Sonntag, 6. Oktober 2013

Theater hat auch Eigenwerbung


   Vor Jahren, in einer öffentlichen Diskussionsrunde,
   oder trendiger, auf einem Panel, gemeinsam mit anderen 
   Regisseuren während der Berliner Festtage, über irgendein
   theaterbezogenes Thema gelang es dem, zugegebenermaßen, 
   erfolgreichsten unter uns mit blitzschnellem Charme und 
   nahezu unbemerkbarer Frechheit immer wieder die Höhepunkte 
   seiner Karriere in das Gespräch einzuflechten. Großartig. 
   Beim Mittagessen mit einem nur flüchtig bekannten älteren
   Kollegen werden mir die genauen Premieren-Applausminuten jeder  
   seiner mir unbekannten Produktionen serviert. Nicht wirklich 
   appetitanregend.
   Ich werde zur Premiere eines Bekannten eingeladen und drücke 
   bedauernd den Absagen-Button, weil ich wieder mal keine Zeit
   habe oder in einer anderen Stadt hocke. Schade.
   Eine fremde Dame postet auf Facebook fast täglich Aufrufe, ihre 
   acting Kurse zu besuchen, die sich an einer mir unbekannten 
   acting-Technik orientieren und die mir helfen sollen relaxter zu 
   acten. Und auch mal abgesehen davon, dass ich innerhalb 
   Deutschlands eh zu nix gehen würde, was sich acting-irgendwas 
   nennt, nervt sie mir die Seite voll. Sie wird entfreundet, aber 
   schnell.

   Facebook und all die anderen sozialen Netzwerke sind voll von 
   Vorankündigungen, Privatrezensionen, Crowdfunding-Aufrufen,  
   Inszenierungsphotos, letzten und allerletzten Terminen, Website-
   Links, Projekt-Einladungen und dringlichen Bitten um 
   Unterstützung, Besuch und Weiterverbreitung.

   Wir alle befahren eine unsichere, verunsichernde Strasse
   zwischen notwendiger und interessanter Werbung, auch wenn es 
   Eigenwerbungist und Anbiederung mit verzweifelten Untertönen, 
   Glatteis allüberall, oder?
   Die einen verkaufen Homestories, Hochzeitsphotos, Diättipps und  
   oder ergreifende Berichte über weltwichtige Aufenthalte bei 
   hungernden Kindern, an der Front oder im Entzug. Von 
   Selbstvermarktung durch Werbeauftritte will ich gar nicht erst 
   anfangen.

© Mike Köppel

   Andere versuchen so entspannt wie möglich über ihre Arbeit zu 
   sprechen, Interesse zu erwecken. Und manche haben fast gar keine 
   Chancen sich überhaupt vorzustellen. 
   Klinken putzen, klappern, das zum Handwerk gehört, sich anbieten 
   wie Sauerbier* und was der abfälligen Formulierungen mehr sind 
   für den einfachen Fakt, dass nur die wenigsten unter uns 
   "gefragt" genug sind, um nie nach Arbeit Ausschau halten zu 
   müssen. Es ist verflixt. Ohne Veröffentlichung geht es nicht, 
   aber wie macht man's ohne Peinlichkeit? Humor hilft. 
   Selbstvertrauen auch. Wenn das, was wir machen Qualität hat, dann
   sollen es die Leute auch wissen. Sie müssen ja nicht zuhören.
   Aber vielleicht verpassen sie dann etwas Schönes und/oder 
   Wichtiges.

"Du kannst ein erfolgreicher Künstler sein"

   *In früheren Zeiten kam es bei der Bierproduktion häufiger zu 
   Misserfolgen, so dass anstelle des gewünschten Produkts "saures" 
   Bier entstand. Um den Schaden zu begrenzen, wurde dieses 
   minderwertige Produkt mit marktschreierischen Methoden (meist 
   erfolglos) angepriesen. Die Redensart kommt schon bei Hans Sachs 
   und bei Grimmelshausen vor. 
 

Kommentare:

  1. Die Kritik verstehe ich nicht. Zum einen freue ich mich Informationen zu bekommen von Freunden und ich bekomme mehr, weil sie mir leichter zugänglich gemacht werden können. Ich freue mich über Inszenierungsphotos, Kritiken, Ankündigungen, weil ich nicht dazu komme mir deutschlandweit alles Theater anzuschauen, welches ich gern sehen würde - eine Frage von Zeit und Geld - und habe so doch wenigstens einen Eindruck. Ich freue mich über Einladungen weil ich so viel mehr weiß, was wann wo läuft von meinen Freunden. Wozu sind denn soziale Netzwerke sonst gut? Es ist doch gerade das der Vorteil, daß die Informationen unabhängig von Zeitungen, Zeitschriften, PR-Abteilungen, "Öffentlichkeitsarbeit" der Institutionen, Fernsehen, usw fließen können. Ich finde es einen Vorteil, das Eigenwerbung stattfinden kann. Die Auslese muss dann halt jeder selbst treffen und das ist vielleicht nervig aber sie wird nicht getroffen von schwer zugänglichen Clubs und Institutionen. Oder Geld.
    Als Forum für die Veröffentlichung und Diskussion von Meinungen und Standpunkten - klar, auch, gern. Eine Zeitung hat viele Rubriken.

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  2. Ist auch nicht als Kritik gemeint, sondern als Beobachtung, auch an mir selbst, wie und ob wir uns raustrauen. Eigenwerbung muß sein, ganz klar und vieles ist auch interessant und wichtig. Aber fällt es Dir nicht auch manchmal schwer Dich zu verwerten, Dich anzubieten? Wie macht man das auf gute Weise?

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  3. Eine Frage von gutem Stil. Schwer zu sagen. Ich weiß was ich unangenehm oder schlimmer finde. Das versuche ich zu meiden. Und was ich gut finde. Davon versuche ich zu lernen. Vielleicht sollten wir eine Lektion bei Valérie Lemercier: Miss Macintosh nehmen. Die domestiziert den Normannen in Asterix und Obelix"Im Auftrag ihrer Majestät" http://www.youtube.com/watch?v=1JLUvMW7d3U

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  4. Menschen wollen nicht hören wie wichtig andere sind. Menschen wollen hören wie wichtig sie sind. Der beste Weg anderen unvergesslich zu werden ist mit ihnen über sie zu reden. Menschen finden nichts unwiderstehlicher als Interesse an ihnen. Und sie erinnern Menschen, mit denen sie gute Gespräche führen konnten über das, was ihnen bedeutsam ist. Deswegen... wenn man sich interessant machen will, dann muss man nichts über sich erzählen, sondern den anderen fragen. Sobald sich jemand verstanden fühlt oder ein für ihn wichtiges Thema teilt erinnert er den Gesprächspartner... meistens als einfühlsam, aufmerksam, auf gleichen Gebieten interessiert und deswegen interessant.
    Niemand beendet ein Gespräch unzufrieden in dem er über sich reden durfte. Und erinnert sich gerne jener, die ihm die Möglichkeit dazu boten. Das ist das Einfallstor in fast alle Menschen.

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