Freitag, 23. Mai 2014

Zwischen zwei Produktionen - Eine kleine Luxus-Jammerei


   
   LOBET DAS FAULSEIN, DENN ES IST UNDEUTSCH UND RETTET
   DIE SEELE

   Premiere, Premierenfeier, Glück oder Unglück, je nachdem, Heimfahrt,
   manchmal sieben Stunden, manchmal drei, Ankommen, Auspacken, 
   Wäsche waschen, Postberge abtragen, privates Leben leben.

   Aber, wenn, wie dieses Mal, die nächste Arbeit so sehr bald beginnt,
   überlagern sich Entspannung und Neuanspannung, Privatestes und
   gewohnter Arbeitsstress zu einer Kakophonie von Eindrücken und Kon-
   trasten. Hui! Und wenn dann noch der Computer spinnt, wie jetzt gerade
   meiner, der sich weigert meine Kalender zu synchronisieren, bockig
   langsamer wird und in unverschämter Weise Geduld verlangt, dann ...

   Und natürlich kommen gerade jetzt die tollsten Leute zu Besuch von
   überall in der Welt, und die lang vermissten Freunde sind noch lieber als
   sie sowieso immer sind, und Überraschungen gibt es auch, und das Berliner 
   Wetter zeigt sich von seiner verführerischsten  Seite und Faulsein wäre 
   herrlich, ist aber verboten.
   
   Wisst ihr, was ich im August tun werde? Gar nichts. Verblöden. Ver-
   sumpfen. So faul sein, dass ich mich in ein dickes, langsames, träges,
   grunzendes Ding verwandelne, dass genüsslich in die Gegend starrt,
   alle Welt lieb hat und auch ganz  ohne Intelligenzquotienten auskommt. 
   Judith und Lissabon, macht euch auf Johanna das Erholungsmonster gefasst!

  

© Frederico Machuca

   Shakespeare, Julius Cäsar:  
   Lasst wohlbeleibte Männer um mich sein, 
   mit glatten Köpfen, die nachts gut schlafen.

VORLESUNG

um ein gedicht zu machen
habe ich nichts
eine ganze sprache
ein ganzes leben
ein ganzes denken
ein ganzes erinnern
um ein gedicht zu machen
habe ich nichts
Und nun erst – eine Vorlesung! Nein – fünf!
Um eine Vorlesung zu halten
habe ich nichts
eine ganze Sprache – mir fehlen die Worte
ein ganzes Leben – zu viele Versäumnisse
ein ganzes Denken – nur noch Perseverationen
ein ganzes Erinnern – ausschließlich Lücken
um eine Vorlesung halten
habe ich alles
Vor allem ein Thema. Zu diesem kam es aus rein organisatorischen Gründen. 
 Es läßt sich indes aus sich selbst begründen. Vor allem als Zeichen des Fleißes, des Mangels an Faulsein. Ich rieche, rieche – Menschenfleiß!
ein falusein
ist nicht lesen kein buch
ist nicht lesen keine zeitung
ist überhaupt nicht kein lesen
ein faulsein
ist nicht lernen kein lesen und schreiben
ist nicht lernen kein rechnen
ist überhaupt nicht kein lernen
ein faulsein
ist nicht rühren keinen finger
ist nicht tun keinen handgriff
ist überhaupt nicht kein arbeiten
ein faulsein solang mund geht auf und zu
solang luft geht aus und ein
ist überhaupt nicht
Dies – unser Motto. Unser Thema: das Öffnen und Schließen des Mundes.

Ernst Jandl



Kommentare:

  1. "Idylle über den Müßiggang" heißt ein Kapitel in Friedrich Schlegels Romanfragment LUCINDE.
    Langlange her, dass ich da verblüfft und entzückt gelesen habe, dass Müßggang eine Form gottähnlichen Daseins sei.
    ( Müßiggang ist ein gutes altes Wort, denke ich, das nicht synonym für Trägheit oder Faulheit steht.)

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  2. Lieber ein interessantes Leben als ein langweiliges

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  3. Faul sein ist
    wunderschön, denn die Arbeit hat noch Zeit.
    Wenn die Sonne scheint und die Blumen blühn,
    ist die Welt so schön und weit.
    Faulsein ist wunderschön, liebe Mutter glaub' es mir.
    Wenn ich wiederkomm', will ich fleißig sein,
    ja das versprech' ich Dir.
    Trall-la-la-lalallaaaaaaaa, die Mutter backt den Kuuuchen.
    Der schmeckt dem Faulpelz gut,
    genauso wie dem Fleißgen.
    Ja, ja, ja Faul sein ist wunderschön, ooohob mit ob ohne Geld.
    Wer's nicht glaubt, der soll zuuhur Schule gehn', wir ziehen in
    die Welt.
    Trall-la-la-lalallaaaaaaaa, die Mutter backt den Kuuuchen.
    Der schmeckt dem Faulpelz gut,
    genauso wie dem Fleißgen.
    Ja, ja, ja Faul sein ist wunderschön, viiiehl schöner als der Fleiß.
    Dieeehie Luft ist blau, deeer Wald ist grün,
    und der kleine Onkel, der ist weiß.

    https://www.youtube.com/watch?v=Sca8fGh2g80

    Lissabon. mmmmmh. Schön. Algarve, Leeseite (Osten), lange Sandstrände - auch gut zum Faulsein.

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  4. Das Leben stimmt nicht mit der Philosophie überein: Es gibt kein Glück ohne Müßiggang, und nur das Nutzlose bereitet Vergnügen.
    (Anton Tschechow)


    Das nutzlose ist nur so lange nutzlos, wie man seinen Sinn noch nicht herausgefunden hat. Ich habe das, wohin ich im Müßiggang geschlendert bin, noch allemal irgendwann irgendwo für irgendwas gut gebrauchen können.
    Ergo: es gibt nichts nutzloses. Ergo: wenn man welches tut ist man nicht faul... sondern auf einer Entdeckungsreise für zukünftigen Nutzen.

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