Donnerstag, 23. Mai 2013

Spiegel - Mirror - Sylvia Plath



Spiegel

Ich bin silbern und genau. Ich habe keine Vorurteile.
Was immer du siehst, verschlucke ich sofort
So wie es ist, ungetrübt durch Liebe oder Abneigung.
Ich bin nicht grausam, nur ehrlich --
Das Auge eines kleinen Gottes, viereckig.
Die meiste Zeit meditiere ich über die gegenüberliegende Wand.
Sie ist rosa, mit Flecken. Ich habe so lang auf sie geschaut,
Ich glaube, sie ist Teil meines Herzens. Aber sie flackert.
Gesichter und Dunkelheit trennen uns wieder und wieder.

Jetzt bin ich ein See. Eine Frau beugt sich über mich,
Durchsucht meine Reiche nachdem was sie wirklich ist.
Dann wendet sie sich an diese Lügner, die Kerzen oder den Mond.
Ich sehe ihren Rücken, reflektiere ihn treu.
Sie belohnt mich mit Tränen und einer Bewegung der Hände.
Ich bin ihr wichtig. Sie kommt und geht.
Jeden Morgen ist es ihr Gesicht, dass die Dunkelheit ersetzt.
In mir hat sie ein junges Mädchen ertränkt, und in mir 
Steigt ihr entgegen, Tag für Tag, eine alte Frau, wie ein schrecklicher Fisch.

Sylvia Plath

Mirror

 I am silver and exact. I have no preconceptions.
 What ever you see I swallow immediately
 Just as it is, unmisted by love or dislike .
 I am not cruel, only truthful---
 The eye of a little god, four-cornered.
 Most of the time I meditate on the opposite wall.
 It is pink, with speckles. I have looked at it so long
 I think it is a part of my heart. But it flickers.
 Faces and darkness separate us over and over.

 Now I am a lake. A woman bends over me,
 Searching my reaches for what she really is.
 Then she turns to those liars, the candles or the moon.
 I see her back, and reflect it faithfully.
 She rewards me with tears and an agitation of hands.
 I am important to her. She comes and goes.
 Each morning it is her face that replaces the darkness.
 In me she has drowned a young girl, and in me an old woman
 Rises toward her day after day, like a terrible fish.
Sylvia Plath

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