Dienstag, 11. September 2018

Herr Bertolt Brecht

Ich habe einen berühmten Großvater. Zufall. 
Ich habe mich mit seinen Arbeiten beschäftigt. Berufsbedingt. 
Ich bin einer von mehreren seiner Erb-Vertretern. Verantwortung.
Ich habe ihn über die Jahre, unbekannterweise, liebgewonnen. Überraschung.
Von 1898 bis 1956 hat er gelebt und mit 58 Jahren ist er gestorben, sein Herz hat wohl einfach nicht mehr gekonnt. 
Zwei Weltkriege, "die" Wirtschaftskrise, mehrere extreme Ideologiewechsel hat er erlebt. Ein halbes Jahrhundert angefüllt mit Brüchen, großer Kunst, Konzentrationslagern und Gulags, Freunden, Verrätern, Ermordeten, Hitler und Stalin, ja, und auch Ulbricht, einschließlich anderer heftiger Unvereinbarkeiten hat er durchlebt, ertragen und dagegen angeschrieben. 
Kein einfacher Mann, keine einfache Zeit.
Geschrieben hat er immer. Jung und siegessicher in Augsburg, München & Berlin, noch immer jung und erfolgreich für das Theater am Schiffbauerdamm, nicht mehr so jung, und nach der Bücherverbrennung ohne Veröffentlichung, in wechselnden Ländern auf der Flucht vor den Armeen Nazideutschlands. Schon älter in Hollywood, dass sich nicht für seine Klugheit interessierte. In seinem letzten Lebensabschnitt im östlichen Deutschland, weil er dort ein Theater für seine Stücke bekam, ungeliebt, aber verwendbar für die gute Aussenansicht. Nie in Übereinstimmung, aber immer schreibend. Geschrieben hat er immer.

  © Ellen Auerbach

Als niemand seine Stimme hören konnte, als er "mundtot" gemacht wurde, und er doch nichts als seine Worte hatte, was, wer war er dann?
Sein Umgang mit Frauen war kompliziert. Spießbürgerlich im Kern und bohèmehörig in der Realisierung. Kluge Frauen, begabte Frauen, die zu wenig Forderungen stellten, waren seine Mitarbeiter. Warum? 
Und es gab eine Frau, seine Frau, die ihm das Arbeiten durch alle Katastrophen und alle Armut ermöglichte, den Tisch, den Stift, die Ruhe, den Tee, die Kinder.
Er wusch sich ungern und er rauchte Zigarren, er war Poet und ein verwundeter, zutiefst involvierter Chronist seines Jahrhunderts.
In unserer moralsüchtigen Zeit würden er und Oscar Wilde und William Shakespeare und auch Herr Goethe als politisch gänzlich unkorrekt im Nirvana der heißlaufenden #metoo Debatten begraben werden. Aber da sind sie nun, Poeten, Dichter, Seher und / aber auch schwach, dumm, in ihrer Zeit verwurzelt. In sicheren Zeiten ist es einfacher ein guter Mensch zu sein, nicht?
Feines Zitat aus einem seiner Stücke, dem "Galileo Galilei":
Andrea: "Unglücklich das Land, das keine Helden hat."
Galilei: "Unglücklich das Land, das Helden nötig hat."


Sie haben geblutet, nicht dickflüssiges Rot, aber Worte. Worte. Wörter. Solche, die das Hirn wach machen, das Herz treffen, die Mundwinkel anheben, den Geist erleichtern. Sie waren keine Vorbilder, aber sie haben diesem schwierigen, manchmal geradezu unerträglichen Leben die nötigen Fragen gestellt.

SCHWÄCHEN
Du hattest keine
Ich hatte eine
Ich liebte 

bb

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