Donnerstag, 13. Dezember 2012

Hilde Domin - Über Mut





      Ich denke immer noch über Feigheit nach, wenn auch ohne neue
   Erkenntnisse, nur Eindrücke, Fetzen, Widersprüchlichkeiten.
   Ich sammle.
   



    "Ein Schriftsteller braucht drei Arten von Mut. Den er selber 
   zu sein. Den Mut, nichts umzulügen, die Dinge beim Namen zu 
   nennen. Und drittens den, an die Anrufbarkeit der anderen 
   zu glauben."


   Nur eine Rose als Stütze
   
   Ich richte mir ein Zimmer ein in der Luft
   unter den Akrobaten und Vögeln:
   mein Bett auf dem Trapez des Gefühls
   wie ein Nest im Wind 
   auf der äußersten Spitze des Zweigs.
   Ich kaufe mir eine Decke aus der zartesten Wolle
   der sanftgescheitelten Schafe die
   im Mondlicht
   wie schimmernde Wolken 
   über die feste Erde ziehen.
   Ich schließe die Augen und hülle mich ein
   in das Vlies der verläßlichen Tiere.
   Ich will den Sand unter den kleinen Hufen spüren
   und das Klicken des Riegels hören,
   der die Stalltür am Abend schließt. 
   Aber ich liege in Vogelfedern, hoch ins Leere gewiegt.
   Mir schwindelt. Ich schlafe nicht ein.
   Meine Hand greift nach einem Halt und findet  
   nur eine Rose als Stütze.

 H. D. 1959 
 Foto: S. Fischer


Die schwersten Wege werden allein gegangen.


Die Enttäuschung, der Verlust,


das Opfer sind einsam.


Alle Vögel schweigen.


Man hört nur den eigenen Schritt,


den der Fuß noch nicht gegangen ist,


aber gehen wird.


Stehenbleiben und Umdrehen hilft nicht.


Es muss gegangen sein.




H. D. 
Foto: Walter Breitinger


Nicht müde werden,
 
sondern dem Wunder
 
leise, wie einem Vogel, die Hand hinhalten ...




Kommentare:

  1. Ich weiß nicht genau, welchen Bereich der Feigheit Du bedenkst. Wenn man sie als Schwäche auslegt könnte man entgegenhalten: Stärke vollendet sich in Schwäche. Es ist nicht per se zu verachten, wenn jemand seine Grenzen kennt. Es ist auch nicht per se klug mutig zu sein, denn Mut ist die Abwesenheit von Wissen. Die Grenzen zur Vorsicht sind fließend. Der moralische Bereich ist schwerer abzuwiegen, der verantwortliche, vielleicht sogar der humanistische... was einen halt so die schwierigeren unkomfortableren Wege wählen lässt. Da finde ich Feigheit eher verächtlich.
    Feigheit ist aber anderswo auch ein Zeichen von Fantasie... es ist keine Kunst mutig zu sein, wenn man gar nicht erst erdenken kann wohin man geraten könnte.
    Übersetzt man Feigheit als eine Angst, dann wird sie teilweise vernünftig... denn Angst ist ein sehr vernünftiges Gefühl. Ist Feigheit das nicht Überwinden können von Angst? Ist sie Bequemlichkeit? Gleichgültigkeit? Ich finde das schwer zu sagen, es gibt so viele Anwendungsgebiete.

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  2. Nein, liebe Silvia. Du verwechselst gerade Mut mit Tollkühnheit, mit Draufgängertum.
    Mut ist doch gerade die wunderbare Eigenschaft, sich trotz des ganz genauen Wissens um eine Gefahr und trotz der begründeten Angst davor sich einer Situation zu stellen. Vielleicht schlotternd und zähneklappernd. Weil es notwendig ist. Und weil man es in diesem Moment tun muss. Unbedingt.

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  3. Etwas weniger exisistentiell:
    Der Mut, eine gesicherte Position zu verlassen und an ein unbekanntes Ufer zu schwimmen. Nicht mit Angst, aber mit Sorge.
    Der Mut einer Schauspielerin, ihr unkündbares Engagement aufzugeben, weil sie die künstlerische Herausforderung sucht. Obwohl sie weiß, wie teuer Mieten sind. Obwohl sie nicht weiß, ob sie woanders gewollt wird.
    Der Mut eines arrivierten Malers, plötzlich völlig anders zu arbeiten. Obwohl er sein Atelier weiterhin bezahlen muss, um überhaupt arbeiten zu können.
    Ganz schwierig wird es, vielleicht unmöglich, wenn die eigene Entscheidung zum Mut anderen aufgezwungen würde. Den Liebsten, den Kindern, abhängigen Arbeitspartnern.

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  4. Ja, Du hast recht, das alles ist Mut, großer Mut. Weil man an etwas glaubt, angetrieben wird, suchen ist mutig und dafür Konsequenzen eingehen. Das ist auch Mut wie ich ihn großartig finde. Aber Mut wird auch anders verstanden. Die amerikanischen Soldaten, die auf fremdem Grund und Boden das Osama bin Laden Problem für die Amerikaner "gelöst" haben wurden mutig genannt. Ich finde daran nichts mutig, aber die feiernden Amerikaner, die auf der Straße dazu befragt wurden schon.
    Andererseits ist es fraglos mutig mit Überschallgeschwindigkeit aus der Stratosphäre zu springen - aber seien wir ehrlich... klug oder vernünftig ist daran gar nichts. So ist Feigheit nicht unbedingt das Gegenteil von Mut... manchmal ist das Gegenteil schlicht Vernunft. Das paßt auch auf die Künstler in Deinem Beispiel. Sie sind mutig, keine Frage... aber würden sie nicht tun was sie tun wären sie noch lange keine Feiglinge.
    Und um "Mut ist die Abwesenheit von Wissen" zu erklären - das habe ich von meinem Dessauer Lieblingsdramaturgen. Irgendwann musste er in einer nicht vertrauenserweckenden russischen Maschine fliegen, die ständig höchst angsteinflößende und nicht bestimmungsgemäße Laute produzierte. Seine Mitflieger fanden das nicht schlimm, blieben gelassen und zuversichtlich. Er aber kannte sich mit Flugzeugen gut aus. Er konnte zuordnen wieviel Technik der Maschine da gerade nicht auf Ideallinie operierte... das hat ihm seine Gelassenheit bei dem Flug sehr unmöglich gemacht. :)

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