Donnerstag, 27. April 2017

Fluggast 2017

Eine beliebige Flugreise mit einer beliebigen Fluggesellschaft im Jahr 2017, dem Jahr 16 nach 9/11 und dem zigsten Jahr im scheinbar ewigen Wettkampf der Fluggesellschaften um hohe Gewinnspannen.

Das Abenteuer beginnt, außer in Tegel, bei weiten Reisen, heutzutage zwei Stunden vor Abflug, mit Warten. In Israel waren es drei.
Entweder hat man, wie ich, online eingecheckt und wandert halbwegs flüssig durch die Gepäckaufgabe, oder lungert ergeben in der langen, langsamen Schlange vor einem der zu wenigen Eincheckschalter.

Passkontrolle, hier verliere ich einen Mitreisenden, der die notwendigen,  neuerfundenen Papiere nicht vorweisen kann und betäubt zurückbleiben muß. ETA, SETA - Länder, gerade noch visafrei besuchbar, tricksen ein Halbvisum herbei, online auszufüllen, ein paar Euro bezahlt und das Versprechen gegeben, dass man kein Terrorist sei. Wenn man allerdings die Info verpaßt hat - aus der Traum.
 
Sicherheitskontrolle, mein Cremedöschen wird als mögliches Sprengstoffbehälterchen konfisziert, meine schwitzige Fußsohlen mißtrauisch untersucht, das iPad aufgeklappt und angestarrt. Verkrampfte Körper werden zentimeterweise abgefühlt oder in Röntgen-Fix Kabinen durchleuchtet, die Füße gespreizt aufgestellt auf den auf dem Boden gemalten Sohlen, die Hände in Ergebungsgeste erhoben. Anmerkung: Schuhe sollten lecht an- und ausziehbar sein, die Dame vor mir, hat eine halbe Stunde die Senkel ihrer oberschenkelhohen Schnürstiefel bearbeitet. 

Tegel rund, praktisch und ältlich, kurze Wege und wenig Glamour, Frankfurt geeignet für Marathontrainingseinheiten, München mit schickem Shuttleservice, Genf mit Raucherlaubnis unter Dunstabzugshauben, Charles-De-Gaulle ohne Wegweiser, Heathrow mit psychedelischen Teppichmustern, aber letztendlich gleichen alle großen Flughäfen mehr und mehr anonymen Einkaufszentren mit angeschlossenem Flugbetrieb. Das Essen ist schlecht und überteuert, Sushi, nur entfernt mit der japanischen Speise verwandt, immer noch die sicherste Wahl, reichlich Wasabi deckt auch den ödesten Fisch mit Schärfe zu.

Ich beobachte, wie in umgekehrter Proportionalität zum immer geringeren erlaubten Gewicht des abzugebenden Gepäcks, die ins Flugzeug mitgenommenen Taschen an Masse zunehmen. Dass heißt, dass ich in den engen Gängen des Luftgefährts erst anderen mein Zeugs um die Ohren schlage, und dann sitzend, selbst mehreren fetten Taschen nur um Haaresbreite ausweichen kann. Wir drängeln uns also, zugehängt mit Handgepäck; Rollkoffer, Computertasche, Nackenkissen etc. auf die Sitze, Fenster bevorzugt, Mitte gehaßt, Gang geht noch, mit dem Nachteil, dass man den Arm oder den Arsch der überlasteten Flugbegleiter gelegentlich mitten im Gesicht hat. 
Flugbegleiter, Steward oder -ess, einstmals ein Beruf mit der schicken Aura der Weltläufigkeit, ist heute, zumindest auf Kurzstreckenflügen, wohl eher die Pflicht in häßlicher Uniform Wagen mit vielerlei Getränken im Sausetempo durch schmalste Gänge zu schubsen. Je schmaler der Gang, desto mehr Sitze passen rein, na klar. Aus wissenschaftlich nachweisbaren, mir nicht erinnerlichen Gründen, ist Tomatensaft und sein alkoholischer Verwandter, die Bloody Mary, in Flugzeugen besonders beliebt.

Economy - Premium Economy - Business Class - First Class. 
Glasklare Klassenunterschiede auf engstem Raum, ohne die übliche verschwiemelnde Tünche, extra Einstieg, besseres Essen, freundlicherer Service in Sichtweite, denn für Start und Landung müssen die verhüllenden Vorhänge weggezogen werden. Entweder sitzt du, die Ohren im direkten Kontakt mit deinen Knien und die Ellbogen im Dauerstreit um die schmale Armehne mit Deinem Nachbarn. Oder du entspannst in Eigenentscheidung über den Grad deines Lümmelns.

Detail: Ich muß pullern, als gerade Essen verteilt wird, der Wagen versperrt den Gang links und rechts, die Toiletten in die andere Richtung sind den Gästen der ersten Klasse vorbehalten, Gott sei Dank habe ich eine geduldige Blase. 

Mein letzter Flug, gestern, acht Stunden in Economy plus, was nicht zu unterschätzende 20 Zentimeter mehr Beinfreiheit bedeutet und metallenes Besteck, anstatt Plastemessern. Auf einem Bildschirm 20x30 schaue ich Star Trek XVII. und diverse andere uninteressante Filme. Essen habe ich mitgebracht. Es geht nach Hause, ich bin voller Vorfreude. Nur einhundertfünfzig Jahre früher hätte ich sechs Tage benötigt, um von Amerika nach Hause zu fahren, per Schiff.

So sagt es Wiki: Die Dauer der Überfahrt von Europa nach Amerika hat sich im Laufe eines Jahrhunderts folgendermaßen verringert: Im Jahre 1801 stellte der einer Hamburger Reederei gehörige Dreimaster „Hoffnung“ mit der Reisedauer von 30 Tagen einen Rekord auf. Bis dahin hatten Segelschiffe im Durchschnitt 33 Tage zum Kreuzen des Ozeans gebraucht. Bereits 18 Jahre später, 1819, brauchte als erster Ozeandampfer die „Savannah“ zur Überfahrt nur noch 25 Tage, obgleich das Fahrzeug äußerst plump konstruiert war und wegen Raummangels nicht genügend Kohlen für die ganze Reise mitnehmen konnte. 1830 wurde dann von dem Engländer Cunard, nach dem die berühmte Reederei noch heute ihren Namen führt, die erste regelmäßige Dampferverbindung zwischen den beiden Kontinenten eingerichtet. Die Cunardschiffe, ebenfalls Raddampfer, legten die Strecke bereits in 18 Tagen zurück. 1848 wurde der bisherige Rekord dann durch die „Britannia“ gedrückt, die nur 14 Tage bis New York gebrauchte. Bereits 8 Jahre später, 1856, brachte es die mit Maschinen von 3600 Pferdestärken ausgestattete „Persia“ auf 9 Tage. Mit der Einführung der Schiffschraube für die Ozeandampfer und des Stahles als Baumaterial gelang dann eine weitere Verkürzung der Reisedauer. 1860 sehen wir den ersten Schraubendampfer, den „Excelsior“, den Ozean in 8 Tagen kreuzen. 1862 brauchte der Hamburger Dampfer „Prussia“ nur noch 7 Tage. 1887 erreichte die in Deutschland erbaute „Lahn“ ihr Ziel in 6 Tagen.

Das Fliegen in den Sechzigern: https://www.youtube.com/watch?v=QaXZ8Nisyjo 
https://www.youtube.com/watch?v=2sgVW484UW0 
https://www.youtube.com/watch?v=sHELzkz6Z_8 

Die Fliege im Flugzeug
Ich war der einzige Passagier
Und hatte - nur zum Spasse -
Eine lebende Fliege bei mir
In einem Einmachglase.

Ich öffnete das Einmachglas.
Die Fliege schwirrte aus und sass
Plötzlich auf meiner Nase
Und rieb sich die Vorderpfoten.
Das verletzte mich.
Ich pustete. Sie setzte sich
Auf das Schildchen "Rauchen verboten".

Ich sah: der Höhenzeiger wies
Auf tausend Meter. Ha! Ich stiess
Das Fenster auf und dachte
An Noahs Archentaube.
Die Fliege aber - ich glaube,
Sie lachte.
Und hängte sich an das Verdeck
Und klebte sehr viel Fliegendreck
Um sich herum, im Kreise,
Unmenschlicherweise.

Und als es dann zur Landung ging,
Unser Propeller verstummte,
Da plusterte das Fliegending
Sich fröhlich auf und summte.

Gott gewiss, was in mir vorging,
Als solches mir durchs Ohr ging.
Ich weiss nur noch, ich brummte
Was vor mich hin. So ungefähr:
Ach, dass ich eine Fliege wär.

Joachim Ringelnatz

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen