Mittwoch, 16. Februar 2011

Amerika von Franz Kafka

Amerika, wird auch unter dem Titel "Der Verschollene" geführt, ist ein unvollendeter Roman Kafkas, den er um 1911 geschrieben hat.
Hier, in Ingolstadt, zeigen sie eine Spielfassung für 5 Schauspieler im Werkstatt-Theater. Sehr präzise und phantasievoll, manchmal ein wenig schwerfällig. Als wir danach über den Abend sprachen, kam mir der Gedanke, dass die scheinbare Übertölpelbarkeit des Helden, vielleicht Kafkas Vision dessen ist, was ich mal mit "Überforderung durch den Kapitalismus" bezeichnen möchte.

"Als der siebzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von Newyork einfuhr, erblickte er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht. Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte."

Du stolperst, fällst, schreitest in die Welt und diese kapitalistische Welt verlangt einfach, das du dich ihr stellst, ihre Prüfungen bestehst, ihr deinen Erfolg aus den Rippen schneidest und möglichst klaglos funktionierst, in den Parametern, die sie setzt. Und ich denke immer mehr Menschen können das nicht. Und ich meine nicht einmal nur die, die unser so genanntes soziales Netz durch seine immer größer werdenden Maschen schippt. Nein, ich sehe es zunehmend bei Leuten, die sozial ganz gut dastehen. Sie werden depressiv oder saufen oder du kannst zuschauen, wie ihr berechtigtes Selbsbewusstsein wacklig wird und schrumpft und manchmal ganz unter die Räder gerät. Leistungsdruckunverträglichkeit könnte man es nennen.  In der Medizin heißt das, Inkompatibilität mit etwas oder auch Intoleranz etwas gegenüber. Kapitalismus-Intoleranz. Klingt sehr gut, ist aber hart zu leben, weil es ja nix anderes gibt als Kapitalismus. Kein Ort - nirgendwo, wie es im Buche heißt.

„Dann sind Sie also frei?“ fragte sie. „Ja, frei bin ich“ sagte Karl und nichts schien ihm wertloser.

Und es sind nicht Personen, die schwach oder faul oder dumm sind, sondern gute Leute, kluge, die was können und plötzlich nicht mehr können. Es ist epidemisch, denke ich. Die ersten Symptome sind variabel. Die bürokratischen Erledigungen geraten aus dem Lot, müde, müde, müde, Kontakte werden vermieden oder nur noch übers Netz eingegangen, ihr wißt sicher noch viele andere Anzeichen. Das Immunsystem hält die Welt nicht mehr aus und wendet sich gegen einen selbst. Und ganz  offiziell wird dann von Mistkerlen wie Herrn Sarrazin darüber geurteilt, wie über eine Charakterschwäche oder sonst ein Defekt. 
Und wenn ich mir also die Geschichte von herrn Kafka aus diesem Blickwinkel betrachte, man bedenke geschrieben um 1911, dann gibt es diese Krankheit schon länger und wird halt nur meist unter harmloseren Namen geführt. Kapitalismus-Intoleranz kann übrigens zum Tode führen. Das ist wahr, ich habe es gesehen.

»Auf dem Rennplatz in Clayton wird heute von sechs Uhr früh bis Mitternacht Personal für das Theater in Oklahoma aufgenommen! Das große Theater von Oklahoma ruft euch! Es ruft nur heute, nur einmal! Wer jetzt die Gelegenheit versäumt, versäumt sie für immer! Wer an seine Zukunft denkt, gehört zu uns! Jeder ist willkommen! Wer Künstler werden will, melde sich! Wir sind das Theater, das jeden brauchen kann, jeden an seinem Ort! Wer sich für uns entschieden hat, den beglückwünschen wir gleich hier! Aber beeilt euch, damit ihr bis Mitternacht vorgelassen werdet! Um zwölf Uhr wird alles geschlossen und nicht mehr geöffnet! Verflucht sei, wer uns nicht glaubt! Auf nach Clayton!«



Wikipedia Inhaltsangabe:

Der 17-jährige Karl Rossmann wird von seinen Eltern in die USA geschickt, da er von einem Dienstmädchen „verführt“ wurde und dieses nun ein Kind von ihm bekommen hat. Im Hafen von New York angekommen, trifft er noch einen reichen Onkel, der ihn zu sich nimmt und in dessen Reichtum Karl nun lebt. Doch bald verstößt der Onkel den Jungen, als Karl die Einladung eines Geschäftsfreundes des Onkels zu einem Landhausbesuch eigenmächtig annimmt. Der ohne Aussprache vom Onkel auf die Straße gesetzte Karl lernt zwei Landstreicher kennen, einen Franzosen und einen Iren, die sich seiner "annehmen", freilich immer zum Nachteil von Karl. Wegen des Iren verliert er eine Anstellung als Liftjunge in einem riesigen Hotel . Anschließend wird er in einer Wohnung, die die beiden Landstreicher mit der fetten älteren Sängerin Brunelda teilen, gegen seinen Willen als Diener angestellt und ausgenutzt.
Es existieren noch zwei Textfragmente, mit Karl im Umfeld Bruneldas. Da ist eine Szene mit einer grotesken Waschung Bruneldas; dann ist Karl mit der Sängerin alleine und er transportiert sie in ein Bordell. In einem weiteren Fragment, dem vorhandenen Abschlusskapitel, entdeckt Karl ein Plakat für ein Theater in Oklahoma (Kafka schrieb durchgehend „Oklahama“), das allen Menschen Beschäftigung verspricht. Karl wird nach einer peniblen Befragung von den Werbern des Theaters aufgenommen, freilich nur „für niedrige technische Arbeiten“. Das Romanfragment endet mit der langen Zugfahrt nach Oklahoma, wo Karl zum ersten Mal die „Größe Amerikas begreift“.

Kafka soll laut Brod geplant haben, dass Karl im Theater nicht nur Rückhalt und Beruf, sondern sogar die Eltern und die Heimat wiederfindet. Dem widerspricht eine Tagebuchnotiz Kafkas vom 30. September 1915, nach dem Roßmann ein ähnlicher Tod droht wie Josef K., „Roßmann und K., der Schuldlose und der Schuldige, schließlich beide unterschiedslos strafweise umgebracht, der Schuldlose mit leichterer Hand, mehr zur Seite geschoben als niedergeschlagen“, heißt es da.

Kommentare:

  1. K.R. wird ungewollt Vater. Büßt dadurch seine Freiheit ein. Seine Eltern wollen ihm die Freiheit zurück schenken, in dem sie ihn nach Amerika schicken. Dort erblickt K.R. als erstes die Freiheitsstatue mit dem Schwert in der Hand, das Symbol für Gewalt. Folgerichtig kommt er dort am Ende durch eben diese Gewalt um. Bei dem Versuch, seinem Schicksal zu entrinnen, wurde die Bedrängnis nur erhöht.
    Bei Max Brod hätte K.R. durch die Kunst seine Befreiung erfahren. Das beweist, wie in unzähligen anderen Fällen, dass Max Brod Kafka nie verstanden hat. Kafka war ein "Klärer", Max Brod ein "Verklärer".

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  2. Wie mag wohl Kafka auf Roßmann gekommen sein?
    Gebrüder Grimm Wörterbuch:
    ROSSMÄNNIN, f. eine centaurin:
    viele centaurinnen zwar liebkoseten jenem; doch einzig
    rührte sein herz die schöne Hylonome, welche mit anmut weit der bewaldeten höhn rossmänninnen alle besiegte.
    Voss Ovids verwandl. 2, 230.

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  3. Ötti schrieb: Liebe Hanna,
    als ich AMERIKA las, habe ich an der Humboldt-Uni studiert. Ostberlin Mitte sechziger Jahre. Was Du heute schreibst, ist bis in einige Formulierungen hinein identisch mit Äußerungen seinerzeit von uns. Nicht offen im Netz, sondern mit Herzklopfen hinter verschlossenen Türen. Ich lese, was Du schreibst, und habe wieder das alte Herzklopfen, wenn ich "Kapitalismus" durch "Sozialismus" ersetze. Ich meine den, der sich selbst so nannte. Einen anderen kenne ich nicht, sagt Herta Müller. Das macht das, was Du beschreibst, nicht einfacher oder besser. Ersetze "Kapitalismus" durch
    " Welt, wann auch immer". Bitter.

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