Samstag, 17. Mai 2014

Theater hat auch eine Premiere - König Lear


Könnt ihr euch noch erinnern, wie es war, als ihr euch in frühen oder späteren  Teenager-Jahren erträumt habt, wie es sein wird, das erste Mal Sex zu haben? 

Der erste Kuss. Zu feucht, zu trocken, zu kurz, zu fest, was macht der oder die denn um Gottes Willen mit seiner/ihrer Zunge, die Zähne fest zusammenbeissen oder nicht? Schmeckt fremde Spucke gut? Was mache ich falsch? Warum fühlt sich das so komisch an? Mein Gott ist das schön! Soll das alles gewesen sein?
Knutschen bis kurz davor oder weit darüber hinaus. Zeit gerinnt oder verflüssigt sich.
Die Panik, die Ungeduld, die Vorfreude, die Zweifel, die Unbedingtheit, die Lust.

So in etwa ist es mit Premieren. Wochenlanges Petting ohne zur letzten, ersehnten, gefürchteten, begehrten, alleinseligmachenden Vereinigung zu gelangen. 
Wiki nennt es: Petting, von englisch petting: to pet „zu liebkosen", bezeichnet sexuelle Handlungen zwischen Menschen, die jede Art von sexueller Stimulation ohne Vollzug des Geschlechtsverkehrs umfassen.
Wir tun es unter uns, ohne Kostüme, ohne Bühnenbild, ohne Licht, zu Beginn vielleicht auch ohne Text, nur uns selbst und unseren Unzulänglichkeiten ausgesetzt. Erste Intimität entsteht mit vorgestellten Partnern. Oder es ist der Regisseur, also ich, und die Assisstentin, die Souffleuse, die den künftigen Bettgenossen, das PUBLIKUM, ersetzen. Bin ich also so etwas wie eine Trainings-Sex-Puppe, nur mit echteren Reaktionen?

Vor vielen Jahren, beim Zwischenhalt in Frankfurt am Main, auf dem Weg zu meinem ersten West-Gastspiel mit dem Deutschen Theater, erschreckte mich der weitaufgerissene Mund einer Gummipuppe im Beate Uhse Shop in Bahnhofsnähe. War sie erschrocken? Erstaunt? Oder machte sie sich lustig?




"Inflate here", verdeutscht: "Hier aufblasen".

Was aufblasen ? Mein Ego? Bin ich Medium, Fluffer oder Spiegel?
Nur Schauspieler werden vier oder fünf Mal im Jahr entjungfert.
Morgen ist die Erste Nacht. Wird sie Lust auf mehr machen? Ernüchtern? Überwältigen? Beide beteiligte Seiten sind gefordert.  Seid zärtlich miteinander, geniesst es.


Willkommen und Abschied


Es schlug mein Herz, geschwind, zu Pferde!
Es war getan fast eh gedacht.
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht;
Schon stand im Nebelkleid die Eiche
Ein aufgetürmter Riese, da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah. 

Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah kläglich aus dem Duft hervor,
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr;
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch frisch und fröhlich war mein Mut:
In meinen Adern welches Feuer!
In meinem Herzen welche Glut! 

Dich sah ich, und die milde Freude
Floß von dem süßen Blick auf mich;
Ganz war mein Herz an deiner Seite
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Umgab das liebliche Gesicht,
Und Zärtlichkeit für mich - ihr Götter!
Ich hofft es, ich verdient es nicht!
 
Doch ach, schon mit der Morgensonne
Verengt der Abschied mir das Herz:
In deinen Küssen welche Wonne!
In deinem Auge welcher Schmerz!
Ich ging, du standst und sahst zur Erden
Und sahst mir nach mit nassem Blick:
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!
Und lieben, Götter, welch ein Glück.

 Spätere Fassung, ~1785
Johann Wolfgang von Goethe


Kommentare:

  1. man kann's auch übertreiben...

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  2. Karel Čapek hat diesen Ablauf, der eigentlich eine Form eines Zustands ist, hinreißend mit dem Staunen des erstmals Hineingeratenen beschrieben. Als irrwitzigen Vorgang, der zu dem Wunder einer überhaupt stattfindenden Premiere führt.
    Dein Text greift dieses lustvoll aufgeregte Flirren zwischen Subjekt und Objekt ganz genau aus der Innenperspektive, aus der Erfahrung von Hoffen und Bangen.
    Ich lese von dem Eros, ohne den Theater blutlos wäre.

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  3. Sehr geehrter Herr oder sehr geehrte Frau Anonym! Übertreiben ist herrlich. Und, ja, man muß es können.

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