Samstag, 14. September 2019

Postdramatisches - Dramatisches

Ich gehe oft Theater gucken.

Wenn es mir gut tut, bin ich danach beglückt, verwirrt, aufgeregt, nachdenklich, irritiert, gelegentlich sogar neidisch. Manchmal war es nur ein kurzer schauspielerischer Moment, manchmal ein Gedanke, den ich sonst nicht gedacht hätte, manchmal ein Arrangement, eine Bewegungen, eine Geste. Ganz selten, geschieht es, dass ich einen ganzen Abend in wunderbarer Klarheit verbacht habe, scharfsichtig und heiß, weil jemand tiefer gedacht hat, als ich es konnte, Bilder erfunden hat, die ich nicht hätte erdenken können, weil jemand sich schweißtriefend bemüht hat, wahrhaftig zu sein und/oder weil dieser jemand zornig genug war, um waghalsig zu denken, für die Kunst, für die Wahrheit, für das Überleben des von mir geliebten, schon sehr alten, und mittlerweile recht gebrechlichen Theaters. 

Aber. Aber oft, zu oft, gehe ich in der Pause, erschöpft und mißmutig. 
Ein Einfall wurde gehabt. (Und ich meine nur "einer".) Eine Provokation wurde behauptet. (Wer glaubt noch, im Theater provozieren zu können? Womit denn?) Eine sichere Nummer wurde geplant. (Der Hype verlangt Opfer, produziere viel und wiedererkennbar, carpe diem, morgen kann es vorbei sein.)

Castorf, mal unerträglich repetitiv, man hirnerfrischend wild, quält sich und alle seine Mitarbeiter durch die Untiefen seines großen Hirns. Milo Rau will die Welt verstehen und vergißt darüber nicht, dass er mich, damit ich ihm folge, unterhalten, meine Aufmerksamkeit wachhalten muß. Thorsten Lensing breitet Teppiche aus für die Talente seiner Spieler. Christopher Rüpping verbeißt sich in Texte und begeistert seine Mitarbeiter zu Höchstleistungen. Etc., etc.

Aber. Aber, oft ist faules Mittelmaß, was mir geboten wird. Dabei ist ein großes, überfordertes Scheitern bei weitem erträglicher, als die häufig erlebten Repetitionen eines "Erfolgrezeptes" oder die ebenso häufige nachlässige, eitle Bebilderung eines nicht zu Ende gedachten Konzeptes. Dafür werden Spieler, hochbegabte, geliebtwerdenwollende, aufopferungswillige geopfert, die lange, zu lange Abende mit Kraftmeierei und Behauptung durchstemmen müssen. Nackt, nein, entblößt werden sie der trendbewußten, lauen Neu-Gier des Publikums zum Fraß vorgeworfen.

Ich wünschte, es gäbe eine Verbots-, Gebotsliste für Inszenierungen. Denke Deinen Plan bis zum Ende. Die Logik der Bühne ist nur auf derselben gültig, dort aber unbedingt. Liebe deine Spieler, sie müssen, das was du dir ausdenkst, vertreten, aushalten, während ihnen Hunderte Menschen zuschauen, bist du es, ist es dein Plan wert? Unterschätze die Intelligenz Deiner Zuschauer nicht, ja, sie sind überfüttert, denkfaul und leicht verführbar. Aber ganz tief drinnen wissen sie, wenn sie beschissen, nicht ernst genommen werden, wenn sie nicht gemeint sind.
Postdramatisch ist eine Dramaturgenbehauptung, selbst im Untergang, sollten wir uns denn darin befinden, empfinden wir unser Leben als reales Drama. Und das ist unser Recht. Weil wir es aushalten müssen und nicht nur seine Zuschauer sind.

Weniger sinnfreies Gebrülle, Nacktheit nur, wenn sie inhaltlich notwendig ist, jeder Geschlechterwechsel sollte Sinn machen, Heiner Müller-Zitate sollten nur im Notfall verwendet werden. Und grundsätzlich, Menschen, also auch Theaterfiguren leben in Umständen, die Vorgänge erzeugen, nicht nur in emotionale Zuständen. Stückfiguren leben in Umständen, die ihnen Reaktionen abverlangen. Den emotionalen Zustand "an sich" gibt es nicht. Niemand leidet an und für sich. Niemand. Die soziale Position ist entscheidend innerhalb jeder Auseinandersetzung.

"Das große Format entschuldigt alles." b.b.
Aber groß sollte es sein. Wenigstens nicht kleiner als eine Supermarktgurke. 

Donnerstag, 12. September 2019

Macht das alles einen Sinn - und wenn ja, warum dauert das so lange?

Hat das alles einen Sinn - und wenn ja, warum dauert das so lange?  Regie: Andreas Wilcke
Keinen Sinn für Humor. Keine eigene politische Haltung. Kein Sinn fürs Theater. Nur allgemeine Sentimentalität den "guten" alten Zeiten gegenüber. Kitsch.
Ungewöhnlich schlechter Schnitt.
Frank kommt schlecht weg, obwohl er doch ums Verrecken das Idol sein soll. Weil halt nur schicke Ausbrüche gezeigt werden und nicht die Momente, wo er in widerwillig herausgemurmelten Sätzen Strukturen aufdeckt oder wo er einen absurden Einfall in die Runde wirft, der sich im Ausprobieren als szenisch brilliant erweist.
Die Qual der Proben wird nicht gezeigt und nicht ihre kindliche Albernheit. Nur der Druck.
Uns hat er damals gefragt, ob wir was Merkwürdiges können, ein Kollege konnte jodeln, da haben wir als Chinesen dann gejodelt.
Hier soll ums Verrecken Genie bewiesen werden, doch dazu braucht es keinen Weihrauch, keine überlangen Einstellungen, kein Ich-weiß-wie-es-war Getue, dazu braucht es uneitles, Interesse mit Geduld und Neugier. Interessantes Wort: Neugier, gierig danach Neues zu erfahren, nicht nur einfach eigene Überzeugung zu bestätigen.
Öde. Mir fällt kein besseres Wort ein.
Die beste Szene, wenn Sophie Rois herzallerliebst gähnt, während Frau Angerer einen längeren Monolog hält. Alexander Scheer scheint so sympathisch, zu sein, wie ich vermutete.
Wenn man nur die Videos aus großen Szenen abfilmt, erweist sich, dass Theater spannender ist als seine filmische Abbildung.
Verehrung ohne das nötige Talent und ohne Witz und ohne Distanz schadet dem Verehrten.
Ich hatte das Gefühl vier Stunden im Kino zu sitzen, dabei waren es nur zwei. Kein gutes Zeichen.

Donnerstag, 29. August 2019

In Brandenburg kurz vor der Landtagswahl und sowas

Ein Kurzausflug ins Brandenburgische nach Schloß Liebenberg, dem Ort der "Liebenberger Affaire", dort wo Wilhelm II. mit Philipp zu Eulenburg-Hertefelds geturtelt hat, er ließ sich als "das Liebchen" titulieren. 
Das Schloß ist jetzt ein feines Hotel, die große Terrasse, ein Aushängeschild des Luxusetablissements, wird allerdings, jetzt mitten im Sommer, in der Hochsaison, saniert, man muß halt drinnen essen. "Wir danken für Ihr Verständnis", dass als gegeben vorausgesetzt wird. Ich verstehe es nicht.

Am Abend am Nebentisch Männer in martialischer Kleidung, die Vertreter der siebzehn Beretta-Hersteller auf ihrer Jahrestagung, morgens um halb Fünf werden sie mit ihren Berettas im Wald auf die Jagd gehen. Die Firma gibt es übrigens seit 1526! 
Im zum Hotel gehörigen Seehaus tagen die Mitarbeiter einer Optikerkette, nachmittags bauen sie, gekleidet in orange Schwimmwesten, in vier Gruppen Flöße aus Reifen und Brettern, um den Team- und Konkurrenzgeist zu schulen. Optiker auf Flößen. Exotisch.

Ausflug in Preussenmuseum in Wustrau. Sorgsam zusammengestellt, intelligent kommentiert, liebevoll arrangiert. Lohnt sich. 
Das einzige Cafe im Ort hat nur übers Wochenende geöffnet. 

In allen Dörfern, durch die wir fahren, und es sind viele, sind die Lebensmittelläden endgültig geschlossen, die Hälfte der Gaststätten auch. 

Der sehr angepriesene Hofladen in Hesterberg steht, im Hochsommer, wegen Umbau nicht zur Verfügung. 

Wir baden in herrlichen Seen, laufen durch lebendige Wälder. 

Ist es das Klima oder nur das Wetter! Der Mais ist knapp 50 Zentimeter hoch, die Bäume spielen schon Herbst, es dörrt und dürrt allerorten. Der Wasserstand der Seen, Flüsse, Tümpel, Bäche ist kläglich niedrig.

In Neuruppin landen wir auf der Suche nach einem Mittagessen. Im ersten Restaurant hat sich die einzige Kellnerin, die fröhlich mit ein paar Leuten schwatzt, nach zehn Minuten immer noch nicht zu uns umgedreht, wir gehen weiter, finden ein zauberhaftes Lokal in einem Innenhof, alle schon anwesenden Gäste sitzen im Schatten eines Sonnenschirms. Ich bitte den Kellner für uns einen weiteren Schirm zu öffnen, denn es ist heiß und grell in der Mittagssonne. Und jetzt kommt der Zaubermoment: Wie der Kasper aus der Kiste, springt dem vielleicht dreissigjährigen Mann, die Lust an der Macht über uns, seine Gäste, ins Gesicht. Er strahlt und sagt lustvoll "NEIN." 'Es würde in einer halben Stunde regnen und dies seien Sonnenschirme und keine Regenschirme und so oder so sei der Wind zu stark.' Währendessen steht der eine aufgespannte Schirm ungerührt und still hinter ihm unter wolkenfreiem blauem Himmel. 
In der DDR hieß das "Sie werden plaziert." und das böse Spiel war, den wartenden Gast so lang wie irgendwie möglich zu ignorieren. Wird diese Art von Gastmißbrauch, Verweigerung von Freude am Kundendienst auf geheimnisvolle Weise im Osten von Generation zu Generation weitergegeben? 'Wir wollen Touristen anlocken, an ihnen verdienen, aber deshalb müssen wir sie doch nicht auch noch freundlich behandeln!' Fühlt dieser Mann sich als einer der Abgehängten? Wen wird er dieses Wochenende wählen? Es hat nicht geregnet und außer einer leichten Brise ging den ganzen Tag kein Wind.

Gegenbeispiel. In Liebenwalde an der Schleuse gibt es ein kleines Restaurant mit angeschlossenem Kiosk, Frau Holzendorf, die Besitzerin, schmiert mir nach meinen Wünschen ein saftiges Lachsbrötchen, ihre Karte ist klein und fein, sie lacht, sie freut sich, wenn es mir schmeckt. Die hätte ich gern bei mir um die Ecke und drücke ihr die Daumen, dass sie viele Gäste hat und dabei gut verdient.

Der Hof mit Kirche von Schloß Liebenberg
P.S.:
Vorige Woche am Hackeschen Markt in der Mitte von Berlin. 
Ein Mann auf einer Bank an der Strassenbahnhaltestelle hinter dem S-Bahnhof, in sich zusammengesunken. Müde, betrunken, krank? Ich habe einen jungen Mann gebeten, ihn anzustupsen, weil ich ein ängstliches Bündel bin, er war wirklich nur sehr erschöpft. Gut.
Zehn Meter weiter lag ein Mann auf dem Bürgersteig, Rucksack auf dem Rücken, einen kleinen Wachhund neben sich. Vielleicht war er tot, wahrscheinlich nur sturzbetrunken.
Ein Kellner des naheliegenden restaurants brachte dem Hund eine Schüssel Wasser, die dieser verweigerte, weil er sein Herrchen beschützen mußte. Nachdem ich 110 angerufen hatte, saß ich da, wartete auf den Krankenwagen und beobachtete die Passanten. Ich habe nicht viel getan, ihn anzufassen habe ich ich mich wieder nicht getraut, nur mein Handy benutzt.
Vielleicht 50 Menschen liefen vorbei. Manche gänzlich auf sich konzentriert, bemerkten ihn nicht. Andere schauten irritiert, bestürzt auf den regungslosen Körper, erwägten kurz, ob sie etwas tuen sollten und entschieden sich dagegen. Ein paar stiegen über ihn weg.
Es kam kein Krankenwagen, sondern zwei grüne Minnas, vier Polizisten haben den komatösen Mann unter dem aufgeregten Gebell seines treuen Hundes, aus der prallen Sonne in den Schatten geschleppt. O-Ton Polizist: "Es ist sein freier Wille."
Was ist los mit uns? Ich habe Angst vor besoffenen Männern, ja, Menschen geraten in die Fänge des Alkohols, in die Macht der Drogen, werden sie dadurch unsichtbar, überflüssig, Abfall?

Samstag, 17. August 2019

Marillenknödel



Ich bin satt!
Meine Oma in Wien geboren, verließ die Stadt mit 20, lebte in vielen Ländern und viele Jahre in Berlin, blieb doch Wienerin, mit dem entsprechend weichen Dialekt, dem Charm, der Schnoddrigkeit und einer phantastischen Begabung für Mehlspeisen. Buchteln mit Bowiddeln oder Powideln (?) Kaiserschmarrn, Topfenpallatschinken und, die Krönung: Marillenknödel. 12 konnte ich davon verschlingen im zarten Alter von sechs.
Meine Mutter konnte sie bereiten und meine Nenntanten und jetzt auch ich. 
Ich bin stolz!
Das Rezept ist leicht anders, als das meiner Großmutter und stammt von Claudias Genusswerkstatt, einem wunderbaren Kochblog. Danke Claudia!
Ich bin dankbar!
https://claudiasgenusswerkstatt.com/

CLAUDIAS REZEPT:

Für die Klösse:
350 g mehlige Erdäpfel
1 Bioei
1 Bioeidotter
60g Butter
250g Topfen (20%) abgetropft
1 Prise Salz
50g Weizengries
200g Mehl (Universal)
1 EL Vanillezucker 
(Claudias Vanillezucker ist selbsgemacht.)

Mehl zum Ausarbeiten
12-15 Marillen
je 1 Stk. Würfelzucker, kurz in Marzipanlikör oder Rum getränkt, statt dem Kern für die Marillen
(Den Alkohol habe ich weggelassen.)

Die Erdäpfel in der Schale weich kochen. Abgießen und noch heiß schälen. Sofort durch die Erdäpfelpresse drücken und etwas abkühlen lassen.
Mit dem Ei, dem Dotter, der zimmerwarmen Butter, dem relativ trockenen Topfen, Salz, Grieß, Mehl und Vanillezucker rasch zu einem glatten Teig verarbeiten.
Den Teig mit Folie abdecken und ca. 30 Minuten im Kühlschrank rasten lassen.
Marillen waschen, mit einem Kochlöffelstiel den Kern herausdrücken. Je 1 Stk. Würfelzucker kurz in Marzipanlikör tränken, Rum geht natürlich auch, und statt dem Kern in die Marille stecken.
Den Teig auf einer bemehlten Arbeitsfläche zu einer Rolle formen und diese in X Portionen teilen.
Die Marillen mit dem Teig umhüllen und mit bemehlten Händen zu Knödel formen.
Die Knödel in leicht gesalzenem, siedendem Wasser einlegen und bei geringer Hitze so lange kochen, bis die Knödel an die Oberfläche steigen.

Für die Butterbrösel:
200g Butter
180g Semmelbrösel
1 EL Kristallzucker
1 EL Vanillezucker 

Die Butter in einer großen Pfanne aufschäumen und die Brösel darin goldbraun rösten, Zucker und Vanillezucker dazugeben. Die Knödel aus dem Kochwasser heben (mit einem Lochschöpfer) und abgetropft in den Brösel wälzen. Mit Staubzucker bestreut servieren und genießen.
(Ich habe Zimt und Zucker vermischt.)
Als Getränk gab es schnöden Kaffee.
Guten Appetit! Essen! Geniessen! Mehr essen! Stöhnen! Verdauen!
Wir waren zu dritt. 3 Klösse sind übrig geblieben und wandern jetzt in einer Tupperdose durch Berlin.

Dienstag, 13. August 2019

Erbsensuppe

ICH LIEBE ERBSEN.
Klein, kugelrund und so sehr grün liegen sie adrett aufgereiht in den Schoten. Leicht süß und, wenn sie wirklich frisch sind, gar nicht mehlig. Wie vegetarische Smarties.
Ich liebe Erbsen, frisch gepuhlt aus der Schote, als Gemüse, als Eintopf ,als Mus zu Eisbein, mit Möhrchen und, seit heute, auch als Suppe.
ERBSENSUPPE

Zwiebeln glasig braten, mit Gemüsebrühe aufgießen, aufgetaute Tiefkühlerbsen dazu, pürieren und etwas Kokosmilch dazu. Pfeffer, Salz, Muskat. 
Die Menge der Flüssigkeiten bestimmt die Dicke der Suppe.

Ist an Petrus das Wetter schön, dann kann man bald Kohl und Erbsen säen....
Erbse reimt sich auf nix, also nur eine Bauernregel und kein Gedicht.

Die Erbse (Pisum sativum), auch Gartenerbse oder Speiseerbse genannt, ist eine Pflanzenart aus der Gattung Erbsen (Pisum) in der Unterfamilie Schmetterlingsblütler (Faboideae) innerhalb der Familie der Hülsenfrüchtler (Fabaceae, Leguminosae). Ursprünglich aus Kleinasien stammend, ist die Erbse seit Jahrtausenden eine wichtige Nutzpflanze. So sagt Wiki!

 
Ein ERBSENZÄHLER ist sowas wie ein Korinthenkacker. Früher wurde das Wort verwendet, um einen Geizhals zu beschreiben, heute eher einen Pedanten, einen Übergenauen. 

ERBSE, BOHNE LINSE - WIE MAN SIE KOCHT SO SIN SE. (BERLINERISCH)



DIE PRINZESSIN AUF DER ERBSE

Es war einmal ein Prinz, der wollte eine Prinzessin heiraten, aber es sollte eine wirkliche Prinzessin sein. Da reiste er in der ganzen Welt herum, um eine solche zu finden, aber überall war da etwas im Wege. Prinzessinnen gab es genug, aber ob es wirkliche Prinzessinnen waren, konnte er nicht herausbringen, immer war etwas, was nicht ganz in Ordnung war. Da kam er wieder nach Hause und war ganz traurig, denn er wollte doch gern eine wirkliche Prinzessin haben.
Eines Abends zog ein furchtbares Wetter auf; es blitzte und donnerte, der Regen stürzte herunter, es war ganz entsetzlich. Da klopfte es an das Stadttor, und der alte König ging hin, aufzumachen. Es war eine Prinzessin, die draußen vor dem Tor stand. Aber, wie sah sie vom Regen und dem bösen Wetter aus! Das Wasser lief ihr von den Haaren und Kleidern herunter, und lief in die Schnäbel der Schuhe hinein und aus den Hacken wieder heraus, und sie sagte, das sie eine wirkliche Prinzessin sei.
"Ja, das werden wir schon erfahren!" dachte die alte Königin, aber sie sagte nichts, ging in die Schlafkammer hinein, nahm alle Betten ab und legte eine Erbse auf den Boden der Bettstelle. Darauf nahm sie zwanzig Matratzen, legte sie auf die Erbse, und dann noch zwanzig Eiderdaunenbetten oben auf die Matratzen.
Da sollte nun die Prinzessin die ganze Nacht liegen.
Am Morgen wurde sie gefragt, wie sie geschlafen habe. "O, schrecklich schlecht!" sagte die Prinzessin. "Ich habe meine Augen fast die ganze Nacht nicht geschlossen! Gott weiß, was da im Bette gewesen ist. Ich habe auf etwas Hartem gelegen, so dass ich ganz braun und blau über meinen ganzen Körper bin! Es ist ganz entsetzlich!"
Nun sahen sie wohl, dass es eine wirkliche Prinzessin war, da sie durch die zwanzig Matratzen und die zwanzig Eiderdaunenbetten die Erbse verspürt hatte. So empfindlich konnte Niemand sein, außer einer wirklichen Prinzessin.
Da nahm der Prinz sie zur Frau, denn nun wusste er, dass er eine wirkliche Prinzessin besitze, und die Erbse kam auf die Kunstkammer, wo sie noch zu sehen ist, wenn sie Niemand genommen hat. Sieh, das ist eine wahre Geschichte.


Hans-Christian Andersen

ERBSEN, BOHNEN, LINSEN BRINGEN DEN ARSCH ZUM GRINSEN.

AUS DEM ASCHENPUTTEL:
Da mußte es von Morgen bis Abend schwere Arbeit tun, früh vor Tag aufstehen, Wasser tragen, Feuer anmachen, kochen und waschen. Obendrein taten ihm die Schwestern alles ersinnliche Herzeleid an, verspotteten es und schütteten ihm die Erbsen und Linsen in die Asche, so daß es sitzen und sie wieder auslesen mußte.  

Montag, 12. August 2019

DARK - Horror made in Germany

EINE DEUTSCHE FERNSEHSERIE

Zu viel, zu dunkel, aber ich hänge drin, hänge dran.

DARK - Dunkel, Dunkelheit, Deutschland, Dunkelland.
In Winden, einer Kleinstadt im Schwarzwald, tief in den schwarzen Wäldern, wird ein Kernkraftwerk geplant, gebaut, genutzt, dann abgewickelt. Winden, eine Stadt in Deutschland, ist das Zentrum aller Geschehnisse.

2052, 2019, 1986, 1953, 1921, deutsche Geschichte im 33 - Jahre Abstand. 

Mysteriöse Vorkommnisse, Zeitreisen, Hermetik, der Heilige Christopherus, das Higgs-Boson Teilchen und dergleichen spielen eine Rolle, aber ebenso die schiefen, verbogenen Strukturen deutscher Geschichte, in ihnen Verborgenes, Verdecktes, Unterdrücktes, Verdorbenes. Leben und Lieben auf der hauchdünnen Kruste eines Menschen-Sumpfes, Familien, Generationen mit Verletzungen, Leerstellen, Geheimnissen.
Dumpf. Bedrückt ist es hier. 
Keiner verläßt Winden. Alle bleiben. Schmoren. Köcheln. Erzeugen Dampfdruck. Ein bisschen wie in Hamlet, alle wollen weg aus Dänemark und keiner kann entfliehen.
Die 33 Jahre beziehe sich auf den Lunisolarkalender, aber auch auf 1933, wichtige Dinge passieren am 4. und 9. November. Ein Schalk, der Böses dabei denkt. Das andere prägnante Datum ist die Sommersonnenwende.
Einstein, Kernkraft, ihre Nutzung, ihre Gefährlichkeit. Tschernobyl, Hiroshima, Fukushima, der Ausstieg aus der Kernkraft, alles da, aber ohne Oberlehrerton.
Kinder blicken auf ihre Eltern und erschrecken ob ihrer Undurchschaubarkeit. Eltern schauen auf ihre Kinder und erstarren in Verständnislosigkeit ob ihrer Andersartigkeit, Zweizüngigkeit ist das Lebensgesetz. "Game of thrones" für Liebhaber von dystopischem Sci-Fi.
Nur am Humor mangelts. Ist halt deutsch.
Das Ganze ist exzellent besetzt und gespielt und durchaus clever mit wissenschaftlich überprüfbarem Wissen vermischt. 
Immer wieder verblüffend starke Bilder, Spiegelungen aus der Malerei, mit großer Tiefe. Hab schon lange ncht mehr so viel unterschiedlichen Wald gesehen.

Die Zeit ist unser aller Oberbefehlshaber, nicht wir haben Zeit, die Zeit hat uns. "Nehmen wir uns Zeit. In der Minute unserer Geburt beginnt unser Marsch in Richtung Tod, dem persönlichen Ende der Zeit. Und in dieser Serie kämpfen alle gegen die Zeit, die sie als unendliche Widerholung des ewig Gleichen ansehen.
Ich fühle das anders. Wir erhalten ein Geschenk. Die Zeit, die auf Erden uns gegeben ist. Wie lang sie dauern wird, ist ungewiss. Aber endlich ist sie auf jeden Fall.
Was versagen wir uns aus Angst, obwohl es richtig wäre? Was sollten wir nicht tun, weil es Schaden anrichtet, den wir nicht beheben können?

Meine Lieblingsnichte, normalerweise äußerst cool und unerschrocken, wurde beim Ansehen der ersten Staffel zunehmend angespannter und unruhiger. Ich will nicht, das sie das allein ansieht. 


AN DIE NACHGEBORENEN


1
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen.

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde
Die in Not sind?

Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich satt zu essen.
Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt
Bin ich verloren.)

Man sagt mir: iß und trink du! Sei froh, daß du hast!
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn
Ich es dem Hungernden entreiße, was ich esse, und
Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt?
Und doch esse und trinke ich.

Ich wäre gerne auch weise
In den alten Büchern steht, was weise ist:
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
Ohne Furcht verbringen
Auch ohne Gewalt auskommen
Böses mit Gutem vergelten
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen
Gilt für weise.
Alles das kann ich nicht:
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!


                                   2

In die Städte kam ich zu der Zeit der Unordnung
Als da Hunger herrschte.
Unter die Menschen kam ich zu der Zeit des Aufruhrs
Und ich empörte mich mit ihnen.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Mein Essen aß ich zwischen den Schlachten
Schlafen legt ich mich unter die Mörder
Der Liebe pflegte ich achtlos
Und die Natur sah ich ohne Geduld.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Die Straßen führten in den Sumpf zu meiner Zeit
Die Sprache verriet mich dem Schlächter
Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden
Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Die Kräfte waren gering. Das Ziel
Lag in großer Ferne
Es war deutlich sichtbar, wenn auch für mich
Kaum zu erreichen.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.


                             3

Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.

Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd
Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt
Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.

Dabei wissen wir ja:
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es soweit sein wird
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht.


b.b.

Donnerstag, 8. August 2019

Eine kleine Horrorshow - WtF!!!!

Ich kann es jetzt offiziell bestätigen, Herr Liebermann hat leider Recht. Ich kann nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte. 
Jetzt grabschen sich diese Mistkerle einen der wenigen, kurzen Momente der von mir erlebten deutschen Geschichte, auf den ich, in durchaus kritischer Weise, stolz bin. 
Wer ist dieses Volk von dem sie reden? Sind es die, die damals ganz eilig Ein Volk werden wollten? 
Wer sind wir, die wir in einem der wohlhabendsten Länder der Welt leben und die ich doch unentwegt greinen, jammern und hetzen höre?  
Wir fühlen uns niemals für irgendetwas, das wir verbocken, verantwortlich. Nicht für einen der beiden Weltkriege, nicht für den unfassbaren Versuch, die Welt judenfrei, roma- und sintifrei zu machen. Nicht für die Verbrechen unserer Wehrmacht. Nicht für unsere halbblinde, pragmatische Art der Entnazifizierung. Nicht für unsere, ja, auch meine, mangelnde Widerständigkeit durch viele Jahre eines verkommenen, brutalen pseudo-sozialistischen Systems. 
Nein, wir waren immer Opfer! Dresden schweigt jedes Jahr eine Minute in Erinnerung an die Bombardierung durch die englische Luftwaffe, aber schweigt es auch für Coventry, für London, für Antwerpen? Nein, wir sind Opfer, der bösen Frau Merkel, der islamischen Horden, des von uns, nicht als so brutal erwarteten Kapitalismus. Sie alle wollen uns Böses. "Wir schaffen das." Da liegt neuerdings die Ursünde. Sie, die böse Frau, die wir gewählt haben, hat die Ursünde begangen.  Und wir sind wieder unbeteiligte Opfer ihrer sündhaften Großmut.
Wann sind wir so sehr verkommen? Wann und warum haben wir die letzten Reste unseres Geschichtsbewußtseins, unserer Demut, unserer Scham verloren?
Wir reihen uns schamfrei ein in die Ländergemeinschaft der europäischen Selbstsüchtigen, Groß-Ungarn, Polen, Brexit-England, addiert wen ihr passend findet.

WENDE 20
HOL DIR DEIN LAND ZURÜCK - FRIEDLICHE REVOLUTION AUF DEM STIMMZETTEL


WENDE 20
DAMALS WIE HEUTE - WIR SIND DAS VOLK
 1989-2019 
VOLLENDE DIE WENDE





Mittwoch, 7. August 2019

Die Moskauer - Wie das Stalintrauma die DDR prägte

Die Moskauer - Wie das Stalintrauma die DDR prägte von Andreas Petersen

Heute Abend in der "Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Kommunismus", die sich passend unpassender Weise mitten im Berliner Nikolaiviertel befindet, ein Vortrag zu einem Buch, das eine für mich erschreckende, aber durchaus glaubwürdige Behauptung aufstellt:

Die DDR wurde gegründet, auf den Weg gebracht, von Leuten, die zutiefst traumatisiert waren. Verstört, zerstört, schuldig und gestraft, aller Illusion verlustig gegangen und doch weiter der verzweifelt aufrechterhaltenen großen Lüge anhängend. Die erste Führungsriege der DDR-Politik, unter strenger Kontrolle Moskaus stehend, wird dann genau die Methoden, die sie selbst jahrelang als tödliche Bedrohung erlebt hatten, auf die Konstruktion des "neuen, besseren" Deutschland anwenden. Eine Gruppe von zurecht von Verfolgungswahn geprägten Paranoikern will eine frohe, gerechte Zukunft erschaffen. Wir haben erlebt, wie gut das gelungen ist.

Diese Leute hatten jahrelang, von 1933 bis 1941, unter ständiger akuter Angst gelebt: Wer wird heute geholt? Wohin wendet sich der der mörderische Wind morgen? Hält ein Auto vor meiner Tür? Höre ich Schritte auf meinem Flur? Wurde ich denunziert oder sollte ich denunzieren? Sie waren Opfer und Täter in Personalunion, ihr Heimatland im Nazi-Wahn und das Land ihrer Hoffnung im Strudel der großen Säuberungen.
1936 lebten circa 4600 deutsche "Politemigranten" in der Sowjetunion, "von den 68 führenden Funktionären der KPD ... wurden 41 ermordet." "Über tausend tote Deutsche hingerichtet, verstorben in Lagern und verschollen, lassen sich bis heute benennen." Stalins Terror kostete mehr Kommunisten das Leben, als das Naziregime. Unfaßbar.
Ein Beispiel aus dem Gedächtnis nacherzählt:
Ein jüdischer Kommunist namens Hirsch wird in Nazi-Deutschland verhaftet, verhört, gefoltert, ins KZ gesperrt. Er hält stand, verrät nichts. Erstaunlicherweise wird er entlassen, flieht und schafft es bis nach Moskau. Zeitgleich erläßt das NKDW neue Vorgaben für die Aufspürung von potentiellen Feinden, Spionen, etc. Wilhelm Pieck verlangt Lieferung. Eine Bürokraft, deutsch, Kommunistin gerät ins Schwitzen, sie muß Feinde liefern und denunziert Hirsch. Er hätte sich im KZ nicht korrekt verhalten. Sie schreibt, von Angst gejagt, zehn Briefe an das NKDW, in denen sie seine Schuld immer größer werden läßt. Schließlich wird Hirsch verhaftet, verhört, in ein Lager verdammt. Auf diesem Leidensweg beschuldigt er nun andere Genossen, sich nicht korrekt verhalten zu haben und stirbt schließlich im Gulag. Die Büroangestellte wird nur wenige Jahre später auch erschossen.
Was für eine unerträgliche Tragödie.


Die Zuhörer heute Abend waren größtenteils alt, sehr alt, der fünfzigjährige Bibliothekar neben mir und ich Sechzigjährige waren sozusagen die Vertreter der jungen Generation. Sie waren Kinder, Enkel von Opfern/Tätern, Leidtragende in zweiter Generation. Auch eine Tragödie. Niemand interessiert sich mehr für diese verletzten Menschen, die ihr Leben darauf verwenden, die wirkliche, die wahrhafte Wahrheit herauszufinden. Für sie gibt es keine einfachen Antworten. Schuld und Selbstaufopferung, Verrat und unvorstellbare Leidensfähigkeit liegen für sie ungeschützt nebeneinander.

Ich dachte, was für ein leichtes, geschütztes Leben habe ich gelebt. Niemand wollte mich töten, niemand hat meine Ansichten, Meinungen benutzt, um mich festzunageln, einzuschüchten, abzuurteilen. In welch unübersichtlichen, unlösbaren Situationen mußten diese Menschen versuchen, zu überleben? Aber auch, welche schrecklichen Gewalttaten haben sie verübt, um sich nicht ihrer Lebensangst stellen zu müssen?

Es muß; das war dies Muß. Wer will der Hand fluchen, auf die der Fluch des Muß gefallen? Wer hat das Muß gesprochen, wer? Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet? Büchner - Dantons Tod

Kurz vor dem Beginn des Vortrages, verteilte die Gründerin der Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Kommunismus Zettel mit sorgfältig ausgewählten Zitaten grüner Politiker, die im Fazit beweisen wollten, das die "grünen Gutmenschen", so nannte sie die Ziterten wiederholt, es vorziehen würden, das islamische Horden uns "Deutsche" überrollen.
Ist unser Leben wirklich nur eine ständige Wiederholung der gleichen Muster? Nur das die Tragödie sich in die Farce verwandelt?

Mittwoch, 31. Juli 2019

Almodovar - Leid und Herrlichkeit

 © Nico Bustos

Allein schon für die letzte Einstellung müßte der Film gepriesen und geehrt werden. Eine überraschende Wendung der schönsten Art. Zum Lobe der Kunst, zum Lobe des Lebens. Dolor y gloria!

Banderas spielt Almodovar, aber eben nicht nur und wie fein er spielt, mit dem Körper, der von Schmerzen geplagt wird, mit dem Gesicht, das er nach Belieben uralt oder kindlich-verstohlen aussehen lassen kann. Wie genau er wechselt von weinerlichem Selbstmitleid zu resignierter Selbstaufgabe zu erwachender Überlebenshoffnung. In einer Szene telefoniert er mit einer alten Liebe, die vor seiner Tür steht, er schaut auf den ebenfalls älteren Mann und fühlt die Liebe zu ihm ganz akut, ganz tief.

Die Farben sind satt, fett, viel Rot gegen Weiß und dann das ganze Spektrum der psychedelischen Farben. Gegen Ende diegräßlichste vorstellbare grasgrüne Lederjacke, wenn eine Krebsdiagnose erwartet wird und das Überleben versprochen wird. 

Also Humor hat der Film auch noch. Was kann man mehr wollen? Selbst die manchmal ungelenken Übergänge bieten Vergnügen.

Da habe ich doch heute ein Kunstwerk erlebt. Meine Augen sind übervoll, das Hirn ganz wach und das Herz schlägt freudig.

Da ist sie, die grüne Jacke.



Aus: ÜBER DIE GEDULD 
Rainer Maria Rilke

Man muss Geduld haben

Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein. 

Sonntag, 28. Juli 2019

Meckerei über Lappalien

Ich möchte heute gern ein bisschen rummeckern und bitte euch um eine kleine Menge Mitgefühl, denn dieser Sommer war neben herrlicher Arbeit und erfreulichen Ferien, auch eine Malaise in Etappen.

Es begann im Juni mit einer größeren Anzahl von Gerstenkörnern, mal links, mal rechts, mal beidseitig, von denen eins sich zum rottriefenden Matschauge entwickelte und mich nächtens zum Besuch der Notfallambulanz in Rastatt veranlaßte. Nach zwei Stunden Wartezeit, es waren, außer mir noch 2, in Worten zwei, Patienten anwesend, erklärte mir der uninteressierteste Arzt, den ich jemals getroffen habe: "Das wird schon besser werden." Hat geholfen, schon aus Gnatz.

Am Premierenabend in Ötigheim beißt mich eine Zecke, verschwindet aber vollgefressen, bevor ich sie bemerken kann. Ein dickes, entzündetes Knie entwickelt sich, wird einem Arzt, diesmal ist es ein aufmerksamer, gezeigt, und hat drei Wochen Antibiotika-Einnahme zur Folge. 

In einem romantischen Kloster in Sienna entscheiden die anwesenden Flöhe, nur mich beißen zu wollen, auch mehrfach im Gesicht, sieht kleidsam aus. Immerhin habe ich dabei gelernt, dass man mit Hilfe eines tiefen Tellers gefüllt mit Wasser und Spülmittel, in den man eine brennende Kerze plaziert, Flöhe zum Suizid verführen kann. Sie sehen das Licht und ...

Meine Augen wieder klar, die Pillen fertig geschluckt, drei Flöhe gemordet und dann falle ich vom Fahrrad. Ganz abgesehen davon, dass meine Ellenbogen und Knie aussehen, wie die einer achtjährigen Rabaukin, habe ich mir auch eine Rippe geprellt. Das tut vielleicht blöd weh.

So, das war es - bis jetzt. Nix Schlimmes, nichts, das mich über mein Alter jammern ließe, nur doofer Schnumpelkram, wie es meine Mutter genannt hätte. Aber es nervt.

Ich danke euch für eure Aufmerksamkeit.


Sonntag, 14. Juli 2019

KOTZEBUE IN PEITZ

30 Jahre theater 89
theater 89 – Stadtwärts! 
Zu Gast in der Mark: Fontane. 200 – Arbeitsgemeinschaft „Städte mit historischen Stadtkernen“

August Friedrich Ferdinand von Kotzebue - 220 Schauspiele hat er geschrieben, manche in nur zwei Tagen, er war um 1800 der bei weitem erfolgreichste deutsche Dramatiker, Goethe mochte ihn nicht, er starb durch die Messerattacke einen studentischen Attentäters und ist heute nahezu vergessen.

Trotz häufigen Theaterbesuchen über eine mittlerweile sehr lange Zeit, in Worten über fünfzig Jahre, hatte ich noch kein Stück von Kotzebue gesehen, der Name war mir irgendwie bekannt und vor zwei Jahren tauchte er, eher beiläufig in einem Monolog auf, den ich mit der unglaubliche Anika Mauer gearbeitet habe, nämlich "Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe" von Peter Hacks, einem hochbegabten Stalinisten und Dichter.

Die Tasse, übrigens, hat Goethe bemalt. Man könnte es herausspüren, selbst wenn man es nicht wüßte. Sie ist viel ungeschickter als die jedes Porzellanarbeiters in Ilmenau, so wie ja auch kaum eines seiner Theaterstücke nicht unwirksamer ist als das beiläufigste Stück des Herrn von Kotzebue. Goethe ist ein sehr eigenartiges Talent.


Was Goethen aber die größte Enttäuschung beschert hat, war sein närrischer Ehrgeiz in Betreff auf die menschliche Rasse überhaupt. Wie eifrig war er nicht, sie zur Humanität zu bekehren, nur war die Menschheit nicht eben so eifrig, ihm zu folgen. Herr von Kotzebue hat hierzu eine sehr treffende Anmerkung beigetragen. Früher, so sagte er, reichte es für uns Deutsche hin, Gemüt zu haben, heute muß es unbedingt Humanität sein.


Heute war ich erstmals im brandenburgischen Städtchen Peitz, habe erstmals einen Kotzebue und ebenfalls erstmals eine Sommertheater-Produktion des Theaters 89 gesehen. Peitz und das Elend der brandenburgischen Wirtschaft wäre ein eigenes Thema, aber gerade deshalb ist eine solche Unternehmung wie sie das Theater 89 initiert hat, besonders wichtig. Übrigens kam der Bürgermeister mit Frau und Tochter in vollständiger Renaissancekostümierung!
Die Truppe um Hans-Joachim Frank tourt seit sieben Jahren über den Sommer durch Brandenburg und seit drei Jahren, glaube ich, spielen sie speziell in den historischen Stadtkernen brandenburgischer Kleinstädte. "Die deutschen Kleinstädter" heißt das Stück in diesem Jahr und es passt wie die Faust auf das Auge. Die Leute kommen, erkennen sich wieder und lachen ohne Groll über sich selbst. Das Ding hat eine Boulevarhandlung, ein erstaunlich modern wirkendes Tempo, knappe spitze Dialoge und hier und da schlüpft es dann ganz mühelos ins Absurde.

Eine Mischung aus Profis und Laien, das Ensemble, spielt mit der Lust, die man fühlt, wenn man spürt, dass sich die Besucher ohne den Einsatz mieser Tricks großartig amüsieren. Also, wenn ihr Freilichttheater an schönen Orten mögt, nix wie hin.
 

"Die deutschen Kleinstädter" 
ein Lustspiel in vier Akten von Kotzebue
1802 in Wien uraufgeführt 
 

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Freitag, 12. Juli 2019

Mein Manifest - In Erwägung

In Erwägung, dass dies hier peinlich wirken kann, erkläre ich, dass ich immer noch auf unser Überleben in einer gerechteren Welt hoffe.

Ein Manifest ist, so sagt es Wiki, eine öffentliche Erklärung von Zielen und Absichten, dies ist meines.
Vor Kurzem habe ich einen Artikel gelesen: Cripping up – "Was problematisch daran ist, wenn Schauspieler ohne Behinderung Rollen mit Behinderung spielen" von Georg Kasch.
Cripping Up

Ich habe meine Verwirrung über die Gedanken, die dort notiert waren, auf Facebook zur Diskussion gestellt. 160 Kommentare folgten. Manche sehr klar, einige nicht so. Ich bin immer noch verwirrt, aber weiß jetzt besser warum. Eine seltene Erfahrung.


Zum Thema. In fast allen Diskussionen der letzten Zeit erlebe ich eine immer minutiöser formulierte Verteidigung immer enger gesteckter Grenzen von immer kleiner definierten Gruppen. Fast jeder ist gegen fast jeden. Aggressive Unversöhnlichkeit bei eigentlich, so würde ich meinen, ähnlichen angestrebten Zielen. Identität statt Solidarität. Rechthaberei statt gemeinsamer Suche nach Lösungen. Wenig Fragen, viele unerschütterliche Antworten.
 

In Erwägung, dass es akute, lebensbedrohliche Probleme gibt, die uns alle töten werden, wenn wir keine Lösung für sie finden. Probleme mit dem Klima, mit der abrupt veränderten Zusammensetzung unserer Gesellschaft, mit unseren erhofften ökonomischen Aussichten, mit der wachsenden Unversöhnlichkeit zwischen Links und Rechts und dem vagen Raum dazwischen, ja, sogar ganz persönliche Probleme mit dem Theater, das gerade im Nirgendwo zwischen Repräsentanz und altbekanntem Spiel verschwiemelt wankelt.

K. F. schrieb: Johanna, das können wir im Osten sozialisierten Menschen nicht wirklich verstehen, weil uns auch aus der eigenen Lebenserfahrung das "soziale Rollenspiel" so selbverständlich ist. Wir sind auch der Meinung, dass Kinderspiele Spiele zur Aneignung von Sozialverhalten sind. Die aus Amerika herüberschwappenden Diskussionen (Kommunitarismus, Identitäre, Repräsentation) sind - bei einer Schulung in dialektischem Materialismus - zu verorten im Kampf bislang ausgegrenzter Minderheiten um Anteile am gesellschaftlichen Konsens. Du bist liberal-europäisch denkend, da spielt Empathie eine zentrale Rolle, auf der anderen Seite wird auch das schon als Übergriff / Cultural Appropiation zurückgewiesen. Es gibt bei den Kommunitaristen kein Als-Ob, sie definieren Spiel nicht als Spiel, sondern als Repräsentation vorhandener Strukturen. Da gibt es glaube keine Chance einer wirklichen Verständigung - zumal wir ja wirklich anerkennen müssen, dass der weisse Hegemon über Jahrhunderte ausgegrenzte Rassen oder Minderheiten oder Geschlechter nicht als Partnern auf Augenhöhe begegnet ist. Ganz schwieriges Thema...  


In Erwägung, dass es uns allen, die wir uns verschwommen oder widerwillig als "links" definieren, an die Kehle gehen wird, wenn die "Querfront der Verlierer" in rechtmäßigen Wahlen an die Macht kommt. Und das werden sie, wenn wir uns nicht in den Griff kriegen.
Wollen wir uns wirklich so kampflos, kopflos aufeinander, gegeneinander hetzen lassen?
 

In Erwägung, das es höchste Zeit ist, persönliche Verantwortung zu übernehmen, uns solidarisch zu verhalten, mit denen, die uns zumindest nicht unser Recht zu leben, wie wir wollen, gänzlich absprechen. 
Es gibt, auch unter uns, Viele, die nach den einfachsten Lösungen suchen, nach den schrecklichen -  alle sollen raus, die anders sind, nicht weiß, nicht christlich, nicht heterosexuell, nicht irgendwas, was sie als "normal", so "wie es früher war" erkennen können. Weg mit den Irritationen. Weg mit denen, die meine Position, mein gewohntes Leben in Frage stellen. Weg mit ihnen. Wohin? Egal.


Nordkreuz
 

In Erwägung der enormen Probleme, für die wir bisher keine Lösung finden können - sollten wir nicht dringlichst nach unseren Gemeinsamkeiten suchen?
Wäre ich ein zynisches, manipulierendes Arschloch, würde es mich freuen, dass wir uns so leicht auseinander dividieren lassen. Das bin ich aber nicht.
 

In Erwägung, dass ich gerne lebe, wünschte ich, dass wir es besser ertragen würden, mit nervenden Widersprüchen zu leben, dass es uns wichtiger wäre, Gemeinsamkeiten zu finden, als einander besserwissend und selbstgerecht zu verurteilen. 
Ablehnung ist einfach. Bemühung um Verständnis kostet Mühe. Demut ist angebracht.

In Erwägung, dass es Viele gibt, die mir mein Recht zu leben, wie ich es mag, absprechen, als ältere, jüdische Frau in einem nicht ökonomisch relevanten Beruf, aber auch euch, die ihr nicht der kranken Norm von ebenfalls verwirrten und nach leichten Antworten suchenden Mitbürgern, entsprecht. 

Lasst uns zuhören. Lasst uns, zu Gunsten der Zukunft, unsere banalen Widersprüche beiseite stellen und lasst uns darüber nachdenken, was wirklich wichtig ist, um unser aller Überleben zu ermöglichen.  


In Erwägung unsrer Schwäche machtet
Ihr Gesetze, die uns knechten solln.
Die Gesetze seien künftig nicht beachtet
In Erwägung, dass wir nicht mehr Knecht sein wolln.
    In Erwägung, dass ihr uns dann eben
    Mit Gewehren und Kanonen droht
    Haben wir beschlossen: nunmehr schlechtes Leben
    Mehr zu fürchten als den Tod.
b.b.

Montag, 8. Juli 2019

Mister Bojangels

Meine Lieblingslieder wechseln. Aber da ist eine unveränderbare Position, die mein Herz, mein Ohr nicht ändern können, nicht aufgeben wollen. Ein Walzer im 6/8 Takt, eine einfache Melodie, die immer auf eine Wortfolge hinstrebt: "Mister Bojangles, Mister Bojangles, Mister Bojangles dance". 

Wiki gibt die Inhaltsangabe so: In Ich-Form berichtet der Erzähler von einem silberhaarigen Mann in abgetragenen Kleidern und ausgetretenen Schuhen, den er in einer Gefängniszelle in New Orleans kennenlernt und der sich „Bojangles“ nennt. Der Mann blickt auf ein erlebnisreiches Leben zurück und scheint trotz der misslichen Lage bester Laune. Zur Unterhaltung der Anwesenden tanzt er in der Zelle einen Soft-Shoe-Stepptanz, bei dem er hoch in die Luft springt und die Hacken zusammenschlägt. Er erzählt, dass er fünfzehn Jahre lang durch die Südstaaten getingelt und bei Minstrel Shows und Jahrmärkten aufgetreten ist. Sein einziger Begleiter ist ein Hund gewesen, um den er noch zwanzig Jahre nach dessen Tod trauert. Nun tanzt er nur noch für Trinkgelder in Honky-Tonk-Kneipen, verbringt jedoch die meiste Zeit hinter Gittern, weil er trinkt. 

https://de.wikipedia.org/wiki/Mr._Bojangles 

Dieses Lied gesungen von einem one-eyed Negro Jew, einem jüdischen Neger mit Glasauge. Neger durch den Zufall der Geburt, Jude aus eigener Entscheidung, das Glasauge durch einen Unfall. Das Handicap liegt hoch. Sammy Davis Jr. gilt meine Verneigung, der ein kompliziertes Leben gelebt hat, bedrückt durch groben Rassismus, Angst vor erfahrener Armut und doch mit höchster Grazie.

https://www.youtube.com/watch?v=-Fju4UajL7g 

Sammy Davis Jr. - Wenn es einen Inbegriff von Coolness gibt, dann ist es er. Perfekter Minimalismus. Das rote Futter des Hutes! Bewegungen nur, wenn absolut notwendig, die Zigarette, ungeraucht, aber anwesend. Entspannt. Im Moment. Er zitiert Haltungen, ganz leicht, ohne Nachdruck. Nie wirkt er angestrengt, aber auch nie unterspannt. Er ist da. 
Er singt.


I knew a man Bojangles and he’d danced for you
In worn out shoes
With silver hair, a ragged shirt, and baggy pants
The old soft shoe
He jumped so high, jumped so high
Then he lightly touched down I met him in a cell in New Orleans 
I was down and out
He looked to me to be the eyes of age
as he spoke right out
He talked of life, talked of life, he laughed
clicked his heels and steppedHe said his name “Bojangles” and he danced a lick
across the cell
He grabbed his pants and spread his stance,
Oh he jumped so high and then he clicked his heels
He let go a laugh, let go a laugh
and shook back his clothes all around Mr. Bojangles, Mr. Bojangles
Mr. Bojangles, dance He danced for those at minstrel shows and county fairs
throughout the south
He spoke through tears of 15 years how his dog and him
traveled about
The dog up and died, he up and died
And after 20 years he still grievesHe said I dance now at every chance in honky tonks
for drinks and tips
But most the time I spend behind these county bars
’cause I drinks a bit
He shook his head, and as he shook his head
I heard someone ask him please
Mr. Bojangles, Mr. Bojangles
Mr. Bojangles, dance.