Samstag, 26. Februar 2011

Hamletmaschine


Gestern abend "Hamletmaschine" im kleinen Theater in Ingolstadt. Drei Schauspieler, ein Rollstuhl und Text. Shakespeare, Müller und das Viele, was da hineingewachsen ist. Gut zuzuhören, wie sich drei Leute mit diesen Texten herumschlagen. Gar nicht so sehr Inszenierung, mehr eine Konfrontation mit der Last der Worte. Worte, die, wenn du sie zu sprechen versuchst, sich wie ein Alb auf deine Schultern hocken und dir die Knie einknicken lassen.
Vor vielen Jahren im Deutschen Theater Ulli Mühe ganz hinten, oben im Bühnenbild der Müller-Inszenierung von "Hamlet", eine lange Pause, er rennt, stürzt ganz nach vorn, schmeißt sich hin und stößt, so schnell er kann, die gefürchteten Zeilen: "Sein oder Nicht Sein..." hervor, dann ein Ausatmen, gut das ist weg, jetzt kann ich weiterspielen. Das war für mich ein so wahrer Moment, dass ich laut aufgelacht habe, leider allein. Als ich Jahre später, das Stück (Hamlet) selber versucht habe, habe ich den Monolog ganz an den Anfang gesetzt, als Versuch Hamlets Ophelia zu beeindrucken. Es kann herrlich sein von einem Mann ins Bett geredet zu werden, oder? Viel später wird das Mädchen die Worte wiederholen, mißbraucht von jedem einzelnen Mann, werden sie ihr aus dem Mund fallen. Sie kommen ganz leicht:

Sein oder nicht sein, das ist die Frage –
Ob es von edlerm Geist ist, auszuhalten
Geschoß und Schleuder des wütenden Geschicks
Oder, in Waffen gegen eine See
Von Plagen, enden im Aufstand. Sterben, schlafen
Nicht mehr, und sagen mit dem Schlaf: vorbei
Das Herzweh und die tausend Qualen, unser
Fleischliches Erbteil. Das ist ein Schluß
Aufs innigste zu wünschen. Sterben, schlafen.
Schlafen, träumen vielleicht. Da ist der Haken.
Denn was im Todesschlaf für Träume kommen
Wenn abgestreift ist dieses Erdenwirrwarr.
Das hält uns auf - das ist die Furcht
Die macht, daß Elend derart lange lebt:      

Und ihre Antwort ist der Fluss.

Gestern abend haben die drei Spieler es erlaubt, dass ich ihre Neugier und ihre Überforderung mit ihnen teile und das hat den Abend spannend und wach werden lassen. Ich konnte folgen oder auch manchmal voranlaufen, abbiegen, kreuzen. Schön. Nur ganz am Ende, beim Elektra-Text: "Wenn sie mit Fleischermessern durch euer Schlafzimmer gehen, werdet ihr die Wahrheit wissen (ungefähres Zitat)", da wurde es bedeutungsschwer und ließ mich allein. Sind denn Hass, Verachtung, Rebellion und Tod, wirklich alles, das bleibt? Und wenn, warum sind wir dann nicht alle im Fluss, mit oder ohne Blumen im Haar. Was hält uns auf? Nur die Furcht?



To die, to sleep--
To sleep--perchance to dream: ay, there's the rub,

For in that sleep of death what dreams may come
When we have shuffled off this mortal coil,
Must give us pause. There's the respect
That makes calamity of so long life.
 
rub = die Reibestelle, da wo Reibung entsteht.
 

Kommentare:

  1. Alexander Höchst26. Februar 2011 um 15:03

    Tolle Idee, Ophelia den "Sein oder nicht Sein..." Monolog wiederholen zu lassen. Ophelia hat in ihrer existentiellen Klugheit keine Angst vor dem was kommt nach dem Tod. Sie ist sich sicher. Was kommt, kann nicht schlimmer sein... Wie du es sehr schön sagst, der Fluss ist ihre Antwort.

    Wenn es erlaubt ist, eines meiner Lieblingsgedichte:

    Arthur Rimbaud

    Ophelia
    I

    Durch die Wellen still und schwarz, wo die Sterne schlafen,
    Treibt wie eine große Lilie bleich Ophelia,
    Ruht in ihren langen Schleiern, treibt ganz langsam, fahl …
    – Aus den fernen Wäldern tönen Hallalis und Tralalas.

    Mehr als tausend Jahre schon zieht Ophelia
    Wie ein weißes Nachtgespenst durch den schwarzen Fluss dahin;
    Mehr als tausend Jahre schon raunt in süßem Wahn
    Trauernd sie ein Liebeslied in den Abendwind.

    Und der Wind küsst ihre Brüste, zaust die Blumenkrone,
    Während ihre langen Schleier träges Wasser bauscht;
    Gruselige Trauerweiden weinen in der Schulterzone,
    Über ihrer hohen Stirn träumt gebeugt ein Rosenstrauch.

    Seerosen seufzen bei ihr, und sind tief geknickt;
    Und manchmal weckt sie, bei verschlafenen Erlen,
    Ein Nest, das sich mit Flügelflattern regt:
    – Geheimnisvoll fällt's Lied von goldnen Sternen.


    II

    Ophelia, so bleich! Und wie der Schnee so schön!
    Ja du starbst, ein Kind, vom Flusslauf weggeschleppt!
    – Weil Norwegens Winde, stürzend von den Höhn,
    Dir von herber Freiheit leise was erzählt;

    Nur weil dir so ein Hauch das lange Haar gezaust
    Und fremdes Rauschen trug in den verträumten Geist;
    Weil dein Herz dem Singen der Natur gelauscht,
    Wo die Wälder klagen und die Nacht geseufzt;

    Weil des Meeres Stimme, sein brüllendes Gekeuch,
    Die Kindbrust dir zerschmettert, die menschlichste, so süß;
    Weil morgens im April, ein schöner Ritter bleich,
    Zu deinen Knien sich stumm und scherzhaft niederließ!

    Welch Träumen, arme Irre, von Liebe! Freiheit! Himmel!
    Du schmolzest für ihn hin wie Schnee, den Feuer taut,
    Gewaltige Visionen erstickten deine Stimme
    – Unendliches erschreckte deiner Augen Blau!


    III

    Und der Dichter sagt, dass, wenn die Sterne strahlen,
    Kommst du nachts zu suchen die Blumen, die du brachst,
    Und dass auf dem Wasser, in langen Schleiern schlafend,
    Bleich wie eine große Lilie treibt Ophelia.

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  2. Und ein anderes Gedicht:

    Fortinbras' Klage
    Für M.C.
    Allein geblieben prinz können wir jetzt von mann zu mann miteinander reden
    wenn du auch auf der treppe liegst und soviel siehst wie die tote ameise
    das heißt die schwarze sonne mit den gebrochenen strahlen
    niemals konnt ich an deine hände denken ohne zu lächeln
    und nun da sie auf dem stein wie abgeschüttelte nester liegen
    sind sie genauso schutzlos wie vorher Das ist das Ende
    Die hände liegen gesondert Der degen gesondert Gesondert
    liegen kopf und beine des ritters in weichen pantoffeln
    Du wirst ein soldatenbegräbnis haben wenn du auch kein soldat warst
    das ist das einzige ritual auf das ich mich etwas verstehe
    es wird keine kerzen geben und keinen gesang sondern lunten und donner
    trauertuch über dem pflaster helme beschlagene stiefel
    artilleriepferde trommelwirbel wirbel ich weiß schön ist das nicht
    das wird mein manöver sein vor der machtübernahme
    man muß diese stadt an der gurgel fassen und etwas schütteln
    So oder so du mußtest fallen Hamlet du taugtest nicht für das leben
    du glaubtest an die kristallbegriffe und nicht an den menschlichen lehm
    du lebtest in ständigen krämpfen und jagtest träumend chimären
    du schnapptest gierig nach luft und mußtest dich gleich erbrechen
    kein menschliches ding gelang dir nicht einmal das atmen
    Jetzt hast du ruhe Hamlet du tatest das deine
    nun hast du ruhe der rest ist nicht schweigen doch mein
    du wähltest den leichteren teil den effektvollen stich
    was aber ist schon der heldentod gegen das ewige wachen
    mit kaltem apfel im griff auf erhöhtem stuhl
    mit blick auf den ameisenhaufen und auf die scheibe der uhr
    Leb wohl mein prinz mich erwartet das kanalisationsprojekt
    und der erlaß in sachen der dirnen und bettler
    ich muß auch ein bessres gefängnissystem erfinden
    denn wie du richtig meintest Dänemark ist ein gefängnis
    Ich gehe zu meinen geschäften Heut nacht wird der stern
    namens Hamlet geboren Wir kommen nie mehr zusammen
    was von mir bleibt wird kein gegenstand einer tragödie
    Wir sollten uns weder willkommen noch abschied sagen wir leben auf inselmeeren
    und dieses wasser die worte was sollen was sollen sie prinz

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  3. die Elektra kommt um zurückzunehmen, um zu befreien also, um fruchtbar zu machen, ist fruchtbar, sie hält die wahrheit bereit - ist die wahrheit.

    insofern . nein - das ende ist nicht tod, hass und verachtung. am ende steht wissen, ein strohhalm für die einen, eine ganze welt für mich.

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