Montag, 25. April 2011

Theater hat auch einen (oder manchen) Verrat

Dies ist ein unsachlicher Wutausbruch. Wer keine Lust darauf hat, sollte nicht weiterlesen.

Nach einem erstaunlich erschreckenden Erlebnis heute mit einem Theaterfreund, nein eigentlich einem Freund, habe ich das Gefühl, es ist ein guter Augenblick über eine der dunklen Seiten des von mir geliebten Theaters zu schreiben - den Verrat.
Und ich spreche hier nicht vom kleinen, niedlichen, negierbaren Verrat, der gemeinen witzigen Spitze oder dem Auflaufenlassen auf der Bühne, nicht von den "normalen" kleinen Verbrechen des Machtgefälles, sondern von dem Verrat, der uns als Gruppe den Ruf verschafft, keinen Charakter zu haben, kein Rückgrat, weil wir alles tun, um geliebt zu werden, alles vermeiden, was diese ominöse Geliebtwerden gefährden könnte. Von dem, der ins Herz schneidet und viele von uns zu Zynikern werden lässt. Von dem, der Einsamkeit erzeugt, weil er unser Vertrauen erschüttert, das Vertrauen darauf, dass wir alle Theater machen, weil wir es lieben.

Beginnen wir mit einem einfachen Beispiel, die Proben sind gräulich, der Regisseur trinkt, die Spieler leiden, alle in Panik, es muss etwas geschehen. Zwei werde vorgeschickt, um den Intendanten von der katastrophalen Situation und der Besorgnis allerseits zu informieren und wenn sie mit dem Informierten wiederkommen, ist urpötzlich niemand mehr seiner Meinung - "So schlimm, ist es auch nicht! Wird schon! Wir haben doch noch 5 Tage!" - der verwunderte Intendant schaut fragend auf die beiden unglückseligen Postillone, die bestürzt schweigen. Die Premiere findet statt, ist ein sagenhafter Flop, es wird weiter geschwiegen und wenige Monate später erzählt man sich in der Kantine, verlegen grinsend, colorierte Erinnerungen.
Oder der Spieler, der mit grosser Offenheit und Willigkeit probiert und mit seiner Begeisterung nicht hinterm Berg hält, bis die erste Kritik erscheint und er mit weichem Übergang an anderen Tischen, als dem deinen sein Bier trinkt. Das funktioniert auch in umgekehrter Reihenfolge.
Oder, fast überflüssig zu erwähnen, der janusköpfige Kollege, manche bringen es auch auf weit mehr als zwei Gesichter, der sich, keines Widerspruches bewusst, wie eine verhungernde Hure, jedem an den Hals wirft, der nicht schnell genug weglaufen kann und das mit der immer gleichen, tiefen Wahrhaftigkeit.
Ich weiss, das klingt böse, aber heute bin ich böse, denn ich bin verraten worden.
Um mich etwas genauer zu erklären, ich bin mir durchaus bewusst, dass dieses Verhalten, nicht auf das Theater beschränkt ist, ABER: wir leben und arbeiten in einer merkwürdig ungenauen Welt, oszillierend zwischen Handwerk, Schweiss und dem Unbegreiflichen. Der Tischler, dessen Tisch wackelt, muss seinen mangelhaften Tischlerfähigkeiten ins Gesicht sehen, der Chirurg, dem der Patient mit dem unkomplizierten Blinddarm unter den Händen wegstirbt, muss sich ernste Fragen stellen, bei uns.... tja, bei uns bleibt vieles im Vagen, im Geschmack, im Geruch, im Trend, ungenau halt, unsicher, nicht verbindlich. Und wenn dann das ursächliche Vertrauen, die Grundverabredung erschüttert wird, was bleibt? Woher nimmt man die Chuzpe, die Unverschämtheit, mit durch nichts untermauertem Selbstbewusstsein auf die Bühne zu treten und zu "behaupten"?
So oft, wenn ich mit Kollegen über unsere gemeinsame Geliebte spreche, ist es, als sprächen wir von einer, von der wir wissen, dass sie sich gerade mit einem anderen amüsiert und mit ihm über unsere, ungelenken und naiven Liebesbezeugungen lacht.
Zu einem Zeitpunkt, an dem uns sowieso schon fast keiner mehr will, zücken wir das Gewehr und schiessen uns in den eigenen Fuss. Hallali!

Kommentare:

  1. Ötti schrieb:
    on V. habe ich gelernt: Klarheit kann nie schaden.
    Auch ein erkannter Verrat schafft eine Art von Klarheit. Jetzt ist es, wie es ist, und schon war, als Du es nicht wusstest.
    Und ich antworte:
    Stimmt. Ich habe mich da wohl selbst verraten, zu lange nicht sehen wollend, was schon klar sichtbar war.
    Kuss.

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  2. Ich lese hier in diesem Blog viel und hab zu (fast) allem eine Meinung, aber ich bin der Meinung, dass man die nicht immer kundtun muss - hier allerdings muss ich es. Ohne jetzt die genauen Umstände des als Verrat empfundenen Vorgangs zu kennen - es gibt auch ein zuviel an Information - fallen mir vier Dinge dazu ein, weil ich das oder vielleicht so ähnlich schon so oft selbst erlebt habe.

    Erstens, Dein Wutausbruch ist nicht unsachlich, denn er beschreibt analytisch eine immer wiederkehrende Situation, die alle, die für, am, im Theater leben oder mal gelebt haben, sehr gut kennen. Es ist ein bisschen wie auf manchen Stehpartys: irgendwann reden alle nur noch über andere Leute und deren Krankheiten.

    Zweitens, eine Sehnsucht zu haben, Leidenschaft erzeugt bei den allermeisten Menschen immer Widerspruch, Neid, Hoffnungslosigkeit, Zynismus (nicht unbedingt in dieser Reihenfolge), weil die meisten Menschen, auch Kollegen, keine Sehnsucht oder Leidenschaft spüren. Die Vorstellung, dass ein Schauspieler, Regisseur (wer oder was auch immer) auch ein ganz "normaler Mensch" sein kann mit ganz normalen Verhaltensweisen, einem ganz normalen Charakter mit guten Seiten und Abgründen, wenn er in der Kantine sitzt, ist pure Romantik. Das muss man nicht nur wissen, man darf es auch nicht vergessen. Wer es vergisst, wird sich wundern und dann als "naiv" oder alternativ als "blöd" oder als "Ossi" tituliert. (Du hast recht, das ist bei Versicherungsvertretern nicht anders oder bei SAP unter den Programierern - aber die arbeiten auch nicht öffentlich).

    Drittens, Dieter Mann (ein zugegebenermaßen eher begabter Schauspieler) hat mal in einem anderen Zusammenhang von dem "Einzug eines innerlichen Moniereisens" gesprochen. Von mir aus nenne es Rüstung oder Zitadelle oder Panzerkreuzer, will sagen: ich trau nur noch mir selbst und das Gewehr mit dem ich schieße, ist ein Lächeln und das trifft nicht meinen Fuß, sondern die Mitte des anderen. Und obwohl ich das inzwischen kann, würde ich nie wieder fest an ein Haus gehen, weil das meine Lebenszeit ist und ich sie nur dem oder der Sache schenken will, von der ich glaube, dass ich die Welt, meine Welt, besser machen kann. Wenn ich dann die Zitadelle niederreiße, ist das ein Risiko - aber ich liege ja nicht in Schutt und Asche für den Rest meiner Tage, weil ich nach 6 Wochen wieder weg bin und sie von mir aus auch wieder aufbauen kann.

    Viertens, ich kann als privater Charakter von dem Menschen enttäuscht werden, aber der Kollege kann ich mich nicht enttäuschen, weil ich von ihm nichts erwarte - ja, Du hast recht: wir alle wollen geliebt werden für das, was wir tun, aber brauchen wir das denn immer und unablässig von allen? Sollte es denn nicht schon oft ausreichen, wenn wir das für uns selbst erledigen - alles mehr ist ein Sahnehäubchen, man kann es essen, kann es aber auch sein lassen.

    Daniel

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  3. Alexander Höchst26. April 2011 um 01:16

    Ich kann dir nur gratulieren für deine Kraft, nach einem Wirkung hinterlassenen Tiefschlag, nach Draußen zu gehen! Ein Tiefschlag im Kampf um Vertrauen, ohne das wir unseren Beruf nicht ausüben könnten. Es werden relativ wenig Soloabende gemacht. Aber es ist leider so, dass der Schauspieler sehr anfällig für orputunistisches Verhalten ist und besonders im Festengagement. Es gibt die, die es sich schwer machen, die Großen, Empfindsamen, die leiden. Ihrer Arbeit zu zuschauen, ist auch ein außergewöhnliches Vergnügen, selbst, wenn das Risiko zu groß war. Man muss die Arbeit lieben, um immer wieder weiter zu machen. Das Abenteuer ist es auch wert...

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  4. Das ist schlimm und traurig. Verrat gibts überall. Aber bei dieser Arbeit, wo Beifall der eigentliche Lohn der Arbeit ist und Kritik in große Krisen führen kann, kommt er vielleicht häufiger vor. Darüber reden/schreiben ist gut.

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  5. Auf facebook:
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    Elodie Lavoignat ich verstehe dich ,habe auch oft diese gefühlen,nun WO war das??

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    Olaf Brühl Theater hat leider viele Verrate ... und so gar nicht gloriose á la Judas-Evangelium: je mehr Herz, wie stets, desto ärger der Schmerz, je engagierter der Enthusiasmus, desto görßer die Wut! Umarmung!

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    Johanna Schall dank.

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    Olaf Brühl Die Sensiblen müssen ihre Verfeinerrung teuer bezahlen. Mit einer erhöhten Fähigkeit zum Schmerz. (Günther Weisenborn) ♥

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    Elodie Lavoignat einer weiser mann!

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    Burkhard Ritter Ich hoffe Deine Liebe zum Theater wird nicht dadurch getrübt, so dass wir Deine Eindrücke über "Theaterliebe" nicht mehr lesen können. Ich würde sie vermissen.

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    Johanna Schall Musste heute einfach mal ungefiltert aufgeschrieben werden. Dann denken, beruhigen, weiter.

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    Daniel Anderson Phantomschmerz - es tut immer noch weh, auch, wenn die Amputation gelungen ist.

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    Stefan G. Brün Leider muss ich das auch ins Englische übersetzen...

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    Johanna Schall Why?

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    Stefan G. Brün because fearful cowardice and betrayal (see "Prisoner of Love" by Jean Genet) is the only true Globalism, free (be) trayed in every theater.

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    Johanna Schall O!

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    Skuld Norne Auch wenn es dir vielleicht nicht hilft, ich möchte dich am liebsten in die Arme nehmen und trösten. Du hast den Verrat so treffend geschildert, leider ist er gar nicht so selten. Aber Menschen
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    Angélique Duvier Ich habe ähnliches am Theater erleben müssen und weiss wie sehr es verletzt und wie fassungslos es macht! Es tut mir leid, liebe Johanna das es Dich auch getroffen hat! Liebe Grüße und Kopf hoch, Angélique

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    Johanna Schall Dank für das Mitgefühl. Kopf ist hoch. Schultern gerade.

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    Axel Holsta trotzdem muß man sich erinnern das auch gerade dem verrat und dem verräter das herz und interesse des theaters gehört

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    Johanna Schall Als Objekt des Interesses. Nicht zu oft als das Selbst als Subjekt des Verrats, hoffentlich.

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    Julien Feuillet-Dolet Mein hertzlich beiwut.

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    Johanna Schall Beiwut. Was für ein schönes Wort!

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    Klaus Nierhoff Danke für diesen klaren, wahren, zu Herzen gehenden Text.

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