Montag, 10. April 2017

der die mann

Die Lebenschancen eines so schmalen, so verstreuten, so provisorischen, so etüdenhaften Werkes sind gering. Die es kennen, werden es nicht so bald vergessen. Aber das hilft ihm (dem Autor) wenig.
E. Zimmer in Der ZEIT über Konrad Bayer

Werner Fritsch hilft ihm (Konrad Bayer) viel.


Meine Trauer über das Ende der Volksbühne, wie ich sie liebe, können wir als gegeben nehmen, darum heute hier nur über den Theaterabend. Nur. Haha. 

Sieben Schauspieler, vier Musiker, eine gelbe Riesentröte, eine rote Treppe, ein spiegelnder Bühnenboden, ein weiter weißer Gipshorizont, ein Bungee-Seil (grün), drei verbiegbare Mikrophone (rot, blau, gelb), ein nichtbiegbares (silber mit rotem Spuckschutz), eine riesige, elegante Drehbühne, gefühlte 100 unterschiedliche präzise Lichtstimmungen, Texte des österreichischen Nachkriegs-Dadaisten Konrad Bayer (nach dem zweiten, der beiden europäischen Großmetzeleien des zwanzigsten Jahrhunderts) und Handwerk, Timing, Denken, Musikalität, Furchtlosigkeit, Schwitzen, Kraft und Artistik. 
Der unbedingte Wille zu unterhalten auf höchstem Niveau, wobei überhalten, gäbe es das Wort, genauer beschreiben würde, was hier stattfindet.

Zwischendurch ein Meckerabsatz: Glätte passiert hier und da, zu genaues Wissen um Wirkung winkt aus der Zukunft, der Applaus war, für meinen Geschmack zu militant-zirzensisch organisiert. Der sehr verehrte Herr Fritsch könnte irgendwann einmal too cool for school werden. Too cool for school, a state in which a person thinks him or herself superior to everyone else in a given group or in general, sagt der Urban Ditionary. Hier am passendsten übersetzt, er könnte schlauer werden, als gut für ihn ist.

Aber, aber, aber, mannomann, können die gut, was sie tun. Sie können es, weil sie es geübt haben. Sprechen, singen, sich bewegen, nicht alle können alles gleich gut, aber jeder etwas sehr gut und jeder/jede bekommt den Raum, um sein/ihr Talent, ihren höchstpersönlichen Irrsinn, uns, zu unserem Vergnügen, anzubieten. 

Bedenkend, dass Komik, meines Erachtens, zu den verachteten Künsten des heutigen deutschen Theaters gezählt wird, könnte man Herbert Fritsch, wenn er nicht dennoch so erfolgreich wäre, zu den durch Harakiri gefährdeten Regisseuren unserer Zeit rechnen. Wäre er nicht so unverschämt, würde man ihn töten oder tiefmitleidig zur Selbsttötung überreden. Ich bin froh, dass Überdruß nicht sein Hauptthema ist. Und auch nicht der Mangel an Dramatik in unserer Zeit. Denn ich glaube, jede Zeit kann ihre Tragödien nur für sich selbst definieren. Postdramatik gibt es ausschließlich für angstgeschüttelte und gleichzeitig zutiefst gelangweilte Dramaturgen. Postdramatisch wird es erst dann werden, wenn wir alle verschwunden sind. Drama ist eine den Menschen eigene Sicht auf ihre Erlebnisse, die demnach erst mit den Menschen verschwinden wird. Das Hauptkennzeichen des Dramas nach Aristoteles ist die Darstellung der Handlung durch Dialoge, sagt Wiki. Und solange wir Menschen existieren reden wir miteinander, versuchen wir, uns zu verständigen, allen ungeheuren Widerständen zum Trotz. Mich macht dieses Gefasel über das Ende des Dramas, der Unmöglichkeit der Tragödie ganz kirre, was erlauben sich übersättigte Theaterwissenschaftler, wenn sie ihnen unbekannten Menschen, die Fähigkeit zum Leiden absprechen?

Wenn Annika Meier, nachdem sie noch am Gummiseil kopfüber hängend Poesie stotternd, wieder Boden unter den Füßen hat, macht sie noch die Entfesselung aus dem Seil zum Vorgang voll Witz und Würde. Florian Anderer, Jan Bluthardt, Werner Eng, Ruth Rosenfeld, Axel Wandtke, Hubert Wild - Hut ab, Augen auf, Danke sagen. Die Pilzkopfperücken saßen auch am Ende noch fest, aber die grauen Anzüge waren an einigen Körpern nur noch schweißdurchtränkte Lappen.
Dada. DADA. Konrad Bayer, geboren 1932 in Wien, sechs Jahre vor dem Anschluß, gestorben, durch Selbsttötung im Jahr 1964, im Alter von zweiunddreissig Jahren. Er konnte nicht mehr an die Möglichkeit der Verständigung glauben. Er befand sich im Zustand der Post-Dramatik.


http://www.deutschlandfunk.de/zum-50-todestag-von-konrad-bayer-die-qual-der-sinnlosigkeit.871.de.html?dram:article_id=299891

http://www.zeit.de/1964/43/erinnerung-an-konrad-bayer

https://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=13845:grimmige-maerchen-herbert-fritsch-blaettert-am-schauspielhaus-zuerich-durch-vergessene-seiten-von-grimms-maerchen&catid=38&Itemid=40

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen