Freitag, 25. Februar 2011

Das Volkstheater Rostock 2011 Vorschlag

Geschrieben circa 2003:

Aus Desinteresse und Ignoranz zum Tode verurteilt:
In Antwort auf einen Artikel von Professor Staszak

Ein recht bekannter und mit mir verwandter Dichter hat ein Lied geschrieben, für einen der gehängt werden soll:

„Jetzt kommt und seht, wie es ihm dreckig geht
Jetzt ist er wirklich, was man pleite nennt.
Die ihr als oberste Autorität
Nur eure schmierigen Gelder anerkennt
Seht, daß er euch nicht in die Grube fährt!“

In den letzten Wochen mußte ich nahezu täglich die widersprüchlichsten Meldungen über den Ort an dem ich arbeite lesen. „ Besucherzahlen- und Einnahmesteigerungen“; „Theaterneubau“; „Theaterneubau, aber kein Theaterensemble“; „Theaterensemble schon, aber nur für musikalische Produktionen“; „Kein Ensemble, nur die Philharmonie“.
Da ich nun mal einer derjenigen bin, die da unentwegt und in beschwingtem Tone zum Tode verurteilt werden sollen, hier mein wütender Protest:
Im Juli habe ich mit vielleicht 2000 anderen eine wunderbare Sommernachtstraumaufführung  des Volkstheater - Schauspielensembles auf der Freilichtbühne der IGA gesehen. Ist es euch egal, wenn ihr Shakespeare künftig nur noch in Hollywoodfilmform oder als tourneekompatible Billigproduktion sehen werdet?
Im letzten Winter haben hunderte Kinder den „Gestiefelten Kater“ bejubelt. Ist es euch egal, wenn sie dann wieder doch nur Fernsehen gucken können?
Im „Raub der Sabinerinnen“ habe ich Besucher so lachen gesehen, daß ihnen die Tränen über das Gesicht liefen und sie hatten nach einem Abend, prallgefüllt mit Schauspiellust und Schauspielkunst beim Verlassen des Theaters, die beseelten und heiteren Gesichter von beglückten Menschen.  Ja, ja, ich weiß, daß ist nur Komödie, aber ist es euch egal, ob es diesen Ort gibt, an dem ihr gemeinsam mit anderen und nicht nur über andere lachen könnt?
200 sechzehnjährige Schüler im „Urfaust“: „ Man, das Ist aber eine blöde Sprache“, Gekicher, Geraune, Geflüster und dann: „Der Mephisto ist aber cool!“„ Das Unglück vom Gretchen über die verlorene Liebe und das tote Kind kann ich verstehen.“ Da sind sie ganz aufmerksam und begreifen ganz viel und gelegentlich fließt auch eine Träne. Ist es euch egal, ob eure Kinder schöne Sprache klug gesprochen nirgendwo mehr hören können?
Ihr alle habt euch als Kinder mühelos in Prinzessinnen, Piraten und Indianer verwandeln können. Später ist dafür keine Zeit und es kommt einem wie so manches andere Kostbare abhanden und leider werden oft auch die Träume vernünftiger und kleiner, „man muß ja realistisch bleiben“. Wir Spieler sind berufsmäßige Träumer und Albträumer, allerdings hart arbeitende und nicht gerade überbezahlt. Ich habe es satt, daß über uns gesprochen und geschrieben und leider auch entschieden wird von Leuten, die keinen Traum haben(, als den, kein Risiko einzugehen). Wir sind nötige und nützliche Mitglieder dieser Stadtgemeinschaft, darauf bestehe ich, was nicht heißt, daß wir nicht noch besser werden sollten und können. Und wer da aus Kurzsichtigkeit, oder Pragmatismus, oder blanker Dummheit über uns die Todesstrafe verhängt, der muß auch wissen, daß er etwas Wunderbares tötet. Ist es euch egal?
Man könnte auch hintenran ein weiteres Zitat des obengenannten Dichters setzten.
„Man schlage ihnen ihre Fressen
Mit schweren Eisenhämmern ein.
Im übrigen will ich vergessen
Und bitte sie mir zu verzeihn.“
Aber das ginge wohl zu weit. Mit Gruß von Johanna Schall (Schauspieldirektorin am Volkstheater Rostock) mit der Bitte um Meinungsäußerungen.

Kommentare:

  1. Meine frau und ich waren zwei jahre am vt beschäftigt und haben es eigentlich sehr geliebt in dieser die lunge durchpustenden von möwen besungenen stadt theater zu spielen.
    Aber relativ schnell stellten sich kopfschmerzen ein die immer existentieller wurden. Mal abgesehen von so einer merkwürdigen abgestumpftheit gegenüber kulturellen dingen die in der luft zu hängen schien und den doofen politikern die sich ja so oder so ähnlich in den deutschen städten von nord bis süd tummeln roch der fisch auch aus dem innern. Bühnentechniker die die augen verdrehten wenn eine vorstellung über 2 stunden ging, unkündbare fotografinnen deren arbeit bwl studenten besser hätten erledigt die aber als ausgleich schauspieler erstmal grundsätzlich doof fand, öffentlichkeitsarbeiter die man nur sah wenn man in die kneipe ging, eine schauspieldirektorin die nich konsolidieren konnte, ein halbseidener intendant der einem aus irgendeinem grund nicht in die augen sah, kantinenfrauen und besitzer die krieg mit schauspielern hatten weil die die angewohnheit hatten nach der vorstellung was essen und trinken zu wollen ein kbb zum verzweifeln und schlußendlich ein ensemble das punkt 14 uhr die kostüme vom leib riß. Ich maße mir nicht an zu erklären woher das kommt und weiß auch von lieben und liebgewonnenen kollegen das dies auch in deiner zeit nicht immer so wahr aber wir haben das so nicht mehr ausgehalten. Wir denken oft an rostock und das vt unser zweiter sohn ist da oben auf die welt gekommen und wir hoffen und denken an sonja und die andern

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  2. Stephan Dierichs schrieb:
    Liebe Johanna! Ich verstehe Deine Wut und kann sie gut nachvollziehen. Dazu eine kleine Geschichte aus einer Zeit in der Theatermachen in Rostock schwierig aber nicht unmöglich war und doch auch von uns selbst unmöglich gemacht wurde. Ich w...urde 1986 ans VTR engagiert. Spielte mich langsam nach vorn und bekam 1987 die tolle Chance der Spartenvertrauensmann der größten Schauspielsparte an einem viersparten Theater der DDR zu werden. Die Wende kam und mit ihr die Gefahr, für die mehr als 80 Spartenmitglieder nicht in einem einmaligen Schauspielensemble verbleiben zu können. Damals machte ich mich auf mit A. Lembke die Möglichkeit zu untersuchen ob es nicht auch zwei Schauspielensembles in Rostock geben könnt. Z.B. eine Kommödie und ein Schauspielhaus. Immerhin bespielten wir damals sieben Spielstätten in Rostock und mindestens drei Abstecherbühnen und das fast täglich. Aber diese von den Theaterleuten selbst so wahrgenommene Spaltung verhinderte unsere Bemühungen. Wir blieben eins, ich wurde durch viele meiner Schauspielkollegen doppelt diffamiert und verließ das Haus mit einer Gruppe Schauspieler und Regisseure nach Magdeburg. Ich hätte bleiben können wollte aber dem dahinsiechen nicht unbedingt mit Häme auch noch beiwohnen müssen. Was ist nun aus diesem Theater geworden? Unsere Idee wurde teilweise durch M.Witte doch noch erfolgreich umgesetzt. Im VTR aber zähle ich nur noch 19 Schauspielerinnen und Spieler und drei feste Spielstätten, wobei die Bedingungen für das Spielen dort oft mehr als bescheiden sind. (Habe selbst noch im Theater am Stadthafen gastieren dürfen) Und sehe auch die schwankenden Auslastungen. Theater ist eben heute kein Grundrecht und wird auch so behandelt. Ich sehe aber auch die entsetzlich vielen Gelder die allein wegen personeller Fehlentscheidungen und Inkompetenz des Senats unnötig geflossen sind, so wie es in einer Demokratie eben üblich ist. Und ich verstehe den Entschluss des Senats sich dieser, von ihm nicht verstandenen, Geldverschleuderungsmaschine zu entledigen. Ich durfte die Wende mit politischem Theater und übervollen Zuschauerräumen, Disskusionen aus dem Publikum zum Geschehen auf der Bühne miterleben. Wurde selbst in der Inszenierung "Schwitzbad" von einem Zuschauer angegriffen der Rolle und meine Person verwechselte, ein Highlight meiner Bühnenkarriere und empfinde unsäglichen Schmerz über den Verlust eines weiteren Theaters, aber glaube nur durch den Verlust wird Rostock verstehen was es verliert und, über eher lang, ein neues Theater entstehen lassen. Ja ich würde diesen Plan auf die Vorhabenliste für die Zeit nach der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens setzen. Die Schauspieler wurden in den neunzehnhundertsiebziger Jahren in der DDR sozial abgesichert und verloren diese 1990 wieder. Und sollte es für die Zeit 'danach' die Möglichkeit geben an einem kleinen Theaterhaus ohne Ensemble in Rostock zu gastieren, dann bitte warum nicht. Aber hören wir auf unsere Kreativität in bürokratischen Grabenkämpfen mit den Verwaltungen zu vergeuden anstatt sie auf der Bühne einzusetzen. Eine Stadt hat die Regierung und die Kultur und das Theater welches sie verdient nicht umgekehrt. Und wenn wir Theater spielen wollen, findet sich ein Weg.

    und Michael Herrmann schrieb: Danke, Johanna. Es ist wohl an derzeit, genau diese Töne klingen zu lassen ohne dabei das Zuhören zu verlernen.

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  3. Ich stimme Axel Holst bei vielen Dingen zu. Der Hausfotografin, den Kantinenfrauen, Öffentlichkeitsarbeit (Katrin Hansmeier hängt immer noch mit vergilbt-grüner Nase, inzwischen "leichenblass" - HERZLICH WILLKOMMEN IM VOLKSTHEATER ROSTOCK) - eine geschmacklose Internetseite.... auch auf künstlerische ebene ist die liste von personen lang, denen man früher einen spürbaren stich hätte versetzen sollen, damit sie sich wenigstens in richtung schmerz drehen.

    mephisto (richard putzinger)war wirklich cool. das hätte man sich öfter anschauen und immer neue dinge entdecken können. in der oper war ich trotzdem nur zwei mal und dann: "Nie wieder!"
    ich glaube, es lag nicht nur am nicht wollen, sondern auch am nicht können. (Philharmonie)
    ich hatte das glück zum ensemble des schauspiels zu gehören (2006-2008). ich glaube, dass bei uns, trotz unterschiedlicher geschmäcker, arbeitslust vorhanden war. der damit verbundene spass hat sich auf's publikum übertragen. (wie's jetzt ist, weiß ich nicht)
    diesen engen, z.T. persönlichen draht zu den zuschauern hatten nicht alle sparten. deshalb hätten gerade wir mehr "öffentliche Aktionen" machen müssen, schon damals.

    ich hoffe für alle kollegen in rostock, dass sie sich dieser langjährigen lethargie entledigen können und einen neuen plan für die Zukunft entwerfen. nicht nur immer über die politiker meckern!! (die machen das gleiche, wie vor 80, 100 oder 1000 jahren - und sind zu 99% nicht euer publikum!
    in einer woche interessiert die schließung niemanden mehr. (außer die beteiligten)

    liebe grüße und viel "Kraft" sendet Euch,
    Marcus

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  4. Wir spielen weiter. Wir proben weiter. Am Samstag ist Premiere in der Komödie in Warnemünde. Wir spielen im Theater im Stadthafen, Wir spielen in Warnemünde, an vielen anderen vorübergehenden Ausweichsorten. Wir toben und tollen und träumen und spinnen. Nein wir lassen das nicht sein. Nie und nimmer. Ein Ort findet sich immer. Aber wir sind auch verdammt noch mal nicht bescheuert. Wenn ein Intendant, mit dem man eine GmbH nicht durchdrücken kann, abgesetzt wird, wofür die Stadt 300.000 Tausend (!!!) hingeblättert hat, und ein anderer geholt wird, mit dem man das in drei Monaten (!!!) durchziehen kann, der von der Stadt mit dazu eingesetzte Geschäftsführer gar nicht erst einen Haushaltsplan noch einen Finanzplan aufstellt, und dann innerhalb von wenigen Wochen der Geschäftsführer fristlos entlassen und das Haus plötzlich aus Gründen der Sicherheit ganz geschlossen wird, das ist verdammt noch mal kein Zufall.

    Tja.

    Die "Stadt" also der Herr Oberbürgermeister will kein Theater. Ist so. Man lese seine Äußerungen der letzten Jahre. Das Theater stinkt von innen. Ja. Ist so. Wir meckern nicht über Politiker. Wir sind hier engagiert um Theater zu machen. Und das machen wir. Gegen alle Widerstände. Wir sind nicht engagiert um das Theater zu retten oder der Stadt ein Theater aufzuzwingen. Ich habe hier ausverkaufte Vorstellungen vor einem Knüppeldickevollen Theater gespielt, wo die Leute geschrien haben vor Lachen und der Saal getobt hat. Standing Ovations. Ja das geht hier, das gibt es. Und sich haben berühren und verzaubern lassen. Dir Rostocker gehen gerne ins Theater und sie sind wie in jeder anderen Stadt auch bereit, sich verführen zu lassen zum Träumen. Und sich zum Denken anstossen zu lassen. Nur leider lassen sie auch zu daß ein Oberbürgermeister zusammen mit seiner "connection" eine bananenrepublikartige Alleinregierung ausübt und die Stadt verkommt. Hier ist die Demokratie noch nicht angekommen und die Bürger schauen zu, wie ihre Stadt verkommt und abgewirtschaftet wird. Inclusive Theater. Nicht alle. Nein. Aber zu viele. Das außen und innen heruntergekommene Theater ist ein Ergebnis der Stadtpolitik. Es ist vielen Menschen, die dabei viel Kraft gelassen haben, von denen die hier waren und von denen, die noch hier sind, nicht gelungen, diesen Prozess aufzuhalten. Und wir sollen das jetzt plötzlich schaffen? Sorry, aber die Suppe auszulöffeln, dafür reicht mein Appetit nicht. Wir fressen und kotzen, was das Zeug hält.

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  5. Wenn man so viel fressen könnte, wie man kotzen möchte! Ich denke an euch, ich wünsche euch, dass die Mistkerle zur Vernunft kommen, auch wenn ich nicht dran glauben kann. Und bis die ganze Stadt zumacht, macht ihr Theater. Toi Toi Toi! Umarmung, Kraft, Liebe!

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