Donnerstag, 30. August 2018

Hamletmaschine im Maxim Gorki Theater

Berlin ist eine Hafenstadt in einem Meer aus Blut, das bis Damaskus reicht.
Ayham Majid Agha

Ich bin nicht Hamlet. Ich spiele keine Rolle mehr. Meine Worte haben mir nichts mehr zu sagen. Meine Gedanken saugen den Bildern das Blut aus. Mein Drama findet nicht mehr statt. Hinter mir wird die Dekoration aufgebaut. Von Leuten, die mein Drama nicht interessiert, für Leute, die es nichts angeht. Mich interessiert es auch nicht mehr. Ich spiele nicht mehr mit.  
H.M.


Der unerträgliche Abgrund zwischen diesem gedankenscharfen, verzweifelt um Worte ringenden Text und seiner vollständigen Nutzlosigkeit in den Kämpfen, die stattfinden, ist die Klammer, die den Abend zusammenhalten sollte. Der große Dichter denkt den Kämpfen voraus, doch schreibt er ihnen hinterher, und noch fünfzig Schritte später humpelt das Theater herbei, um seinen Senf dazuzugeben. Wissen und Niederlage in inniger Umarmung. 

1977 schrieb Heiner Müller mit Die Hamletmaschine eine Adaption, die die Maschine im Titel führt. Das Exil Ensemble ist seit der Spielzeit 2016/17 Teil des Gorki. Die sieben Schauspieler*innen spüren mit Sebastian Nübling diesem und anderen Texten nach und forschen in dem ergebnisoffen angelegten Projekt nach der eigenen Position. Sie folgen mit Hamletmaschine dem Dramatiker, der die Position des Intellektuellen in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist, radikal in Frage stellt, sezieren Müller folgend Shakespeare und setzen die verbleibenden Fragmente wieder zusammen.
Text zum Stück auf der Website des Theaters (Auszug)

Die Spieler des Abends - das Exilensemble des MGT - Maryam Abu Khaled, Hussein Al Shateli, Tahers Hashemi, Karim Daoud, Mazen Aljubbeh, Kenda Hmeidan und Ayham Majid Agha, der auch eigene Texte zusteuert  - werfen ihre Biographien und eine Menge Energie in den Raum. Der Text wird in Deutsch, Englisch und Arabisch projeziert und ihn zu lesen, ist ein Vergnügen. 
Clownsmasken, oriental Hip Hop, Scherze, Atmosphäre, Tänze, Sprachen, Akzente, viel ist zu sehen, aber meistens habe ich gelesen.

Der Aufstand beginnt als Spaziergang. Gegen die Verkehrsordnung während der Arbeitszeit. Die Straße gehört den Fußgängern. Hier und da wird ein Auto umgeworfen.
Angsttraum eines Messerwerfers:
Langsame Fahrt durch eine Einbahnstraße auf einen unwiderruflichen Parkplatz zu, der von bewaffneten Fußgängern umstellt ist. Polizisten, wenn sie im Weg stehn, werden an den Straßenrand gespült. Wenn der Zug sich den Regierungsviertel nähert, kommt er an einem Polizeikordon zum Stehen. Gruppen bilden sich, aus denen Redner aufsteigen. Auf dem Balkon eines Regierungsgebäudes erscheint ein Mann mit schlecht sitzendem Frack und beginnt ebenfalls zu reden. Wenn ihn der erste Stein trifft, zieht auch er sich hinter die Flügeltür aus Panzerglas zurück. Aus dem Ruf nach mehr Freiheit wird der Schrei nach dem Sturz der Regierung. Man beginnt die Polizisten zu entwaffnen, stürmt zwei drei Gebäude, ein Gefängnis eine Polizeistation ein Büro der Geheimpolizei, hängt ein Dutzend Handlanger der Macht an den Füßen auf, die Regierung setzt Truppen ein, Panzer. Mein Platz, wenn mein Drama noch stattfinden würde, wäre auf beiden Seiten der Front, zwischen den Fronten, darüber. Ich stehe im Schweißgeruch der Menge und werfe Steine auf Polizisten Soldaten Panzer Panzerglas. Ich blicke durch die Flügeltür aus Panzerglas auf die andrängende Menge und rieche meinen Angstschweiß.
 

H.M.

 ©dpa

Oy vay zmir! - Ach weh ist mir!  
Fühlt ihr euch auch manchmal, als wäret ihr aus der euch bekannten Welt gefallen? Ich bin so unsicher wie der nächste Beste, aber ist der Hitlergruß wirklich wieder hoffähig? Gibt es genauso viele deutsche Idioten und gewaltbereite Dumpfbacken, wie es welche aus anderen Ländern gibt? Ein kubanisch-deutscher Mann wird getötet und ALLE Ausländer sind schuld? Was ist los mit uns? Schuldsuche allüberall. Warum wirken diese wütenden deutschen Männer auf mich wie die Ankündigung einer persönlichen Bedrohung? Warum sind sie so wütend? Auf wen oder was? Kennen sie, was sie hassen? Denken sie überhaupt? Und wenn, womit? Mit dem Hirn oder dem Schwanz? 

Soll Ich
Weils Brauch ist ein Stück Eisen Stecken in
Das nächste Fleisch oder ins übernächste
Mich dran zu Hhalten weil die Welt sich dreht
Herr brich mir das Genick im Sturz von einer Bierbank

H.M.

Kurze Nachbemerkung: ENDLAND von Martin Schäuble, ein "Jugendbuch", vielleicht etwas zu gutgemeint, aber trotzdem wirkungsvoll. Stellt euch vor, Deutschland, so wie es jetzt ist. Die AfD gewinnt die Wahl und setzt ihr Wahlprogramm in die Tat um. Möglich wär's. Haben wir dieser Möglichkeit gar nichts entgegenzusetzen?
 

Mittwoch, 29. August 2018

Mein Hirn ist eine Rumpelkammer

Alle Unordnung des inneren und des äußeren Menschen
wird geordnet in der Gelassenheit,
in der man sich lässt und Gott überlässt.

Meister Eckart

Mich lasse ich in die Gelassenheit, bei Gott bin ich da eher mißtrauisch. 

 
Die Lieblingsnichte ist ein hochintelligenter und liebenswürdiger Totalchaot. Ihr Zimmer sieht aus, wie ein Ort an dem kürzlich eine Granate eingeschlagen ist und vor nur 45 Jahren sah mein Zimmer ganz genauso aus. Wie erkäre ich ihr, dass Ordnung das Leben einfacher macht? Ordnung klingt auch so ekelhaft spießig. Deshalb nenne ich es mein organisiertes Chaos, was eigenlich nur zeitsparendes Management meines inneren Durcheinanders ist.

HIRN: die Bezeichnung geht über mhd. hirn(e), ahd. hirn(i) auf germ. hersnja – zurück und beruht auf einem Wort, das noch in den nordischen Sprachen in der Bedeutung „Schädel, Schädeldecke“ erhalten ist; die Ausgangsbedeutung ist demnach „das im Schädel Befindliche“; gleichen Ursprungs sind auch griech. kraníon„Schädeldecke“ und lat. cerebrum „Gehirn“, die ebenfalls von einem Grundwort mit der Bedeutung „Kopf, Schädel“ ausgehen (z. B. griech. kára „Kopf“); der in der Hochsprache gebräuchlichere Begriff Gehirn ist eigentlich ein Kollektivum zu Hirn.
 
Kraut und Rüben.*
In meinem Schädel, unter meiner Schädeldecke sieht es, vermute ich, aus wie im unaufgeräumten Zimmer einer pubertierenden 14-jährigen, die gerade ihre absolute Lieblingjeans gesucht und nicht gefunden hat, ich und die Lieblingsnichte winken
Ich mag mein Hirn, aber es ist ein absonderliches Ding. Wenn Gehirn, siehe oben, eine Sammelbezeichnung von Hirn ist, habe ich vielleicht mehrere Hirne, die lose verbunden, aber in eigener Verantwortung arbeiten. Sie alle sind verwandt und befreundet, aber jedes von ihnen ist ablenkbar und besteht stur auf seiner Einzigartigkeit. 
Abdriften, ich beginne mit einem Gedanken und ende an einem gänzlich anderen Ort. Wie bin ich dahin gelangt? Keine Ahnung. Sprünge. Hüpfer. Seitenstrassen. Assoziationen. Erinnerungen. 
Ich hab das wohl von meinem Vater. Den fragte ich nach einem spezifischen historischen Fakt und nach dreissig Minuten wußte ich viel über Geschichte, einiges über Grammatik, kannte zwei Anekdoten und mindestens ein obskures deutsches Gedicht mehr. Leider ist mein Gedächtnis nicht so gut wie es seines war.

Wißt ihr, dass in den letzten 20 Jahren nach Untersuchungen von dänischen Wissenschaftlern unser Durchschnitts-IQ, nachdem er seit Messungsbeginn 1905 stetig stieg, jetzt seit 1975 kontinuierlich sinkt?
https://www.focus.de/wissen/mensch/intelligenz/durschnitts-iq-sinkt-die-menschheit-wird-immer-duemmer_id_9103645.html

Wie bei Hempels unterm Sofa. * *  
Bei Proben ist das Eigenleben meiner Hirne hilfreich. Ein Spieler macht ein Angebot, eins meiner Hirne wirft fünf Bälle in die Luft und gelegentlich wird eine wunderbare Jonglage daraus und manchesmal fliegen mir nur fünf Bälle um die Ohren. Aua. Logik ist nützlich, sprunghaftes Denken ist lustvoll.

Wie in der Judenschule. * * *  

Es sieht aus wie auf dem Schlachtfeld oder im Tollhaus. * * * *  
 
Da liegt der Kamm neben der Butter. * * * *    

Meine Lieblingsnichte is in the house. * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *  

* Kohlkraut und Kohlrüben wurden früher häufig gemeinsam angebaut, im Gegensatz zu anderen Feldfrüchten, die säuberlich getrennt wachsen sollen. 
 
* * Diese Herkunft dieser neueren Redewendung ist nicht bekannt. Offenbar stammt sie nicht von einer real existierenden Familie mit dem Namen „Hempel“. Das Wort Hempel selbst leitet sich von Hampel(mann) ab. Schon Martin Luther (1483-1546) nutzte „grober Hempel“ als Synonym für einen unkultivierten und einfältigen Menschen. Im 20. Jahrhundert setzte sich dann die Bezeichnung „Hempels Sofa“ durch, in manchen Gegenden sagt man auch „bei Hempels unterm Bett".

* * umgangssprachlich, veraltet; Seit dem Massenmord an Juden während der Zeit des Nationalsozialismus sind auf Juden bezogene Redewendungen nicht mehr gebräuchlich.
Meine Erklärung: Es ist laut, alle reden durcheinander.

* * * & * * * * selbsterklärend

Und auch noch: wie bei den Hottentotten: umgangssprachlich, veraltet; Die Hottentotten sind ein khoisanisches Volk in Namibia (khoisanische Sprachfamilie: Buschmann, Hottentot, Xhosa). Die Redewendung unterstützt rassistische Ressentiments und ist heute kaum noch gebräuchlich.

Alle Definitionen von www.redensarten.de

Sonntag, 26. August 2018

Null in der Schaubühne

Die Zahl Null ist die Anzahl der Elemente in einer leeren Ansammlung von Objekten, mathematisch gesprochen die Kardinalität der leeren Menge.
Wiki 

© Thomas Aurin

 Vielleicht war es das Nachbeben der Volksbühnenkatastrophe, vielleicht der so sehr andere Ort, die geosoziale Lage des Theaters, vielleicht waren es die teils neuen Spieler, vielleicht war er müde, oder hatte einen bösen Schnupfen. Wer weiß. 
"Null" war ok, nicht ärgerlich, nicht öde, aber auch nicht nur-mit-dem-halben-Hintern-den-Sitz-berührend mitreißend. Herr Fritsch hat mich übel verwöhnt, mich in Sicherheit gewiegt, dass ich kichern, prusten, lachen werde, mich vergnüge, in die Spieler verliebe, mitspielen möchte. Heute war es nicht so. Aber ich werde den Teufel tun, es ihm zu verübeln. Er hat ein Recht darauf mal nur ein Ok zu produzieren. Alle wirklichen Kunst-Könner, die ich bisher erleben durfte, erschöpfen gelegentlich. 
Charlie Chaplin hat gelegentlich üblen Kitsch verzapft, Brando hat im "Kleinen Teehaus" den unjapanischsten Japaner aller Zeiten gespielt, Brecht hat seinen pädagogischen Gelüsten im "Sezuan" keinerlei Fesseln angelegt, Shalkespeares "Zwei Herren aus Verona" haut mich nicht aus den Socken, Castorf kann mich manchmal so sehr gelangweilt, dass ich in gnädigen Tiefschlaf verfalle, und das ist mir auch bei Ljubimow und bei Strehler passiert. Ja, manchmal mißlingt's, und nur dadurch vergesse ich nicht, wie gut jemand eigentlich ist.
 
Du hast deinen Witz von beiden Seiten abgestutzt und nichts in der Mitte gelassen. 
… Nun bist du eine Null ohne Ziffern. 
Lear

Beim Lachen betreibt der Körper Hochleistungssport: Vom Gesicht bis zum Bauch sind beim Lachen fast 300 verschiedene Muskeln beteiligt. ... Die Atmung geht um ein Vielfaches schneller und die Lunge nimmt rund drei- bis viermal so viel Sauerstoff auf wie gewöhnlich. Dabei wird der Brustkorb teilweise schmerzhaft gezerrt und das Zwerchfell hüpft. Die schnellere Atmung regt dabei den Blutfluss an - das macht das Lachen so gesund. Mediziner haben zudem festgestellt, dass durch das Lachen mehr T-Zellen aktiviert werden und so das Immunsystem gestärkt wird. ... Nach herzzerreißendem Lachen kommt der Körper wieder zur Ruhe. Nach der großen Muskelanspannung und der inneren Massage durch das vibrierende Zwerchfell sind die Muskeln nun gut durchblutet und entspannt. Die Entspannung geht sogar über das Körperliche hinaus, denn so ein Lachanfall baut Stresshormone ab. ... Über einen Witz zu lachen, ist schon äußerst komplex: Der erzählte Witz gelangt zunächst über das Ohr ins Hörzentrum, von da geht es weiter in das Zentrum für Sprachverständnis, wo er analysiert wird. Jetzt wird er von der linken in die rechte Hirnhälfte geschleust, dabei wird abgeglichen, ob sich Emotion und Inhalt entsprechen. Stimmen Emotion und Inhalt nicht überein, findet das Gehirn den Witz witzig und es stimuliert den Körper zum Lachen. Für die vollbrachte Schwerstarbeit belohnt sich das Hirn schließlich selbst mit der Ausschüttung von Glückshormonen. Die können selbst Schmerzen dämpfen.

 ABER, aber der Einfall mit den in den sehr unkleidsamen Sicherheitsgurten in Reihe hängenden Spielern, die, in Marionetten verwandelt, versuchen ihr Nicht-Null-Sein zu verteidigen, sich bemühen individuell zu bleiben im Kampf gegen die übermächtige Kraft der Gravitation, ist wunderschön.
 
Lear:  Von welcher solln Wir sagen, sie liebt uns am meisten? ... was sagst du, ... Sprich."
Cordelia:   Nichts.
Oder im Original: Nothing. No thing.

Und nur weil es so schön ist:

Opus Null

1

Ich bin der große Derdiedas
das rigorose Regiment
der Ozonstengel prima Qua
der anonyme Einprozent.
Das P. P. Tit und auch die Po
Posaune ohne Mund und Loch
das große Herkulesgeschirr
der linke Fuß vom rechten Koch.
Ich bin der lange Lebenslang
der zwölfte Sinn im Eierstock
der insgesamte Augustin
im lichten Zelluloserock.

2

Er zieht aus seinem schwarzen Sarg
um Sarg um Sarg um Sarg hervor.
Er weint mit seinem Vorderteil
und wickelt sich in Trauerflor.
Halb Zauberer halb Dirigent
taktiert er ohne Alpenstock
sein grünes Ziffernblatt am Hut
und fällt von seinem Kutscherbock.
Dabei stößt er den Ghettofisch
von der möblierten Staffelei.
Sein langer Würfelstrumpf zerreißt
zweimal entzwei dreimal entdrei.

3

Er sitzt mit sich in einem Kreis.
Der Kreis sitzt mit dem eignen Leib.
Ein Sack mit einem Kamm der steht
dient ihm als Sofa und als Weib.
Der eigne Leib der eigne Sack.
Der Vonvon und die linke Haut.
Und tick und tack und tipp und topp
der eigne Leib fällt aus der Braut.
Er schwingt als Pfund aus seinem Stein
die eigne Braut im eignen Sack.
Der eigne Leib im eignen Kreis
fällt nackt als Sofa aus dem Frack.

4

Mit seiner Dampfmaschine treibt
er Hut um Hut aus seinem Hut
und stellt sie auf in Ringelreihn
wie man es mit Soldaten tut.
Dann grüßt er sie mit seinem Hut
der dreimal grüßt mit einem du.
Das traute sie vom Kakasie
ersetzt er durch das Kakadu.
Er sieht sie nicht und grüßt sie doch
er sie mit sich und läuft um sich.
Der Hüte inbegriffen sind
und deckt den Deckel ab vom Ich.

Hans Arp