Mittwoch, 4. Januar 2012

Schlaf oder kein Schlaf


Aus Anlass meiner heutigen Schlaflosigkeit:

SCHLAF

Nun trifft es mich, wie's jeden traf,
Ich liege wach, es meidet mich der Schlaf,
Nur im Vorbeigehn flüstert er mir zu:
"Sei nicht in Sorg', ich sammle deine Ruh',
Und tret' ich ehstens wieder in dein Haus,
So zahl' ich alles dir auf einmal aus."

Theodor Fontane 

 Gustav Courbet Der Schlaf


HALBER SCHLAF

Die Finsternis raschelt wie ein Gewand,
Die Bäume torkeln am Himmelsrand.

Rette dich in ans Herz der Nacht,
Grabe dich schnell in das Dunkele ein,
Wie in Waben. Mache dich klein,
Steige aus deinem Bette.

Etwas will über die Brücken,
Es scharret mit Hufen krumm,
Die Sterne erschraken so weiß.

Und der Mond wie ein Greis
Watschelt oben herum
Mit dem höckrigen Rücken.

Georg Heym 

 Heinrich Fuseli 1781 Nachtmahr


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Rose, oh reiner Widerspruch, Lust 
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel 
Lidern.

Rainer Maria Rilke 
Spruch auf seinem Grabstein auf dem französischen Bergfriedhof von Rarogne


"In den späten 1920er Jahren, raste eine ägyptische Frau namens Nimet Eloui, Tochter eines Hofmeisters des Sultan Hussein von Ägypten, mit ihrem Auto mit unbändiger Geschwindigkeit über die Schweizer Berge. Am Beifahrersitz: Der Schriftsteller Rainer Maria Rilke, der sich vor der Geschwindigkeit, mit der die Fahrerin das Auto steuerte, fürchtete. Diese Dame dürfte dennoch eine große Faszination auf Rilke ausgeübt haben, immerhin geht die Geschichte darum, dass er dieser Nimet Eloui Rosen gepflückt haben soll. Dabei hat er sich an einem spitzen Dorn verletzt, eine Blutvergiftung zugezogen, konnte seine Arme nicht mehr bewegen..."
Ralph Freedman "Life of a poet: Rainer Maria Rilke"
Er starb zwar an Leukämie, aber einige behaupten, dass er selbst geglaubt haben soll,
dass er an eben diesem Rosendornstich stürbe.

Wir, in den ringenden Nächten,
wir fallen von Nähe zu Nähe;
und wo die Liebende taut,
sind wir ein stürzender Stein.


Dienstag, 3. Januar 2012

Diane Arbus zum Vierten - Nudisten


Aus Anlass der ungewöhnlich warmen Witterung:

 Familie am Abend in einem Nudisten Camp. 1965
 
 
Kellnerin in einem Nudisten Camp. New Jersey. 1963 

"...wenn der sündenfall in der trennung von gott und dem teufel besteht muss die schlange aus der mitte des apfels aufgetaucht sein als eva hineinbiß wie der ursprüngliche wurm ihn in zwei hälften spaltend und und alles in paare von gegensätzen trennend was einst eins war, so dass die welt eine arche Noah ist auf dem meer der ewigkeit mit sich tragend all die endlosen paare von dingen, unvereinbar und untrennbar, und hitze wird sich immer nach kälte sehnen und das hinten sich nach dem vorn und lächeln sich nach tränen und der köter sich nach jeff und nein sich nach ja mit der unaussprechlichsten nostalgie die es gibt.

"...If the fall of man consists in the separation of god and the devil the serpent must have appeared out of the middle of the apple when eve bit like the original worm in it, splitting it in half and sundering everything which was once one into a pair of opposites, so that the world is a Noah's arc on the sea of eternity containing all the endless pairs of things, irreconcilable and inseparable, and heat will always long for cold and the back for the front and smiles for tears and mutt for jeff and no for yes with the most unutterable nostalgia there is.
Diane Arbus, aus einem Brief an Marvin Israel, um 1960

Rentner und seine Frau eines Morgens zu Hause in einem Nudisten Camp. New Jersey. 1963. 

 Junges Mädchen im Nudisten Camp
 
Ehepaar im Wald in einem Nudisten Camp. New Jersey.
1963

Nudistin mit Schwanen-Sonnenbrille. Pennsylvania. 1965


Alle Photographien © Diane Arbus

Montag, 2. Januar 2012

Im Weißen Rössl - Eine Schimpftirade

Wenn man Operetten nicht leiden kann, sollte man sie nicht inszenieren oder muß halt eine so überzeugende und witzige Form der Dekonstruktion erfinden, dass die Abneigung oder Haßliebe wieder Kunst hervorbringt.
Sonst entsteht das, was ich gestern Abend drei Stunden lang in der Komischen Oper betrachten durfte, nämlich langweiliges, ungelenk inszeniertes, überaufwendiges Schmeater. Dass Sebastian Hartmann Deutsche doof findet und das Operettengenre ebenso, ist nicht interessant genug, um so viel versenkte Lebenszeit und so viel Bühnenbild zu rechtfertigen. Ironie ist nicht abendfüllend.
Man, eine Riesenduschkabine, damit 20 Leute vom Chor einmal reinrennen, kurzer schwacher Lacher und dann ungeschickter, nicht unauffälliger Abgang. Die Zimmer-mädchen tragen Toga, hin- und wieder tauchen Barockkostüme auf, warum auch immer, zusammengeschustert und witzig sein gewollt.
Nichts ist wichtig, die Entstehungszeit nicht, die Jetztzeit eigentlich auch nicht, Gott behüte die Geschichte oder theatralische Situationen. Der Einfall regiert!

Gott sei Dank singt und spielt Dagmar Manzel! Falls ihr "Kiss me Kate" am selben Haus noch nicht gesehen habt, unbedingt nachholen! Was für eine Stimme, was für eine tolle Frau, ach was für ein Weib. Im Februar folgen "Die Sieben Todsünden"!
Aber falls sie mal das Bielefelder Telephonbuch vortragen sollte, ich würde auch hingehen und bin sicher, es wäre spannend.

aus "Kiss me Kate"

Max Hopp ist der verliebte Kellner, nur dass er halt nie kellnert, sondern mit viel Einsatz unablässig Humor produzieren muß. Schade, ich sehe den gern. 
Dann gibt es noch eine große Rolle, die gar nicht singen kann und auch nicht tanzen, aber beides tut. Oft.
Gelacht wurde nicht viel, aber geklatscht dann doch. Die Mysterien des Publikums. Obwohl bei der Menge von Ohrwürmern und mit der Qualität eines Teils der Besetzung hätte der Saal eigentlich vor Bravos explodieren müssen. Naja.

Im weißen Rössl am Wolfgangsee (Ralph Benatzky)
Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist? (Robert Gilbert)
Im Salzkammergut, da kann man gut lustig sein (Ralph Benatzky)
Es muss was Wunderbares sein (Ralph Benatzky)
Mein Liebeslied muss ein Walzer sein (Robert Stolz)
Die ganze Welt ist himmelblau (Robert Stolz)

Ursli Pfister hat 1994 eine wunderbare minimalistische Variante des Rössls in der Bar jeder Vernunft inszeniert. Toll. Mit Max Raabe, den Geschwistern Pfister, Meret Becker, otto Sander und, ich glaube, Schmiedinger als Kaiser. Das war hier Irm Hermann, und das war auch sehr schön, sehr zart und fies.

Samstag, 31. Dezember 2011

Listen


LISTEN


TOP TEN Oder Mehr

Nelly!

Judith und Ötti und Katharina und Jenny und Sonja und meine Mutter und Dagmar und Ines und Anna (Mannoman!) und Martin und Armin und natürlich Pia und und und.

"Meister und Margaritha" in Ingolstadt, alles, fast alles, das Stück, das Ensemble, Grit, die Arbeit.

Der erste Besuch im Neuen Museum in Berlin, Mr. Chipperfield is a great artist! Überhaupt, dass mich Ötti wieder in Museen gelockt hat.

Hitze in Korfu, Kensington Market and Chinatown in Toronto, Museen und Katka und Jasmin in Basel, Diebe in London, Theaterschnee und Theaterspieler in Magdeburg und der "Reigen" von Claudia, Regensburg, weil es so hübsch ist und Silvia da wohnt, Berlin, weil ich Berliner bin.

Viele unterbezahlte, überbeschäftigte Theaterleute, die einen das nicht spüren lassen, sondern sich den Arsch und das Herz aufreissen und dabei auch noch Spass haben.

Bücher alte und neue. Filme. Und ganz viel Musik.

Goldene Drachen und andere mythische Tiere

Starker Kaffee, Zigaretten (Gauloises) und dieser Blog

Arabische Hoffnungen und hoffnungsvolle arabische Frauen, Okkupierte Orte und Okkupierende, Widerstand ohne Ideologie, aber nicht ohne Intelligenz.


e.e. cummings für mich wiederentdeckt, viele Gedichte gelesen!

Gesund gewesen!

Und manches, was nicht hierher gehört.

"It's more fun to be a pirate than to join the navy." Steve Jobs


BOTTOM TEN Oder Mehr

Politik, Kapitalismus, Mord, Lügen, Totschlag, staatliche Attentate, Armut, Hunger, Kriege, Hass, Ignoranz, Fundamentalismus jeglicher Couleur, Verdummung, Hochmut, Gier, Fukushima, Nord-Korea und der neue Führer, die religiöse Rechte in den USA, die Macht des Geldes oder besser, die Macht derer, die durch Geld Macht haben. Und, immer noch, AIDS und die vielen, die keine Medikamente bekommen (Siehe Geld und Macht)

Loriot, Christpher Hitchens, Christa Wolf, Steve Jobs, Amy Winehouse, Peter Falk, Gerry Rafferty, Vaclav Havel und andere sind gegangen.

“Do I fear death? No, I am not afraid of being dead because there's nothing to be afraid of, I won't know it. I fear dying, of dying I feel a sense of waste about it and I fear a sordid death, where I am incapacitated or imbecilic at the end which isn't something to be afraid of, it's something to be terrified of.” Ch. Hitchens

Rostocker Kulturpolitik und auch die an einigen anderen Orten.

19% Umsatzsteuer für Theaterregisseure 


Gebrochene Versprechungen und manches, was nicht hierher gehört.

"Was für eine vorzügliche Einrichtung, daß die Gedanken nicht als sichtbare Schrift über unsere Stirne laufen. Leicht würde jedes Beisammensein ... zum Mördertreffen."  Chr. Wolf Kein Ort. Nirgends




2011 / 2012 - Wenn ich mir was wünschen dürfte



Ich wünschte, ich könnte so geheimnisvoll schreiben wie eine Katze.
Edgar Allen Poe


Ich wünschte, jeder spürte den Schmerz, den er einem anderen zufügt.
Ich wünschte, Kettenrauchen wäre gut für die Gesundheit.
Ich wünschte, Zähne wüchsen immer wieder nach.
Ich wünschte, Zellulitis würde durch unmäßiges Essen von Schokolade verschwinden.
Ich wünsche nicht nochmal 20 zu sein. Ganz sicher nicht.
Ich wünschte, Theater wäre hilfreicher. 
Ich wünschte, Theater wäre unterhaltsamer. 
Ich wünschte, Theaterkritiker hätten mehr Humor und wenigstens ein wenig Enthusiasmus.
Ich wünschte, deutsche Menschen hätten mehr Humor und wenigstens ein wenig Enthusiasmus. 
Ich wünschte, alle, die gesund seien wollen, wären es auch.
Ich wünschte, ich wünschte nicht so manchem die Pest an den Hals.
Ich wünschte, ich wäre cool, wenigstens gelegentlich.  
Ich wünschte, drei mal drei wäre manchmal sieben, nur so.
Ich wünschte, ich könnte beim Fleischer "ein bisschen Frieden" verlangen und er fragte mich: "Kann's ein bisschen mehr sein?"
Ich wünschte, jemand würde mir mal wieder Blumen schenken.
Ich wünschte, daß uns endlich Aliens besuchen kämen.
Ich wünschte, die Nachwelt würde den Mimen Kränze flechten. Nicht allen.
  Ich wünschte, gute Bücher hätten keine letzte Seite.
Ich wünschte, ich könnte Berlin überall mithinnehmen.
Ich wünschte, ich wäre noch da, um solch eine Wunschliste für 2080 zu schreiben. 
 
Wenn ich mir was wünschen dürfte

Man hat uns nicht gefragt,
als wir noch kein Gesicht,
ob wir leben wollen,
oder lieber nicht.

Jetzt gehe ich ganz allein,

durch eine große Stadt,
und ich weiß nicht einmal,
ob diese Stadt mich lieb hat?

Dann schau ich in die Stuben,

durch Tür und Fensterglas,
und ich höre, warte,
auf etwas, (aber was)

Wenn ich mir was wünschen dürfte,

käm ich in Verlegenheit,
was ich mir denn wünschen sollte,
eine schlimme, oder gute Zeit?

Wenn ich mir was wünschen dürfte,

möchte ich etwas glücklich sein,
denn sobald ich gar zu glücklich wär,
hät ich Heimweh nach dem Traurigsein.

Menschenskind,

warum glaubst du bloß,
gerade dein Leid, dein Schmerz,
währen riesengroß,

Wünsch dir nichts!
Dummes Menschenkind,
Wünsche sind nur schön,
solang sie unerfüllbar sind.

Friedrich Hollaender 1931 


Eine der letzten Tonaufnahmen von Marlene Dietrich:

Und circa 50 Jahre früher:


Freitag, 30. Dezember 2011

Der vorletzte Dodo


Der Vorletze. Die Vorletzte. Das Vorletzte. 
Der, die, das direkt vor dem Letzten einer Reihe oder Gruppe. Die Letzten werden die Ersten sein, sagt man. Und die Vorletzten die Zweiten? Oder werden sie einfach nur dem Vergessen anheimfallen, nicht mal schwach genug oder arm dran genug, um es auf den letzten Platz zu schaffen?
Den Letzten ist eine gewisse Tragik eigen, 'der letzte seiner Art', der letzte Tag des Jahres, der, der als Letzter die Ziellinie erreicht oder wenigstens nehmen sie eine extreme Position ein, z.B. die von, "das ist ja das Letze". Das Hinterletze wäre auch noch was, aber das Vorletzte?
Als der vorletzte Dodo starb, war immerhin noch einer übrig, nicht mehr in der Lage sich fortzupflanzen und darum ein tragischer Fall. Einsam und dem Untergang geweiht. Aber niemand fragt nach dem Vorletzten. Niemand. Zu früh Gekommene oder, in diesem Fall, Gegangene, bestraft das Leben wohl auch.

Der Dodo

Der Dodo

Um 1590. Der Dodo lebt auf den Inseln Mauritius und Reunion im Indischen Ozean und hat keine natürlichen Feinde, er kann nicht fliegen und ist, da er nie Aggression erlebt hat, äußerst zutraulich. Er nistet zu ebener Erde und lebt, groß und bis zu 20 Kilo schwer, so vor sich hin. 
Dann kamen die Europäer und, mit ihren Schiffen, die Ratten und Haustiere. Die aßen gern Eier. Und obwohl sein Fleisch nicht sehr wohlschmeckend war, eignete es sich doch gut als Frischfleisch für Seefahrten.
100 Jahre später starb, erst der vorletzte und dann der letzte Dodo. Und niemand bemerkte es, bis Lewis Caroll 1865 in Alice im Wunderland ein Proporzwettrennen erfand, in dem Dodo und Brachvogel und andere Tier mit Alice einen Proporzwettlauf veranstalten.
BRACHVOGEL:        
Unter diesen Konditionen votiere ich für umgehenden Rekurs auf effizientere
Maßnahmen. Nur durch energische Initiative kann eine derart prekäre Situation ‑ 
DODO:                       
Sprich deutsch!

BRACHVOGEL:        
Ich wollte sagen, daß das beste Mittel zum Trockenwerden ein Proporz‑ Wettlauf wäre. 
ALICE:                       
Proporz‑Wettlauf?

BRACHVOGEL:      

Man kann es am besten erklären, indem man es macht.

ELSTER:                  
Man legt zuerst die Rennbahn fest, eine Art Kreis... 
BRACHVOGEL:        
Auf die genaue Form kommt es nicht an. 
ELSTER:                    
... die Mitspieler müssen sich auf der Bahn aufstellen.                                   

BRACHVOGEL:        
Irgendwo, wie es sich gerade trifft.                                  

DODO:                        
Es gibt kein Eins ‑ zwei ‑ drei ‑los!",

BRACHVOGEL:        
- sondern jeder beginnt zu laufen, wann er will

SCHILDKRÖTE:        
- und hört auf, wie es ihm einfällt.

ELSTER:                    
So daß gar nicht leicht zu entscheiden ist,
DODO:                        
- wann der Wettlauf zu Ende ist.
BRACHVOGEL:        
Ende des Wettlaufs! 
ALLE:                         
Wer ist Sieger?

BRACHVOGEL:       
Alle sind Sieger. Jeder muß einen Preis bekommen.
ALLE:                          
Wer soll die Preise stiften?
BRACHVOGEL:        
Du natürlich.
ALLE:
Preise! Preise! 
Erhebt das Glas auf die unzähligen Vorletzten und vielleicht auch auf die Zweiten.  
"Alle sind Sieger. Jeder muß einen Preis bekommen."

Donnerstag, 29. Dezember 2011

100 000 in Worten einhunderttausend Klicks


Ich weiss, es ist albern, aber ich freue mich trotzdem!
Es macht immer noch Spaß und scheinbar nicht nur mir.

Yeppee!!!

Drive - ein Film mit Ryan Gosling


Heute war ich im Kino, Sneakpreview, 3,50 €, man kauft eine billige Katze im sprichwörtlichen Sack, manchmal klappt es, manchmal...

Erste Einstellung, Auto, die Kamera blickt in den Rückspiegel, ein Augenpaar - Ryan Gosling, Hurra! Seit ich morgens um 3 im kanadischen Fernsehen zufällig auf den "Believer" gestoßen bin, der es leider nie in die deutschen Kinos geschafft hat, laufe ich sklavisch in jeden seiner Filme. 

Ach, hätte ich diesen doch ausgelassen! Ambitionierter Mulch, der zur Mitte hin in exzessive Gewaltphantasien kippt und derartig stolz auf seine künstlerische Langsamkeit und Bedeutungsschwere ist, dass man sich wünscht, dem Regisseur, einem Herrn Nicolas Winding Refn, ganz direkt und persönlich ins Gesicht gähnen zu können. Tolle Schauspieler blicken einander voller tiefer Hintergedanken sehr, sehr lange an, entäußern hier und da ein Lächeln, das von Carey Mulligan ist übrigens ganz bezaubernd, und nach gefühlten 10 Minuten murmeln sie dann ein leises "ok". Och. Nö.

Aber: Ryan Gosling ist nichtsdestotrotz ein außerordentlicher Schauspieler!

Aber: Für Freunde des gehobenen Kitsches: The Notebook alias "Wie ein einziger Tag"

Aber: Wenn auch nicht in Deutsch erhältlich: The Believer, die Geschichte eines orthodox erzogenen Juden, der aus Überzeugung einer Nazi-Organisation beitritt. Das Drehbuch basiert auf der Lebensgeschichte von Dan Burrow, einem amerikanischen Juden, der nach Verlassen der Amerikanischen Nazipartei, dann in den Klu-Klux-Clan eintrat und Selbstmord beging, als ein Reporter seine Geschichte in der New York Times veröffentlichte. Ein hochkomplizierter und sehr verstörender Film, der provozierende Gedanken durchspielt bis zu ihrem schrecklichen Ende, ohne sich jedoch eitel in der Provokation zu wälzen.

Aber: Für die, die einen guten Thriller schätzen: Murder bei Numbers oder "Mord nach Plan" mit einer tollen Sandra Bullock.

Aber: Blue Valentine, ein kleiner großer Film über das Versterben der Liebe.

Aber: Singen kann der Mann auch. Er hat mit einem Freund (Zach Shields) eine Band "Dead Man's Bones", selbstkomponierte, manuelle Musik mit Kinderchören. Fein, wirklich!


Aber: Gut aussehen tut auch. (Und er ist Kanadier!)


Mittwoch, 28. Dezember 2011

Schüttle Dich oder ich freß Dich


Der Schüttelreim ist eine Reimform, bei der die Anfangskonsonanten der letzten beiden betonten Silben miteinander vertauscht werden. Er stellt eine Sonderform des Doppelreims dar.

Er klapperten die Klapperschlangen, 
Bis ihre Klappern schlapper klangen.

Wenn im Theater Recken schrein, 
dann geh' ich nur mit Schrecken rein!

Sprach der Leibesriese auf der Liebesreise:
'Reib es, liebe Liese - und sie rieb es leise.

Das Kind schlief in der Krippe ein, 
ihr werft da keine Kippen rein

Leg niemals deine weiße Hand
auf eines Ofens heiße Wand!

Nicht selten sich Talente recken, 
wenn sie das Blut der Rente lecken.
 
Die Boxer in der Meisterklasse
schlagen sich zu Kleistermasse.
Und aus dem ganzen Massenkleister
steigt empor der Klassenmeister. 

Wer andern eine Zange leiht,
vermißt sie dann für lange Zeit.

Hans Sachs, als er beim Streiten sang,
verletzte sich den Seitenstrang.

Zum raschen Trocknen in die Heckenrosen
hängt Kunigunde ihres Recken Hosen.
Als sie sich wollt' nach trocknen Hosen recken,
zerstachen gräßlich sie die Rosenhecken.

Die Aktien nach dem Kriege sanken
Man kann halt auch am Siege kranken.

Am Waldrand, dem schönen, bei den nickenden Fichten, 
dort hört man das Stöhnen der fickenden Nichten.

Heut essen wir den Suppenhahn,
den gestern wir noch huppen sahn

Alle obigen sind traditionell, also von talentierten, aber anonymen Poeten erfunden.

Erich Mühsam:
1878 in Lübeck geboren, 1934 im KZ Oranienburg ermordet.

Da sitz ich nun und webe Leinen. 
Im Traume kann ich Fleisch im Leibe wähnen,
im Traum kann ich an einem Weibe lehnen.
Doch wach muß ich, solang ich lebe, weinen

aus Der arme Weber 1913

Man wollte sie zu zwanzig Dingen
in einem Haus in Danzig zwingen. 

Höxter: So lebten wir (1929), S. 11

Sie würden mir eine große Freude bereiten,
wenn Sie meinen Hund von der Räude befreiten.
Viktor Mann: Wir waren fünf (1949), S. 427

Juchhe!" rief Karl, "juchhe, der Falter!
Er sitzt auf meinem Federhalter.

Fröhliche Kunst, 1 (1) Juni 1902, S. 83

Mein kleines Mädchen reibt sich leise
Das Aug', wenn ich nach Leipzig reise.
Fröhliche Kunst, 1 (2) Juli 1902, S. 180

Futuristischer Schleifenschüttelreim:
Der Nitter splackt.
Das Splatter nickt,
wenn splitternackt
die Natter splickt.
Postkarte an Erich Ebstein, 19. Mai 1913 

Wenn mein Hund zu bellen droht
geb ich ihm Sardellenbrot.
Postkarte an Erich Ebstein, 15. November 1915

Eisenbahnroman:
Sie brauchten nirgends umzusteigen.
Drum gab sie sich ihm stumm zu eigen.
Doch weil verkehrt die Weichen lagen,
fuhr man sie heim im Leichenwagen.
Postkarte an Erich Ebstein, 2. Juli 1913 

Mühsam's Geschütteltes - Schüttelreime und Schüttelgedichte von Erich Mühsam. Zusammengestellt und mit einem Reimregister versehen von Reiner Scholz. Mit einem Vorwort von Alfred Estermann.


Nicht ganz, aber schön:

Wie hilflos der Spatz auf der Straße liegt.
Er hat soeben was abgekriegt.
Da hebt das den Kopf, was erledigt erschien.
Könnten Spatzen schreien, der hätte geschrien.
Der hätte gebettelt: Erlöse mich.
Der Erlöser wäre im Zweifelsfall ich.
Ist sonst niemand da, die Straße ist leer,
der Wind weht leicht und der Spatz macht's mir schwer.
Wen leiden zu sehn, ist nicht angenehm.
Wenn er sterben will, ist das sein Problem.
So red ich mir zu und geh rasch voran.
Ein Glück, dass ein Spatz nicht schreien kann.

Robert Gernhardt

 

Dienstag, 27. Dezember 2011

"unersättlich da capo rufend" - Van Gogh - Nietzsche


Ewigkeit, Plural: Ewigkeiten, es gibt mehr als eine? Eine reichte doch, wenn ich denn eine hätte.
"Ewig das Gleiche", Ich habe Dich ja eine Ewigkeit nicht mehr gesehen", "ewig und drei Tage", "verewigen". Nur nicht aufhören.
Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen.
Mein sind die Jahre nicht, die etwa mögen kommen.
Der Augenblick ist mein, und nehm ich den in Acht,
so ist der mein, der Zeit und Ewigkeit gemacht.
Andreas Gryphius

An der Schwelle zur Ewigkeit Vincent van Gogh 1890 (Das Jahr seines Todes)

O Mensch! Gib acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
„Ich schlief, ich schlief -,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht: -
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh -,
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit-,
- will tiefe, tiefe Ewigkeit!"


Friedrich Nietzsche