss erst sterben.


Michelangelo Buonarotti, übersetzt von Rainer Maria Rilke
Insel, Frankfurt August 2002 



Details aus dem Letzten Gericht, ein letzter Kuss. Sixtinische Kapelle


Das waren Tage Michelangelo´s...

Das waren Tage Michelangelo´s,
von denen ich in fremden Büchern las.
Das war der Mann, der über einem Maß,
gigantengroß,
die Unermesslichkeit vergaß.

Das war der Mann, der immer wiederkehrt,
wenn eine Zeit noch einmal ihren Wert,
da sie sich enden will, zusammenfasst.
Da hebt noch einer ihre ganze Last
und wirft sie in den Abgrund seiner Brust.
Die vor ihm hatten Leid und Lust;
er aber fühlt nur noch des Lebens Masse
und dass er Alles wie ein Ding umfasse, -
nur Gott bleibt über seinem Willen weit:
da liebt er ihn mit seinem hohen Hasse
für diese Unerreichbarkeit.
Rainer Maria Rilke
Aus: Das Stundenbuch/ Buch vom Mönchischen Leben (1899)

 

Kommentare:

  1. Michelangelo: Gebet. Bitte. Forderung. Anspruch. Anmaßung. Zornliebe. Sehnsucht. Fußstampfende Unfähigkeit zur Demut.

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  2. Tolles Zitat; ist eines meiener Lieblingszitate.

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