Freitag, 9. Mai 2014

Lear & seine Narren


"Wie könnten Narren müde werden!" 
Franz Kafka
Aus Kinder auf der Landstraße

     Ich habe einen Narren am Narren gefressen! Im Lear gibt es viele. Erstmal den Profi,
     der in Narrenfreiheit so schonungs- wie hoffnungslos dem König die Wahrheit um die
     Ohren schleudert. Und Arm-Tom, verwöhnter Sohn, nun enttäuscht & gejagt, der sich
     in anarchisch zornige Narrheit flüchtet. Und Kent, der in verbissener Narrentreue dem 
     König in den Abgrund nachstolpert. Und der König selbst, der närrisch glaubt, dass er
     bleibt was er war, auch wenn er nicht mehr ist was er war, nämlich König. Und... Genau
     betrachtet, finde ich in jeder Figur des Stückes einen tiefen närrischen Kern. Sie wissen
     auf irgendeine Art um die Schreccklichkeit ihres Tuns und können oder wollen dieses 
     Wissen nicht zulassen. Die Gier ist zu groß, der Zorn, die Angst, die Eitelkeit. Lieber blind
     wütend in die Katastrophe, als sehen und ertragen. O Narr, ich werde wahnsinnig. sagt
     Lear bevor er in den Sturm hinausgeht. Wahnsinnig zu werden, ist seine größte Angst. 
     Sehen zu müssen ist seine größte Angst.


     EDGAR:
     Den Druck der trüben Zeit muss man nun tragen;
     Was man fühlt, sprechen, nicht, was man sollte, sagen.
     Was sagst du? Sprich.

     KENT:
     Nichts. Mylord.

    EDGAR:
    Nichts?

    KENT:
    Nichts.

  
Jan Matejko 1862
Der Narr Stańczyk, wie er während des Hofballs um den Verlust von Smolensk trauert


Nicht Narr, nicht Clown, nicht Trottel, nicht Idiot.
Ihr Zuschaukünstler habt für mich kein Wort.
Ich komm aus England. Daher kommt der Tod.
Ich bin der Sterbewitz. Ich bin der Mord-

Versuch, jaja, ich weiß. Auch der macht Spaß
Weil er sich reimt und ist nicht so gemeint,
denkt ihr. Ihr denkt? Sieh an, seit wann denkt Aas.
Ich bin mein eignes Volk. Ihr seid vereint.

In dem Verein, der richtet und der henkt.
Ich will, dass ihr euch hier zu Tode lacht,
voll faulem Mitgefühl das Herz verrenkt,
ersauft in Tränen mitten in der Nacht.

Ihr seid das Volk. Ich bins, der euch verhetzt.
Ich heiß: The Fool. Das wird nicht übersetzt.
 
Thomas Brasch 
aus Liebe Macht Tod

Nur Narr! Nur Dichter!

....
"Der Wahrheit Freier - du?" so höhnten sie -
"Nein! nur ein Dichter!
ein Tier, ein listiges, raubendes, schleichendes,
das lügen muss,
das wissentlich, willentlich lügen muss,
nach Beute lüstern,
bunt verlarvt,
sich selbst zur Larve,
sich selbst zur Beute,
das - der Wahrheit Freier?...
Nur Narr! nur Dichter!
Nur Buntes redend,
aus Narrenlarven bunt herausredend,
herumsteigend auf lügnerischen Wortbrücken,
auf Lügen-Regenbogen
zwischen falschen Himmeln
herumschweifend, herumschleichend -
nur Narr! nur Dichter!..
....
Friedrich Nietzsche


Kommentare:

  1. Liebe Johanna; womöglikch hast Du Dir entgehen lassen, deinen Narren zum Freund zu haben.
    Gruß
    Armin

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  2. Narren sind mir immer willkommen, mein Lieber!

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  3. Martin Minges
    Büchner nicht zu vergessen, der v.a. in Leonce und Lena eine Phänomenologie des Narrentums präsentiert - das Lustspiel lässt sich in gewisser Weise vor dem Lear-Hintergrund lesen.

    Katharina Palm
    "Den Druck der trüben Zeit muss man nun tragen;
    Was man fühlt, sprechen, nicht, was man sollte, sagen.
    Was sagst du? Sprich." Aus dem Herzen...

    Burkhard Ritter
    Wahrheit ist ein Hund, der ins Loch muss und hinausgepeitscht wird, während Madame Schoßhündin am Feuer stehen und stinken darf. Der Narr weist auf Unzulänglichkeiten hin, es geht ihm weniger darum, lustig sein. Seine Sätze sind verwirrend, wirken verschlüsselt. Man spürt, er weiß mehr als andere, aber dabei kommt es einem so vor, als spiele er eigentlich in einem anderen Stück.

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