Donnerstag, 27. September 2018

Danton, Robbespierre und Consorten

Das Verrückteste am Älterwerden sind die Momente, in denen klar wird, wieviel Du schon erlebt, gelebt hast, wieviele tolle Menschen Du kennengelernt hast, wieviele davon schon tot sind und wie froh Du bist, dass noch so viele leben.

Heute Abend im Deutschen Theater haben Christian Grashof und Hans-Dieter Schütt ihr gemeinsames Projekt "Kam, sah und stolperte" vorgestellt. Eine erzähle Biographie. Schütt hat wieder geschafft, was er oft wirklich gut kann, zum Beispiel auch bei meinem Vater - er hat die mäandernden, ausschweifenden Gedanken seines Gesprächspartners gebündelt, konzentriert. 
Wenn mein Vater eine Geschichte zum Besten gab, waren es am Ende fünf plus allerlei interessanter Nebenfakten. Wenn Chris erzählt, überlagern sich hochinteressante Halbsätze, Anfänge, Kommentare, Einschränkungen, Ablenkungen und Weisheiten. 
Beide verlangen vom Zuhörenden Konzentration, Intelligenz und Abstraktion. Und Schütt weiß, den Kern der angebotenen Epen zu finden.

Ich glaube, es ist in diesem Fall ein gutes Buch geworden.


Zurück zu mir.
Als wir uns kennenlernten, war Grashof 38 und ich 23. "Die Insel" und "Philoktet" und der "Tasso", waren meine immer wieder beglückende abendliche Unterhaltung. 1981/82 war ich an jedem, wirklich jedem probenfreien Abend hingerissener Zuschauer in meinem Theater. Egal was lief, ich war da. Besser kann Lernen nicht erlebt werden.

Christian Grashof hat mir so ganz nebenbei zwei wichtige Stutzpunkte meines Lebens geschenkt. 
1985. Nach Jahren der Quälerei, nach Hungersucht und Herzbruch, fing ich an mich auf der Bühne heimisch zu fühlen, da kam Chris eines Abends nach einer Vorstellung von "Dantons Tod" zu mir und sagte: "Jetzt war es gut." 
Ja, dann war es besser.
Lange Zeit später, in der ersten Szene meiner zweiten Vorstellung von "Onkel Wanja", ich hatte für die schwangere Dagmar Manzel übernommen, stellte ich fest, dass ich mich ums Verrecken nicht erinnern konnte, wie der titelgebende Onkel Wanja hieß. Jelena, meine Figur, konnte ihn so ja nicht nennen, denn sie war mit ihm nicht verwandt. Ich spielte mich also unauffällig an Chris heran und fragte leise: "Wie heißt Du? Chris mit großen, waidwunden Augen antwortete ebenso leise: " Na, Christian Grashof, aber das weißt du doch."
Da habe ich begriffen, dass wir während wir spielen, auch weiterleben. Es gibt kein hier und dort.  

Dienstag, 25. September 2018

Hier wurde bisher 1 500 036 mal angeklickt

Eine Millionen fünfhunderttausend und sechsunddreissig Klicks.

Das ist doch fein für einen Blog in Deutsch, der wild durch die Themen springt. Ein schönes nachträgliches Geburtstagsgeschenk.

+ 36

Montag, 24. September 2018

Eine Posse

Hans-Georg Maaßen (* 24. November 1962 in Mönchengladbach) ist ein deutscher Jurist und politischer Beamter (CDU). Seit August 2012 ist er Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz.
Wiki 

Ein Politischer Beamter ist ein Beamter, wenn er ein Amt bekleidet, bei dessen Ausübung er in fortdauernder Übereinstimmung mit den grundsätzlichen politischen Ansichten und Zielen der Regierung stehen muss (vgl. § 30 Abs. 1 BeamtSt).
ebenfalls Wiki 

"Fortdauernde Übereinstimmung", was für ein paradiesischer Zustand, abstoßend.
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In der 102. Sitzung des Untersuchungsausschusses implizierte Verfassungsschutz-Präsident Maaßen, Whistleblower Edward Snowden sei Agent eines russischen Geheimdiensts. Darüber hinaus bezeichnete er Drohnen-Morde als legal und Untersuchungsausschüsse als Hindernis für Geheimdienst-Arbeit.
netzpolitik.org
 
„Ob Maaßen Agent des SVR oder FSB ist, kann derzeit nicht belegt werden.“
Edward Snowden auf Twitter
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"Die Skepsis gegenüber den Medienberichten zu rechtsextremistischen Hetzjagden in Chemnitz werden von mir geteilt. Es liegen dem Verfassungsschutz keine belastbaren Informationen darüber vor, dass solche Hetzjagden stattgefunden haben."
"Es liegen keine Belege dafür vor, dass das im Internet kursierende Video zu diesem angeblichen Vorfall authentisch ist." 
"Nach meiner vorsichtigen Bewertung sprechen gute Gründe dafür, dass es sich um eine gezielte Falschinformation handelt, um möglicherweise die Öffentlichkeit von dem Mord in Chemnitz abzulenken." 
Bildzeitung vom 7. September 

Keine Indizien für Fälschung
https://faktenfinder.tagesschau.de/inland/maasen-video-chemnitz-101.html 
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Beförderung statt Kündigung

Maaßen wechselt ins Innenministerium
rtl

Der 55-Jährige sei „ein klassischer Beamter, der eben den Dienst da tut, wo er hingestellt wird“, sagte Seehofer.

handelsblatt.com

Der umstrittene Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen muss seinen Posten räumen, steigt aber zugleich zum Staatssekretär im Bundesinnenministerium auf. 

... für den bisherigen Amtsleiter Maaßen bedeutet der jetzt beschlossene Wechsel karriere- und gehaltsmäßig sogar einen Aufstieg. Als Staatssekretär ist er nachgeordneten Behörden wie seinem bisherigen Amt prinzipiell vorgesetzt. Zudem steht ihm ein höheres Gehalt zu. Amtsleiter werden nach B9 mit 11.577,13 Euro im Monat besoldet, Staatssekretäre erhalten in der B11-Gehaltsstufe 14.157,33 Euro. Seehofer will die Einigung und den Umbau im Ministerium am Mittwoch erläutern.
Tagesspiegel 
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Wird Maaßen nun Abteilungsleiter im Innenministerium? 
faz.net 
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Nach tagelangem Streit haben sich die Koalitionsspitzen auf eine Versetzung von Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen ins Bundesinnenministerium geeinigt. Maaßen soll dort Sonderberater im Rang eines Abteilungsleiters werden und genauso viel verdienen wie bisher.
t-online

Der 55-Jährige soll als Sonderberater im Rang eines Abteilungsleiters unter anderem für das Aushandeln von Abkommen mit anderen Staaten zuständig sein, in denen Rückführungen von Asylbewerbern geregelt werden - und für Vereinbarungen mit afrikanischen Staaten in der Flüchtlingspolitik.
Der Stern 

Von Oppositionsseite gab es Kritik an der neuen Entscheidung. „Es ist ein Minimalkonsens, um die Koalition zu retten“, sagte AfD Partei- und Fraktionschef Alexander Gauland am Montag der Deutschen Presse-Agentur. Mit Maaßen sei „unsachgemäß“ umgegangen worden. „Entweder ein
Spitzenbeamter hat recht oder eben nicht.“

faz.net

Findet ihr auch dass Maaßen eine verblüffende Ähnlichkeit mit Beaker aus der Muppet-Show hat?
So lang kann doch einfach kein Gesicht sein.

 


Sonntag, 23. September 2018

Ungeduld des Herzens an der Schaubühne

“Es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das gar nicht Mit-leiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens von der eigenen Seele. Und das andere, das einzig zählt - das unsentimentale, aber schöpferische Mitleid, das weiß, was es will, und entschlossen ist, geduldig und mitduldend alles durchzustehen bis zum Letzten seiner Kraft und noch über dies Letzte hinaus.” 
Stefan Zweig "Ungeduld des Herzens"
 
Im Englischen heißt dder Roman " Beware of Pity" - " "Hüte dich vor Mitleid". 1939 wurde dieses Buch unter dem deutschen Titel "Ungeduld des Herzens" erstmals veröffentlicht. Sein vielgelesener und erfolgreicher Autor, der österreichische Jude Stefan Zweig, lebte zu dieser Zeit schon in England, von wo er dann nach Brasilien weiterzog, wo er sich 1939 das Leben nahm. Seine Frau folgte ihm nur wenige Stunden später nach. 

Ein Roman über die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, geschrieben in der bleiernen Morgendämmerung des Zweiten.

Simon McBurney, der Mann mit den feinen Ohren und den schlauen Augen hat mit seinen Schauspielern diesen Roman durchstöbert, durchleuchtet, durchspielt. 
Die Bühne enthält Stühle, Tische mit Mikrophonen, einen rollenden Tisch, eine bewegbare Standvitrine, fahrbare Hängelampen, ein Klavier, wenige Requisiten, Videoprojektionen auf Wand & Vitrine, Musik, Geräusche, angedeutete Kostüme und sieben Darsteller. Szenen werden angespielt, in Figuren wird eingetaucht und dann mit scharfem Ruck wieder ausgestiegen, der Ablauf der Bewegungen aller Spieler und der Bühnenmöbel ist minutiös durchchoreographiert. Ein Konzert für alle Sinne. 
Irgendwas hat mich irritiert, aber ich komme noch nicht wirklich drauf, was. Ein bisschen viel die Stimmung verstärkende Musik gelegentlich, aber das ist es nicht. Vielleicht habe ich mir gewünscht, dass das enorme Tempo mal stockt, die perfekten Abläufe abrupt stolpern, die Komposition eine Leerstelle böte. Ningel, ningel, mecker, mecker.

ZWEIGS ABSCHIEDSBRIEF
 
Declaracão

Ehe ich aus freiem Willen und mit klaren Sinnen aus dem Leben scheide, drängt es mich eine letzte Pflicht zu erfüllen: diesem wundervollen Lande Brasilien innig zu danken, das mir und meiner Arbeit so gute und gastliche Rast gegeben. Mit jedem Tage habe ich dies Land mehr lieben gelernt und nirgends hätte ich mir mein Leben lieber vom Grunde aus neu aufgebaut, nachdem die Welt meiner eigenen Sprache für mich untergegangen ist und [Streichung] meine geistige Heimat Europa sich selber vernichtet.
Aber nach dem sechzigsten Jahre bedürfte es besonderer Kräfte um noch einmal völlig neu zu beginnen. Und die meinen sind durch die [Streichung] langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft. So halte ich es für besser, rechtzeitig und in aufrechter Haltung ein Leben abzuschliessen, dem geistige Arbeit immer die lauterste Freude und persönliche Freiheit das höchste Gut dieser Erde gewesen.
Ich grüsse alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.
 

Stefan Zweig
Petropolis 22. II 1942


 
https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article162270682/Der-wahre-Grund-fuer-den-Selbstmord-von-Stefan-Zweig.html 

60

Ein komisch Ding so ein sechzigster Geburtstag. 

Mein sechzigster Geburtstag!

Damals, als ich jung war, ein skurriler Satzanfang, gingen Leute mit Sechzig in Rente und die Vorstellung jemals soooo alt zu werden, schien mir völlig absurd. Alte liefen nicht, sie tapperten, tranken dünnen Kaffee und aßen große Stücke Margarinetorte, hatten blasse Augen, dünne Stimmen und unpassend neue Zähne. Sie redeten von früher, als es besser oder härter war, und kniffen dich zärtlich in die Wange. Aliens wären mir näher, gewesen als diese halbtoten Wackelgreise. Was für hochmütige Augen ich hatte. Alt waren die anderen. Die Ausnahme: meine Großmutter.

1986. 

Meine Freundin Annette und ich entwickeln eines Nachts in der Kantine des DT die Vision einer allmächtigen Seniorenabfangstasi, die am späten Abend deines sechzigsten Geburtstages mit einem unauffälliger Barkas vor Deinem Haus parkt, (die Idee entstand in der DDR, der Barkas war das DDR-Equivalent zum VW-Bus), Dich kidnappt, an einen geheimen Ort verfrachtet und in einen Rentner umformt. Die Haare werden ausgedünnt, mittelkurz geschnitten, violett-blau-weiß getönt und dauergewellt, die Garderobe wird entsprechend zusammengestellt: labrige Rippenunterwäsche, hautfarbenen Strumpfhose, ein Blouson in greige, das lose Oberteil dezent geblümt, dazu die helle Stoffhose mit exakter Bügelfalte und bequeme flache Schuhe, die heute Marga Schöller liefert. Und am nächsten Morgen wirst du wach, hast die Ereignisse der Nacht vergessen, quälst dich ächzend aus deinem Bett, setzt das Gebiß ein und kochst dir erstmal einen Blümchenkaffee.
Nettie ist unerhörterweise und gänzlich gottverneinend so früh gestorben, dass sie den Gegenbeweis nicht erleben durfte. Bei unserem letzten Zusammensein, schon sehr krank und schwach, hat sie mich hart am Kragen gegriffen und mit schwacher Stimme gesagt: "Wage es nicht, dein Leben nicht zu geniessen!"

Jetzt bin ich 60.

Diese letzte Drohung hab ich mir gemerkt. 60 Jahre Welt. 60 Jahre lernen. Und da bin ich nun, ein wandelnder Widerspruch. Wache auf und bin stark und unternehmungslustig, mein Spiegel bestätigt mir freundlich diesen Eindruck. Und manchmal kenne ich das mir entgegenblickende Gesicht kaum, es ist alt, müde, irgendwie unscharf. Aber solang die Gesundheit mitspielt, bleibt die Entscheidung bei mir. Interessiere ich mich für die Welt? Bleibe ich widerständig? Kann ich noch über mich lachen? Liebe ich noch? Solang es Freunde und Widersacher gibt: Lets dance!


P.S. Am Abend des Geburts-Tages der Anruf von der Mutter einer Freundin: "91 an 60, 91 an 60!" Sie hat noch eine Jahreskarte fürs Schwimmbad! 

P.P.S. Übrigens kriege ich die nächste Bahncard als Senior zu ermäßigtem Preis, juchuh!


Gestutzte Eiche
 
Wie haben sie dich, Baum, verschnitten
Wie stehst du fremd und sonderbar!
Wie hast du hundertmal gelitten,
Bis nichts in dir als Trotz und Wille war!
Ich bin wie du, mit dem verschnittnen,
Gequälten Leben brach ich nicht
Und tauche täglich aus durchlittnen
Roheiten neu die Stirn ins Licht.
Was in mir weich und zart gewesen,
Hat mir die Welt zu Tod gehöhnt,
Doch unzerstörbar ist mein Wesen,
Ich bin zufrieden, bin versöhnt,
Geduldig neue Blätter treib ich
Aus Ästen hundertmal zerspellt,
Und allem Weh zu Trotze bleib ich
Verliebt in die verrückte Welt.

Hermann Hesse 1919

Dienstag, 18. September 2018

Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ist als geltende „Verfassung der Deutschen“ die rechtliche und politische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland -  Wiki spricht.

Unser oberster Verfassungsschützer vertritt in der Bildzeitung bis dato unbewiesene Gerüchte über eine Demonstration, wird entlassen und in einen besserbezahlten Job abgeschoben. Der vermutete Mörder von Chemnitz, der, so heißt es, messerstechend einen deutsch-kubanischen Mitbürger getötet habe soll, wird zunächst freigelassen und benötigt Personenschutz. Pöbeleien, Überfälle, Schlägereien, Gewalt einigt diese Verbrechen. Hass. Aufgestaute Wut. Selbstgerechtigkeit. Verachtung. Hilflosigkeit. Dummheit und blanke Ignoranz.

Skandal!

Ist Angela Merkel der Antichrist. Oder ist es Donald Trump? Oder ist es schon egal?

"Blutdeutsche" und solche die dem nahekommen werden von Menschen mit Asylantrag umgebracht und Deutsche töten Immigranten. In hoher Erregung wird gegen das eine demonstriert, inclusive einiger Hitlergrüße und anderer verschieden interpretierbarer Vorkommnisse, das andere läuft unter ferner liefen. Alltag.

"Die" wollen uns unser Land, unser Auskommen, unsere erarbeiteten, berechtigten Ansprüche, unsere Heimat stehlen. "Die" wollen uns eine fremde, archaische, frauenfeindliche, engstirnige Religion aufzwingen. Wir haben diesen Vogelschiß, der uns von 33 bis 45 unterlaufen ist, reichlich abgebüßt, er wurde sowieso übertrieben, war gar nicht so schlimm und wir konnten nicht anders. Wir hatten zwar Kolonien, aber dafür können wir doch nicht heute noch belangt werden. Oder, simpler, wir haben nichts gegen Ausländer. Letztendlich: wir haben ein Recht auf dieses Land, denn wir sind deutscher, moderner, aufgeklärter, überhaupt anders. 

"In fünf Jahren werden wir alle in einer Moschee beten müssen und dürfen nicht mehr Weihnachten feiern!"

Gegensicht: Sie "die anderen", leben in einer irrealen Welt voll Reichtum und Amoral, verwöhnt, herablassend, feindlich. Warum können wir nicht auch so leben? Ich bin arm, warum? Allah würde vor Wut platzen, wenn er sähe, was hier als normal angesehen wird. Die hassen uns, wir verachten sie. Allah Akbar!

Was ist los? Was ist los? Was ist los?

Ein getöteter Mensch ist tot, nicht mehr lebendig, er hat sein Leben verloren, besser, es wurde ihm entrissen. Der Tod scheint billig heutzutage, wird instrumentiert für jedwedes Interesse, statistisch aufgehübscht oder heruntergespielt, genutzt, mißbraucht, aber nicht ernstgenommen, als das, was er ist, das Ende eines Lebens, eines guten oder eines miesen.

Palästinensische Kinder sterben durch Beschuß, israelische Juden ebenfalls, Syrer fliehen vor der Destruktion des Krieges über ihren Häuptern, halb Afrika sucht nach einem besseren Leben, Polen und Ungarn verweigern sich der EU, der sie so dringend beitreten wollten, England ist schon raus, Italien wackelt, in Myanmar bringen sich Hindus und Buddhisten gegenseitig um, scheinbar haßt jeder jeden. 

Die einen geben ihr ganzes Geld für eine Passage auf einem Schlauchboot übers Mittelmeer her, die anderen kämpfen mit unserem Elektromüll auf hochgiftigen Halden. Viele haben kein Geld und also gar keine Wahl.
Der kleine ertrunken Junge auf dem Photo rührt uns und der 20jährige Flüchtling , der behauptet er sei 15, ist unser Feind.
Arabische Clans beherrschen Teile Berlins und andere Araber werden zerbombt. Arabische Mädchen bekämpfen den Schleierzwang, andere muslimische Mädchen verhüllen sich aus Trotz gegen den Druck der Moderne.

Ich bin überfordert. Zornig und ängstlich. Hilflos. Werde ich demnächst irgendjemanden in die Fresse hauen?

https://www.uno-fluechtlingshilfe.de/fluechtlinge/zahlen-fakten/
Die Zahl der Menschen, die vor Krieg, Konflikten und Verfolgung fliehen, war noch nie so hoch wie heute. Ende 2017 waren 68,5 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Im Vergleich dazu waren es ein Jahr zuvor 65,6 Millionen Menschen, vor zehn Jahren 37,5 Millionen Menschen. 

 Trotz noch so hoher Zäune werden die Menschen weiter versuchen, zu fliehen und ihr Leben zu riskieren." Der Grenzzaun zum spanischen Melilla als Hindernis für Flüchtlinge in die EU. 
Foto: kna-bild

Montag, 17. September 2018

Die Czsárdásfürstin in Wien

1915 wurde im Johann-Strauß-Theater in Wien eine Operette überaus erfolgreich uraufgeführt. Sie wurde von Emmerich Kálmán komponiert und Leo Stein und Bela Jenbach hatten das Libretto geschrieben. Vorgestern war die wohl hundertste Premiere dieses Kassenschlagers. 

Wien ist anders als Berlin, das Publikum der Wiener Volksoper anders als das der Komischen Oper. Ich habe am Samstag Abendgarderoben altersloser Greisinnen gesehen, die das Wort surreal nur schwach umschreiben würde. Rosa Kostüme mit riesigen falschen Juwelen besetzt, goldener Damast, der elegant 130 Kilo Körpergewicht umschlang, Minikleider, die variköse Beine nicht bedeckten, Liftings, die Gesichter begläntzen und zum ewigen Lächeln zwangen.

Die Czsárdásfürstin

Die Handlung spielt in Budapest und Wien, unmittelbar vor und nach des Beginns des Ersten Weltkriegs.  


Im Juli 1914 wurde die Arbeit an dem Werk für etwa ein Jahr lang unterbrochen, da nicht absehbar war, ob es in Wien in nächster Zeit überhaupt einen Theater- und Opernbetrieb geben würde, sagt Wiki.

Ein junger Adliger aus Wien verliebt sich in eine, zunächst rumänische, dann, nach Kriegsbeginn, ungarische Nachtclubentertainerin, die Liebe ist echt, Standesunterschiede machen Schwierigkeiten, Buffo-Paar bietet lustiges Spiegelbild, ein Hit folgt dem anderen und dann, ganz plötzlich, ist Krieg.

Peter Lund ist ein wahrer Profi, er weiß was er tut und tut es gut. Ulrike Reinhardt hat ein großes und leichtfüßiges Bühnenbild geschaffen, die Kostüme schwanken zwischen klar-schrill und gewohnt-historisch. Die Verhältnisse zwischen den Figuren sind in jedem Moment deutlich. Es wird schön gesungen und größtenteils entspannt und präzise gespielt. Spaß wird gehabt. 

Aber der Krieg. Wo ist der Krieg? Er wird angedeutet, aber, flüchtig, zaghaft.

Der verfluchte Krieg. Der Erste Weltkrieg. wie wir ihn nennen, damals war er ja nur ein Krieg. Der verwöhnte Fürstensohn wird eingezogen, die Chansonette geht auf Tournee in Amerika. Kehrtwende. Er desertiert, sie kehrt von Übersee zurück. Sie finden sich, das Buffo-Paar auch. Alles ist gut. Ist es das?

Aber der Krieg. Wo ist der Krieg? 

Tausend kleine Engel singen:
Habt euch lieb,
Süß im Herzen hörst du's klingen:
Habt euch lieb.
Komm, mein Wildfang
Schling' die Arme fest um mich,
Ach.. laß die ganze Welt versinken
Hab' ich dich.

Bilanz Erster Weltkrieg für Österreich-Ungarn

Gesamtmobilstand (Männer unter Waffen): 7.800.000
Gefallene und umgekommene Soldaten: 1.016.200
Verwundete Soldaten: 1.943.000
In Gefangenschaft geraten: 1.691.000
Zivile Opfer 467.000
Kriegsausgaben (1914 - 1918): 99 Milliarden Goldmark

https://www.nzz.ch/kriegserlebnis-und-dichtung-1.18228415

Wenn du hören könntest, wie bei jedem Stoss das Blut
Gurgelnd aus seinen schaumgefüllten Lungen läuft,
Ekelerregend wie der Krebs, bitter wie das Wiederkäuen
Von Auswurf, unheilbare Wunden auf unschuldigen Zungen,
Mein Freund, du erzähltest nicht mit so grosser Lust
Kindern, die nach einem verzweifelten Ruhmesplatz dürsten,
Die alte Lüge: Dulce et decorum est
Pro patria mori.

Wilfred Owen

Dienstag, 11. September 2018

Herr Bertolt Brecht

Ich habe einen berühmten Großvater. Zufall. 
Ich habe mich mit seinen Arbeiten beschäftigt. Berufsbedingt. 
Ich bin einer von mehreren seiner Erb-Vertretern. Verantwortung.
Ich habe ihn über die Jahre, unbekannterweise, liebgewonnen. Überraschung.
Von 1898 bis 1956 hat er gelebt und mit 58 Jahren ist er gestorben, sein Herz hat wohl einfach nicht mehr gekonnt. 
Zwei Weltkriege, "die" Wirtschaftskrise, mehrere extreme Ideologiewechsel hat er erlebt. Ein halbes Jahrhundert angefüllt mit Brüchen, großer Kunst, Konzentrationslagern und Gulags, Freunden, Verrätern, Ermordeten, Hitler und Stalin, ja, und auch Ulbricht, einschließlich anderer heftiger Unvereinbarkeiten hat er durchlebt, ertragen und dagegen angeschrieben. 
Kein einfacher Mann, keine einfache Zeit.
Geschrieben hat er immer. Jung und siegessicher in Augsburg, München & Berlin, noch immer jung und erfolgreich für das Theater am Schiffbauerdamm, nicht mehr so jung, und nach der Bücherverbrennung ohne Veröffentlichung, in wechselnden Ländern auf der Flucht vor den Armeen Nazideutschlands. Schon älter in Hollywood, dass sich nicht für seine Klugheit interessierte. In seinem letzten Lebensabschnitt im östlichen Deutschland, weil er dort ein Theater für seine Stücke bekam, ungeliebt, aber verwendbar für die gute Aussenansicht. Nie in Übereinstimmung, aber immer schreibend. Geschrieben hat er immer.

  © Ellen Auerbach

Als niemand seine Stimme hören konnte, als er "mundtot" gemacht wurde, und er doch nichts als seine Worte hatte, was, wer war er dann?
Sein Umgang mit Frauen war kompliziert. Spießbürgerlich im Kern und bohèmehörig in der Realisierung. Kluge Frauen, begabte Frauen, die zu wenig Forderungen stellten, waren seine Mitarbeiter. Warum? 
Und es gab eine Frau, seine Frau, die ihm das Arbeiten durch alle Katastrophen und alle Armut ermöglichte, den Tisch, den Stift, die Ruhe, den Tee, die Kinder.
Er wusch sich ungern und er rauchte Zigarren, er war Poet und ein verwundeter, zutiefst involvierter Chronist seines Jahrhunderts.
In unserer moralsüchtigen Zeit würden er und Oscar Wilde und William Shakespeare und auch Herr Goethe als politisch gänzlich unkorrekt im Nirvana der heißlaufenden #metoo Debatten begraben werden. Aber da sind sie nun, Poeten, Dichter, Seher und / aber auch schwach, dumm, in ihrer Zeit verwurzelt. In sicheren Zeiten ist es einfacher ein guter Mensch zu sein, nicht?
Feines Zitat aus einem seiner Stücke, dem "Galileo Galilei":
Andrea: "Unglücklich das Land, das keine Helden hat."
Galilei: "Unglücklich das Land, das Helden nötig hat."


Sie haben geblutet, nicht dickflüssiges Rot, aber Worte. Worte. Wörter. Solche, die das Hirn wach machen, das Herz treffen, die Mundwinkel anheben, den Geist erleichtern. Sie waren keine Vorbilder, aber sie haben diesem schwierigen, manchmal geradezu unerträglichen Leben die nötigen Fragen gestellt.

SCHWÄCHEN
Du hattest keine
Ich hatte eine
Ich liebte 

bb

Sonntag, 2. September 2018

Milo Rau - Die Wiederholung

Die Rekonstruktion eines Mordes, die Wiederholung einer unerklärlichen Untat.

Ein junger, homosexueller Mann wird, soweit wir es wissen können, anlaßlos von drei anderen Männern getötet. Der Ort ist Lüttich, einst Standort einer blühenden Stahlinsustrie, heute, bewohnt von Arbeitslosen. ZAm Abend der Tötung, zwei Geburtstagsfeiern, das Opfer besuchte die eine, die Täter kommen von einer anderen, Alkohol ist im Spiel.

Milo Rau, der Regisseur, hat neulich ein Manifest veröffentlicht, das Genter Manifest (https://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=15410:das-genter-manifest-das-neue-leitungsteam-des-ntgent-um-milo-rau-gibt-sich-zehn-radikale-regeln&catid=101:debatte&Itemid=84), so wie Marx und Engels einst ihres oder später dänische Filmemacher das Dogma 95.

Wiki sagt: Ein Manifest (lateinisch manifestus, handgreiflich gemacht‘) ist eine öffentliche Erklärung von Zielen und Absichten, oftmals politischer Natur.

Theater ist Wiederholung, man probiert, diskutiert, wagt, aber dann muß man es an jedem Abend wiederholen, um 20.00 Uhr oder 19.30, mal hier mal da, die Stimmung stimmt oder nicht, egal, das Publikum darf Kunst erwarten für 20, 30 oder mehr Euros, die es bezahlt hat.

Milo Rau ist, scheint mir, größenwahnsinniger Rechthaber und ein suchender Künstler, ein verwöhnter Schweizer und ein penibler Rechercheur zu sein, und manchesmal, für Momente, ein Poet. Er kämpft mit dem Theater, dass er liebt und hasst. Er empört sich über die Stärke alter Texte, denen er nicht entkommt, also verbietet er sie, bzw. er erlaubt nurmehr einen 20 prozentigen Anteil klassischer Texte in seinen Produktionen.

Er ist klug. Er weiß viel über das Theater.

Der stärkste Moment heute Abend, war, für mich, als, nachdem ich viel Videoübertragung des aktuellen Bühnengeschehens gesehen hatte, als das Video plötzlich ein Eigenleben entwickelte, denn der Hund, der von einem Darsteller spazieren geführt wurde, war nur im Video real, auf der Bühne führte er pantomimisch ein unsichtbares Tier an der Leine. Oder als die Laiendarstellerin (Hundetrainerin), die im Bühnen-Interview zweifelte, ob sie sich auf der Bühne ausziehen würde, in der Filmszene nackt war und dann scheu der Video-Vorlage auf der Bühne folgte.

Poesie ist, wenn ein Gabelstaplerfahrer den Gabelstapler elegant fahrend mit einem singenden Schauspieler tanzt, der "The Cold Song" singt.

Ernüchterung ist, wenn versucht wird, einen vier Stunden dauernden, brutalen Mord auf der Bühne naturalistisch nachzuspielen. Das bleibt im harmlosen Bühnenkampf hängen, das kann Film besser, oder auch Theater, wenn es die grauenhaften Vorgänge im Off beläßt.

Gut, dass ich an diesem Abend dauernd denken muß. Schade, dass er, Milo Rau, nicht zugeben kann, wo die alten Texte schlauer sind als er. Er baut großartige Collagen, aber er ist kein kein Dichter. Er ist wunderbar, aber es mangelt ihm an Demut. Vielleicht aber habe ich auch zu viel davon. 


Eindrücke aus dem Theater

Für mich ist das wichtigste in einer Tragödie der sechste Aufzug:
die Auferstehung vom Schlachtfeld der Bühne,
das Zupfen an den Perücken, Gewändern,
das Entfernen des Dolchs aus der Brust,
das Lösen der Schlinge vom Hals,
der muntere Auftritt in einer Reihe
mit dem Gesicht zum Parkett.
Verbeugung, einzeln, gemeinsam:
die weiße Hand auf der Wunde des Herzens,
die Knickse der Selbstmörderin,
das Nicken geköpfter Häupter.

Verbeugungen paarweise:
die Wut Arm in Arm mit der Sanftmut,
das Opfer blickt selig ins Auge des Henkers,
Rebell und Tyrann gehen friedlich nebeneinander.

Der Tritt der Ewigkeit mit der Spitze des goldnen Pantoffels.
Das Fortfegen der Moral mit der Krempe des Hutes.
Die unverbesserliche Bereitschaft, alles zu wiederholen.

Der Einzug im Gänsemarsch der früher Verstorbenen,
im zweiten, im vierten Akt, auch zwischen den Akten.

Die wunderbare Rückkehr der spurlos Verschollnen.
Zu denken, daß sie geduldig hinter Kulissen warteten,
immer noch kostümiert,
ohne sich abzuschminken,
rührt mich stärker als alle Tiraden des Dramas.

Wahrhaft erhaben aber ist das Fallen des Vorhangs
und was man noch durch den unteren Spalt sieht:
da hebt eine Hand die Blume eilig vom Boden,
dort eine andere das liegengelassene Schwert.
Erst dann erfüllt sich die unsichtbare dritte
ihre Verpflichtung:
sie schnürt mir die Kehle.

Wislawa Szymborska

Milo Rau Photo: Thomas Muller

Sooft war ich noch nie in der Schaubühne. Alles außer Ostermeier, seine Arbeiten lösen bei mir Respekt aus und Kühlschrankkälte. Warum? Ich weiß nicht so recht. Die Seelenprobleme der bürgerlichen Mitte sind nicht mein Thema? Dabei bin ich selbst irgendwie ein Teil davon. Ibsen nee, Strindberg immer, Tschechow ja. Ich will die Volksbühne wiederhaben! Wiederholung. Unmöglich, aber ersehnt.