Sonntag, 23. September 2018

60

Ein komisch Ding so ein sechzigster Geburtstag. 

Mein sechzigster Geburtstag!

Damals, als ich jung war, ein skurriler Satzanfang, gingen Leute mit Sechzig in Rente und die Vorstellung jemals soooo alt zu werden, schien mir völlig absurd. Alte liefen nicht, sie tapperten, tranken dünnen Kaffee und aßen große Stücke Margarinetorte, hatten blasse Augen, dünne Stimmen und unpassend neue Zähne. Sie redeten von früher, als es besser oder härter war, und kniffen dich zärtlich in die Wange. Aliens wären mir näher, gewesen als diese halbtoten Wackelgreise. Was für hochmütige Augen ich hatte. Alt waren die anderen. Die Ausnahme: meine Großmutter.

1986. 

Meine Freundin Annette und ich entwickeln eines Nachts in der Kantine des DT die Vision einer allmächtigen Seniorenabfangstasi, die am späten Abend deines sechzigsten Geburtstages mit einem unauffälliger Barkas vor Deinem Haus parkt, (die Idee entstand in der DDR, der Barkas war das DDR-Equivalent zum VW-Bus), Dich kidnappt, an einen geheimen Ort verfrachtet und in einen Rentner umformt. Die Haare werden ausgedünnt, mittelkurz geschnitten, violett-blau-weiß getönt und dauergewellt, die Garderobe wird entsprechend zusammengestellt: labrige Rippenunterwäsche, hautfarbenen Strumpfhose, ein Blouson in greige, das lose Oberteil dezent geblümt, dazu die helle Stoffhose mit exakter Bügelfalte und bequeme flache Schuhe, die heute Marga Schöller liefert. Und am nächsten Morgen wirst du wach, hast die Ereignisse der Nacht vergessen, quälst dich ächzend aus deinem Bett, setzt das Gebiß ein und kochst dir erstmal einen Blümchenkaffee.
Nettie ist unerhörterweise und gänzlich gottverneinend so früh gestorben, dass sie den Gegenbeweis nicht erleben durfte. Bei unserem letzten Zusammensein, schon sehr krank und schwach, hat sie mich hart am Kragen gegriffen und mit schwacher Stimme gesagt: "Wage es nicht, dein Leben nicht zu geniessen!"

Jetzt bin ich 60.

Diese letzte Drohung hab ich mir gemerkt. 60 Jahre Welt. 60 Jahre lernen. Und da bin ich nun, ein wandelnder Widerspruch. Wache auf und bin stark und unternehmungslustig, mein Spiegel bestätigt mir freundlich diesen Eindruck. Und manchmal kenne ich das mir entgegenblickende Gesicht kaum, es ist alt, müde, irgendwie unscharf. Aber solang die Gesundheit mitspielt, bleibt die Entscheidung bei mir. Interessiere ich mich für die Welt? Bleibe ich widerständig? Kann ich noch über mich lachen? Liebe ich noch? Solang es Freunde und Widersacher gibt: Lets dance!


P.S. Am Abend des Geburts-Tages der Anruf von der Mutter einer Freundin: "91 an 60, 91 an 60!" Sie hat noch eine Jahreskarte fürs Schwimmbad! 

P.P.S. Übrigens kriege ich die nächste Bahncard als Senior zu ermäßigtem Preis, juchuh!


Gestutzte Eiche
 
Wie haben sie dich, Baum, verschnitten
Wie stehst du fremd und sonderbar!
Wie hast du hundertmal gelitten,
Bis nichts in dir als Trotz und Wille war!
Ich bin wie du, mit dem verschnittnen,
Gequälten Leben brach ich nicht
Und tauche täglich aus durchlittnen
Roheiten neu die Stirn ins Licht.
Was in mir weich und zart gewesen,
Hat mir die Welt zu Tod gehöhnt,
Doch unzerstörbar ist mein Wesen,
Ich bin zufrieden, bin versöhnt,
Geduldig neue Blätter treib ich
Aus Ästen hundertmal zerspellt,
Und allem Weh zu Trotze bleib ich
Verliebt in die verrückte Welt.

Hermann Hesse 1919

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