Donnerstag, 6. Oktober 2011

The Rest is Noise - das 20. Jahrhundert hören von Alex Ross


Das Wenige, was ich über klassische Musik weiß, löst sich leider mit dem Beginn des letzten Jahrhunderts vollends in Verwirrung auf, 12-Ton Musik, atonale Musik - Begriffe und oft auch Töne, die mich verstört und hilflos zurücklassen. 
Und nun dieses Buch, Alex Ross ist Musik-Kritiker beim New Yorker, einer altehrwürdigen Wochenzeitschrift, berühmt für ihre Cartoons und Kunst/Theater/Musik-Beiträge und die beinah unglaubwürdig lange Liste ihrer berühmten Artikellieferanten, unter anderen: Roald Dahl, Sallinger, Phillip Roth, Nabokov, John Updike und Kurt Vonnegut 
Alex Ross kann schreiben, Kreuz- und Querverbindungen aufzeigen, und so Musik und Musiker in die politischen, künstlerischen und zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen, manchmal Grabenkämpfe, ihrer Zeit einordnen. 

Er kann Musik beschreiben, sinnlich und poetisch, und lustmachend aufs Anhören.

Er setzt einen Anfang: Richard Strauss, Gustav Mahler und den Fin de Siècle, um den Leser dann über fast 600 Seiten durch die vielfältigen und widersprüchlichen Verzweigungen des folgenden "musikalischen" Jahrhunderts zu führen. Er schreibt über musikalische Revolutionen und Revolten, Konterrevolutionen, Restaurationsversuche, Außenseiter, Trendsetter, Haßlieben und Freundschaften. Dabei legt er zwar ein besonderes Gewicht auf die amerikanischen Komponisten, aber nicht so, dass es unverhältnismäßig wirkt. Und die Kapitel über Nazi-Deutschland und die stalinistische Sowjetunion sind hochspannend und sehr ausführlich.

Ich höre jetzt vorsichtig aber neugierig klassische Musik des 20. Jahrhunderts. Nicht leicht, weiß Gott nicht, aber das Buch hat mir geholfen die gigantische Schwellenangst des totalen Laien zu überwinden. Zum Beispiel Arvo Pärt's Variationen zur Gesundung von Arinuschka haben mich sehr berührt.

 
Es gibt zum Buch eine Website mit vielen Musikbeispielen, eine weitere herrliche Möglichkeit des digitalen Zeitalters, oder?

Aus dem Englischen hat es Ingo Herzke übersetzt. 


Kommentare:

  1. Einen schönen Satz im Vorwort gefunden: Musik entwickelt sich in einer ungebrochenen Kontinuitätslinie, wie unterschiedlich
    die Ausformungen an der Oberfläche auch klingen mögen. Musik
    ist immer unterwegs, vom Ort ihrer Entstehung zu ihrer Bestimmung : der flüchtigen Wahrnehmung eines Zuhörenden – beim Konzert gestern Abend, beim einsamen Spaziergang heute Morgen.

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  2. Eigentlich kein Kommentar, eher das Bedürfnis, zu sagen, wie respektvoll ich staune, dass Du es geschafft hast, Dich über diese Schwelle zu zerren, und wie neidisch ich bin, dass Du jetzt Freude an dem eroberten Terrain haben kannst.
    Deine so persönliche Rezension verlockt.

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  3. In der Tat... Hut ab vor diesem akkustischen Mut.
    Meine letzten diesbezüglichen Versuche sind lange lange her und ich konnte mich seitdem noch nicht zu neuerlichem Wagemut hinreißen lassen. An dieser Stelle immer wieder gerne erwähnt: die Oper "Die Gezeichneten" in Düsseldorf. Binnen zwanzig Minuten war mir schmerzlich klar, dass damit einzig das geschundene Publikum gemeint war.
    Ich habe seitdem eine eigene Theorie... das, was künftige Generationen vielleicht einmal "Klassik" nennen werden könnte die Filmmusik von heute sein.
    Da gibt es Kandidaten, bei denen ich mir das vorstellen könnte...

    ...mal ein paar Beispiele, die mir gerade so einfallen:

    http://www.youtube.com/watch?v=2zTTrBYQJVM

    http://www.youtube.com/watch?v=dR4eOVQyziI

    http://www.youtube.com/watch?v=HUPBepFuNoY&feature=fvwrel

    http://www.youtube.com/watch?v=MbPX4xrKNlM

    http://www.youtube.com/watch?v=PMycMrhebjg&feature=related

    ...ach, da gibt's so viele...

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  4. Hm. Weiss nicht. Filmmusik scheint mir oft ein geschicktes Zitieren bekannter Muster und so eindeutig auf einfache emotionale Reaktionen hin geschrieben. Wie wäre es denn mit Steve Reich? Oder Michael Nyman? Da kommt man doch mit, oder? Oder vielleicht wird das Klassik genannt werden, was wir tolle Pop/Soul/Indie Musik nennen? Wer weiß? Bisher ziehe ich Leadbelly oder Willie Dixon auch noch Schönberg vor. Aber vielleicht komme ich auch noch dahinter was da berührend ist. Lets hope for the best!

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