Montag, 21. Oktober 2013

Die Bremer Stadtmusikanten



Oskar Herrfurth um 1930

Die Bremer Stadtmusikanten


  Es hatte ein Mann einen Esel, der schon lange Jahre die Säcke unverdrossen zur Mühle 
  getragen hatte, dessen Kräfte aber nun zu Ende gingen, sodass er zur Arbeit immer 
  untauglicher ward. Da dachte der Herr daran, ihn aus dem Futter zu schaffen, aber der 
  Esel merkte, dass kein guter Wind wehte, lief fort und machte sich auf den Weg nach 
  Bremen. Dort, meinte er, könnte er ja Stadtmusikant werden. Als er ein Weilchen 
  fortgegangen war, fand er einen Jagdhund auf dem Wege liegen, der japste wie einer, 
  der sich müde gelaufen hat. Nun, was japst du so?", fragte der Esel. Ach", sagte der 
  Hund, weil ich alt bin und jeden Tag schwächer werde, auch auf der Jagd nicht mehr 
  fort kann, hat mich mein Herr wollen totschlagen, da hab ich Reißaus genommen. Aber 
  womit soll ich nun mein Brot verdienen?" Weißt du was", sprach der Esel, ich gehe nach 
  Bremen und werde dort Stadtmusikant, geh mit und lass dich auch bei der Musik 
  annehmen. Ich spiele die Laute, und du schlägst die Pauken." Der Hund war zufrieden 
  und sie gingen weiter. Es dauerte nicht lange, so saß da eine Katze an dem Weg und 
  machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. Nun, was ist dir in die Quere 
  gekommen, alter Bartputzer?", sprach der Esel. Wer kann da lustig sein, wenn's einem 
  an den Kragen geht", antwortete die Katze, weil ich nun zu Jahren komme, meine
  Zähne stumpf werden und ich lieber hinter dem Ofen sitze als nach Mäusen herumjage, 
  hat mich meine Frau ersäufen wollen. Ich habe mich zwar noch fortgemacht, aber nun 
  ist guter Rat teuer. Wo soll ich hin?" Geh mit uns nach Bremen, du verstehst dich doch 
  auf die Nachtmusik, da kannst du ein Stadtmusikant werden!" 

 Aus dem Bremer Ratskeller. Fresko von Max Slevogt 
Datiert u. Poststempel 1930

                                                                                           Die Katze hielt das für gut 
  und ging mit. Darauf kamen die drei Landesflüchtigen an einem Hof vorbei, da saß auf 
  dem Tor der Haushahn und schrie aus Leibeskräften. Du schreist einem durch Mark und 
  Bein", sprach der Esel, was hast du vor?" Da hab ich gut Wetter prophezeit", sprach der 
  Hahn, weil unserer lieben Frauen Tag ist, wo sie dem Christkindlein die Hemdchen 
  gewaschen hat und sie trocknen will. Aber weil am Sonntag Gäste kommen, so hat die 
  Hausfrau doch kein Erbarmen und hat der Köchin gesagt, sie wollte mich in der Suppe 
  essen und da soll ich mir heute Abend den Kopf abschneiden lassen. Nun schrei ich aus 
  vollem Hals, solang ich noch kann." Ei was, du Rotkopf", sagte der Esel, zieh lieber mit 
  uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas besseres als den Tod findest du überall. Du hast 
  eine gute Stimme und wenn wir zusammen musizieren, so wäre dies wohl fantastisch." 
  Der Hahn ließ sich den Vorschlag gefallen und sie gingen alle zusammen fort.

George Cruikshank 1823

  Sie konnten aber die Stadt Bremen in einem Tag nicht erreichen und kamen abends in 
  einen Wald, wo sie übernachten wollten. Der Esel und der Hund legten sich unter einen 
  großen Baum, die Katze und der Hahn machten sich in die Äste, der Hahn aber flog bis 
  in die Spitze, wo er sich sicher fühlte. Ehe er einschlief, sah er sich noch einmal nach 
  allen vier Winden um, da dachte er, er sähe in der Ferne ein Fünkchen brennen und rief 
  seinen Gesellen zu, es müßte nicht gar weit ein Haus sein, denn es scheine ein Licht. 

 Arthur Rackham
Constable & Company Ltd, 1909

  Sprach der Esel: So müssen wir uns aufmachen und noch hingehen, denn hier ist die 
  Herberge schlecht." Der Hund meinte, ein paar Knochen und etwas Fleisch dran täten 
  ihm auch gut. Also machten sie sich auf den Weg nach der Gegend, wo das Licht war 
  und sahen es bald heller schimmern. Es wurde immer größer, bis sie vor ein hell 
  erleuchtetes Räuberhaus kamen. Der Esel näherte sich dem Fenster und schaute hinein. 
  Was siehst du, Grauschimmel?", fragte der Hahn. Was ich sehe?", antwortete der Esel. 
  Einen gedeckten Tisch mit schönem Essen und Trinken und Räuber sitzen daran und 
  lassen es sich wohl sein." Das wäre was für uns", sprach der Hahn. Ja, ja, ach, wären wir 
  da!", sagte der Esel. Da ratschlagten die Tiere, wie sie es anfangen könnten, um die 
  Räuber hinauszujagen, und fanden endlich ein Mittel. Der Esel musste sich mit den 
  Vorderfüßen auf das Fenster stellen, der Hund auf den Rücken des Esels springen, die 
  Katze auf den Hund klettern und endlich flog der Hahn hinauf und setzte sich der Katze 
  auf den Kopf. Wie das geschehen war, fingen sie auf ein Zeichen an, ihre Musik zu 
  machen.Der Esel schrie, der Hund bellte, die Katze miaute und der Hahn krähte. Dann 
  stürzten sie durch das Fenster in die Stube hinein, dass die Scheiben klirrten. Die
  Räuber fuhren bei dem entsetzlichen Geschrei in die Höhe, meinten, ein Gespenst käme 
  herein und flohen in größter Furcht in den Wald hinaus. Nun setzten sich die vier 
  Gesellen an den Tisch, nahmen mit dem vorlieb, was übriggeblieben war und aßen, als 
  wenn sie vier Wochen hungern sollten. Wie die vier Spielleute fertig waren, löschten sie 
  das Licht aus und suchten sich eine Schlafstätte, jeder nach seiner Natur und 
  Bequemlichkeit. Der Esel legte sich auf den Mist, der Hund hinter die Türe, die Katze 
  auf den Herd bei die warme Asche und der Hahn setzte sich auf den Hahnenbalken. Und 
  weil sie müde waren von ihrem langen Weg, schliefen sie auch bald ein. Als Mitternacht 
  vorbei war und die Räuber sahen, dass kein Licht mehr im Haus brannte, auch alles 
  ruhig schien, sprach der Hauptmann: Wir hätten uns doch nicht sollen ins Bockshorn 
  jagen lassen!" Er hieß einen hingehen und das Haus untersuchen. Der Abgeschickte fand 
  alles still, ging in die Küche, ein Licht anzuzünden und weil er die glühenden, feurigen 
  Augen der Katze für lebendige Kohlen ansah, hielt er ein Schwefelhölzchen daran, dass 
  es Feuer fangen sollte. Aber die Katze ver stand keinen Spaß, sprang ihm ins Gesicht, 
  spie und kratzte. Da erschrak er gewaltig, lief und wollte zur Hintertüre hinaus, aber 
  der Hund, der da lag, sprang auf und biss ihn ins Bein. Als der Räuber über den Hof an 
  dem Mist vorbeirannte, gab ihm der Esel noch einen tüchtigen Schlag mit dem 
  Hinterfuß. Der Hahn aber, der vom Lärmen aus dem Schlaf geweckt und munter 
  geworden war, rief vom Balken herab: Kikeriki!" Da lief der Räuber zu seinem 
  Hauptmann zurück und sprach: Ach, in dem Haus sitzt eine greuliche Hexe, die hat mich 
  angehaucht und mit ihren langen Fingern mir das Gesicht zerkratzt. Vor der Türe steht 
  ein Mann mit einem Messer, der hat mich ins Bein gestochen! Auf dem Hof liegt ein 
  schwarzes Ungeheuer, das hat mit einer Holzkeule auf mich losgeschlagen und oben auf 
  dem Dache, da sitzt der Richter, der rief: 'Bringt mir den Schelm her.' Da machte ich, 
  daß ich fortkam." Von nun an getrauten sich die Räuber nicht weiter in das Haus, den 
  vier Bremer Musikanten gefiel es aber so gut darin, dass sie nicht wieder heraus wollten.

  Aus den Märchen der Gebrüder Grimm

 Bremer Stadtmusikanten in Bremen
 

Sonntag, 20. Oktober 2013

PONS ASINORUM - ESELSBRÜCKE - Das ST


Esel mögen es nicht, nass zu werden, da hat man ihnen kleine Brücken gebaut, um sie trocken und schnell über Flüsse zu bekommen. Eselsbrücken halt.

Meine erste war: Trenne nie st, denn es tut ihm weh.

Also trennte ich Fen-ster / mei-stens / We-ste / Bau-stahl / Guß-stahl / Mu-ster und natürlich Wach-stube.
Für zusammengesetzte Wörter galt das allerdings nicht immer, zum Beispiel, wenn der zweite Wortteil beim Zusammensetzen sein Anfangs-S verloren hatte. Da weiß ich allerdings kein Beispiel. Oder bei Diens-tag. Aber ansonsten war es eine schöne simple Regel. Oder? 
Die Frankfurter Rundschau schieb am 17.3.2008:
Aber warum eigentlich tat es dem "st" beim Trennen weh?
Das ist tatsächlich eine alte Geschichte. In der noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts gebräuchlichen Frakturschrift standen das "s" als langes "s" und das "t" auf einem gemeinsamen Druckblock. Das war so üblich, um einerseits Platz, andererseits Kosten zu sparen, denn Druckblöcke aus Blei waren teuer. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum selbst nach der Reform von 1901 "st" weiterhin nicht getrennt werden durfte. Man wollte die alten Druckblöcke schlicht nicht wegwerfen und durch neue, teure ersetzen.

Seit der letzten Rechtsschreibreform trennen wir nun: Fens-ter / meis-tens / As-trologie / Wes-te und am schöns-ten. Auch gut. Trenne nur st, dem tut nix mehr weh. Und der digitalisierte Druck hat ja auch keine Blei-Druckblöcke mehr.

Fas-
t nicht-
s tut
dem s-
t mehr weh.

Allerdings ist auch die herrlich idiotische ck Trennung auf k-k weggefallen, wie schade. Ich liebe unlogische Regeln. Die für Dreifachkonsonanten war auch schön und ist nun fort. Es war einmal Schiffahrt, aber Pappplakat, weil die Konsonanten nur dreifach bleiben durften, wenn ihnen kein Vokal folgte. Heute ist es einfacher, regelrechter, aber nicht mehr so lustig. Sprache ist so ein dickes lebendiges Ding zwischen Logik, Grammatik, Notwendigkeiten, Individualitäten und historisch  gewachsenen Idiosynkrasien (ein neues Wort - Selbst + Mischung, Zusammenmengung = Eigentümlichkeit) und sie zu sehr ordnen zu wollen, scheint mir wie der Versuch, dem Tiger gerade Streifen zu verordnen. Unkraut stört manche, manches Unkraut ist wunderschön.

Zum Beispiel:

Die Jungfer im Grünen, Gretl in der Stauden, Gretchen im Busch, Venushaarige, Braut in Haaren, Damaszener Schwarzkümmel, Damaszener Kümmel und Garten-Schwarzkümmel.

Der Name Gretl in der Stauden spielt auf eine österreichische Sage an, nach der die reiche Bauerntochter Gretl ihrer Liebe zu dem Keuschlersohn Hans auf Wunsch des Vaters entsagen musste. Nachdem sie sich in Sehnsucht nach einander verzehrten, wurden sie in Blumen verwandelt. Während Gretl zur Jungfer im Grünen wurde, wurde je nach Region aus Hans der Vogelknöterich oder die Gemeine Wegwarte, die beide im Volksmund auch den Namen Hansl am Weg tragen.
Dank an Wikipedia


 Die Gemeine Wegwarte

Zugabe:

Regel 168:
Trennungen, die den Leseablauf stören oder den Wortsinn entstellen, sollte man vermeiden.
Man trennt also nach Möglichkeit
Spar-gelder statt Spargel-der
be-inhalten statt bein-halten
An-alphabet statt Anal-phabet

Samstag, 19. Oktober 2013

Emily Dickinson - Der Tod, da ich nicht halten konnt - Because I could not stop for Death


Es ist Vollmond. Mir geht es gut. In dem Stück, dass ich gerade probiere, will jeder jeden endgültig übertölpeln, um die Ecke bringen, abmurksen, aus dem eigenen rücksichtslos verfolgten Weg räumen. Und all meine Gedanken enden bei morbiden Bildern und Worten. Warum? Keine Ahnung. Aber ich folge, wohin mich meine Assoziationen führen.


PIETER BRUEGEL DER ÄLTERE 1562

DER TRIUMPH DES TODES
Das Schlimmste ist der Tod, und Tod siegt eh und jeh. 
W. Shakespeare








1
Der Tod, da ich nicht halten konnt,
hielt an, war gern bereit.
Im Fuhrwerk saß nun er und ich
und die Unsterblichkeit.
2
Ihm gings auch langsam schnell genug,
und ich hatt fortgetan
das Fronen und das Müßiggehn,
so freundlich war der Mann.
3
Ein Schulhof kam mit kleinem Volk,
das miteinander rang . . .
Es hat das Korn uns nachgeäugt,
wir sahn: die Sonne sank. 


fehlt leider 
5
Dann hielten wir, da stand ein Haus:
emporgewelltes Land.
Das Dach—kaum daß es sichtbar war,
Das Sims—ein Hügelrand.
6
Jahrhunderte seither, doch keins
war länger als der Nu,
da ich mir sagt: Wir halten ja
auf Ewigkeiten zu!





Mit Dreissig beschließt Emily Dickinson, sich aus der menschlichen Gesellschaft  zurückzuziehen. Sie geht in ihr Zimmer und schließt die Tür. Auch Freunde können von nun an nur durch diese Tür mit ihr kommunizieren. Sie schreibt. Sie schreibt viel. Sie stirbt mit 56, nach 26 Jahren Isolation.


Zu ihren Lebzeiten wurden nur sieben Gedichte, und das auch noch gegen ihren Willen, veröffentlicht. Der engere Umkreis wusste, dass sie Gedichte schrieb, ihre Briefe waren gespickt von ihnen. Erst nach ihrem Tod entdeckte ihre jüngere Schwester Lavinia in einem verschlossenen Kasten viele hundert kleine Gedichte auf Einzelblätter in handgebundenen Heftchen zu durchschnittlich zwanzig Gedichten zusammengefasst. (Suite 101)


1
Because I could not stop for Death,
He kindly stopped for me;
The carriage held but just ourselves
And Immortality.
2
We slowly drove, he knew no haste,
And I had put away
My labor, and my leisure too,
For his civility.
3
We passed the school, where children strove
At recess, in the ring;
We passed the fields of gazing grain,
We passed the setting sun.
4
Or rather, he passed us;
The dews grew quivering and chill,
For only gossamer my gown,
My tippet only tulle.

5
We paused before a house that seemed
A swelling of the ground;
The roof was scarcely visible,
The cornice but a mound.
6
Since then ’tis centuries, and yet each
Feels shorter than the day
I first surmised the horses’ heads
Were toward eternity.


Emily Dickinson

Deutsche Fassung Paul Celan. Gesammelte Werke in Fünf Bänden.
Suhrkamp 1983

 

Freitag, 18. Oktober 2013

Karl Georg Büchner geboren vor 200 Jahren


GEORG BÜCHNER starb mit 23 Jahren.

Lucille. 
Es ist doch was wie Ernst darin. Ich will einmal nachdenken. Ich fange an, so was zu begreifen. Sterben – Sterben –! – Es darf ja alles leben, alles, die kleine Mücke da, der Vogel. Warum denn er nicht? Der Strom des Lebens müßte stocken, wenn nur der eine Tropfen verschüttet würde. Die Erde müßte eine Wunde bekommen von dem Streich. Es regt sich alles, die Uhren gehen, die Glocken schlagen, die Leute laufen, das Wasser rinnt, und so alles weiter bis da, dahin – nein, es darf nicht geschehen, nein, ich will mich auf den Boden setzen und schreien, daß erschrocken alles stehn bleibt, alles stockt, sich nichts mehr regt.  
(Sie setzt sich nieder, verhüllt sich die Augen und stößt einen Schrei aus. Nach einer Pause erhebt sie sich.) 
Das hilft nichts, da ist noch alles wie sonst; die Häuser, die Gasse, der Wind geht, die Wolken ziehen. Wir müssen's wohl leiden.

Karl Georg Büchner geboren am 17. Oktober 1813 in Goddelau im Groß- herzogtum Hessen, gestorben am 19. Februar 1837 in Zürich. Wie viele Dreiundzwanzigjährige verzweifelten, wie ich, beinahe an den eigenen altersgemäßen, mehr oder weniger talentierten Leistungen, wenn sie Büchners Dichtungen lasen? Wobei Werke ein krummes Wort für das schmale Bändchen sind, das seine gesammelten Arbeiten enthält. Aber, aber was so alles auf so wenigen Seiten Platz hat! Kein Wort zu viel. Kein Wort wie erwartet. Sprache auf des Messers Schneide.
Heiner Müller hat es am klarsten gesagt, er spricht in seiner Rede zum Büchnerpreis über Woyzeck: Ein vielmal vom Theater geschundener Text, der einem Dreiundzwanzigjährigen passiert ist, dem die Parzen bei der Geburt die Augenlider weggeschnitten haben...
Anstatt dünn mit moralisierender Weltanschauung ("Klüngelwort der Jahrhundertwende und Ersatz für Philosophie" nennt es Klemperer) übertünchter Sentimentalität, bietet er dialektische Klarsichtigkeit, wissende Verzweiflung und trotzalledem, Sehnsucht nach Utopie an. Wir müssen's wohl leiden.

ZITATE:

Dreht euch. wälzt euch! Warum bläst Gott nicht die Sonn aus, daß alles in Unzucht sich übereinanderwälzt, Mann und Weib, Mensch und Vieh?! Tut's am hellen Tag, tut's einem auf den Händen wie die Mücken! – Weib! Das Weib is heiß, heiß! – Immer zu, immer zu! - Woyzeck

Es war einmal ein arm Kind und hatt' kein Vater und keine Mutter, war alles tot, und war niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es is hingangen und hat gesucht Tag und Nacht. Und weil auf der Erde niemand mehr war, wollt's in Himmel gehn, und der Mond guckt es so freundlich an; und wie es endlich zum Mond kam, war's ein Stück faul Holz. Und da is es zur Sonn gangen, und wie es zur Sonn kam, war's ein verwelkt Sonneblum. Und wie's zu den Sternen kam, waren's kleine goldne Mücken, die waren angesteckt, wie der Neuntöter sie auf die Schlehen steckt. Und wie's wieder auf die Erde wollt, war die Erde ein umgestürzter Hafen. Und es war ganz allein. Und da hat sich's hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und is ganz allein. - Woyzeck  

Es krassirt ein entsetzlicher Müßiggang. – Müßiggang ist aller Laster Anfang. – Was die Leute nicht Alles aus Langeweile treiben! Sie studiren aus Langeweile, sie beten aus Langeweile, sie verlieben, verheirathen und vermehren sich aus Langeweile und sterben endlich an der Langeweile und – und das ist der Humor davon – Alles mit den wichtigsten Gesichtern, ohne zu merken warum, und meinen Gott weiß was dabei. Alle diese Helden, diese Genies, diese Dummköpfe, diese Heiligen, diese Sünder, diese Familienväter sind im Grunde nichts als raffinirte Müßiggänger. - Leonce & Lena

Ein sonderbares Ding um die Liebe. Man liegt ein Jahr lang schlafwachend zu Bette, und an einem schönen Morgen wacht man auf, trinkt ein Glas Wasser, zieht seine Kleider an und fährt sich mit der Hand über die Stirn und besinnt sich und besinnt sich. – Mein Gott, wieviel Weiber hat man nötig, um die Skala der Liebe auf und ab zu singen? Kaum daß eine einen Ton ausfüllt. Warum ist der Dunst über unsrer Erde ein Prisma, das den weißen Glutstrahl der Liebe in einen Regenbogen bricht? - Leonce & Lena 

Camille. 
Rasch, Danton, wir haben keine Zeit zu verlieren!
Danton (er kleidet sich an)
Aber die Zeit verliert uns. Das ist sehr langweilig, immer das Hemd zuerst und dann die Hosen drüber zu ziehen und des Abends ins Bett und morgens wieder herauszukriechen und einen Fuß immer so vor den andern zu setzen; da ist gar kein Absehen, wie es anders werden soll. Das ist sehr traurig, und daß Millionen es schon so gemacht haben, und daß Millionen es wieder so machen werden, und daß wir noch obendrein aus zwei Hälften bestehen, die beide das nämliche tun, so daß alles doppelt geschieht – das ist sehr traurig.
 


Ein 2013 neu entdecktes Porträt Georg Büchners; signiert vom Darmstädter Theatermaler Philipp August Joseph Hoffmann aus dem Jahr 1833

Das Autogrammbild eines ernsthaften, zarten Dandys, manche Forscher sagen, es wäre das Porträt seines jüngeren Bruders.

BRIEFE:

An die Familie
um den 6. April 1833
Aus Straßburg nach Darmstadt
(...) Heute erhielt ich Euren Brief mit den Erzählungen aus Frankfurt. Meine Meinung ist die: Wenn in unserer Zeit etwas helfen soll, so ist es Gewalt. Wir wissen, was wir von unseren Fürsten zu erwarten haben. Alles, was sie bewilligten, wurde ihnen durch die Notwendigkeit abgezwungen. Und selbst das Bewilligte wurde uns hingeworfen, wie eine erbettelte Gnade und ein elendes Kinderspielzeug, um dem ewigen Maulaffen Volk seine zu eng geschnürte Wickelschnur vergessen zu machen. Es ist eine blecherne Flinte und ein hölzerner Säbel, womit nur ein Deutscher die Abgeschmacktheit begehen konnte, Soldatchens zu spielen. Unsere Landstände sind eine Satyre auf die gesunde Vernunft, wir können noch ein Säculum damit herumziehen, und wenn wir die Resultate dann zusammennehmen, so hat das Volk die schönen Reden seiner Vertreter noch immer teurer bezahlt, als der römische Kaiser, der seinem Hofpoeten für zwei gebrochene Verse 20,000 Gulden geben ließ. Man wirft den jungen Leuten den Gebrauch der Gewalt vor. Sind wir denn aber nicht in einem ewigen Gewaltzustand? Weil wir im Kerker geboren und großgezogen sind, merken wir nicht mehr, daß wir im Loch stecken mit angeschmiedeten Händen und Füßen und einem Knebel im Munde. Was nennt Ihr denn gesetzlichen Zustand? Ein Gesetz, das die große Masse der Staatsbürger zum fronenden Vieh macht, um die unnatürlichen Bedürfnisse einer unbedeutenden und verdorbenen Minderzahl zu befriedigen? Und dies Gesetz, unterstützt durch eine rohe Militärgewalt und durch die dumme Pfiffigkeit seiner Agenten, dies Gesetz ist eine ewige, rohe Gewalt, angetan dem Recht und der gesunden Vernunft, und ich werde mit Mund und Hand dagegen kämpfen, wo ich kann. Wenn ich an dem, was geschehen, keinen Teil genommen und an dem, was vielleicht geschieht, keinen Teil nehmen werde, so geschieht es weder aus Mißbilligung, noch aus Furcht, sondern nur weil ich im gegenwärtigen Zeitpunkt jede revolutionäre Bewegung als eine vergebliche Unternehmung betrachte und nicht die Verblendung Derer teile, welche in den Deutschen ein zum Kampf für sein Recht bereites Volk sehen. Diese tolle Meinung führte die Frankfurter Vorfälle herbei, und der Irrtum büßte sich schwer. Irren ist übrigens keine Sünde, und die deutsche Indifferenz ist wirklich von der Art, daß sie alle Berechnung zu Schanden macht. Ich bedaure die Unglücklichen von Herzen. Sollte keiner von meinen Freunden in die Sache verwickelt sein? (...)


An die Familie
Juni 1833
Aus Straßburg nach Darmstadt
(...) Ich werde zwar immer meinen Grundsätzen gemäß handeln, habe aber in neuerer Zeit gelernt, daß nur das notwendige Bedürfnis der großen Masse Umänderungen herbeiführen kann, daß alles Bewegen und Schreien der Einzelnen vergebliches Torenwerk ist. Sie schreiben, man liest sie nicht; sie schreien, man hört sie nicht; sie handeln, man hilft ihnen nicht. (...)

 
An Wilhelmine Jaeglé
Mitte/ Ende Januar 1834
Aus Gießen nach Straßburg
(...) Schon seit einigen Tagen nehme ich jeden Augenblick die Feder in die Hand, aber es war mir unmöglich, nur ein Wort zu schreiben. Ich studierte die Geschichte der Revolution. Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte. Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt, Allen und Keinem verliehen. Der Einzelne nur Schaum auf der Welle, die Größe ein bloßer Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel, ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz, es zu erkennen das Höchste, es zu beherrschen unmöglich. Es fällt mir nicht mehr ein, vor den Paradegäulen und Eckstehern der Geschichte mich zu bücken. Ich gewöhnte mein Auge ans Blut. Aber ich bin kein Guillotinenmesser. Das muß ist eins von den Verdammungsworten, womit der Mensch getauft worden. Der Ausspruch: es muß ja Ärgernis kommen, aber wehe dem, durch den es kommt, – ist schauderhaft. Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt? Ich mag dem Gedanken nicht weiter nachgehen. Könnte ich aber dies kalte und gemarterte Herz an Deine Brust legen! (...)


An die Familie
28. Juli 1835
Aus Straßburg nach Darmstadt
(...) Über mein Drama muß ich einige Worte sagen: (...) Gutzkow's glänzende Kritiken habe ich gelesen und zu meiner Freude dabei bemerkt, daß ich keine Anlagen zur Eitelkeit habe. Was übrigens die sogenannte Unsittlichkeit meines Buchs angeht, so habe ich Folgendes zu antworten: der dramatische Dichter ist in meinen Augen nichts, als ein Geschichtschreiber, steht aber über Letzterem dadurch, daß er uns die Geschichte zum zweiten Mal erschafft und uns gleich unmittelbar, statt eine trockne Erzählung zu geben, in das Leben einer Zeit hinein versetzt, uns statt Charakteristiken Charaktere, und statt Beschreibungen Gestalten gibt. Seine höchste Aufgabe ist, der Geschichte, wie sie sich wirklich begeben, so nahe als möglich zu kommen. Sein Buch darf weder sittlicher noch unsittlicher sein, als die Geschichte selbst, aber die Geschichte ist vom lieben Herrgott nicht zu einer Lectüre für junge Frauenzimmer geschaffen worden, und da ist es mir auch nicht übel zu nehmen, wenn mein Drama ebensowenig dazu geeignet ist. Ich kann doch aus einem Danton und den Banditen der Revolution nicht Tugendhelden machen! Wenn ich ihre Liederlichkeit schildern wollte, so mußte ich sie eben liederlich sein, wenn ich ihre Gottlosigkeit zeigen wollte, so mußte ich sie eben wie Atheisten sprechen lassen. Wenn einige unanständige Ausdrücke vorkommen, so denke man an die weltbekannte, obscöne Sprache der damaligen Zeit, wovon das, was ich meine Leute sagen lasse, nur ein schwacher Abriß ist. (...) Der Dichter ist kein Lehrer der Moral, er erfindet und schafft Gestalten, er macht vergangene Zeiten wieder aufleben, und die Leute mögen dann daraus lernen, so gut, wie aus dem Studium der Geschichte und der Beobachtung dessen, was im menschlichen Leben um sie herum vorgeht. Wenn man so wollte, dürfte man keine Geschichte studieren, weil sehr viele unmoralische Dinge darin erzählt werden, müßte mit verbundenen Augen über die Gasse gehen, weil man sonst Unanständigkeiten sehen könnte, und müßte über einen Gott Zeter schreien, der eine Welt erschaffen, worauf so viele Liederlichkeiten vorfallen. Wenn man mir übrigens noch sagen wollte, der Dichter müsse die Welt nicht zeigen wie sie ist, sondern wie sie sein solle, so antworte ich, daß ich es nicht besser machen will, als der liebe Gott, der die Welt gewiß gemacht hat, wie sie sein soll. Was noch die sogenannten Idealdichter anbetrifft, so finde ich, daß sie fast nichts als Marionetten mit himmelblauen Nasen und affektiertem Pathos, aber nicht Menschen von Fleisch und Blut gegeben haben, (...) Ich halte übrigens mein Werk keineswegs für vollkommen, und werde jede wahrhaft ästhetische Kritik mit Dank annehmen.

Die Deutsche Bundesbank informiert:

Die Bundesregierung gibt ab dem 10. Oktober 2013 eine 10-Euro-Gedenkmünze "200. Geburtstag Georg Büchner" heraus.
Die Gedenkmünze wird in der Prägequalität "Stempelglanz" aus einer Kupfer-Nickel-Legierung hergestellt und in der höherwertigen Sammlerqualität "Spiegelglanz" aus Silber geprägt. Das Gewicht der Silber-Gedenkmünze beträgt 16 Gramm. Die Legierung setzt sich aus 625 Tausendteilen Silber und 375 Tausendteilen Kupfer zusammen und ist durch die Inschrift "Silber 625" besonders gekennzeichnet.
Der Entwurf stammt von dem Künstler Eugen Ruhl aus Pforzheim. 

Der glatte Münzrand enthält in vertiefter Prägung die Inschrift:
"ICH BIN SO JUNG UND DIE WELT IST SO ALT".

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Manchmal, wenn es mir gut geht mag ich nur traurige Gedichte.


Manchmal, wenn es mir gut geht mag ich nur traurige Gedichte.

Wir haben heute eine Szene in "Richard II." probiert, in der das Knien 
oder die Knie nicht beugen vor einem anderen, das Gefühl von Ordnung 
für alle Beteiligten bestätigt oder zerstört. Ein König wird ganz unerwartet 
seiner Macht verlustig, bisher knieten alle, jetzt muß es eingefordert werden.

Die St.-Edwards-Krone (St. Edward's Crown)
Diese 1662 angefertigte Krone aus massivem Gold ist die eigentliche Königskrone Englands und wird nur bei der Krönung benutzt. Die Edwardskrone erinnert an König Eduard den Bekenner (1042–1066). Es handelt sich um eine Lilienkrone aus Gold, mit 444 Edelsteinen und Perlen besetzt. Bis zum 19. Jahrhundert wurde sie von fast allen englischen Königen getragen. Sie wiegt nicht weniger als 2,25 Kilogramm.
 
Die originale Krone, die Richard II. getragen hat, ging unter Cromwells Herrschaft "verloren".
 
Saint Edwards Crown 1661
 
Ein häßliches Ding. Vier und ein halbes Pfund Gold, Perlen und Edelsteine auf einem Kopf! Ein Kopf, dessen zugehöriger Körper aufrecht blieb, während die anderen knien mußten.
Richard II. verhungerte übrigens nach dem Verlust seiner Krone, ob in selbstmörderischer Absicht oder als Opfer seiner Kronräuber, bleibt ungeklärt.

Das ist der Tag, in dem ich traurig throne,
das ist die Nacht, die mich ins Knieen warf;
da bet ich: dass ich einmal meine Krone
von meinem Haupte heben darf.

Lang muss ich ihrem dumpfen Drucke dienen,
darf ich zum Dank nicht einmal ihren blaun
Türkisen, ihren Rauten und Rubinen
erschauernd in die Augen schaun?

Vielleicht erstarb schon lang der Strahl der Steine,
es stahl sie mir vielleicht mein Gast, der Gram,
vielleicht auch waren in der Krone keine,
die ich bekam?... 

Rainer Maria Rilke aus den Frühen Gedichten
 

Dienstag, 15. Oktober 2013

Egon Schiele - Frau in Rot



STEHENDE FRAU IN ROT


Eine Frau, Kleid und Strümpfe in der Farbe der Lust, 
den Rock hochgerafft, die Hand am Geschlecht, und doch,
solche Unschuld, runde Kinderwaden, X-Beine, Knie und Fesseln, 
die kaum auszureichen scheinen, den Körper aufrecht zu halten,
der linke Arm hängt linkisch, und dann noch die Wimpelbordüre!
Der Körper ein passives Angebot ohne Allüre.



Egon Schiele 1913

Montag, 14. Oktober 2013

Für Burkhard, der jetzt keine Krücken mehr braucht


DIE KRÜCKEN

Sieben Jahre wollt kein Schritt mir glücken.
Als ich zu dem großen Arzte kam,
Fragte er: Wozu die Krücken?
Und ich sagte: Ich bin lahm.

Sagte er: das ist kein Wunder.
Sei so freundlich, zu probieren!
Was Dich lähmt, ist dieser Plunder.
Geh, fall, kriech auf allen Vieren!

Lachend wie ein Ungeheuer
Nahm er meine schönen Krücken,
Brach sie durch auf meinem Rücken,
Warf sie lachend in das Feuer.

Nun, ich bin kuriert: ich gehe.
Mich kurierte ein Gelächter.
Nur zuweilen, wenn ich Hölzer sehe,
Gehe ich für Stunden etwas schlechter. 

Bertolt Brecht 1938

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ICK MISCHTE MIR IMMER MANG
ZEIT - Artikel von 1957 über ein Berliner Original genannt Krücke:


DAS SIEHT DOCH EIN BLINDER MIT 'NEM KRÜCKSTOCK!
 Redewendung

TÄNZER & KRÜCKEN


Companie Marie Chouinard
bODY_rEMIX/gOLDBERG_vARIATIONS



 

Samstag, 12. Oktober 2013

Eleanor Rigby


EIN LIED

Ein Mann improvisiert am Klavier.
Eine Frau mit wunderschönen Namen, ursprünglich sollte sie Miss Daisy Hawkins heißen, ein Priester namens McCartney, nein, McKenzie. Sie reinigt die Kirche, freiwillig, unbezahlt, er ist der Gemeindepfarrer, er hat keine Haushälterin, drum muß er seine Socken selber stopfen. Sie stirbt, er begräbt sie. Sie haben oft ganz knapp aneinander vorbeigelebt. Einsam. Was ist das? Allein sein müssen, wenn man nicht allein sein möchte. Beschämt sein ob dieses Mangels. 
All diese einsamen Leute, wo kommen sie her. All diese einsamen Leute, wohin gehen sie?


ELEANOR RIGBY

Eleanor Rigby sammelt den Reis in der Kirche auf, in der eine Hochzeit stattgefunden hat.
Sie lebt in einem Traum.
Wartet am Fenster, trägt das Gesicht, dass sie in einem Glas in der Tür bewahrt.
Für wen trägt sie es?

All die einsamen Leute,
woher kommen sie?
All die einsamen Leute,
wohin gehören sie?

Vater McKenzie schreibt die Wörter einer Predigt, die keiner hören wird.
Keiner kommt hin.
Sieh wie er arbeitet, er stopft Socken in der Nacht, wenn niemand da ist.
Was kümmert es ihn?

All die einsamen Leute,
woher kommen sie?
All die einsamen Leute,
wohin gehören sie?

Ah, sieh dir all die einsamen Leute an,
Ah, sieh dir all die einsamen Leute an.

Eleanor Rigby, starb in der Kirche und wurde zusammen mit ihrem Namen begraben,
Niemand kam.
Vater McKenzie wischt sich den Schmutz von den Händen, wenn er vom Grab weggeht.
Keiner wurde gerettet.

All die einsamen Leute,
woher kommen sie?
All die einsamen Leute,
wohin gehören sie?

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Eleanor Rigby picks up the rice in the church where a wedding has been
Lives in a dream
Waits at the window, wearing the face that she keeps in a jar by the door
Who is it for?
All the lonely people
Where do they all come from?
All the lonely people
Where do they all belong?

Father McKenzie writing the words of a sermon that no one will hear
No one comes near.
Look at him working, darning his socks in the night when there's nobody there
What does he care?

All the lonely people
Where do they all come from?
All the lonely people
Where do they all belong?

Ah, look at all the lonely people
Ah, look at all the lonely people

Eleanor Rigby died in the church and was buried along with her name
Nobody came
Father McKenzie wiping the dirt from his hands as he walks from the grave
No one was saved

All the lonely people
Where do they all come from?
All the lonely people
Where do they all belong?


 Eleanor Rigby in Liverpool, Stanley Street, all den einsamen Menschen gewidmet
Tommy Steele, 1982




Geschrieben von: Lennon-McCartney
Aufgenommen: 28, 29 April, 6 June 1966
Produzent: George Martin
Toningeneur: Geoff Emerick

Veröffentlicht am 5. August 1966 (UK), 8 August 1966 (US)
Paul McCartney: Gesang
John Lennon: zweite Stimme
George Harrison: Background
Tony Gilbert, Sidney Sax, John Sharpe, Jurgen Hess: Violine
Stephen Shingles, John Underwood: Viola
Derek Simpson, Norman Jones: Cello

Freitag, 11. Oktober 2013

Leonard Freed 2 - Kinder




Indonesische Kinder in Holland 1958/60
© Leonard Freed/Magnum Photos


Weihnachten in Harlem N.Y. 60er Jahre
© Leonard Freed/Magnum Photos


WAS EIN KIND GESAGT BEKOMMT

Der liebe Gott sieht alles.
Man spart für den Fall des Falles.
Die werden nichts, die nichts taugen.
Schmökern ist schlecht für die Augen.
Kohlentragen stärkt die Glieder.
Die schöne Kinderzeit, die kommt nicht wieder.
Man lacht nicht über ein Gebrechen.
Du sollst Erwachsenen nicht widersprechen.
Man greift nicht zuerst in die Schüssel bei Tisch.
Sonntagsspaziergang macht frisch.                         
Zum Alter ist man ehrerbötig.
Süßigkeiten sind für den Körper nicht nötig.
Kartoffeln sind gesund.
Ein Kind hält den Mund. 


Bertolt Brecht


Chassidische Kinder N.Y. 1954
© Leonard Freed/Magnum Photos

Mittwoch, 9. Oktober 2013

Theater hat auch eine Probensituation



Wir probieren Richard II. von William Shakespeare.

Der gottgewählte König Richard II. wird mit unerhörten Forderungen eines seiner Untertanen konfrontiert. Sein Gefolgsmann York läuft zum Gegner über. Der Noch-König wirft überraschend seine Krone den völlig verwirrten Herausforderern vor die Füsse und schlägt nebenbei Yorks Kopf hart auf den Verhandlungstisch. Der König erklärt sich zum Nicht-König. Er setzt sich selber ab. ("Das trifft nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich" - Schabowsky am 9.11.1989) - gänzliche bühnenweite Verwirrung!

Alles ist plötzlich neu, neuer König, neue Loyalitäten. York hat Nasenbluten vom Zusammentreffen seines Kopfes mit dem Tisch und er ist ein Überläufer, ihm ist also nicht wirklich zu vertrauen und seine Nase hört nicht auf zu bluten. Eine Kollegin bietet ihm Tampons zum Stillen der Blutung an. York, im verzweifelten Versuch, seine noch frische Treue zum neuen König zu beweisen, wirft seinen Sohn dem neuen Wolf zum Fraß vor - während er Tampons in den Nasenlöchern stecken hat.
Das wird sicher bei der Premiere so nicht stattfinden, sicher nicht. Aber die Erinnerung an den panischen Mann, der verlangt, dass sein Sohn wegen Hochverrats, also der Treue zu eben dem König Richard II., dem er selbst nur kurze Zeit zuvor selbst noch diente, hingerichtet wird, während ihm die blauen Bänder zweier o.b. Tampons vor dem angestrengt Hass produzierenden Mund hängen, wird als surrealer Schatten hinter der irgendwann endgültigen Szene bleiben, nie gesehen und doch vorhanden.
Diese Beschreibung macht vielleicht nicht sehr viel Sinn für die, die bei unserer Probe nicht anwesend waren, aber ich hatte heute den Gedanken, dass die Dinge hinter den Dingen, das Ungesagte doch Mitgedachte, das Nicht-Jetzt-Stattfindende doch Erinnerte, einstmals Erfahrene oft genauso stark sind, wie das, was wir wirklich erleben, ob im Leben oder im Theater.
Das Jetzt ist immer nur scheinbar nur ein Jetzt.
Die Probe wurde übrigens wegen nicht beendbaren Lachkrämpfen vorzeitig beendet.