Freitag, 13. Januar 2012

Zoophilie - Leda und der Schwan


 Eine sternenklare Nacht, die Gassen Spartas: Leda auf einem Spaziergang nach einer  Liebesnacht mit König Tyndareos, ihrem Gatten - ein Schwan in wilder Flucht vor einem ihn verfolgenden Adler, flüchtet in ihre Arme. Neun Monate später wird sie zwei Eier legen aus denen vier Kinder schlüpfen. 

Oder Nemesis, die "die das Gebührende zuteilt", verfolgt von Zeus, verwandelt sich in einen Fisch, dann in eine Ente oder Gans, um seinen Nachstellungen zu entgehen und der sich widerum in einen Schwan. Die Eier werden später Leda untergeschoben, die sie unkommentiert in ein Kästchen legt und wartet, bis sie ausgebrütet sind.

In beiden Fällen enthält eines der Eier die schöne Helena, bei deren Anblick Marlows Faust fragte: "War dies das Antlitz, das tausend Schiffe trieb, das turmgekrönte Ilium zu verbrennen?" Castor und Pollux sind ihre Brüder und manche sagen, das vierte Kind war Klytaimnestra. Nahezu die ganze Illias in zwei Eiern.

Gans und Schwan, leicht vorstellbar, der Schwan ist immerhin ein Gänsevogel; Pferd und Frau, Katharina die Grosse und der Hengst, auch wenn es schmerzhaft klingt; bei Woody Allen, der verliebte Schafhirte, war wochenlang allein mit freundlichen Schafen, aber Schwan und Frau?  

 Leda und der Schwan (vielleicht) François Boucher 1742

Zoophilie , "Neigung zum Tier" nennen wir, seit Krafft-Ebing das sexuelle Hingezogensein zu einem Tier. Das Diagnostische und Statistische Handbuch Psychischer Störungen Nummer III führt Zoophilie unter den Paraphilien, sexuellen Abweichungen von der gesellschaftlichen Norm. Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD) nennt es eine gestörte Sexualpräferenz. 

Da die begehrten Tiere nicht zustimmen oder ablehnen können, gilt es vielen als Vergewaltigung. Andere sagen anderes. Man findet Darstellungen von Mensch-Tier Geschlechtsakten aus der Bronzezeit und allen Zeiten seither. Das Thema ist auf jeden Fall mit einem starken Tabu belegt. Und die verbreitetste Geschichte, eben dieser Mythos von Leda und dem Gott, dreht das Machtverhältnis um, hier beschläft oder vergewaltigt das Tier die Frau.

Die Vereinigung aus der Sicht des Zeus:

LEDA
Rainer Maria Rilke

Als ihn der Gott in seiner Not betrat,
erschrak er fast, den Schwan so schön zufinden;
er ließ sich ganz verwirrt in ihm verschwinden.
Schon aber trug ihn sein Betrug zur Tat,

bevor er noch des unerprobten Seins
Gefühle prüfte. Und die Aufgetane
erkannte schon den Kommenden im Schwane
und wusste schon: er bat um Eins,

das sie, verwirrt in ihrem Widerstand,
nicht mehr verbergen konnte. Er kam nieder
und halsend durch die immer schwächere Hand

ließ sich der Gott in die Geliebte los.
Dann erst empfand er glücklich sein Gefieder
und wurde wirklich Schwan in ihrem Schoß.

Rainer Maria Rilke, Herbst 1907, Paris, oder Frühling 1908, Capri


Und aus der Sicht der Vergewaltigten:

LEDA UND DER SCHWAN
William Butler Yeats

wörtliche Übersetzung

Ein plötzlicher Hieb: die riesigen Flügel noch schlagend
Über dem taumelnden Mädchen, ihre Schenkel liebkost
Von den dunklen Schwimmhäuten, ihr Nacken gefangen in seinem Schnabel,
Hält er sie hilflos, Brust auf seiner Brust.

Wie können die panisch unsicheren Finger
Die gefiederte Glorie von den nachgebenden Schenkeln stoßen?
Und wie kann Körper, gelegt in dies weisse Anschwellen
Anders, als das fremde Herz schlagen fühlen wo es liegt?

Ein Schauder in den Lenden erzeugt hier
Die zerbrochene Mauer, das brennende Dach, den Turm
Und Agamemnon tot.

So gefangen,
So beherrscht vom brutalen Blut der Luft,
Hat sie sein Wissen mit seiner Macht gefühlt
Bevor der gleichgültige Schnabel sie fallen lassen konnte?


LEDA AND THE SWAN
William Butler Yeats

A sudden blow: the great wings beating still 
Above the staggering girl, her thighs caressed 
By the dark webs, her nape caught in his bill, 
He holds her helpless breast upon his breast. 

How can those terrified vague fingers push 
The feathered glory from her loosening thighs? 
And how can body, laid in that white rush, 
But feel the strange heart beating where it lies?

A shudder in the loins engenders there 
The broken wall, the burning roof and tower
And Agamemnon dead. 

Being so caught up, 
So mastered by the brute blood of the air, 
Did she put on his knowledge with his power 
Before the indifferent beak could let her drop?

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Der Schwan ist übrigens auch das Symbol für Martin Luther!

Strümpfelbach im Remstal - Kirche - Lutherbild
Gemalt von J.A. List, gestiftet vom Schultheiß Chirurgus Knauß und entworfen von dem gelehrten Pfarrer M(agister) G(eorg) L(udwig) Sch(midlin)
  
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Wie wäre es denn mit einem Kraken?

Der Traum der Fischersfrau,  japanischer Künstler um 1820 


Kommentare:

  1. Irgendwie ist man von den Göttern, insbesondere den griechischen, insbesondere Zeus einiges gewöhnt und liest ihr speziesübergreifendes Tun wie frivole Märchen.
    Dabei ist das Alltag, immer noch und weltweit. Aber selbst der Tierschutz hat den Tatbestand selten auf dem Schirm, die deutsche Rechtssprechung tut sich noch schwerer... bis hin zu abstrusen Gerichtsurteilen in denen Rentner die Hunde, mit denen sie erotische Neigungen ausleben auch schon mal behalten dürfen, da es eine unzumutbare Härte darstellen würde auf den Hund zu verzichten.
    Ich bin wirklich nicht prüde und ich habe eine vehemente Neigung jedem sein Vergnügen zu lassen, sofern es zwischen zwei mündigen Menschen stattfindet, die das so und nicht anders ausleben wollen.
    Diese Voraussetzungen erfüllt Sodomie leider mehrfachst nicht.
    Trotzdem ist sie auch in der Gegenwart geblieben als was sie im Mittelalter klassifiziert wurde - eine "stumme", d.h. nicht auszusprechende
    Sünde.
    Und was nicht thematisiert wird, das ändert sich nicht und bleibt Tat, in Deutschland sogar nicht selten straffrei.

    Recht gute Studie zum Thema:

    http://www.tierimrecht.org/de/PDF_Files_gesammelt/Zoophilie-Studie_10.4.2005.pdf

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  2. Zoophilie und dieser Blog:

    Auch das mag ich an diesem Blog, dass etwas in meinen Kopf hineingelangt, was bislang daran vorbeigeflogen ist.

    Ich kenne die Geschichte von Zeus, na klar, und auch einen unangenehmen Mann, der seine Frau nur anbrüllt, aber mit seinen Katzen in Babysprache säuselt, wenn er sich mit ihnen auf der Wiese rollt, und den ich leise Katzenficker nenne, als Schimpfwort, einfach so, unbedacht.
    Nun erfahre ich, dass sich hinter Zoophilie schwere Beschädigungen von Menschen und auch Tieren verbergen. Also gar nicht witzig, sondern ein hartes und "stummes" Problem.

    An Kommentaren mag ich, wenn ein Thema durch andere Sichten
    ergänzt, vertieft, erweitert oder gekontert wird.
    Schade, dass die sensationell vielen Anklicker dieses Blogs sich so selten dazu verlocken oder provozieren lassen.

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  3. Auf den meisten Darstellungen sieht der Schwan irgendwie bei allem trotzdem hilflos aus, unbeholfen, vielleicht wegen der Größe. Als Vergewaltigung kann ich mir das schwer vorstellen. Warum eigentlich? Da wird doch grundsätzlich die Frau immer als Opfer angenommen. Wenn er ein Gott ist und in dieses Tier schlüpft, dann hat diese Wahl würde ich denken nicht das Ziel eines Gewaltaktes. Dann würd er sich doch ein anderes Tier nehmen, was er ja auch getan hat, in anderen Fällen. Da hat er sich eher eine Herausforderung gesucht, würde ich sagen. Diese Eroberung in diesem Kostüm zu bringen. Der Rilke ist wunderbar. Ist er. Dem so ein Staunen zu verleihen.
    Danke für diesen weiterführenden Leda - Zeus Exkurs! Die ganze Ilias in zwei Eiern, das ist gut.
    Und:
    Ich würde doch trennen zwischen den Sagen und dem Tierschutz. Ich hab mich nicht damit befasst, wieviel davon, was diese Sex mit Tieren Geschichten angeht, eine reale historische Grundlage hat. Wenn man all die Sagen dann aus Gründen politischer Korrektheit nicht mehr erzählen kann, ohne daß man hinterherschickt eine Abhandlung über Tierschutz damals und Heute, hm. Nichtsdestotrotz ist es auf jeden Fall gut und richtig sich jeden Anlass zu nehmen, darüber zu sprechen, also Sodomie, die Tiere können ja nu mal nicht reden.

    Und seltsam sind die ganzen Götter schlüpfen in Tiere und begatten Menschen Storys schon. Deshalb bleiben sie wohl auch so gut haften und werden weiter erzählt.

    Beim beschäftigen mit der Ilias, um etwas abzuschweifen, ist mir aufgefallen, daß ich mit den vielen sich streitenden Göttern wesentlich mehr anfangen kann als mit dem einen, der für alle und alles gerade stehen soll. Das macht es möglich, phänomene zu erklären, die man sich nicht erklären kann, oder besonderen Kräften einzelner einen besonderen Ausdruck zu geben, wenn es eben Apollon war oder Athene oder Ares oder wer auch immer, der da in jemanden geschlüpft ist und ihm überirdische Kräfte verliehen hat. Das in einem Krieg, der immer barbarisch ist, sonst wäre es ja keiner, die Götter sich streiten ist mir jedenfalls plausibler, weil ich mir einen alleine da schwer vorstellen kann, wie er gleich einem kleinen Jungen zwei oder drei Armeen aufeinander loslassen kann und all das Schlachten gut finden. Das die selber da manchmal nicht weiter wissen und immer mal wieder so ein Zeus dazwischen haut und sagt jetzt ist aber Schluss, haltet Euch endlich raus, damit kann ich mehr anfangen.

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