Dienstag, 28. Mai 2013

Theater hat auch eine von tausenden Proben


ALLTAG

Einerseits.
10.00 Uhr morgens an einem beliebigen Wochentag: am Abend vorher ist es wieder sehr spät geworden, Vorstellung oder Abendprobe und danach noch die notwendige Zeit, die es brauchte, um nicht mehr hellwach und verspielt zu sein - irgendwie ist es letztendlich immer zu wenig Schlaf - und nun steht du auf einer vollgemölten, staubigen Probebühne in unkleidsamen und schlechtsitzenden, übelriechenden, verschwitzten Probenklamotten. - Ach, wie ist dieser Beruf glamurös! - und wirst aufgefordert, so zu tun, als ob du ein französischer Marquis des 17. Jahrhunderts seist, oder ein englischer König in Todesnot, oder ein schwedischer Architekt in einer Lebenskrise oder die russische Mutter eines Revolutionärs, oder ... wer auch immer. Da bedarf es magischer Phantasie und eines ebenfalls magischen Egos, um möglich zu machen, was nötig ist.

Andererseits:
Eine Bekannte erzählte heute folgende Geschichte: Sie sitzt im Kino und sieht "Fame", den Film, nicht das Remake, sondern den uralten, kitschigen und hinreißenden Film von Alan Parker. Das Vorsprechen der zahlreichen hoffnungsvollen Schauspielbewerber - Eine ungewöhnlich dicke junge Frau will eine Szene aus "Towering Inferno" (Flammendes Inferno), dem Vater all der unzähligen Katastrophenfilme der 80er Jahre, spielen. 
Sie steht gerade, verschränkt die Arme und starrt mit wachem, wütenden Blick, schweigend auf einen Punkt in der Ferne. Das Schweigen dauert an. Nach gefühlten 30 Minuten fragt einer der Prüfer sie, was sie denn da tue. Und sie? Steigt kurz "aus" und antwortet: "Wir stehen vor dem Fahrstuhl, das Hochhaus brennt schon , ich bin die Sicherheitsbeamtin und alle SCHAUEN AUF MICH, NUR AUF MICH."

Ist es das? Nichts als das?

© Helge Nug


KLEINER KNABE

Hat man mich gestraft,
Halt ich meinen Mund,
Weine mich in Schlaf,
Wache auf gesund.

Hat man mich gestraft,
Heißt man mich den Kleinen,
Will ich nicht mehr weinen,
Lache mich in Schlaf.

Große Leute sterben,
Onkel, Großpapa,
Aber ich, ich bleibe
Immer, immer da.

Hermann Hesse

Und ein schönes altes Wort:

bedürfen
be·dür·fen, Präteritum: be·durf·te, Partizip II: be·durft
[1] gehoben, mit Genitivobjekt (Nomen, Nomengruppe oder Pronomen im Genitiv): etwas benötigen, etwas brauchen, auf etwas angewiesen sein
[2] veraltet, selten, mit Akkusativobjekt: etwas benötigen, etwas brauchen, auf etwas angewiesen sein 
(Wiktionary)
Dieses Wort habe ich noch niemals vorher verwendet, außer in "froh zu sein, bedarf es wenig"!
Wenn du eins bedarfst, so schmeichlest du ihm, und wenn du sein nicht bedarfst, so beiszest du ihn.  
Keisersb. sünden des munds 34 (Grimms WB)
 

Kommentare:

  1. Bedürfnis
    Ein gutes Wort zwischen anderen Wörtern, ohne deren Synonym zu sein.
    Zurückhaltender als Drang, sanfter als Begehren, versteckter als Lust.
    Stärker als Neigung, elementarer als Wunsch.

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  2. Und, Gott sei Dank, selbstbestimmter als Bedürftigkeit.

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