Donnerstag, 6. November 2014

Ein Photo


Ich habe heute überraschend von einer ehemaligen Kollegin aus dem Abenddienst des DT eines ihrer privaten Photos geschenkt bekommen.
 Der Alexanderplatz Ecke Karl-Marx-Allee, die große Demonstration vom 4. November 1989 ist vorbei. Es regnet.
 
Am Abend habe ich Vorstellung im Deutschen Theater, "Ein Monat auf dem Lande" von Turgenjew. Eigentlich liebe ich diese Vorstellung, aber jetzt erscheint mir die Idee, den Zuschauern das russische Landleben und die Qualen seiner Bewohner ans Herz zu legen, völlig absurd und überflüssig.

Ich habe gerade das erste und wahrscheinlich einzige Mal einem geschichtlich wichtigen Moment beigewohnt, ohne annähernd zu begreifen, was er auslösen würde. Mein Land hat sich völlig verändert, aber es sieht noch genauso aus wie immer. Grau.

Eine Freundin hat das Photo angesehen und dachte, es wäre vor der Demonstration geschossen worden.( Geschossen, merkwürdig und merkwürdiger!) Aber ich bin sicher, es ist später entstanden, als sich die Menschen zerstreuten, auseinanderliefen, glücklich, verwirrt, hoffnungsvoll und in Erwartung von ungeahnter Zukunft.

Sie hat gesagt: Die Haltungen. Keiner sieht jemanden an. Seltsam angespannt und weggeduckt. Lauernd. Vorläufig. Beklemmende Stimmung. Steckt ganz viel DDR drin.

Sie hat Recht.

Ich und mein Mann rauchend im Regen, 
die anderen Menschen kenne ich leider nicht.
© Conny Schuerit

Kommentare:

  1. Conny Schüritz schrieb:

    Verzeihung - es ist vielleicht etwas eitel und nicht wirklich wichtig (ok, es ist eitel... oder ist es nur der Ordnung halber?) : ich habe damals am als Abenddienstleiterin am BE gearbeitet und das Foto ist WÄHREND der Demo entstanden, so wie die anderen auch - nach der Demo saß ich Cafe "Espresso" ( im "Haus des Reisens" unten) und habe beobachtet, wie ca 1. Mio Menschen innerhalb einer halben Stunde verschwanden - als wären sie nie da gewesen und die Stadtreinigung innerhalb kürzester Zeit auch noch die letzten Spuren des Ereignisses "verwischte".

    Liebe Grüße

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    1. Danke für die fein beobachtete Momentaufnahme. Dieses Foto erinnert an das Herzklopfen, die bange Spannung, nichts war auszuschließen. Es zeigt diesen Tag nicht als die reine Glückserzählung, die mit den bekannten Bildern allzu gern wie eine Folie über ihn gelegt wird.

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  2. liebe johanna, hab 2x einen kommentar eingegeben ... aber das funktioniert irgendwie nicht, hm. viele grüße ulrike

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  3. noch'n versuch:
    also du siehst ja, wo es ist: breite straße gegenüber der bibliothek, eher richtung schloßplatz. während der demo war es doch eigentlich voller, oder? weißt du noch, wie du zur demo gefahren bist oder was du danach gemacht hast? - wobei: der kommentar der fotografierenden ist natürlich das stärkste argument. aber: gibt es nicht noch andere fotos während der demo, zb von der stelle? viele grüße ulrike

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  4. Ich denke immer noch, es müßte nach Ende der Reden sein. Aber die Photographin sagt, das stimmt nicht. In meiner Erinnerung aber bleibt es so. Vor der Demo kam ich aus der U-Bahn in der Nähe des Centrum Warenhauses und währenddessen, so scheint es mir, war ich immer in der Nähe der LKW-Tribüne. Aber der Tag war so prall und verwirrend, dass ich mich nicht wirklich auf mein Gedächtnis verlassen kann. So oder so, die Stimmung des Photos ist erstaunlich.

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