Dienstag, 5. April 2011

Theater ist Verbeugung und Applaus

Mein erster Theaterbesuch in Kanada. Leider keine Ahnung mehr was es war (Jetlag!), aber ich weiss noch, es war nicht zu schlimm, auch nicht toll. Am Ende: Applaus, 5 Sekunden und Schluss. Ich saß, leicht brüskiert, mit noch zum Klatschen erhobenen Händen und sah zu, wie der Saal sich blitzschnell leerte. Beim nächsten Theaterbesuch das gleiche, eigentlich immer das gleiche, außer manchmal bei Musicals, Filmtarschauspielerauftritten auf Bühnenbrettern und zweimal bei internationalen Gastspielen. Ein Kulturschock.
Wie anders hier.
Es wird viel geklatscht, gepfiffen, heute zeigt das Begeisterung, früher war es Auspfeifen, Bravo gebrüllt, stehend geklatscht, obwohl das manchmal auch bloß so scheint, weil die Leute eigentlich gehen wollten und im Rausgehen, von einem weiteren Vorhang erwischt wurden.
Um das klar zu sagen, ich liebe Applaus, aber er ist ein höchst ungenauer Gradmesser. Nichtzustimmende Äußerungen sind viel seltener zu hören, als sie gefühlt und gedacht werden, man klatscht dann halt höflich so mit. Ein Buh bedarf großen Mutes oder überwältigenden Zornes. (Ich liebe den Genitiv!) Und mitten aus der Reihe rausstürmen, ist peinlich.
Ist der Regisseur gerade im Trend, ist es scheinbar eh egal, wie gut der jeweilige Abend war. Der Kenner, Trendsetter beweist sich durch Lungenkapazität und Handschlagkraft und manchmal wirkt es, als würde leises Unbehagen einfach weggebravot. Früher nannte man das Claque, heute Insider (Siehe Artikel in der letzten "Theater der Zeit" von Martin Linzer) Dies ist besonders irritierend, wenn man noch eine Viertelstunde vorher beobachten konnte, wie ein gutes Viertel des Publikums unbequem aber selig schlummerte.



Und das Verbeugen der Darsteller, oh, eine Inszenierung in sich, reichend von "bin beinahe zu erschöpft, um den Applaus noch ertragen zu können", bis zu "ihr seid eh zu blöd, um wirklich ermessen zu können, was sich hier heute zugetragen hat". Es scheint auch üblich zu werden, dass sich die Schauspieler miteinander unterhalten, während sie sich, zum Beweis der intensiven Ensemblearbeit, in Gruppe verbeugen. Sehr beliebt im Kontrast dazu, der bescheidene zusammenzuckende Erstaunverbeuger des Protagonisten: "Was? Das alles für mich?" Da kriege ich meistens abrupt Armlähmung.

Dazu zwei Anekdoten aus der Familie: Ernst Busch wollte sich ums Verrecken nicht verbeugen, daraufhin von der Weigel die kühle Frage: "Worauf sind Sie so bescheiden?". Aber auch: "Mutter Courage" das Publikum tobt, die Weigel allein auf der Bühne, sehr scheu, sehr zerbrechlich, der Applaus braust noch höher, sie breitet, wie hilfesuchend, die Hände nach links und rechts in Richtung Gasse: "Helft mir doch, bitte!". Der damals noch sehr junge Schauspieler E. Schall kommt ihr zu Hilfe und bekommt, nachdem man wieder in der Gasse angekommen ist, eine gelangt: "Das war mein Vorhang!". Man muss es halt können, dann geht alles.

Wie macht man es richtig? Keine Ahnung! Es wurde Arbeit geleistet und im besten Fall wird Freude ausgetauscht. Ich liebe die 'Grosse Französische' sehr, die habe ich mir bei Thomas Langhoff abgeguckt, ein sehr formeller Kniefall der Spieler, der keineswegs demütig, sondern sogar stolz wirkt. Und es ist so herrlich altmodisch und darum verwirrend, das mag ich.
Aber oft, besonders nach sehr gelungenen Inszenierungen, löst sich beim Verbeugen die strenge Ordnung des Abends in Nichts auf, und alles rennt heiter verwirrt irgendwie hin und her. Auch merkwürdig, jedoch manchmal erfrischend.
Musik unterm Applaus ist in Deutschland, außer bei Musicals, übrigens streng verboten! Blumenwerfen gibt es auch nur noch selten.
Und es gibt unendliche Varianten der gemeinen Verbeugung. Der verklemmte Knicks, der herablassende Kopfnicker, der athletische Nase-an-Knie Zusammenschnapper (das ist meiner), der im Vorbeirennen fast verpasste Schnellzucker, die Ballerina-Imitation und und und. Und sehr selten den grandiosen den-Zusammenbruch-gerade-noch-vermeidenden Divaverbeuger.
Ich bin noch von einer wirklichen Diva, nämlich von Inge Keller persönlich, zum Verbeugen-Üben gezwungen worden, kann es jetzt halbwegs und hasse es immer noch, besonders zur Premiere als Regisseur. Man hat an dem Abend ja nichts getan und auch wenn ich es intelektuell begreife, fühlt es sich unpassend an.

Kommentare:

  1. Hilberger Sonja6. April 2011 um 12:33

    Als Zuschauer: Wenn es ein guter Abend war und die Spieler das eine Mal mehr herausgeklatscht werden, mag ich die gelösten und unverstellten Gesichter. Lange Applausordnungen, die von Publikum wie Spielern durchgearbeitet werden sind ein Greuel.
    Ich will auch nicht sehen, wie anstrengend das ganze war, so müde lahmarschige Gequälte Gebrechliche geben mir das Gefühl, ich hätte sie gefoltert, weil das für mich gespielt haben.
    Als Spieler: Finde ich frische, schnelle Verbeugungen auch besser. Obwohl das mir manchmal unpassend scheint.
    Applausübungen, vor jeder Vorstellung, für beide Seiten, oder Extraabende dafür, damit wir wieder Apllaudieren/uns Verbeugen können wie wir mit Messer und Gabel ja auch noch essen können.

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  2. Ötti schreibt: Applaus von unten wahrgenommen:
    Ich mag nicht:
    Wenn nur das händehaltende, vorwärts-rückwärts-schreitende Team erscheint und dabei das fast synchrone Einknicken der Brustwirbelsäule abarbeitet. Weil ich keine Möglichkeit habe zu differenzieren.
    Wenn junge Schauspieler athletisch joggend nach dem Abschlenkern des Oberkörpers in die Gasse rennen und Frauen und ältere Kollegen bei abflauendem Applaus hinterherstöckeln oder -tappern lassen.
    Ich mag:
    Wenn sich während des Beifalls die Figurengesichter in die natürlichen Menschengesichter zurückverwandeln, und manchmal ein ganz offenes, wundes, oder glückliches Wesen aus den Augen guckt.
    Ich verstehe immer weniger:
    Was haben die Bewegungen, die während des Applaus' oben stattfinden, für eine Bedeutung. Diese Bewegungen erinnern kaum an die ursprüngliche Reverence, okay, aber es wird auch keine neue Form gefunden.
    Am wohlsten ist mir, wenn die Schauspieler einfach stehen und schauen, ohne zu turnen.

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  3. Nur schauen? Das ist schwierig. Es ist halt auch ein Gespräch über das, was gerade stattgefunden hat und ohne Worte, braucht es da nicht Bewegungen?

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  4. Daniel Anderson
    ‎1987, Theater der Bergarbeiter Senftenberg, erste Premiere nach dem Engagement als Oberspielleiter, KONTRABASS von Süskind, wer soll sich nach 2 Stunden Tour de Force durch die Psyche eines zu kurz gekommenen ( außer dem Schauspieler selbs...t natürlich) denn noch verbeugen? Rainer Gruß winkt mich nach oben in sein Bühnenbild, wo schon die Ausstatterin Uta Kala steht und tatsächlich beschämt die Hände ringt. Was soll ich da oben? Ich habe das Gefühl, 6 Wochen lang in den Proben nichts gemacht zu haben, außer dem grandiosen Gruß das Händchen zu halten, wenn sein wunderbar exaltierter Symbolismus mal wieder nicht funktioniert hat und auf ihn einzureden wie auf einen toten Gaul, das alles in allerbester Ordnung ist, er einfach nur sein soll. Gruß kommt von der Bühne und zieht mich mit sich: "Jetzt hol' dir verdammt nochmal deinen scheiß Vorhang ab." Ich folge brav aber wider willig, nicht sehend, nicht bemerkend, dass der zweite, stumme Darsteller - der Bass - im Weg liegt. Und der Schatten des Genötigten vereint sich mit dem Körper des Genötigten auf dem Bühnenboden: ich liege laqng hingestreckt und mein linkes Knie schmerzt. Es gab Applaus!

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  5. Bei meiner ersten Regie-Premiere bin ich auch hingefallen, allerdings, weil ich vor panischer Aufregung den Abend lang Calvados getrunken hatte und nicht mal bemerkt hatte, dass ich blau war.

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  6. Ötti schreibt: Bewegen-Stehen-Schauen ?
    Stehen und Schauen ist kein Endpunkt sondern auch ein Vorgang.
    Vielleicht, als Zeichen des Respekts vor dem Publikum, wäre eine leichte Verneigung ehrlich. Keine devote Verbeugung mit gesenktem Kopf und krummem Rücken, sondern mit Blick zu den Leuten, die man meint.
    ( In Europa kam die devote subalterne Verbeugung mit gekrümmtem Rücken erst im Biedermeier auf. In der Renaissance und auch im Barock hatte man seinem Gegenüber bei geneigtem Oberkörper immer ins Auge zu schauen. Respekt, Würde, Offenheit. Das Abwenden des Kopfes und Senken des Blicks im Rokkoko war dabei nur Teil koketter Spielereien.)

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