Sonntag, 31. August 2014

WUT!



      
    Singe den Zorn, o Göttin, 
    des Peleiaden Achilleus 
  Illias, erste Zeile

      Sei nicht so wütend, die Gänse zu beißen, und nicht so schwach, von 
      Gänsen dich beißen zu lassen.

 
      Dampf ablassen oder vor Ärger platzen?
      Aufbrausen, einen Koller kriegen, einen Wutausbruch haben,  
      sich entrüsten, sich empören, es satt haben, toben, seinem Zorn
      freien Lauf lassen, in die Luft gehen, die Fassung verlieren, rot sehen, 
      ergrimmen, aufbegehren, austicken, ausrasten, aus der Haut fahren, 
      mit der Geduld am Ende sein, in Rage geraten, explodieren, rasen,
      fuchsteufelswild werden, einen Hals haben, garstigwerden, vor Wut 
      schäumen oder tief durchatmen und bis zehn oder 155 zählen? Was tun
      in dem Augenblick, wo der Kragen platzt, der Hut hoch geht,
      Schluß ist, man an die Decke geht?
     
      Zorn gleicht einem vorübergehenden Wahnsinn, denn er ist, ebensowenig    
      wie dieser, Herr über sich selbst.
      Seneca 
  
      "Johanna, die Milch kocht über!" flötete Fräulein Montowski durch das
      Klassenzimmer, wenn ich, siebenjährig, wegen irgendeiner empfundenen
      Ungerechtigkeit, wieder die idiotische Disziplin der sozialistischen
      Grundschule störte. Lehrer, Therapeuten, Kummerkastentanten, alle
      möglichen Leute raten einem dazu, Ruhe zu bewahren. Wer die
      Contenance verliert, macht sich klein. Wer pur reagiert, verliert die
      Oberhand. Wer die Kontrolle verliert, verliert. Warum eigentlich?

      In meiner Jugend wurde ich oft von allzuleicht erregbarem Jähzorn gequält,
      das hat sich gelegt. Gottseidank. 
      Es dauert heutzutage lang, sehr lang bis ich die Ruhe verliere. 
      Und dann folgt erst noch die Phase, wo ich die Wut unterdrücke,
      meine Unterlippe zittert und ich, welch Ironie, vor Wut platzen könnte,
      weil ich nicht weinen mag, weil das wie Demut wirken könnte.
      Sicher ist meine größere Geduld auch antrainierte Vorsichtigkeit, um nicht 
      andauernd mit beiden Beinen knietief in verschiedensten Fettnäpfchen
      herumzustehen, aber auch Folge der entspannteren Amüsiertheit meines 
      höheren Alters.
      ABER, aber, wenn mein Limit erreicht ist, dann ...
      Ich bin froh, dass ich noch sauer werden kann. Froh, dass ich nicht
      immer überlegt und bedacht handele. Wenn ich lange genug Verständnis
      und Mitgefühl gezeigt habe und mir im Gegenzug Unverschämtheit und 
      Nachlässigkeit erwiesen wurde, dann lege ich irgendwann mein wohl-
      erzogenes, einsichtiges, immer auch die Gegenseite verstehendes
      Ich ab und lasse meinem garstigen, empörten, verletzten Ego freien
      Lauf. Oh, welche Erleichterung! Ja, die Folgen muß ich ausbaden, und
      wenn schon. Das ist es wert!
      Fuck it!
     
http://www.sueddeutsche.de/kultur/peter-sloterdijk-zorn-und-zeit-entdecke-buerger-den-zorn-1.878953

 

Kommentare:

  1. IRA - Wut - Zorn
    Senecas Traktat DE IRA scheint mir - nach meinem Sprachgebrauch und Sprachgefühl - eher von Wut als von Zorn zu handeln. Wut, denke ich, ist der Affekt, Ausblendung der Ratio, während Zorn über den Impuls des Affekts hinausgeht, steuerbar wird, und durchaus rational strategisch und taktisch ausgebaut werden kann - bis zum "heiligen Zorn", zur formulierbaren Idee, und auch weiter zur eiskalten Ideologie, die dann wiederum affektives Verhalten bei anderen evozieren kann. So oder so.
    Juristen haben zu unterscheiden zwischen Totschlag (Affekt) und Mord (Plan).

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  2. Ich meine hier ganz sicher die affektive Wut und nicht den heiligen oder unheiligen Zorn.

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  3. Mut zur Wut!
    http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/psychologie-wuetendes-gesicht-laesst-menschen-staerker-erscheinen-a-988824.html

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  4. Wütend bin ich eigentlich immer
    auch gerne mal
    es ist wie ein Schmerz
    den ich mir manchmal zufüge
    zornig bin ich, wenn die Wut nicht mehr reicht
    Jähzorn überlasse ich meinem Sohn, wenn er mal wieder nicht bekommt, was er will...

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  5. Wut scheint dann privater oder intimer zu sein als Zorn. Ich kenne sie im Zusammenhang mit Ohnmacht gut. Und auch sonst. Klar. Es ist höchst ungesund, ihr nicht Luft zu machen. Dampf abzulassen. Wenn sie falsch adressiert abgelassen wird ist sie wie Dominosteine und wird weiter gereicht. Immer auf den nächst ungefährlicheren, also schwächeren. Um sie dahin zu adressieren, wo sie hingehört, braucht es manchmal Mut. Oder ihre Umwandlung in Zorn.

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