Donnerstag, 18. Oktober 2018

Perfektion

Als ich heute Abend aus dem Theater kam, versuchte ich stotternd und nach den richtigen Worten suchend, einer Bekannten die Kluft, den Riss zwischen Bewunderung und Liebe zu beschreiben. Es ist für mich ein existentieller. 
Der Mann, den ich bewundere, anhimmle, toll finde mag schön sein, klug und witzig, die Nase dessen den ich liebe ist schief, er schnarcht, hat Kommunikationsprobleme und einen bedauerliche Vorliebe für Kalauer. So geht es mir auch mit der Kunst. 
Ein Beispiel: 
Klimts Porträts sind atemberaubend genau und individuell, "Der Kuss" ästhetisch aus einem grandiosen Guss (sorry für den Reim). Uneingeschränkte Hochachtung. 
Schiele hingegen malt ungelenk, kratzbürstig, verwundet, ja, er schleudert mir seine Verletzungen himmelsschön in die Fresse. Und ich liebe ihn dafür.
"Im Herzen der Gewalt" an der Schaubühne in der Regie von Thomas Ostermeier ist ein großartiger Theaterabend mit hochtalentierten Schauspielern, wunderbar technisch hochkomplizierten Videos und einer Ton- und Lichtregie, die nie fehl geht, mit magischen Zwischentänzen und einer klugen Dramaturgie. Alles stimmt. Ich bin aufmerksam, gespannt und nie gelangweilt. 
Und dann ganz am Ende wird versucht, sich mit mir zu verbünden, mein Einverständnis wird erbeten. 
Und ich?
Ich verweigere mich. Nicht dem Inhalt, aber der Verführung. Ich verwehre mein Mitgefühl. Das hat mich überrascht. Irritiert. 

© Foto: Arno Declair

Ist mit mir was nicht in Ordnung? Bin ich zu distanziert, zu mißtrauisch? Mangelt es mir an Empathie? 
Oder bin ich, zonengeprägt und jedwede Zustimmung nur unter Widerstand gebend, vielleicht ein starker Kampfgegner? Mich kriegt ihr nicht so leicht!
Das gleiche Problem hatte ich mit den Filmen von Ingmar Bergmann. Alle weinten und ich zog mich zurück. 
Ich habe heute Abend eine Hochleistung, die perfekte Realisierung des bürgerlichen Theaters gesehen. Bin ich neidisch? Erstaunlicherweise nicht. 
Was ist mit mir los?

Sonntag, 14. Oktober 2018

Unteilbar?

Fangen wir mit dem blöden Zeug an. 
"Nazis Raus" ist wirklich einer der dämlichsten mir bekannten Sprüche. Wo raus? Wo dann rein? Wenn wir "unteilbar" sein wollen, müssen wir sie drin behalten, denn sie sind ein Teil von uns, ob es uns gefällt oder nicht. "Uns" ist in diesem Fall das Volk, das deutsche. Von dem ich auch ein Teil bin, ob es mir gefällt oder nicht.

Und übrigens ist die AfD unangenehm, peinlich und beunruhigend, aber keine faschistische Partei. Bleiben wir genau, nicht alles ist das Gleiche. Scheinbar übersehen manche von uns schnell und gern, dass Demokratie auch das Aushalten gänzlich entgegengesetzter Meinungen, Haltungen verlangt. Solange jemand das Grundgesetz akzeptiert und nicht kriminell wird, darf er/sie denken, was er/sie will. Und ich muß das aushalten, als Demokrat und kann es trotzdem Scheiße finden. Und dagegen demonstrieren gehen.

Machen wir uns nichts vor, wir sind bereits geteilt. Das ist übel.

Wiki sagt:
Typische Merkmale einer modernen Demokratie sind freie Wahlen, das Mehrheits- oder Konsensprinzip, Minderheitenschutz, die Akzeptanz einer politischen Opposition, Gewaltenteilung, Verfassungsmäßigkeit, Schutz der Grundrechte, Schutz der Bürgerrechte und Achtung der Menschenrechte. Da die Herrschaft durch die Allgemeinheit ausgeübt wird, sind Meinungs- und Pressefreiheit zur politischen Willensbildung unerlässlich.






Die Stimmung war freundlich, das Wetter gut und eigentlich wirkte das Ganze eher wie ein Sonntagsausflug, zu dem halt ungewöhnlich viele Leute gekommen waren. Wir sind zwischen dem Fußballfanblock und der Queertruppe, inclusive einiger hinreißender Drag-Queens, gelaufen, oder besser gestanden, gelatscht, gelegentlich getanzt. 
Die Veranstalter sagen es waren 240 000, die Presse redet von mehr als 100 000 Leuten, nicht übel. Die hätten ja auch alle zum Samstagsbrunch gehen können, oder einkaufen, oder irgendwas anderes tun können, bei dem man nicht zwei Stunden rumsteht bis es losgeht. Nicht übel. Ich bin froh, dass ich trotz all der verständlichen Gegenargumente, mal wieder demonstrieren gegangen bin. 


Noch einmal Wiki:
Eine Demonstration (von lateinisch demonstrare, zeigen, hinweisen, nachweisen, Kurzform: Demo) im politischen Sinne ist eine in der Öffentlichkeit stattfindende Versammlung mehrerer Personen zum Zwecke der Meinungsäußerung.

Der Aufruf zur Demo mit dem Titel "#unteilbar: Für eine offene und freie Gesellschaft – Solidarität statt Ausgrenzung" lautete:

"Wir lassen nicht zu, dass Sozialstaat, Flucht und Migration gegeneinander ausgespielt werden. Wir halten dagegen, wenn Grund- und Freiheitsrechte weiter eingeschränkt werden sollen.
Das Sterben von Menschen auf der Flucht nach Europa darf nicht Teil unserer Normalität werden. Europa ist von einer nationalistischen Stimmung der Entsolidarisierung und Ausgrenzung erfasst. Kritik an diesen unmenschlichen Verhältnissen wird gezielt als realitätsfremd diffamiert.
Während der Staat sogenannte Sicherheitsgesetze verschärft, die Überwachung ausbaut und so Stärke markiert, ist das Sozialsystem von Schwäche gekennzeichnet: Millionen leiden darunter, dass viel zu wenig investiert wird, etwa in Pflege, Gesundheit, Kinderbetreuung und Bildung. Unzählige Menschen werden jährlich aus ihren Wohnungen vertrieben. Die Umverteilung von unten nach oben wurde seit der Agenda 2010 massiv vorangetrieben. Steuerlich begünstigte Milliardengewinne der Wirtschaft stehen einem der größten Niedriglohnsektoren Europas und der Verarmung benachteiligter Menschen gegenüber.
Nicht mit uns – Wir halten dagegen!
Wir treten für eine offene und solidarische Gesellschaft ein, in der Menschenrechte unteilbar, in der vielfältige und selbstbestimmte Lebensentwürfe selbstverständlich sind. Wir stellen uns gegen jegliche Form von Diskriminierung und Hetze. Gemeinsam treten wir antimuslimischem Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus, Antifeminismus und LGBTIQ*- Feindlichkeit entschieden entgegen.
Wir sind jetzt schon viele, die sich einsetzen:
Ob an den Außengrenzen Europas, ob vor Ort in Organisationen von Geflüchteten und in Willkommensinitiativen, ob in queer-feministischen, antirassistischen Bewegungen, in Migrant*innenorganisationen, in Gewerkschaften, in Verbänden, NGOs, Religionsgemeinschaften, Vereinen und Nachbarschaften, ob in dem Engagement gegen Wohnungsnot, Verdrängung, Pflegenotstand, gegen Überwachung und Gesetzesverschärfungen oder gegen die Entrechtung von Geflüchteten – an vielen Orten sind Menschen aktiv, die sich zur Wehr setzen gegen Diskriminierung, Kriminalisierung und Ausgrenzung.
Gemeinsam werden wir die solidarische Gesellschaft sichtbar machen! Am 13. Oktober wird von Berlin ein klares Signal ausgehen." 

Liste der Erstunterzeichnenden:
https://www.unteilbar.org/wir/erstunterzeichnende/ 

Die Muslimbrüderschaft ist, entgegen anderslauternder Behauptungen, nicht darunter. Sondern der Zentralrat der Muslime Deutschlands.

13.10.2018 Rede auf der Kundgebung #unteilbar am 13.10.2018 Auftakt AlexanderPlatz – Es gilt das gesprochene Wort. Aiman Mazyek (ZMD-Vorsitzender)
http://www.zentralrat.de/30412.php

Sonntag, 7. Oktober 2018

Mein kaltes Herz

Ich habe gerade den ersten Teil der vierzehnten Staffel einer Krininalserie gesehen. BBC, Silent Witness, das Thema ist Pädophilie. Und, zu meinem Schrecken bemerke ich, dass ich keinen Funken Mitleid für den Kinderschänder aufbringen kannn, sogar hoffe, dass er draufgeht. Mein kaltes Herz.

Und ich bin, überraschenderweise, froh, dass es Gesetze gibt, die, auf andere Weise kalt, aber ohne meine Wut einzubeziehen, verlangen, dass jeder Mensch nach Maßgabe unseres herrschenden Rechts verurteilt wird und nicht nach den Wünschen meiner nachvollziehbaren Rachegelüste. 

Vergriffe sich jemand an meiner Tochter oder der Lieblingsnichte würde ich gewissenslos seinen Tod wünschen, ihn befördern, vielleicht sogar verursachen.

https://www.ndr.de/kultur/geschichte/chronologie/Die-Rache-der-Marianne-Bachmeier,mariannebachmeier101.html 

Also steht im unvorstellbaren Extremfall, gefürchtet und hoffentlich nie Realität werdend, nur das Gesetz, zwischen meinem trauernden, regellosen Hass und den harterkämpften Regeln unserer Zivilisation.

Ja, manchesmal geht mir die mitfühlende Einsicht unserer Gerichte zu weit, harte Erlebnisse in jemandes Kindheit entschuldigen, meiner Ansicht nach, nicht alles und jedes. Ursachen und Entschuldigungen sind nicht das Gleiche. Informiertes Mitgefühl und selbstzerfleischendes Mitleid, verantwortungsloses Dulden und verständnisvolles Beurteilen sind nicht das Gleiche. Bleeding hearts nennen die schwache Seite die Englischsprechenden, Gutmenschen, die nur der deutschen Sprache mächtigen.

Aber, und dieses Aber ist immens wichtig, seit Hammurabi (1728-1686 v. Chr.) Gestze in eine Steinsäule meißeln ließ, gibt es eine klare Grenze zwischen Rache und Strafe, zwischen Lynchjustiz und den begründeten Regeln der Strafverfolgung. 

Leider beugen sich diese Gesetze immer wieder zeitgemäßen Interessen, aber sowohl die Wut einzelner, und wäre ich einer davon, als auch die Erregung eines Mobs, einer zahlenmäßig großen Gruppe von Leuten, werden vom Gesetz in Schranken gehalten. Haben wir kein Gesetz, haben wir keine Zivilisation. 

Zwischen uns und dem Chaos steht nichts als die übel beleumdete, schwächelnde und momentan hart umkämpfte Demokratie. Und wie die Bulldogge Churchill sagte: Democracy is the worst form of government, except for all the others. Demokratie ist die übelste Regierungsform, nur dass alle anderen schlimmer sind.


Auf Facebook und im Leben begegnet mir gerade jetzt viel Wut, Wut und unverhältnismäßiges apokalyptisches Gequatsche.
Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet? 
Georg Büchner in Dantons Tod

Was ist das in uns, das unsere Sehnsucht nach dem gefürchteten, erwarteten Endzeit-Szenario stärker sein läßt, als unsere Freude über die reale Verbesserung des Zustandes unserer Welt?

Seit 1990 ist die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, um 1,4 Milliarden gefallen. Das heißt täglich um 137.000 Menschen. Eine Milliarden und 400 Millionen Menschen weniger leben heute in extremer Armut.
Die Zeit Nº 40 

Das heißt nicht, dass alles zum Besten steht, sondern nur, dass es jetzt besser ist, als es noch vor kurzem war.

Ich bin kein Optimist. Keineswegs. Aber ich will auch nicht aus Gewohnheit im Schwarzdenken verharren. Ich möchte, dass die, die jünger sind als ich, eine Chance haben. Und die haben sie, wenn wir wachsam bleiben, aber auch nicht in altersgemäßen, bequemen Pessimismus verfallen.

Ein Stern wird geboren

Ein Freund von mir erschafft aufblasbare Kunstwerke, fliegende Pferde, riesige scheue Clowns, schwebende Giganten, bestehend aus nichts als Luft und Hülle. Mein liebstes ist ein Paar, der eine gefüllt, der andere leer, nur Hülle - und dann verliert der aufgeblasene seine Luft an den anderen, der bläht sich auf, bekommt Umfang und Form, beginnt zu leben, vom anderen bleibt nur das Außen. Leider finde ich kein Bild von diesen beiden in ständigem Vergehen und Geboren werden Untrennbaren.

Max Streicher, Quadriga, 2006. ©Max Streicher.

Heute Abend habe ich in meinem Lieblingskino auf Hof I "A star is born" gesehen. 1937 waren Janet Gaynor und Fredric March das tragische Paar in der ersten Verfilmung, die auch schon auf einem früheren Film basierte, George Cukor war der Regisseur der zweiten mit Judy Garland und James Mason, dann kam 1976 eine Version mit Barbra Streisand und Kris Kristofferson.
Die Grundgeschichte ist simpel, großer Star mit Problemen trifft zufällig junge hochbegabte Frau, sie verlieben sich, er fördert ihr Talent und während ihre Karriere schnell und steil beginnt, verlöscht die seine. Er trinkt mehr und mehr, und je nach Drehbuch bringt er sich um oder stirbt bei einem Unfall. Joan Didion and John Gregory Dunne werden jedesmal, auch bei der neuesten Verfilmung, als Drehbuchautoren genannt. Die beiden waren ein Paar und Didion hat eines meiner Lieblingsbücher geschrieben: "Die Stunde der Bestie" in Deutsch und im Original mit dem faszinierenden Titel "Slouching towards Bethlehem" oder" Latschen nach Bethlehem".
Dieser Fassung des alten Themas von 2018 ist es gelungen, eine heutige Geschichte zu erzählen, ohne mich daran zu hindern, am Ende weinen zu dürfen. Das ganze Kino hat geweint und statt einer witzigen Szene im Abspann gab es Nasenputzen, Schnüffeln und einiges verlegenes Kichern.
Bradley Cooper hatte ich schon gesehen, einmal sogar persönlich in einem Fahrstuhl in New York, hatte aber keinen großen Eindruck hinterlassen. Aber hier hat er seinen Doppel-Job als Regisseur und zweiter Hauptdarsteller wirklich gut gemacht. Lady Gagas Musik ist nicht mein Ding, aber hier ergreift sie mich, liefert sich mir aus, ungeschminkt, scheu und ehrgeizig.
Es wird mir die Geschichte einer Übergabe erzählt, von einer Generation zur nächsten, nicht so wie man leicht Hände schüttelt oder guten Rat gibt, sondern wie jedes Erblühen auch eines Vergehens bedarf. Das ist sehr traurig aber auch unvermeidbar.

 © Warner Bros.

Danach ein Gin &Tonic in der G&T Bar am Hackeschen Markt und einem wirklich guten Barmann bei der Arbeit zuschauen. Noch ein Genuß.

Montag, 1. Oktober 2018

Deutsche Fernsehserien

DEUTSCHE FERNSEHSERIEN 2018

BAD BANKS
DARK
BABYLON DEUTSCHLAND

BAD BANKS ist spannend, kurzweilig, aufregend. Barry Atsma, Albrecht Schuch und Paula Beer und einige andere spielen ganz außerordentlich lustvoll. Es gibt eine Botschaft, aber weit interessanter bleibt die zu erzählende Geschichte. Setdesign und Kostüm tuen mehr als nur zeitgenau und also richtig zu sein, sie erzählen mit und erzählen mehr. Wenn keine Worte nötig sind, wird nicht gesprochen. Das Finale packt mich auf den Punkt, erschreckend und befreiend.
DARK geht langsam vor, läßt seinen Geheimnissen Zeit und die Inszenierung der Spieler erlaubt ihnen minimalistische, nackte Darstellung und Intensität. Nicht unbedingt meine Art Geschichte, aber der Spannung kann ich mich trotzdem nicht entziehen
BABYLON - BERLIN hat die größtmögliche Vorauswerbung, mehr Geld, eine tolle Besetzung und dann auch noch das Sujet der sagenhaften Zwanziger. Und es wird geliefert, nicht gekleckert sondern geklotzt. Aber irgendwas läuft schief. Distanz stellt sich ein. Später Unmut. Historische Genauigkeit in jeder Einstellung, aber sie wirkt merkwürdig leblos, lieblos, immer bleiben die Bilder Dekoration, nie entstehen belebte Orte. Zillemilieu ohne Schmutz, Sex ohne Körperflüssigkeiten, Drogensucht ohne rasende Gier. Tolle Spieler, die angehalten sind, ständig zu spielen, anstatt mal nur ihr Gesicht zur Verfügung zu stellen. Liv Lisa Fries ist hinreißend frisch, Volker Bruch wäre es, müßte er nicht, da seine Figur drogensüchtig und sehr offensichtlich mit einer schweren Vergangenheits-Last beladen, diese beiden Fakten ständig wie ein Banner vor sich her tragen. Matthias Brandt, Peter Kurth und viele andere geben ihr Bestes und werden durch die konzeptionelle Unglaubwürdigkeit der Setzung erschlagen.
Ich habe leider zu viele bessere Varianten dieses Themas gesehen:
Cabaret, Das Schlangenei, Menschen am Sonntag, Kuhle Wampe, Peaky Blinders, Boardwalk Empire.
Peaky Blinders zum Beispiel kontert seine historisch präzise Erzählweise mit unpassend-modernem Soundtrack und harscher Erzählstruktur.
Bei Babylon-Berlin besiegt die Metaebene die Geschichte. Schade.
 eigene
 © ARD Degeto/X-Filme/Beta Film/Sky Deutschland/Frédéric Batier

Was ich lerne: erzähle über Menschen, erzähle es genau und lass die scheinbar unpassenden Teile nicht aus, erzähle es mit dem Risiko mehr als eine Wahrheit zuzulassen. Verlass dich nicht auf die kollektive Erwartung davon wie Geschichte auszusehen hat. Widersprüche sind Gewürze, die Geschichten glaubhaft machen. Wenn alles passt, stimmt irgendwas nicht.