Dienstag, 11. Dezember 2012

Feigheit - Eine etwas wirre Betrachtung


Feigling! - ein schweres Wort, mit hartem Gewicht fällt es in die Sprache. Eine Verurteilung. Eine Verächtlichmachung. Es klebt an einem, zieht einen hinunter. Haftet wie ein Kainsmal. Manchesmal unvermeidlich, weil die Angst, berechtigt, zu stark war, die Bedrohung zu groß. Oft mißbraucht, um Mangel an Blindheit, an Dummheit zu strafen, das heißt dann auch Feigheit vor dem Feind, auch wenn der gar nicht dein Feind ist, sondern zum Beispiel der deines selbsternannten "Vaterlandes". Aber atemraubend, schmerzhaft, verstörend, wenn es zutrifft, wenn man sich den eigenen schwächlichen, schon voraus-eilenden Gehorsam eingestehen muß, runterschlucken muß, dass man sich die Gefährdung großgeredet hat, um sich nicht verhalten zu müssen. Feigling, Memme, Duckmäuser, Hasenfuß, Angsthase, Drückeberger, Waschlappen und für Männer, die ultimate Kränkung: Schlappschwanz. Niedlich-herablassend oder harsch-verurteilend klingt die Wertung aus dem Munde des wirklich oder vermeintlich "Mutigen", seine Angst überwunden Habenden. 
Angst bezeichnet das Gefühl, überlebensnotwendig, in unseren Instinkten tief verankert; Feigheit ist eine Art, mit der Angst umzugehen. Wo hört Vernunft und/oder berechtigter Überlebenswille auf und es beginnt die Feigheit? Ein schmaler Grat, nicht wahr? Wieviel Schaden habe ich angerichtet durch bequemliche, unnötige Feigheit, wieviel eigenes Glück habe ich verhindert, weil ich zu feige war ein Risiko einzugehen? 
"Freedom's just another word for nothing left to loose" heißt es in Me and Bobby McGee gesungen von Janice Joplin - "Freiheit ist nur ein anderes Wort dafür, dass du nichts mehr zu verlieren hast", das klingt wunderbar und angsteinflößend. Aber für diesen Zustand bin ich zu feige!

Zeitungsphoto dreier Insassen des Londoner Zoos Juni 1955 

Die Drei Affen
Was wir Feigheit nennen, gilt anderswo als Tugend.

Was nicht dem Gesetz der Schönheit entspricht, darauf schaue nicht; 
was nicht dem Gesetz der Schönheit entspricht, darauf höre nicht; 
was nicht dem Gesetz der Schönheit entspricht, davon rede nicht; 
(was nicht dem Gesetz der Schönheit entspricht, das tue nicht.  
Das wäre ein vierter Affe mit den Händen verschränkt vor dem Geschlecht.)

Das japanische Sprichwort lautet: “ mi-zaru, kika-zaru, iwa zaru“, verdeutscht: "nichts sehen, nichts hören, nichts sagen" und meint, daß Diskretion, Zurückhaltung und Verschwiegenheit Tugenden sind.  Die buddhistische Deutung ist, dass man nicht Zeit mit dem Denken über Schlechtes oder dem Denken von schlechten Gedanken verbringen sollte.  
Für die Symbolik der drei Affen wurde das Wort zaru (=nicht) mit dem ähnlich klingenden Wort saru (= Affe) verbunden. 

Der Wandteppich "Zyklus der Apokalypse von Angers"
zwischen 1373 und 1382
 N° 35: Einem Weib werden Flügel gegeben (um dem Drachen zu entfliehen)

Feigheit, die Neigung, sein Handeln durch Furcht bestimmen zu lassen. Brockhaus

Feigheit, habitueller Zustand des Gemüts, in welchem sich der Mensch vor Gefahren oder Schmerzen in dem Grad scheut, dass dadurch einesteils seine Freiheit und Tatkraft gelähmt, andernteils sein Gefühl für Ehre und Schande abgestumpft wird.  
Meyers Konversations Lexikon

Feigheit ist zunächst die vorwerfbare Neigung, sein Handeln durch Angst oder Furcht bestimmen zu lassen. Sie sei ein seelischer Zustand, in dem sich jemand aus Furcht vor einer Gefahr, einem Verlust, Schmerz oder Tod nicht stellt und aus der Sicht Dritter als ehrlos erweist.
Wikipedia


Dass man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! dass man sie nicht hinterdrein im Stiche lässt! - Der Gewissensbiss ist unanständig.
Friedrich Nietzsche, Werke III - Götzen-Dämmerung

"Der Soldat kann sterben, der Deserteur muss sterben"
Adolf Hitler
Wiki sagt: Die NS-Militärjustiz fällte laut Hochrechnungen etwa 30.000 Todesurteile; davon wurden etwa 23.000 auch vollstreckt. Insgesamt sind etwa 350.000 bis 400.000 Soldaten desertiert. Das macht bei rund 18,2 Mio. Soldaten aller Bereiche eine Desertionsquote von rund 2 %.

So macht Gewissen Feige aus uns allen.
William Shakespeare, Hamlet

Jedes wahrhaft große Gefühl kann edel und fruchtbar sein, der Hass geradeso wie die Liebe, er muss nur frei sein von den unsauberen Elementen der Selbstsucht, des Neides, der Rachsucht und der Feigheit.
Arthur Schnitzler (1862-1931), Buch der Sprüche und Bedenken

Hass ist die Rache des Feiglings, wenn er eingeschüchtert wurde.
Hatred is the coward's revenge for being intimidated.
George Bernard Shaw



 © Keith Haring

Ein Gedicht

Ein Mensch, der an der Spritze steht,
bekämpft den Brand so gut es geht,
bis er zuletzt nur noch zur Not
entrinnt dem eignen Feuer-Tod.

Ein Unmensch, der am Stammtisch sitzt,
hätt´ weitaus tapferer gespritzt.
Er überzeugt nun, gar nicht schwer,
sogar den Menschen hinterher,
mit prahlerischen Redeflüssen,
dass er hätt besser spritzen müssen.

Und aus dem Menschen wird zuletzt
ein Feigling gar, der pflichtverletzt.
Und alle rühmen um die Wette
wie gut gespritzt der Unmensch hätte.

Eugen Roth

Etymologisches Wörterbuch nach Pfeiffer
feige Adj. ‘ängstlich, nicht mutig’, ahd. feigi ‘zum Tode bestimmt, dem Tode nahe, gottlos’ (8./9. Jh.), mhd. veige ‘zum Tode bestimmt, verwünscht, eingeschüchtert, furchtsam, biegsam, schlank’, asächs. fēgi, mnd. vēge, mnl. vēghe, veighe, nl. veeg, aengl. fǣge, anord. feigr, schwed. feg ( ‘mutlos’), germ. *feigja- ‘todgeweiht’ stehen in grammatischem Wechsel zu den unter Fehde (s. d.) behandelten Adjektiven der Bedeutung ‘feindlich, feindselig’. Der Feind ist in der Regel ‘zum Tode bestimmt’ (noch im 16. Jh. bezeugt), daher auch ‘verzagt’ und ‘ängstlich’. Diese Bedeutung (zuerst Ende 13. Jh.) wird durch Luthers Bibelübersetzung verbreitet, muß aber 1523 im Obd. noch durch verzagt, erschrocken erklärt werden. 
Feigheit f. ‘Ängstlichkeit, Mutlosigkeit’, mhd. veicheit ‘Zustand des Feigseins, Unheil’.  
Feigling m. ‘wer Angst hat’ (18. Jh.). 

Die Frucht Feige (mhd. "vige") kommt vom von der lateinischen Bezeichnung des Baumes "ficus", welche wiederum aus dem kleinasiatischen Raum stammt.
Das Wort feige (für ängstlich) entstand aus dem germanischen Wort "feigja" und und ist synonym mit dem Begriff "Fehde" zu sehen. Da unsere Vorfahren Angst und Tod gleichermaßen inhaltlich verbanden, (wer Angst hatte, war dem Tod geweiht, bwz. war feindlich - bei einer Fehde -, und musste fürchten, getötet zu werden) hängen die Begriffe eng zusammen. 

Kommentare:

  1. Ja, der Grat ist sehr schmal, auf dem einer kippelt, der Wertungen abgibt über einen anderen, den er für feig hält. Und wenn der Andere andere Erfahrungen gemacht hat? Wenn er wirklich Furcht hat? Eine Furcht, von der der Urteilende nichts ahnt? Oder überhaupt keine Ahnung hat, weil ihm die Erfahrungen fehlen?
    Feige ist kein gutes Wort. Es hat den Geschmack von Ignoranz und Arroganz. Manchmal auch von Manipulation.

    .

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  2. Vielleicht darf nur der Feige selbst sich als feige verurteilen? Weil er allein weiß, dass er mehr gekonnt hätte, als er gewagt hat?
    Aber - könnte nicht auch die Sicht anderer das Gefühl eigenen Versagens auslösen?
    Kann ich nur das, was ich können kann, oder mehr?
    Kann ich wirklich "über den eigenen Schatten springen"? Müsste ich meinen Schatten abreißen, um über ihn springen zu können? Wäre ich ohne meinen Schatten ein anderer? Würde also dann ein anderer springen? Was wäre ein schattenloser Mensch?
    Das Gegenwort zu Feigheit ist MUT. Wenn ich staune, dass ich mutig war, staune ich darüber, dass ich in einer ganz bestimmten Konstellation gar keine Furcht zu überwinden hatte.
    Vielleicht weiß man selbst, wann man etwas können kann, weil es dann dran ist oder weil es einfach getan werden muss. Vielleicht kann die eigene Furcht kleiner werden, wenn die eines anderen größer ist.

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  3. Braucht Mut die Überwindung von Furcht oder reicht dafür schon Furchtlosigkeit?
    Ist Furchtlosigkeit auch Mangel an Vorstellungsfähigkeit?
    Oder sogar Resignation? Hätte Mut vielleicht sogar mit Verzweiflung zu tun?

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  4. Sonja Hilberger schrieb:
    Arthur Schnitzler. Hm. Welches wahrhaft große Gefühl kommt denn so
    ausschließlich und einzeln über einen Menschen. Und wer ist,
    überwältigt von so großem Gefühl, dann in der Lage, ich sage mal,
    kalt, zu prüfen, ob da nicht doch noch andere Teile drin sind? Die
    Liebe und der Spiegel.
    Angst ist nicht immer ein schlechter Ratgeber. Sie macht auf jeden
    Fall, auch wenn sie überwunden wird mit Mut, achtsam. Und manchmal,
    mir scheint sogar gar nicht so selten, jagt es mehr Angst ein, sich
    auf ein Glück, eine Liebe, zum Beispiel, einzulassen, eben weil man
    dann wahnsinnig viel zu verlieren hat. Dann ist diese Art von
    Freiheit, nichts zu verlieren zu haben, feige. Ich bin mir nicht so
    sicher bei all dem.

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  5. Vielleicht ließe sich der Begriff Feigheit genauer definieren, indem man den Schaden für andere, den sie anrichtet, betrachtet? Oder/und den Schaden für das eigene Selbstwertgefühl?

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  6. Jetzt wechsel ich mal kurz die Seite und nehm das Wort einfach so, wie es schnell benutzt wird:
    Feigheit als der nicht genutzte mögliche Mut. Wider besseren Wissens. Wider des gespürten Impulses zur mühelosen Überwindung eigener Bequemlichkeit.
    Feigheit als der sehr mickrige Neffe weitläufigen Grades von Furcht.

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  7. Stimmt absolut für den täglichen Gebrauch des Wortes. Nur bei der Kontemplation des eigenen Verhaltens, da wird es dann doch verflixt schwierig, oder?

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  8. Eher nicht, denk ich.
    Denn jener Feige hätte wahrscheinlich einen Wesenszug, der ihn vor dem Grübeln über sich bewahren würde, dazu wäre jener Feige eben zu feige.

    So, jetzt wechsle ich doch lieber wieder zurück auf meine Seite:
    Keine Wirkung ohne Ursache.
    (lässt Voltaire im CANDIDE Herrn Pangloss sagen, der Leibnitz etwas ähnelt )

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