Freitag, 18. November 2016

TRUMP - TRUMPF - TRIUMPH

Ich lese.

Ich lese Hillbilly Elegy, eine autobiographische Analyse der weißen amerikanischen Armut, des "white trash" und auch Ta-Nehisi Coates' Buch über die Erfahrungen der ebenso armen schwarzen Besitzlosen, die in der niederdrückenden Gewißheit von Rassismus und relativer Chancenlosigkeit aufwachsen.
Ich lese über eine Mittelschicht, der die Sicherheit auf ein mittleres gutes Leben genommen wurde. 
Ich lese über eine Gesellschaft, die in immer kleinere und nach außen vollständig abgeschlossene Gruppen zerteilt wurde, die einander haßerfüllt mißtrauen.
Ich lese über Rassismus verschiedenster Begründungen, über Wut, über Trotz, über Unbildung und unfaßbare Dummheit.
Ich lese über 'evangelikanische' Homophobie und Hass auf Frauen, die sich Begründungen aus Bibel, Talmud und Koran grabschen und das dunkle Mittelalter zur goldenen Zukunft erklären.
Über tollwütigen Anti-Semitismus, der sich in als sachlich behaupteten Argumenten verbirgt  und jüdischen Hochmut, der den Holocaust mißbraucht, um sich vor jeder Kritik zu schützen.
Ich lese über Anti-Darwinismus, alias intelligentes Design, was nichts anderes meint als Wissenschaftshass in der übelriechenden Verkleidung von christlichen dummdreisten Lügen.
Ich lese über Boni für Banker und Börsenmakler die mehr Nullen nach der Zahl haben, als ich zählen kann.

Ich lese über Menschen, denen es schlechter geht als mir und andere, denen es, zumindest finanziell, viel besser geht. Über Idioten, Verzeifelte und hochintelligente Psychopathen. 
Über reaktionäre Christen in Ohio und sich patriotisch gebärende Dresdner. 
Über Latinos, die für Trump stimmen und Neu-Koellner Schüler, die dagen sind, das Flüchtlinge aufgenommen werden, weil die "uns unser Hartz Vier wegnehmen".
Ich lese und finde Hass und kein Mitgefühl.

Ich lese und versuche, zu begreifen, was passiert. Dort in den USA und hier bei mir in Deutschland. Und in Frankreich und in Polen, Ungarn, Tschechien und und und...
Alle diese Länder nennen sich Demokratien, einige haben die Last sozialistischer Diktatur erst vor nicht allzu langer Zeit abgeschüttelt.
Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt?
Was geht hier vor? Was kann ich tun? Was wird passieren?


Kommentare:

  1. Hatten Sie nicht gerade erst eine Apologie zu "Amazon, Google & Wikipedia" verfaßt? Und jetzt wundern Sie sich, was in den USA, in Frankreich, in Polen, Ungarn, Tschechien und und und los ist? Das digitale Netz hat sich überhitzt und alle sozialen Sicherungen durchgebrannt. Das macht sich jetzt auch in der analogen Welt bemerkbar.
    Es gibt kein Netz mehr, das uns hält; auch kein analoges.

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  2. Don't blame the tool... blame the user...
    Die Algorithmen von Google, Facebook und Twitter beeinflussen was wir als Wahrheit vorgesetzt bekommen, indem sie ein sich selbst bestätigendes Meinungsumfeld kreieren, das als Brennglas funktionieren kann.
    Keine Frage.
    Zudem sind Entgleisungen im anonymisierenden Internet einfacher und wegbereitend. Zugegeben.
    Aber das entlässt den Nutzer nicht aus seiner hinterfragenden Verantwortung und beschreibt die Ursachen von Populismus und Radikalismus unzureichend.
    Tun wir nicht so als würde das Internet die humanistischen Seiten des Menschen in den Abgrund ziehen und seine Existenz eindunkeln. Wir haben tausende Jahre Menschheitsgeschichte um zu belegen, dass Fanatismus, Rassismus und Radikalismus schon gesellschaftsprägende Elemente waren bevor der Buchdruck erfunden wurde.
    Das Internet ist ein Werkzeug ...wie wir es nutzen unsere Entscheidung. Und ggf. auch unser Versagen.
    Der beklagenswerte internationale Rechtsruck ist es ebenso.
    Machen wir das Internet nicht für die leicht zu beschädigende Decke der Zivilisation verantwortlich. Fragen wir uns lieber, warum sie so fragil ist und ob ihre mangelnde Reissfestigkeit Fragen an unsere Natur stellt, deren Antworten ernüchternder ausfallen, als wir uns das wünschen würden.

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    1. "Don't blame the tool... blame the user..."
      Wenn es sich beim Internet (Facebook/Google etc.) um ein tool handeln würde, um einen Hammer oder um ein Messer, gäbe ich Ihnen recht. Aber "tool" ist ein viel zu niedliches Wort für etwas, das zu unserer Lebenswelt geworden ist. Und was diese Lebenswelt mit unser Natur zu tun hat? Die Antworten würden vielleicht ernüchternder ausfallen, als wir uns das wünschen würden.

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  3. Natürlich ist das Internet ein tool - 1989 am CERN entwickelt und als einfache Methode gedacht Forschungsarbeit international auszutauschen.
    Unsere Gesellschaften haben es aufgenommen und benutzt.
    Menschen machen das. Sie greifen etwas auf und nutzen es für ihre Zwecke. Also bestimmen wir, die Menschen, wohin sich etwas entwickelt... und wir tragen dafür auch die Verantwortung.
    Wir entscheiden ob eine Rakete tötet oder Raumfahrt ermöglicht... und weil ein tool eben vielfältige Verwendung erlaubt müssen wir uns fragen lassen warum wir es wie nutzen.
    Das Internet ist ein fantastisches Instrument und eine Höllenmaschine zugleich... und unsere Gesellschaft wird sich entscheiden müssen wie sie es benutzt.
    Und wie unsere Gesellschaften das hinbekommen wird sehr wohl davon bestimmt was in der Natur des Menschen überwiegt. Wozu wir etwas nutzen erzählt viel über die Gestalt unserer Natur und unsere Reife.

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    1. Ein Gerät, dessen Funktionsweise ich nicht mehr verstehe und das meine Lebenswelt strukturiert, ohne daß ich das irgendwie kontrollieren könnte, ist kein tool mehr. "Reife" besteht aus einer Kombination von Können und Bescheidenheit. Dazu bedarf es einer langen Lehrzeit, eines Lebens voller Erfahrung. Das läßt sich nicht vereinbaren mit einer Technologie, die alle paar Jahre und inzwischen auch Monate unsere Lebensverhältnisse revolutioniert.

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  4. Das Internet ist kein Gerät. Das Internet sind wir.
    Man kann sagen: das ist ein Film, das ist ein Buch, das ist ein Telefongespräch - aber damit noch nicht deren Inhalt oder Bedeutung beschrieben hat.
    Wenn ich feststelle, dass das Internet existiert, dann beschreibe ich eine zur Verfügung stehende Technologie. Ich beschreibe nicht, was aus ihrer Nutzung entsteht.
    Lassen Sie mich Edmund Burke zitieren mit „Für den Triumph des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun!“. Dieser Satz ist unfasslich wahr. Emma Watson hat ihn so 2014 in einer Rede vor der Uno zitiert, Aodhan O Riordain letzte Woche in einer bemerkenswerten Rede gegen Trump in Irland.
    Es ist Edmund Burkes bekanntestes Zitat... Tatsache ist - wir wissen nicht, ob er es gesagt hat... denn es findet sich in keiner seiner Schriften.
    Ich weiß das, weil ich nicht bloß nach dem Zitat gegoogelt und es dann zitiert habe... sondern weil ich zusätzlich noch nach Edmund Burke gegoogelt und seinen Wikipedia-Eintrag gelesen habe.
    Ich verifiziere Informationen. Das ist anstrengend, kostet mich Zeit - aber es macht Sinn. Und das Internet gibt mir die Möglichkeit es zu tun.
    Wenn ich es lasse ...ist das dann der Fehler vom Internet?
    Nein, es ist meiner.
    Aber das Internet heizt sich meinungstechnisch nicht nur auf, weil Menschen zu faul sind zu hinterfragen und Halbwahrheiten durch die Gegend schleudern, die fataler sind als ungenaue Zitate.
    Menschen nutzen das Internet auch gezielt zur Stimmungsmache, als User, zunehmend aber auch durch socialbots, die in sozialen Netzwerken eigenständig kommentieren und effizient das Meinungsbild umgewichten.
    Ist das ein Riesenproblem? Und wie! Und ein zunehmendes.
    Im amerikanischen Wahlkampf waren ganze Armeen davon im Einsatz, die AfD hat angekündigt, dass sie sie ebenfalls nutzen möchte.
    Ist das eine Erfindung des Internets?
    Nein.
    Früher nannte man das "Claqueur" und es gab 7 verschiedene Aufgabenbereiche für die bezahlten Stimmungsmacher.
    Socialbots sind eine alte Menschenidee, die sich heute verfügbarer Technologie bedient. Same idea... different tool.
    Aber sie sind ein Problem, sie prägen... und genug Menschen lassen sich prägen.
    Ist das Internet nun doch schuldig? Nein.
    Könnten wir das abstellen? Ja.
    Machen wir es? Nein, noch nicht.
    Wir sind das Problem. Immer wieder. Es kommt immer auf uns zurück.
    Und jetzt noch einmal dieses wunderschöne Zitat, von wem es auch sein mag:
    „Für den Triumph des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun!“

    Doch, wir können es besser... und wenn wir es nicht tun, dann ist das Internet dafür nicht verantwortlich.
    Es ist nicht aus dem Weltall auf die Erde gefallen um unsere Lebenswelt zu kontrollieren. Wir haben es zu dem gemacht, was es ist.
    Und wir werden entscheiden müssen, was es sein soll.
    Denn nicht Technologie revolutioniert unser Leben... wir erfinden diese Technologie und wir müssen sie nutzbringend prägen.

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    1. Im großen und ganzen d'accord.
      Was das 'Gerät' Internet betrifft: auch das Auto ist ein Gerät. Aber es würde ohne Straßen nicht funktionieren. Ist also die Infrastruktur kein Gerät? Oder ist es vielleicht eher ein Gestell?
      Ich mag Heidegger nicht. Der Mann ist mir suspekt. Aber den Gestellcharakter der Technik hat er durchaus erfaßt. Wir können nicht die Infrastruktur von den Geräten trennen. Und die Geräte haben zusammen mit der Infrastruktur längst ihre Unschuld verloren.
      Ich bleibe dabei: ich will wieder mein Leben leben, ohne handy, ohne Smartpone und ohne böse Blicke von Kolleginnen und Kollegen, die der Meinung sind, daß unsere Arbeit besser funktionieren würde, wenn ich sowas hätte. Und unsere Chefin natürlich auch. Profitiert sie doch davon, daß wir alle (außer mir) über diese Geräte verfügen, ohne daß sie sie uns eigens zur Verfügung stellen muß: bis in den Privatbereich hinein.

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  5. Im Wortlaut ist Struktur ein "Gefüge". Ein Gerät ist auch aus Einzelteilen zusammengefügt, stimmt, aber ein Gerät ist lokal begrenzt, ein Gefüge kann systemisch sein.
    Und ich würde das Internet gerne als System betrachten.
    Systeme haben/brauchen Regeln, Systeme sind veränderlich, Systeme entwickeln sich, sie sind nicht statisch wie ein Gerät, das, einmal gefertigt eben auch fertig ist.
    Systeme sind dynamisch ...und evolutionär.
    Ein Beispiel.
    Nachdem Röntgen die nach ihm benannte Strahlung entdeckte nahm die Gesellschaft diese Neuerung hemmungslos auf. Auf Partys wurden Röntgenapparate aufgestellt und jeder konnte amüsiert "Fotos" aller seiner Körperteile machen. Die Apparate standen in Schuhgeschäften damit die Kunden die Position ihrer Füße in den neuen Schuhen betrachten konnten.
    Es war ein totaler Hype, das war mal eine physikalische Entdeckung nicht nur für wissenschaftliche Kreise, jeder konnte damit herumspielen.
    Heute wissen wir: blöde Idee... mit Nebenwirkungen.
    Heute nutzen wir Röntgenstrahlung immer noch, aber so, dass ihr Nutzen ihre Nachteile überwiegt.
    Das Internet ist wie der Röntgenapparat im Schuhgeschäft.
    Es ist in der Flegelphase seiner systemischen Evolution. Wir nutzen es immer hemmungsloser, für gutes, blödsinniges und gefährliches gleichermaßen.
    Wir sind wie auf einer Röntgenparty und begreifen gerade erst die Nebenwirkungen.
    Es ist jetzt an uns die Probleme zu realisieren und sie zu lösen bis der Nutzen die Nachteile übersteigt. Das ist unsere Aufgabe und ich würde niemals sagen, sie sei klein.
    Wir können daran scheitern, wir können aber auch viel gewinnen. Wir müssen Maß und Umgang finden.
    Wir hinken hinterher bei der Übertragung der anerkannten Normen und Regeln unseres realen Zusammenlebens auf den virtuellen Umgang. Das müssen wir aufholen. Besser schnell als langsam.
    So wie in Ihrem Beispiel Ihre Chefin Ihnen abends wahrscheinlich niemals noch Akten vorbeigebracht hätte, sie Ihnen aber durchaus via Mail schicken möchte.
    Wenn wir das Internet als gesellschaftlich relevant begreifen und in ihm die gleichen Maßstäbe anlegen wie in unserem realen Zusammenleben, dann sind wir einen Schritt weiter.
    Und dann werden wir uns seiner Probleme erwehren können.
    Denn... Sie wußten, dass das jetzt kommt, oder?... es liegt an uns...!
    ;)

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    1. Tatsächlich ein überraschungsfreier Schlußsatz.;-)
      Danke fürs Gespräch.

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  6. Ein Gespräch, das wir ohne Internet gar nicht hätten führen können - und das hätte ich bedauert, denn ich darf mich ebenfalls für dieses Gespräch bedanken. Der Austausch hat viel Spaß gemacht. Danke für die Zeit und die Gedanken.

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