Donnerstag, 29. September 2016

Und wäret Ihr verbannt wohin ginget Ihr? - Shakespeare

Ein Monolog aus "Sir Thomas Morus"
Nach dem Stand neuester Forschungen wird dieser Text Shakespeare zugeschrieben. 

Sir Thomas More ist ein elisabethanisches Theaterstück, das Sir Thomas More zum Gegenstand hat und die Frage nach Befolgung von Gesetzen und Gehorsam gegenüber der Obrigkeit und dem König. Es stammt ursprünglich von Anthony Munday (und Henry Chettle) aus der Zeit von 1596 bis 1601, erhielt aber keine Aufführungserlaubnis durch den Zensor Edmund Tillney und wurde durch mehrere Autoren überarbeitet, darunter wahrscheinlich auch William Shakespeare sowie Thomas Heywood und Thomas Dekker.
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Zu Shakespeares Zeiten waren es die hugenottischen Flüchtlinge aus Flandern und Frankreich, die nach England flohen und sich dreist benahmen, woraufhin die Londoner ihnen die Häuser anzündeten. Shakespeare schrieb dem Humanisten Thomas Morus einen Monolog, in dem er die Londoner wegen ihres Verhaltens zusammenstaucht und sie fragt: „Wie würdet ihr euch fühlen, wenn ihr mit euren Kindern an fremden Küsten . . .?“
Frank Günther

Unvollständiger deutsche Text in der Übersetzung von Frank Günther
Gesetzt, sie gehn, gesetzt, dass euer Lärm
Ganz Englands Recht und Würde niederschrie. 
Dann stellt euch vor, ihr seht die Fremden, elend, 
Mit Lumpenbündeln, Kinder auf dem Rücken,
Wie sie zu Küsten und zu Häfen trotten, 
Und ihr sitzt da, als König eurer Wünsche, 
Die Staatsmacht starr verstummt vor eurer Wut, 
Und ihr gespreizt im Protzornat des Dünkels: 
Was habt ihr dann?
Ich sag's euch: ihr habt nur
Gelehrt, wie Frechheit und Gewalt obsiegt.

Ihr wollt die Fremden niedermachen,
Sie töten, ihnen ihre Häuser nehmen
Und das Gesetz an eine Leine legen,
damit ihr ihm, wie einem Hund, entkommt!
Weh euch! Weh euch! Stellt euch doch einmal vor,
Der König liesse Milde walten und
verbannte euch: wo suchtet ihr dann Zuflucht?
Bei welchem Volk, das sich verhält wie ihr,
bekamt ihr Schutz? Geht hin nach Frankreich, Flandern,
in deutsche Lande, Spanien, Portugal,
ja, irgendwohin, wo nicht England ist –
ihr wäret Fremde. Wie gefiels euch dann,
ein Volk zu finden, das, wie ihr Barbaren,
in furchtbare Gewalt ausbricht und euch
den Aufenthalt verwehrt, ja, euch stattdessen
das Messer wütend an die Kehle setzt
und euch wie Hunde fortjagt, so als ob
ihr nicht von Gott gemacht wärt und als fehlte
bei euch was, das nur sie alleine haben?
Was hieltet ihr von solcher Art Behandlung?
So ist das Los der Fremden hier bei uns,
und so ist euer Berg von Inhumanität!

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Grant them removed, and grant that this your noise
Hath chid down all the majesty of England;
Imagine that you see the wretched strangers,
Their babies at their backs and their poor luggage,
Plodding to the ports and coasts for transportation,
And that you sit as kings in your desires,
Authority quite silent by your brawl,
And you in ruff of your opinions clothed;
What had you got? I’ll tell you: you had taught
How insolence and strong hand should prevail,
How order should be quelled; and by this pattern
Not one of you should live an aged man,
For other ruffians, as their fancies wrought,
With self same hand, self reasons, and self right,
Would shark on you, and men like ravenous fishes
Would feed on one another….
Say now the king
Should so much come too short of your great trespass
As but to banish you, whether would you go?
What country, by the nature of your error,
Should give you harbour? go you to France or Flanders,
To any German province, to Spain or Portugal,
Nay, any where that not adheres to England,
Why, you must needs be strangers: would you be pleased
To find a nation of such barbarous temper,
That, breaking out in hideous violence,
Would not afford you an abode on earth,
Whet their detested knives against your throats,
Spurn you like dogs, and like as if that God
Owed not nor made not you, nor that the claimants
Were not all appropriate to your comforts,
But chartered unto them, what would you think
To be thus used? this is the strangers case;
And this your mountainish inhumanity.


Facsimile of a page of writing by "Hand D" from the Elizabethan play Sir Thomas More, 
believed by some scholars to be William Shakespeare's handwriting.

Frank Günther zu dem Text

Kommentare:

  1. Hochaktuell und wunderschön geschrieben. Danke.

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  2. otteva schrieb: Was für ein guter klarer Text! Klasse!
    Meine Tante Emma hatte es nach den Fluchtgeschichten in ihrem langen
    Leben und zwei Diktaturen noch einfacher drauf: "Und wenn's mal
    andersrum kommt?"

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