Donnerstag, 18. Oktober 2018

Perfektion

Als ich heute Abend aus dem Theater kam, versuchte ich stotternd und nach den richtigen Worten suchend, einer Bekannten die Kluft, den Riss zwischen Bewunderung und Liebe zu beschreiben. Es ist für mich ein existentieller. 
Der Mann, den ich bewundere, anhimmle, toll finde mag schön sein, klug und witzig, die Nase dessen den ich liebe ist schief, er schnarcht, hat Kommunikationsprobleme und einen bedauerliche Vorliebe für Kalauer. So geht es mir auch mit der Kunst. 
Ein Beispiel: 
Klimts Porträts sind atemberaubend genau und individuell, "Der Kuss" ästhetisch aus einem grandiosen Guss (sorry für den Reim). Uneingeschränkte Hochachtung. 
Schiele hingegen malt ungelenk, kratzbürstig, verwundet, ja, er schleudert mir seine Verletzungen himmelsschön in die Fresse. Und ich liebe ihn dafür.
"Im Herzen der Gewalt" an der Schaubühne in der Regie von Thomas Ostermeier ist ein großartiger Theaterabend mit hochtalentierten Schauspielern, wunderbar technisch hochkomplizierten Videos und einer Ton- und Lichtregie, die nie fehl geht, mit magischen Zwischentänzen und einer klugen Dramaturgie. Alles stimmt. Ich bin aufmerksam, gespannt und nie gelangweilt. 
Und dann ganz am Ende wird versucht, sich mit mir zu verbünden, mein Einverständnis wird erbeten. 
Und ich?
Ich verweigere mich. Nicht dem Inhalt, aber der Verführung. Ich verwehre mein Mitgefühl. Das hat mich überrascht. Irritiert. 

© Foto: Arno Declair

Ist mit mir was nicht in Ordnung? Bin ich zu distanziert, zu mißtrauisch? Mangelt es mir an Empathie? 
Oder bin ich, zonengeprägt und jedwede Zustimmung nur unter Widerstand gebend, vielleicht ein starker Kampfgegner? Mich kriegt ihr nicht so leicht!
Das gleiche Problem hatte ich mit den Filmen von Ingmar Bergmann. Alle weinten und ich zog mich zurück. 
Ich habe heute Abend eine Hochleistung, die perfekte Realisierung des bürgerlichen Theaters gesehen. Bin ich neidisch? Erstaunlicherweise nicht. 
Was ist mit mir los?

Sonntag, 14. Oktober 2018

Unteilbar?

Fangen wir mit dem blöden Zeug an. 
"Nazis Raus" ist wirklich einer der dämlichsten mir bekannten Sprüche. Wo raus? Wo dann rein? Wenn wir "unteilbar" sein wollen, müssen wir sie drin behalten, denn sie sind ein Teil von uns, ob es uns gefällt oder nicht. "Uns" ist in diesem Fall das Volk, das deutsche. Von dem ich auch ein Teil bin, ob es mir gefällt oder nicht.

Und übrigens ist die AfD unangenehm, peinlich und beunruhigend, aber keine faschistische Partei. Bleiben wir genau, nicht alles ist das Gleiche. Scheinbar übersehen manche von uns schnell und gern, dass Demokratie auch das Aushalten gänzlich entgegengesetzter Meinungen, Haltungen verlangt. Solange jemand das Grundgesetz akzeptiert und nicht kriminell wird, darf er/sie denken, was er/sie will. Und ich muß das aushalten, als Demokrat und kann es trotzdem Scheiße finden. Und dagegen demonstrieren gehen.

Machen wir uns nichts vor, wir sind bereits geteilt. Das ist übel.

Wiki sagt:
Typische Merkmale einer modernen Demokratie sind freie Wahlen, das Mehrheits- oder Konsensprinzip, Minderheitenschutz, die Akzeptanz einer politischen Opposition, Gewaltenteilung, Verfassungsmäßigkeit, Schutz der Grundrechte, Schutz der Bürgerrechte und Achtung der Menschenrechte. Da die Herrschaft durch die Allgemeinheit ausgeübt wird, sind Meinungs- und Pressefreiheit zur politischen Willensbildung unerlässlich.






Die Stimmung war freundlich, das Wetter gut und eigentlich wirkte das Ganze eher wie ein Sonntagsausflug, zu dem halt ungewöhnlich viele Leute gekommen waren. Wir sind zwischen dem Fußballfanblock und der Queertruppe, inclusive einiger hinreißender Drag-Queens, gelaufen, oder besser gestanden, gelatscht, gelegentlich getanzt. 
Die Veranstalter sagen es waren 240 000, die Presse redet von mehr als 100 000 Leuten, nicht übel. Die hätten ja auch alle zum Samstagsbrunch gehen können, oder einkaufen, oder irgendwas anderes tun können, bei dem man nicht zwei Stunden rumsteht bis es losgeht. Nicht übel. Ich bin froh, dass ich trotz all der verständlichen Gegenargumente, mal wieder demonstrieren gegangen bin. 


Noch einmal Wiki:
Eine Demonstration (von lateinisch demonstrare, zeigen, hinweisen, nachweisen, Kurzform: Demo) im politischen Sinne ist eine in der Öffentlichkeit stattfindende Versammlung mehrerer Personen zum Zwecke der Meinungsäußerung.

Der Aufruf zur Demo mit dem Titel "#unteilbar: Für eine offene und freie Gesellschaft – Solidarität statt Ausgrenzung" lautete:

"Wir lassen nicht zu, dass Sozialstaat, Flucht und Migration gegeneinander ausgespielt werden. Wir halten dagegen, wenn Grund- und Freiheitsrechte weiter eingeschränkt werden sollen.
Das Sterben von Menschen auf der Flucht nach Europa darf nicht Teil unserer Normalität werden. Europa ist von einer nationalistischen Stimmung der Entsolidarisierung und Ausgrenzung erfasst. Kritik an diesen unmenschlichen Verhältnissen wird gezielt als realitätsfremd diffamiert.
Während der Staat sogenannte Sicherheitsgesetze verschärft, die Überwachung ausbaut und so Stärke markiert, ist das Sozialsystem von Schwäche gekennzeichnet: Millionen leiden darunter, dass viel zu wenig investiert wird, etwa in Pflege, Gesundheit, Kinderbetreuung und Bildung. Unzählige Menschen werden jährlich aus ihren Wohnungen vertrieben. Die Umverteilung von unten nach oben wurde seit der Agenda 2010 massiv vorangetrieben. Steuerlich begünstigte Milliardengewinne der Wirtschaft stehen einem der größten Niedriglohnsektoren Europas und der Verarmung benachteiligter Menschen gegenüber.
Nicht mit uns – Wir halten dagegen!
Wir treten für eine offene und solidarische Gesellschaft ein, in der Menschenrechte unteilbar, in der vielfältige und selbstbestimmte Lebensentwürfe selbstverständlich sind. Wir stellen uns gegen jegliche Form von Diskriminierung und Hetze. Gemeinsam treten wir antimuslimischem Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus, Antifeminismus und LGBTIQ*- Feindlichkeit entschieden entgegen.
Wir sind jetzt schon viele, die sich einsetzen:
Ob an den Außengrenzen Europas, ob vor Ort in Organisationen von Geflüchteten und in Willkommensinitiativen, ob in queer-feministischen, antirassistischen Bewegungen, in Migrant*innenorganisationen, in Gewerkschaften, in Verbänden, NGOs, Religionsgemeinschaften, Vereinen und Nachbarschaften, ob in dem Engagement gegen Wohnungsnot, Verdrängung, Pflegenotstand, gegen Überwachung und Gesetzesverschärfungen oder gegen die Entrechtung von Geflüchteten – an vielen Orten sind Menschen aktiv, die sich zur Wehr setzen gegen Diskriminierung, Kriminalisierung und Ausgrenzung.
Gemeinsam werden wir die solidarische Gesellschaft sichtbar machen! Am 13. Oktober wird von Berlin ein klares Signal ausgehen." 

Liste der Erstunterzeichnenden:
https://www.unteilbar.org/wir/erstunterzeichnende/ 

Die Muslimbrüderschaft ist, entgegen anderslauternder Behauptungen, nicht darunter. Sondern der Zentralrat der Muslime Deutschlands.

13.10.2018 Rede auf der Kundgebung #unteilbar am 13.10.2018 Auftakt AlexanderPlatz – Es gilt das gesprochene Wort. Aiman Mazyek (ZMD-Vorsitzender)
http://www.zentralrat.de/30412.php

Sonntag, 7. Oktober 2018

Mein kaltes Herz

Ich habe gerade den ersten Teil der vierzehnten Staffel einer Krininalserie gesehen. BBC, Silent Witness, das Thema ist Pädophilie. Und, zu meinem Schrecken bemerke ich, dass ich keinen Funken Mitleid für den Kinderschänder aufbringen kannn, sogar hoffe, dass er draufgeht. Mein kaltes Herz.

Und ich bin, überraschenderweise, froh, dass es Gesetze gibt, die, auf andere Weise kalt, aber ohne meine Wut einzubeziehen, verlangen, dass jeder Mensch nach Maßgabe unseres herrschenden Rechts verurteilt wird und nicht nach den Wünschen meiner nachvollziehbaren Rachegelüste. 

Vergriffe sich jemand an meiner Tochter oder der Lieblingsnichte würde ich gewissenslos seinen Tod wünschen, ihn befördern, vielleicht sogar verursachen.

https://www.ndr.de/kultur/geschichte/chronologie/Die-Rache-der-Marianne-Bachmeier,mariannebachmeier101.html 

Also steht im unvorstellbaren Extremfall, gefürchtet und hoffentlich nie Realität werdend, nur das Gesetz, zwischen meinem trauernden, regellosen Hass und den harterkämpften Regeln unserer Zivilisation.

Ja, manchesmal geht mir die mitfühlende Einsicht unserer Gerichte zu weit, harte Erlebnisse in jemandes Kindheit entschuldigen, meiner Ansicht nach, nicht alles und jedes. Ursachen und Entschuldigungen sind nicht das Gleiche. Informiertes Mitgefühl und selbstzerfleischendes Mitleid, verantwortungsloses Dulden und verständnisvolles Beurteilen sind nicht das Gleiche. Bleeding hearts nennen die schwache Seite die Englischsprechenden, Gutmenschen, die nur der deutschen Sprache mächtigen.

Aber, und dieses Aber ist immens wichtig, seit Hammurabi (1728-1686 v. Chr.) Gestze in eine Steinsäule meißeln ließ, gibt es eine klare Grenze zwischen Rache und Strafe, zwischen Lynchjustiz und den begründeten Regeln der Strafverfolgung. 

Leider beugen sich diese Gesetze immer wieder zeitgemäßen Interessen, aber sowohl die Wut einzelner, und wäre ich einer davon, als auch die Erregung eines Mobs, einer zahlenmäßig großen Gruppe von Leuten, werden vom Gesetz in Schranken gehalten. Haben wir kein Gesetz, haben wir keine Zivilisation. 

Zwischen uns und dem Chaos steht nichts als die übel beleumdete, schwächelnde und momentan hart umkämpfte Demokratie. Und wie die Bulldogge Churchill sagte: Democracy is the worst form of government, except for all the others. Demokratie ist die übelste Regierungsform, nur dass alle anderen schlimmer sind.


Auf Facebook und im Leben begegnet mir gerade jetzt viel Wut, Wut und unverhältnismäßiges apokalyptisches Gequatsche.
Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet? 
Georg Büchner in Dantons Tod

Was ist das in uns, das unsere Sehnsucht nach dem gefürchteten, erwarteten Endzeit-Szenario stärker sein läßt, als unsere Freude über die reale Verbesserung des Zustandes unserer Welt?

Seit 1990 ist die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, um 1,4 Milliarden gefallen. Das heißt täglich um 137.000 Menschen. Eine Milliarden und 400 Millionen Menschen weniger leben heute in extremer Armut.
Die Zeit Nº 40 

Das heißt nicht, dass alles zum Besten steht, sondern nur, dass es jetzt besser ist, als es noch vor kurzem war.

Ich bin kein Optimist. Keineswegs. Aber ich will auch nicht aus Gewohnheit im Schwarzdenken verharren. Ich möchte, dass die, die jünger sind als ich, eine Chance haben. Und die haben sie, wenn wir wachsam bleiben, aber auch nicht in altersgemäßen, bequemen Pessimismus verfallen.

Ein Stern wird geboren

Ein Freund von mir erschafft aufblasbare Kunstwerke, fliegende Pferde, riesige scheue Clowns, schwebende Giganten, bestehend aus nichts als Luft und Hülle. Mein liebstes ist ein Paar, der eine gefüllt, der andere leer, nur Hülle - und dann verliert der aufgeblasene seine Luft an den anderen, der bläht sich auf, bekommt Umfang und Form, beginnt zu leben, vom anderen bleibt nur das Außen. Leider finde ich kein Bild von diesen beiden in ständigem Vergehen und Geboren werden Untrennbaren.

Max Streicher, Quadriga, 2006. ©Max Streicher.

Heute Abend habe ich in meinem Lieblingskino auf Hof I "A star is born" gesehen. 1937 waren Janet Gaynor und Fredric March das tragische Paar in der ersten Verfilmung, die auch schon auf einem früheren Film basierte, George Cukor war der Regisseur der zweiten mit Judy Garland und James Mason, dann kam 1976 eine Version mit Barbra Streisand und Kris Kristofferson.
Die Grundgeschichte ist simpel, großer Star mit Problemen trifft zufällig junge hochbegabte Frau, sie verlieben sich, er fördert ihr Talent und während ihre Karriere schnell und steil beginnt, verlöscht die seine. Er trinkt mehr und mehr, und je nach Drehbuch bringt er sich um oder stirbt bei einem Unfall. Joan Didion and John Gregory Dunne werden jedesmal, auch bei der neuesten Verfilmung, als Drehbuchautoren genannt. Die beiden waren ein Paar und Didion hat eines meiner Lieblingsbücher geschrieben: "Die Stunde der Bestie" in Deutsch und im Original mit dem faszinierenden Titel "Slouching towards Bethlehem" oder" Latschen nach Bethlehem".
Dieser Fassung des alten Themas von 2018 ist es gelungen, eine heutige Geschichte zu erzählen, ohne mich daran zu hindern, am Ende weinen zu dürfen. Das ganze Kino hat geweint und statt einer witzigen Szene im Abspann gab es Nasenputzen, Schnüffeln und einiges verlegenes Kichern.
Bradley Cooper hatte ich schon gesehen, einmal sogar persönlich in einem Fahrstuhl in New York, hatte aber keinen großen Eindruck hinterlassen. Aber hier hat er seinen Doppel-Job als Regisseur und zweiter Hauptdarsteller wirklich gut gemacht. Lady Gagas Musik ist nicht mein Ding, aber hier ergreift sie mich, liefert sich mir aus, ungeschminkt, scheu und ehrgeizig.
Es wird mir die Geschichte einer Übergabe erzählt, von einer Generation zur nächsten, nicht so wie man leicht Hände schüttelt oder guten Rat gibt, sondern wie jedes Erblühen auch eines Vergehens bedarf. Das ist sehr traurig aber auch unvermeidbar.

 © Warner Bros.

Danach ein Gin &Tonic in der G&T Bar am Hackeschen Markt und einem wirklich guten Barmann bei der Arbeit zuschauen. Noch ein Genuß.

Montag, 1. Oktober 2018

Deutsche Fernsehserien

DEUTSCHE FERNSEHSERIEN 2018

BAD BANKS
DARK
BABYLON DEUTSCHLAND

BAD BANKS ist spannend, kurzweilig, aufregend. Barry Atsma, Albrecht Schuch und Paula Beer und einige andere spielen ganz außerordentlich lustvoll. Es gibt eine Botschaft, aber weit interessanter bleibt die zu erzählende Geschichte. Setdesign und Kostüm tuen mehr als nur zeitgenau und also richtig zu sein, sie erzählen mit und erzählen mehr. Wenn keine Worte nötig sind, wird nicht gesprochen. Das Finale packt mich auf den Punkt, erschreckend und befreiend.
DARK geht langsam vor, läßt seinen Geheimnissen Zeit und die Inszenierung der Spieler erlaubt ihnen minimalistische, nackte Darstellung und Intensität. Nicht unbedingt meine Art Geschichte, aber der Spannung kann ich mich trotzdem nicht entziehen
BABYLON - BERLIN hat die größtmögliche Vorauswerbung, mehr Geld, eine tolle Besetzung und dann auch noch das Sujet der sagenhaften Zwanziger. Und es wird geliefert, nicht gekleckert sondern geklotzt. Aber irgendwas läuft schief. Distanz stellt sich ein. Später Unmut. Historische Genauigkeit in jeder Einstellung, aber sie wirkt merkwürdig leblos, lieblos, immer bleiben die Bilder Dekoration, nie entstehen belebte Orte. Zillemilieu ohne Schmutz, Sex ohne Körperflüssigkeiten, Drogensucht ohne rasende Gier. Tolle Spieler, die angehalten sind, ständig zu spielen, anstatt mal nur ihr Gesicht zur Verfügung zu stellen. Liv Lisa Fries ist hinreißend frisch, Volker Bruch wäre es, müßte er nicht, da seine Figur drogensüchtig und sehr offensichtlich mit einer schweren Vergangenheits-Last beladen, diese beiden Fakten ständig wie ein Banner vor sich her tragen. Matthias Brandt, Peter Kurth und viele andere geben ihr Bestes und werden durch die konzeptionelle Unglaubwürdigkeit der Setzung erschlagen.
Ich habe leider zu viele bessere Varianten dieses Themas gesehen:
Cabaret, Das Schlangenei, Menschen am Sonntag, Kuhle Wampe, Peaky Blinders, Boardwalk Empire.
Peaky Blinders zum Beispiel kontert seine historisch präzise Erzählweise mit unpassend-modernem Soundtrack und harscher Erzählstruktur.
Bei Babylon-Berlin besiegt die Metaebene die Geschichte. Schade.
 eigene
 © ARD Degeto/X-Filme/Beta Film/Sky Deutschland/Frédéric Batier

Was ich lerne: erzähle über Menschen, erzähle es genau und lass die scheinbar unpassenden Teile nicht aus, erzähle es mit dem Risiko mehr als eine Wahrheit zuzulassen. Verlass dich nicht auf die kollektive Erwartung davon wie Geschichte auszusehen hat. Widersprüche sind Gewürze, die Geschichten glaubhaft machen. Wenn alles passt, stimmt irgendwas nicht.  

Donnerstag, 27. September 2018

Danton, Robbespierre und Consorten

Das Verrückteste am Älterwerden sind die Momente, in denen klar wird, wieviel Du schon erlebt, gelebt hast, wieviele tolle Menschen Du kennengelernt hast, wieviele davon schon tot sind und wie froh Du bist, dass noch so viele leben.

Heute Abend im Deutschen Theater haben Christian Grashof und Hans-Dieter Schütt ihr gemeinsames Projekt "Kam, sah und stolperte" vorgestellt. Eine erzähle Biographie. Schütt hat wieder geschafft, was er oft wirklich gut kann, zum Beispiel auch bei meinem Vater - er hat die mäandernden, ausschweifenden Gedanken seines Gesprächspartners gebündelt, konzentriert. 
Wenn mein Vater eine Geschichte zum Besten gab, waren es am Ende fünf plus allerlei interessanter Nebenfakten. Wenn Chris erzählt, überlagern sich hochinteressante Halbsätze, Anfänge, Kommentare, Einschränkungen, Ablenkungen und Weisheiten. 
Beide verlangen vom Zuhörenden Konzentration, Intelligenz und Abstraktion. Und Schütt weiß, den Kern der angebotenen Epen zu finden.

Ich glaube, es ist in diesem Fall ein gutes Buch geworden.


Zurück zu mir.
Als wir uns kennenlernten, war Grashof 38 und ich 23. "Die Insel" und "Philoktet" und der "Tasso", waren meine immer wieder beglückende abendliche Unterhaltung. 1981/82 war ich an jedem, wirklich jedem probenfreien Abend hingerissener Zuschauer in meinem Theater. Egal was lief, ich war da. Besser kann Lernen nicht erlebt werden.

Christian Grashof hat mir so ganz nebenbei zwei wichtige Stutzpunkte meines Lebens geschenkt. 
1985. Nach Jahren der Quälerei, nach Hungersucht und Herzbruch, fing ich an mich auf der Bühne heimisch zu fühlen, da kam Chris eines Abends nach einer Vorstellung von "Dantons Tod" zu mir und sagte: "Jetzt war es gut." 
Ja, dann war es besser.
Lange Zeit später, in der ersten Szene meiner zweiten Vorstellung von "Onkel Wanja", ich hatte für die schwangere Dagmar Manzel übernommen, stellte ich fest, dass ich mich ums Verrecken nicht erinnern konnte, wie der titelgebende Onkel Wanja hieß. Jelena, meine Figur, konnte ihn so ja nicht nennen, denn sie war mit ihm nicht verwandt. Ich spielte mich also unauffällig an Chris heran und fragte leise: "Wie heißt Du? Chris mit großen, waidwunden Augen antwortete ebenso leise: " Na, Christian Grashof, aber das weißt du doch."
Da habe ich begriffen, dass wir während wir spielen, auch weiterleben. Es gibt kein hier und dort.  

Dienstag, 25. September 2018

Hier wurde bisher 1 500 036 mal angeklickt

Eine Millionen fünfhunderttausend und sechsunddreissig Klicks.

Das ist doch fein für einen Blog in Deutsch, der wild durch die Themen springt. Ein schönes nachträgliches Geburtstagsgeschenk.

+ 36

Montag, 24. September 2018

Eine Posse

Hans-Georg Maaßen (* 24. November 1962 in Mönchengladbach) ist ein deutscher Jurist und politischer Beamter (CDU). Seit August 2012 ist er Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz.
Wiki 

Ein Politischer Beamter ist ein Beamter, wenn er ein Amt bekleidet, bei dessen Ausübung er in fortdauernder Übereinstimmung mit den grundsätzlichen politischen Ansichten und Zielen der Regierung stehen muss (vgl. § 30 Abs. 1 BeamtSt).
ebenfalls Wiki 

"Fortdauernde Übereinstimmung", was für ein paradiesischer Zustand, abstoßend.
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In der 102. Sitzung des Untersuchungsausschusses implizierte Verfassungsschutz-Präsident Maaßen, Whistleblower Edward Snowden sei Agent eines russischen Geheimdiensts. Darüber hinaus bezeichnete er Drohnen-Morde als legal und Untersuchungsausschüsse als Hindernis für Geheimdienst-Arbeit.
netzpolitik.org
 
„Ob Maaßen Agent des SVR oder FSB ist, kann derzeit nicht belegt werden.“
Edward Snowden auf Twitter
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"Die Skepsis gegenüber den Medienberichten zu rechtsextremistischen Hetzjagden in Chemnitz werden von mir geteilt. Es liegen dem Verfassungsschutz keine belastbaren Informationen darüber vor, dass solche Hetzjagden stattgefunden haben."
"Es liegen keine Belege dafür vor, dass das im Internet kursierende Video zu diesem angeblichen Vorfall authentisch ist." 
"Nach meiner vorsichtigen Bewertung sprechen gute Gründe dafür, dass es sich um eine gezielte Falschinformation handelt, um möglicherweise die Öffentlichkeit von dem Mord in Chemnitz abzulenken." 
Bildzeitung vom 7. September 

Keine Indizien für Fälschung
https://faktenfinder.tagesschau.de/inland/maasen-video-chemnitz-101.html 
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Beförderung statt Kündigung

Maaßen wechselt ins Innenministerium
rtl

Der 55-Jährige sei „ein klassischer Beamter, der eben den Dienst da tut, wo er hingestellt wird“, sagte Seehofer.

handelsblatt.com

Der umstrittene Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen muss seinen Posten räumen, steigt aber zugleich zum Staatssekretär im Bundesinnenministerium auf. 

... für den bisherigen Amtsleiter Maaßen bedeutet der jetzt beschlossene Wechsel karriere- und gehaltsmäßig sogar einen Aufstieg. Als Staatssekretär ist er nachgeordneten Behörden wie seinem bisherigen Amt prinzipiell vorgesetzt. Zudem steht ihm ein höheres Gehalt zu. Amtsleiter werden nach B9 mit 11.577,13 Euro im Monat besoldet, Staatssekretäre erhalten in der B11-Gehaltsstufe 14.157,33 Euro. Seehofer will die Einigung und den Umbau im Ministerium am Mittwoch erläutern.
Tagesspiegel 
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Wird Maaßen nun Abteilungsleiter im Innenministerium? 
faz.net 
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Nach tagelangem Streit haben sich die Koalitionsspitzen auf eine Versetzung von Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen ins Bundesinnenministerium geeinigt. Maaßen soll dort Sonderberater im Rang eines Abteilungsleiters werden und genauso viel verdienen wie bisher.
t-online

Der 55-Jährige soll als Sonderberater im Rang eines Abteilungsleiters unter anderem für das Aushandeln von Abkommen mit anderen Staaten zuständig sein, in denen Rückführungen von Asylbewerbern geregelt werden - und für Vereinbarungen mit afrikanischen Staaten in der Flüchtlingspolitik.
Der Stern 

Von Oppositionsseite gab es Kritik an der neuen Entscheidung. „Es ist ein Minimalkonsens, um die Koalition zu retten“, sagte AfD Partei- und Fraktionschef Alexander Gauland am Montag der Deutschen Presse-Agentur. Mit Maaßen sei „unsachgemäß“ umgegangen worden. „Entweder ein
Spitzenbeamter hat recht oder eben nicht.“

faz.net

Findet ihr auch dass Maaßen eine verblüffende Ähnlichkeit mit Beaker aus der Muppet-Show hat?
So lang kann doch einfach kein Gesicht sein.

 


Sonntag, 23. September 2018

Ungeduld des Herzens an der Schaubühne

“Es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das gar nicht Mit-leiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens von der eigenen Seele. Und das andere, das einzig zählt - das unsentimentale, aber schöpferische Mitleid, das weiß, was es will, und entschlossen ist, geduldig und mitduldend alles durchzustehen bis zum Letzten seiner Kraft und noch über dies Letzte hinaus.” 
Stefan Zweig "Ungeduld des Herzens"
 
Im Englischen heißt dder Roman " Beware of Pity" - " "Hüte dich vor Mitleid". 1939 wurde dieses Buch unter dem deutschen Titel "Ungeduld des Herzens" erstmals veröffentlicht. Sein vielgelesener und erfolgreicher Autor, der österreichische Jude Stefan Zweig, lebte zu dieser Zeit schon in England, von wo er dann nach Brasilien weiterzog, wo er sich 1939 das Leben nahm. Seine Frau folgte ihm nur wenige Stunden später nach. 

Ein Roman über die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, geschrieben in der bleiernen Morgendämmerung des Zweiten.

Simon McBurney, der Mann mit den feinen Ohren und den schlauen Augen hat mit seinen Schauspielern diesen Roman durchstöbert, durchleuchtet, durchspielt. 
Die Bühne enthält Stühle, Tische mit Mikrophonen, einen rollenden Tisch, eine bewegbare Standvitrine, fahrbare Hängelampen, ein Klavier, wenige Requisiten, Videoprojektionen auf Wand & Vitrine, Musik, Geräusche, angedeutete Kostüme und sieben Darsteller. Szenen werden angespielt, in Figuren wird eingetaucht und dann mit scharfem Ruck wieder ausgestiegen, der Ablauf der Bewegungen aller Spieler und der Bühnenmöbel ist minutiös durchchoreographiert. Ein Konzert für alle Sinne. 
Irgendwas hat mich irritiert, aber ich komme noch nicht wirklich drauf, was. Ein bisschen viel die Stimmung verstärkende Musik gelegentlich, aber das ist es nicht. Vielleicht habe ich mir gewünscht, dass das enorme Tempo mal stockt, die perfekten Abläufe abrupt stolpern, die Komposition eine Leerstelle böte. Ningel, ningel, mecker, mecker.

ZWEIGS ABSCHIEDSBRIEF
 
Declaracão

Ehe ich aus freiem Willen und mit klaren Sinnen aus dem Leben scheide, drängt es mich eine letzte Pflicht zu erfüllen: diesem wundervollen Lande Brasilien innig zu danken, das mir und meiner Arbeit so gute und gastliche Rast gegeben. Mit jedem Tage habe ich dies Land mehr lieben gelernt und nirgends hätte ich mir mein Leben lieber vom Grunde aus neu aufgebaut, nachdem die Welt meiner eigenen Sprache für mich untergegangen ist und [Streichung] meine geistige Heimat Europa sich selber vernichtet.
Aber nach dem sechzigsten Jahre bedürfte es besonderer Kräfte um noch einmal völlig neu zu beginnen. Und die meinen sind durch die [Streichung] langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft. So halte ich es für besser, rechtzeitig und in aufrechter Haltung ein Leben abzuschliessen, dem geistige Arbeit immer die lauterste Freude und persönliche Freiheit das höchste Gut dieser Erde gewesen.
Ich grüsse alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.
 

Stefan Zweig
Petropolis 22. II 1942


 
https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article162270682/Der-wahre-Grund-fuer-den-Selbstmord-von-Stefan-Zweig.html 

60

Ein komisch Ding so ein sechzigster Geburtstag. 

Mein sechzigster Geburtstag!

Damals, als ich jung war, ein skurriler Satzanfang, gingen Leute mit Sechzig in Rente und die Vorstellung jemals soooo alt zu werden, schien mir völlig absurd. Alte liefen nicht, sie tapperten, tranken dünnen Kaffee und aßen große Stücke Margarinetorte, hatten blasse Augen, dünne Stimmen und unpassend neue Zähne. Sie redeten von früher, als es besser oder härter war, und kniffen dich zärtlich in die Wange. Aliens wären mir näher, gewesen als diese halbtoten Wackelgreise. Was für hochmütige Augen ich hatte. Alt waren die anderen. Die Ausnahme: meine Großmutter.

1986. 

Meine Freundin Annette und ich entwickeln eines Nachts in der Kantine des DT die Vision einer allmächtigen Seniorenabfangstasi, die am späten Abend deines sechzigsten Geburtstages mit einem unauffälliger Barkas vor Deinem Haus parkt, (die Idee entstand in der DDR, der Barkas war das DDR-Equivalent zum VW-Bus), Dich kidnappt, an einen geheimen Ort verfrachtet und in einen Rentner umformt. Die Haare werden ausgedünnt, mittelkurz geschnitten, violett-blau-weiß getönt und dauergewellt, die Garderobe wird entsprechend zusammengestellt: labrige Rippenunterwäsche, hautfarbenen Strumpfhose, ein Blouson in greige, das lose Oberteil dezent geblümt, dazu die helle Stoffhose mit exakter Bügelfalte und bequeme flache Schuhe, die heute Marga Schöller liefert. Und am nächsten Morgen wirst du wach, hast die Ereignisse der Nacht vergessen, quälst dich ächzend aus deinem Bett, setzt das Gebiß ein und kochst dir erstmal einen Blümchenkaffee.
Nettie ist unerhörterweise und gänzlich gottverneinend so früh gestorben, dass sie den Gegenbeweis nicht erleben durfte. Bei unserem letzten Zusammensein, schon sehr krank und schwach, hat sie mich hart am Kragen gegriffen und mit schwacher Stimme gesagt: "Wage es nicht, dein Leben nicht zu geniessen!"

Jetzt bin ich 60.

Diese letzte Drohung hab ich mir gemerkt. 60 Jahre Welt. 60 Jahre lernen. Und da bin ich nun, ein wandelnder Widerspruch. Wache auf und bin stark und unternehmungslustig, mein Spiegel bestätigt mir freundlich diesen Eindruck. Und manchmal kenne ich das mir entgegenblickende Gesicht kaum, es ist alt, müde, irgendwie unscharf. Aber solang die Gesundheit mitspielt, bleibt die Entscheidung bei mir. Interessiere ich mich für die Welt? Bleibe ich widerständig? Kann ich noch über mich lachen? Liebe ich noch? Solang es Freunde und Widersacher gibt: Lets dance!


P.S. Am Abend des Geburts-Tages der Anruf von der Mutter einer Freundin: "91 an 60, 91 an 60!" Sie hat noch eine Jahreskarte fürs Schwimmbad! 

P.P.S. Übrigens kriege ich die nächste Bahncard als Senior zu ermäßigtem Preis, juchuh!


Gestutzte Eiche
 
Wie haben sie dich, Baum, verschnitten
Wie stehst du fremd und sonderbar!
Wie hast du hundertmal gelitten,
Bis nichts in dir als Trotz und Wille war!
Ich bin wie du, mit dem verschnittnen,
Gequälten Leben brach ich nicht
Und tauche täglich aus durchlittnen
Roheiten neu die Stirn ins Licht.
Was in mir weich und zart gewesen,
Hat mir die Welt zu Tod gehöhnt,
Doch unzerstörbar ist mein Wesen,
Ich bin zufrieden, bin versöhnt,
Geduldig neue Blätter treib ich
Aus Ästen hundertmal zerspellt,
Und allem Weh zu Trotze bleib ich
Verliebt in die verrückte Welt.

Hermann Hesse 1919