Donnerstag, 22. September 2016

Penthesilea 6 - Krieg & Grammatik

Seit Tagen grüble ich über die ver-rückte Grammatik des Herrn Kleist. Warum reden sich Figuren beim größten deutschen Sprachkünstler immer wieder in die völlige Unverständlichkeit? Viele freundliche Menschen haben versucht Antworten zu finden. Kleistsche Eklipsen, der possessive Dativ, die Weiterentwicklung der deutschen Grammatik in den letzten 200 Jahren. Alles hilfreich, nichts klärend. 

Es bleiben, wie irritierende Nußstücken in Zahnlücken, unter anderem, Dative, die keinen Sinn machen, bzw. die Zuordnung von Freund und Feind dem Zuhörenden unmöglich machen. 

Was für ein Haß den Priamiden längst
Entbrannt sei in der Griechen Brust...


Jetzt hat die Freundin einer Freundin mir in wenigen Worten klargemacht, dass mein grammatikalisches Problem, genau das zentrale Problem des Stückes trifft.
Der Krieg "infiziert" alles, auch die Sprache. Wer wessen Feind ist zweitrangig, Herr Kleist verwirrt die Possesivbeziehungen absichtsvoll, weil Tötungswut sich alles und jedes aneignet, um es zu vernichten.
"Die Sprache ein Schlachtfeld und daraus folgt die Auflösung des Possesiven."


In Abwandlung eines Gedichtes von Gertrude Stein: Der Feind ist ein Feind ist ein Feind ist der Feind.
Wenn Hass und Liebe ununterscheidbar werden, muß auch die Grammatik dem erliegen. Was brüllen, bläken, schreien, hecheln, kreischen wir, wenn wir gänzlich außer uns sind? 


Sprache, unsere so sehr verletzliche Ortung in der Zivilisation.


http://videos.huffingtonpost.de/politik/in-heidenau-du-fotze-nazi-goere-poebelt-gegen-merkel_id_4909778.html 

Allein die Tonhöhe ist unfaßbar!

 
Dich, Mars, dich ruf ich jetzt, dich Schrecklichen,
Dich, meines Hauses hohen Gründer, an!
Oh! – – deinen erznen Wagen mir herab:
Wo du der Städte Mauern auch und Thore
Zermalmst, Vertilgergott, gekeilt in Straßen,
Der Menschen Reihen jetzt auch niedertrittst;
Oh! – – deinen erznen Wagen mir herab:
Daß ich den Fuß in seine Muschel setze,
Die Zügel greife, durch die Felder rolle,
Und wie ein Donnerkeil aus Wetterwolken,
Auf dieses Griechen Scheitel niederfalle!
Du ganzer Schreckenspomp des Kriegs, dich ruf' ich,
Vernichtender, entsetzlicher, herbei!


 
Henriette Vogel
an Heinrich von Kleist


Berlin, November 1811
Mein Heinrich, mein Süßtönender, mein Hyazinthenbeet, mein Wonnemeer, mein Morgen- und Abendrot, meine Äolsharfe, mein Tau, mein Friedensbogen, mein Schoßkindchen, mein liebstes Herz, meine Freude im Leid, meine Wiedergeburt, meine Freiheit, meine Fessel, mein Sabbath, mein Goldkelch, meine Luft, meine Wärme, mein Gedanke, mein teurer Sünder, mein Gewünschtes hier und jenseit, mein Augentrost, meine süßeste Sorge, meine schönste Tugend, mein Stolz, mein Beschützer, mein Gewissen, mein Wald, meine Herrlichkeit, mein Schwert und Helm, meine Großmut, meine rechte Hand, mein Paradies, meine Träne, meine Himmelsleiter, mein Johannes, mein Tasso, mein Ritter, mein Graf Wetter, mein zarter Page, mein Erzdichter, mein Kristall, mein Lebensquell, meine Rast, meine Trauerweide, mein Herr Schutz und Schirm, mein Hoffen und Harren, meine Träume, mein liebstes Sternbild, mein Schmeichelkätzchen, meine sichre Burg, mein Glück, mein Tod, mein Herzensnarrchen, meine Einsamkeit, mein Schiff, mein schönes Tal, meine Belohnung, mein Werther, meine Lethe, meine Wiege, mein Weihrauch und Myrrhen, meine Stimme, mein Richter, mein Heiliger, mein lieblicher Träumer, meine Sehnsucht, meine Seele, meine Nerven, mein goldner Spiegel, mein Rubin, meine Syringsflöte, meine Dornenkrone, mein tausend Wunderwerke, mein Lehrer und mein Schüler, wie über alles Gedachte und zu Erdenkende lieb ich dich.

Meine Seele sollst du haben.
 

Kommentare:

  1. Martin Baucks schrieb:
    Es sind Reden, gesprochene Sprache, kein Schriftdeutsch eben. Erst gefühlt, dann gesprochen, kaum gedacht. Emotionale Intelligenz. Genitale Kommunikation. Aber preußisch. Gezwungenermaßen. Hätte er doch das Französische genutzt. Die Grammatik versucht zu exerzieren , stolpert über seine Regeln in die Wahrheit , aber dann sind seine Helden schon tot.

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  2. Liebe - Oxytocin rauscht durch's Blut und verlangt Bindung, bei beiden Geschlechtern toben Östrogene und Testosteron in cocktailhafter Schüttelung und verlangen Paarung, Dopamin pulst durch unser Gehirn sobald wir des begehrten Menschen ansichtig werden, unsere Pupillen weiten sich, damit wir den Anblick auch vollumfänglich genießen können, Endorphin probt in uns Euphorie und Serotonin berauscht uns besser als jedes Produkt vom Dealer nebenan, der Herzschlag hat ein dröhnendes Echo im eigenen Ohr, Adrenalin und Noradrenalin bescheren uns Bluthochdruck und Bauchkrämpfe, unser Gehirnscan gleicht dem eines süchtigen Neurotikers und ein reges Sprachzentrum verkümmert zu kläglich kommunikativem Agrammatismus.

    Und dabei nur ein Dativproblem... die Amazone hält sich doch ganz gut... :)

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