Donnerstag, 12. Januar 2012

Vögeln

Klingelt ein junger Mann an der Tür. Die Mutter öffnet: "Bitte?". Er sagt: " Guten Tag, Frau Fischer, ich würde gern mit ihrer Tochter fischen gehn.". Die Frau entgegnet: "Aber wir heißen doch Vogel!". Darauf er: "Ja, aber ich wollte nicht so direkt sein."


Vögeln, ein ganz merkwürdiges Wort für etwas, dass sich zwar in schönem Falle, wie Fliegen anfühlen kann, aber doch eigentlich eines stabilen Untergrundes bedarf.

Wiki sagt: Das Wort entstammt dem Mittelhochdeutschen und bezeichnete auch dort den Vorgang des Begattens, wobei er tatsächlich auf die Begattung bei Vögeln angewendet und erst später auf den Menschen übertragen wurde. Laut dem Duden. Deutsches Universalwörterbuch entstammt das Wort der mittelhochdeutschen Form vogelen „begatten (vom Vogel); Vögel fangen“, die ihrerseits dem Althochdeutschen fogalōn „Vögel fangen“ entspringt. Hier entwickelte es sich zu einer Anspielung auf eine phallische Bedeutung der Vögel, die sich beispielsweise in der Redensart „einen Vogel halten“ für „einen Penis halten“ ausdrückte. Im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm wurde „vögeln“ ebenfalls in der Bedeutung für „Vogel fangen“ wie auch für „begatten“ erst bei Vögeln (Hühnern) und später bei Menschen verwendet. Laut Friedrich Kluge ist das Wort seit dem 15. Jahrhundert in den frühneuhochdeutschen Formen vogelen und voglen bezeugt. Vermutlich gehört es zur gleichen Grundlage wie ficken – aus den (nicht belegbaren aber rekonstruierten) germanischen Wurzeln *fug- beziehungsweise *fukk- = „(immer wieder) stoßen“

Irgendwie gibt es im Deutschen, meinem Gefühl nach, kein wirklich "schönes" Wort für, tja, für vögeln. Sicher manche Wörter passen zu bestimmten Gelegenheiten, aber ein Verb, dass diese doch so grundsätzliche menschliche Tätigkeit ihrer enormen Wichtigkeit nach umfasst, kenne ich nicht. Vorschläge?


Gottfried August Bürger in einem Bilett an G.C. Lichtenberg

1.
Wenn außer \Vohlgestalt, vollkommen wie die deine
Dein Herz nicht eine rührt, so rührt dein Herz nicht eine.

2.
Wenn außer einer Braut, der deine Reize fehlen, Du keine wählen darfst, so darfst du keine wählen.
3.
Wenn außer der, die dir an Schönheit gleicht, auf Erden Dein keine werden kann, so kann dein keine werden.
4.
Wenn, außerm Ideal der höchsten Wollustregeln,
Du keine vögeln kannst, so kannst du keine vögeln.

5.
Doch fürs erste ist es wohl an diesen genug. Das erste und das letzte sind wohl die besten.

G. A. B.

Und

Johann Wolfgang von Goethe schrieb für den Hanswurst vor seiner Hochzeit folgende Worte:

Mir ist das liebe Wertherische Blut
Immer zu einem Probirhengst gut
Den lass ich mit meinem Weib spazieren
Vor ihren Augen sich abbranliren *
Und hinten drein komm ich bey Nacht
Und vögle sie dass alles kracht
Sie schwaumelt oben in höhern Sphären
Lässt sich unten mit Marcks der Erde nähren
Das giebt Jungs Leibseelig brav
Allein macht ich wohl ein Schweinisch Schaf.
(branliren: masturbieren)


Eine umfangreiche scheinbar leicht unvollständige Ethymologie, habe ich auf einer Seite, die seltsamerweise "Schimpfwörter erklärt" heißt, gefunden.

von mittelhochdeutsch: ficken „reiben, hinbewegen“ und „herbewegen“, niederrheinisch: im 16. Jahrhundert als vycken – mit Ruten schlagen bezeugt, ist wohl – wie norwegisch fikle „sich heftig bewegen, pusseln“ eine lautmalende Bildung.
"Diese alte Bedeutung zeigen noch der umgangssprachliche Ausdruck fickerig im Sinne von ‚unruhig, widerspenstig’ und die landschaftlich gebräuchliche Bildung Fickmühle für ‚Zwickmühle’. Heute gebräuchlich im norddeutschen Raum ist das Wort fickerig für „nervös“ oder „aufgeregt“, bzw. sächsisch fickenfaul „geizig“, d. h. „zu faul, in die Tasche zu greifen“. Das -ck- verweist auf eine Verstärkungs- oder Verkleinerungsform von einem Stamm *fug-/fig-, der sich an idg. *peuk-/peug- „stechen, stecken“ anschließen lässt (vgl. hierzu auch Fuge, Fichte, Faust, Punkt). Im mittelhochdeutschen findet sich dieser Stamm in fucken, fuchsen, was soviel wie „reiben“ und „hin und her laufen“ oder auch „ärgern“ und „reizen“ bedeutet. Eine weitere semantische Verschiebung ergab die Bedeutung „necken“, etwa in den Worten foppen, fuchsen und Faxen. Der Begriff gilt seit dem 16. Jahrhundert als obszön. Auf den gleichen Wortstamm gehen vermutlich auch die Vulgärausdrücke vögeln und Fotze, bzw. Fut zurück. Martin Luther veränderte den vorbelasteten Begriff Fickmühle, der eigentlich nur die Situation beim Mühlespiel bezeichnet, bei der ein Spieler aus einer Mühle in eine weitere zieht, in das heute gebräuchliche „Zwickmühle„. Im Schweizerdeutschen ist immer noch der Begriff Figgimühli in Gebrauch."

Vögeln:
den Geschlechtsakt vollziehen
stark veraltet beziehungsweise untergegangen: Vögel fangen
stark veraltet beziehungsweise untergegangen: aus dem Vogelflug weissagen
stark veraltet beziehungsweise untergegangen; in Bezug auf Menschen: hin- und herschweifen, ein unstetes Leben führen
(Wiktionary)



Kommentare:

  1. Gerade gucke ich aus gegebenem Anlass einige der ungeheuer vielen Versuche an, den Zeugungsakt von Helena darzustellen, Zeus als Schwan und Leda. Da trifft das Wort vögeln auf jeden Fall voll zu.

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  2. Wenn man die im Wort geronnenen Bedeutungen aufnimmt, liegt in dem einem kleinen Wort schon die ganze Geschichte.
    Erst muss man durch die Gegend vögeln (streifen), um ein passendes Vöglein zu finden, dann folgen die Tricks und Mühen es zu vögeln (einzufangen), dann wird endlich fein gevögelt (na ja, gevögelt halt ) und dann muss bald man vögeln (weissagen), wie der Weiterflug oder der Abflug sich gestalten könnte. Wenn es zum Abflug kommt, muss der Vogel wieder vögeln (unstet leben), um weiterzuvögeln (in allen Bedeutungsfarben). In jedem Falle wird gevögelt.
    Also:
    vögeln, um zu vöglen, um zu vögeln, um zu vögeln, um zu vögeln...
    Ist doch ganz einfach!

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  3. vögeln, um zu vöglen, um zu vögeln, um zu vögeln, um zu vögeln...
    "A rose is a rose is a rose" Gertrud Stein

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  4. Ach, Goethe. Ich hätte nie gedacht, dass seine Verse so holpern könnten. Klingt wie Handwerkerlyrik auf einem Richtfest.

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